Samstag, 24.07.2021
 
Seit 00:05 Uhr Blue Crime
StartseiteBüchermarktTeufel und Genie13.06.2021

Céline: "Tod auf Raten"Teufel und Genie

Louis-Ferdinand Céline machte die rüde Pariser Umgangssprache literaturfähig. Doch als Antisemit und Nazi-Kollaborateur ruiniert er seinen Ruf. Die erste vollständige Übersetzung seines zweiten Romans "Tod auf Raten" demonstriert Célines provozierende literarische Wucht.

Von Christoph Vormweg

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Louis-Ferdinand Céline: "Tod auf Raten" Zu sehen sind der Autor und das Buchcover, auf dem die Pariser Île de la Cité abgebildet ist (Cover: Rowohlt Verlag / Foto: dpa / picture-alliance)
Zu sehen sind der Autor und das Buchcover, auf dem die Pariser Île de la Cité abgebildet ist (Cover: Rowohlt Verlag / Foto: dpa / picture-alliance)
Mehr zum Thema

Bücher des Jahres (8) Über Ferdinand Céline

Reise ans Ende der Nacht Das Skandalbuch

Für seine verbalen Entgleisungen ist der französische Skandal-Autor Louis-Ferdinand Céline berüchtigt. In seinem zweiten Roman "Tod auf Raten" findet sich die erste Attacke auf Seite 14. Célines Erzähler und Alter ego, der Pariser Arzt Ferdinand, schreibt Mitte der 1930er Jahre an einem neuen Buch. Aus der Unzufriedenheit über seinen Brotberuf macht er keinen Hehl:

"Mir für mein Teil wäre ein kleines Business bei der Stadtverwaltung lieber gewesen … Gemütliche Impfungen … Eine kleine Lizenz für Atteste … Vielleicht sogar ein Duschbad … Kurz und gut, eine Art Rentnerdasein. Und Amen. Aber ich bin weder a Jid noch Kanake, weder Freimaurer noch Absolvent der École Normale, ich kann mich nicht gut aufspielen, bin nicht zuverlässig genug, hab keinen guten Ruf."

Vier Jahre zuvor, 1932, hatte sich Louis-Ferdinand Céline einen Ruf als großer Erneuerer der französischen Romanprosa erschrieben: indem er das Argot, die rüde Umgangssprache der kleinen Leute, in seinem Erstling "Reise ans Ende der Nacht" literaturfähig machte. Warum aber zündelte er nun auf den ersten Seiten seines zweiten Romans "Tod auf Raten" so offensichtlich mit rassistischen Vorurteilen? War es die Wut darüber, dass er den renommierