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CD-Debüt Daniel CiobanuEmotional erzählt

Daniel Ciobanu betritt den Plattenmarkt als Pianist, der viel über Musik nachdenkt. Aber er ist auch ein sehr emotionaler Geschichtenerzähler an der Klaviatur. Eine Kombination, die beim Zuhören begeistert.

Am Mikrofon: Jonas Zerweck | 13.12.2020

Ein junger Mann mit Zopf sitzt an einem Flügel und schaut auf die Tasten, auf denen seine Finger liegen.
Hat seine CD im Gewandhaus aufgenommen: der junge Pianist Daniel Ciobanu. (Emilian Tsubaki)
Für eine Debüt-CD ist das eine eigenwillige Zusammenstellung: Eine Klaviersonate von Sergej Prokofiew, ein Satz aus einer Klaviersuite von George Enescu, einige Préludes von Claude Debussy und die sogenannte Dante-Sonate von Franz Liszt. Was sie eint, diese verschiedenen Werke und Musikstile, ist ihre darstellerische Kraft. Sie alle erzeugen Bilder im Kopf und wollen sich mitteilen. Genau das dürfte auch das entscheidende Kriterium für den Pianisten Daniel Ciobanu gewesen sein. Seine erste CD, beim Label Accentus erschienen, stelle ich Ihnen in dieser Sendung vor. Los geht es mit dem Anfang der Platte: Prokofiews siebte Klaviersonate. Sie entstand 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg.
Musik: Sergej Prokofjew - Klaviersonate Nr. 7, op. 83, I. Allegro inquieto
Die brutale Härte des Krieges zeigt diese Musik – und brutale Härte mutet Daniel Ciobanu dem Klavier zu. Da kracht und donnert es, stellenweise bekommt man fast den Eindruck, der Klang würde sich überschlagen. Ciobanu bringt das Instrument an seine Grenzen und verabschiedet sich vom Schönklang. Das passiert regelmäßig, nicht nur bei der russischen Weltkriegsmusik. Auch bei Liszt und Debussy reizt er das Extrem aus.
Mit Härte und Zeit
Warum? Ciobanu bearbeitet nicht 72 Minuten lang die Klaviatur wie ein Wahnsinniger. Er setzt die Klanghärte als Mittel ein. Wut, Angst und Sorge werden bei ihm als solche deutlich erkennbar. Auch im berühmten "Minstrels" aus dem ersten Buch von Claude Debussys "Préludes":
Musik: Claude Debussy – "Minstrels", Préludes, Nr. 12, 1. Buch
Hier nimmt sich Daniel Ciobanu Zeit. Knapp drei Minuten dauert seine Interpretation – und damit ungefähr eine halbe Minute länger als bei den meisten anderen Pianistinnen und Pianisten. Bei so einem kurzen Stück ist eine halbe Minute eine Menge.
Eine eigene Erzählweise
Warum macht er das? Daniel Ciobanu erzählt eine Geschichte. Die gemessene Länge ist nur ein Indiz, der eigentliche Unterscheid zu den meisten anderen Interpretationen ist ein anderer. Ciobanu befreit das Stück aus der gewohnten Klangvorstellung und hat sich ganz offenbar in erster Linie einzig und allein mit den Aussagen der Musik auseinandergesetzt – mit der Dramaturgie, auch mit der Essenz. Um das nun in Klang umzusetzen, findet er seine ganz eigene Erzählweise. Und die dauert nun mal ein bisschen länger als bei anderen, die eher Notentext wiedergeben als den Sinn darin nachzuerzählen. Dieses "Erzählerische" führt zu einer inneren Geschlossenheit. Alles macht Sinn, er spielt keinen Ton "einfach so". Das gilt ganz besonders auch für die Aufnahme eines anderen Debussy Préludes: "La fille aux cheveux de lin", das Mächen mit dem flachsfarbenen Haar:
Musik: Claude Debussy – "La fille aux cheveux de lin", Préludes, Nr. 8, 1. Buch
Debussys Spielanweisung "Très calme et doucement expressif", also "Sehr ruhig und sanft ausdrucksvoll", setzt Daniel Ciobanu nicht nur mit dem langsamen Tempo um. Sein Spiel ruht hier so sehr in sich, dass man sich unweigerlich mit einem Seufzen entspannt. Auch hier hat jeder Ton ganz bewusst seinen Platz bekommen, auch hier erzählt Ciobanu eine Geschichte.
Musik: Claude Debussy – "La fille aux cheveux de lin", Préludes, Nr. 8, 1. Buch
Den Inhalt der Werke im Fokus
Diese beiden Extremen umreißen gut, in welchem Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten sich Daniel Ciobanu auf seiner CD bewegt: die donnernde Härte wie am Anfang der Prokofjew-Sonate und die samtige Weiche dieses Debussy-Préludes. Dass Ciobanu diese Töne technisch so ausdifferenziert erzeugen kann, ist toll. Dass diese Möglichkeiten für ihn aber nur Mittel sind, um den Inhalt der Werke spannend darzustellen, fesselt beim Zuhören.
Musik: George Enescu - VII "Carillon nocturne", Klaviersuite Nr. 3, op. 18
Daniel Ciobanu ist ein junger, rumänischer Pianist. Auf einigen der großen Podien dieser Welt hat er bereits gespielt, viele weitere werden vermutlich noch folgen. Der breiteren Klassiköffentlichkeit stellte er sich 2017 vor, als er die Silbermedaille und den Publikumspreis beim Artur Rubinstein Wettbewerb in Tel Aviv gewann. Einen wichtigen Fürsprecher hat er im Dirigenten Omar Meir Wellber gefunden. Mit ihm ist er etwa in der letzten Saison und dem Gewandhausorchester aufgetreten.
Abwechslungsreiche Gesamtdramaturgie
Die Geschichten, die Ciobanu erzählt, haben unterschiedliche Formen. Das bringt Abwechslung in das Album. Am Anfang steht mit der Sonate von Prokofjew eine dreiteilige, fast 20 Minuten lange Geschichte. Danach hat er eine einteilige, etwas kürzere gewählt. Sie hören sie gerade im Hintergrund: Es ist der letzte Satz aus George Enescus Klaviersuite. Er heißt "Carillon nocturnes", also "Nächtliches Glockenspiel". Das Werk hat weniger eine erzählerische Dramaturgie, es wirkt eher wie ein Tongemälde. Daran an schließt Ciobanu sechs Kurzgeschichten, sechs Préludes von Debussy – eine Auswahl der insgesamt 12 Stücke. Und am Ende der CD steht eine Geschichte, die ziemlich genau so lang ist wie die erste: Die sogenannte "Dante-Sonate" von Franz Liszt. Korrekt bezeichnet: Der siebte Satz aus dem zweiten Teil der "Années de pèlerinage", dem "Italien-Teil".Mit etwa jeweils fast 20 Minuten rahmen sie das Album ein. So ergibt sich eine Balance über die ganze CD.
Hier wird deutlich: Daniel Ciobanu hat über die Gesamtdramaturgie viel nachgedacht. Und das lohnt sich: Die Stücklängen sind aufeinander abgestimmt und präzise angeordnet. Die "Geschichtsarten" wechseln sich geschickt ab und schieben immer unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund. Neben den sich entwickelnden Erzählungen ist etwa das Klanggemälde von Enescu mit seiner Statik ein starker Gegensatz.
Musik: George Enescu - VII "Carillon nocturne", Klaviersuite Nr. 3, op. 18
Eine Entdeckung: Enescus Klaviersuite
"Carillon nocturne" ist das unbekannteste Stück auf Daniel Ciobanus Album. Es ist der siebte Satz aus George Enescus dritter Klaviersuite. Ihr gab er den Beinamen "Pièces impromptus". Die einzelnen Sätze sollen dem Komponisten nach also einen improvisierten Charakter haben. So spielt es Ciobanu auch. Immer wieder lässt er die Glockenschläge verhallen und wirft dann die neuen ein wie Spontaneinfälle.
Enescu schrieb die Suite in den Jahren von 1913 bis 1916. Eine Zeit, in der in Europa der Erste Weltkrieg wütete. Enescu lebte in diesen Jahren in seinem Heimatland Rumänien und war damit während dem Kompositionsprozess dieser Stücke nicht unmittelbar von den Kriegsleiden betroffen. Der Erste Weltkrieg erreichte Rumänien erst etwa einen Monat nachdem die dritte Klaviersuite komponiert war: im August 1916. Der Weg zur ersten Aufführung war anschließend ein abenteuerlicher, denn: Das Manuskript ging verloren als George Enescu der königlichen Familie nach Moldawien ins Exil folgte. Die Stücke waren ihm offensichtlich aber sehr wichtig: Er nahm sie in sein handschriftliches Werkverzeichnis mit auf. Erst 1957, zwei Jahre nach Enescus Tod entdeckten Musikforscher die Manuskripte wieder. Sie wurden veröffentlicht und konnten uraufgeführt werden.
Bis heute kennen nicht wirklich viele diese Suite. Das ist sehr schade, denn die Stücke entwickeln eine ganz eigene Tonsprache. In dem Satz, den Daniel Ciobanu mit auf sein Album genommen hat, wird das sehr deutlich: Das Läuten der Glocken schwankt zwischen Dissonanz und Harmonie. Und obwohl viel Bewegung in diesem Stück herrscht, wirkt es doch auf eigentümliche Weise starr.
Geschickte Illusion
Zwei Aspekte machen dieses Stück noch dazu sehr besonders: Enescu gelang es sehr geschickt, Glockenklänge zu imitieren. Eine musikwissenschaftliche Analyse konnte sogar zeigen, dass es speziell um große und kleine europäische Kirchenglocken geht. Der andere Aspekt ist, dass das Werk zwar den Charakter einer Improvisation haben soll, gleichzeitig aber haargenau konstruiert ist. Beim Hören wird das nicht sehr deutlich, aber das Stück ist tatsächlich wie ein Rondo aufgebaut. Über das Stück hinweg erklingen außerdem viertelstündliche Glockenklänge, und nach dem vierten Mal auch das zwölfmalige Schlagen der Mitternachtsglocke. An dieser Stelle wird exemplarisch deutlich, wie fein Ciobanu die unterschiedlichen Klänge artikulieren muss, damit die Illusion des Glockenläutens so gut funktioniert:
Musik: George Enescu - VII "Carillon nocturne", Klaviersuite Nr. 3, op. 18
Auch in der Dante-Sonate von Franz Liszt spielt Daniel Ciobanu mit dieser sehr genauen Artikulation. Etwa in der Mitte des Stücks liegen mehrere Schichten Musik übereinander: zwei bis drei Farbflächen und eine zart fließende Melodie. Wie Ciobanu sanft den Fluss der Musik aufbaut, am Ende groß auftürmt und dabei alle Schichten ganz sauber auseinanderhält, ist großartig. Alles fließt organisch, die Musik klingt mehrdimensional.
Musik: Franz Liszt - "Après une lecture du Dante" – Fantasia quasi Sonata, aus: Années de Pèlerinage, 2. Teil "Italie"
Mit diesem Debüt-Album stellt sich Daniel Ciobanu als kluger und extrem emotionaler Künstler vor. Beim genauen Blick wird die clevere Konzeption und das genaue Nachdenken über die Stücke deutlich. Musikalisch packt der unbedingte Erzählerwille des Pianisten, dem mit diesem technischen Vermögen scheinbar nichts im Weg steht. Musik wird bei Daniel Ciobanu zum Erlebnis.
Daniel Ciobanu plays Prokofiev, Enescu, Debussy, and Liszt // The debut recording
Daniel Ciobanu, Klavier
Accentus
ACC30515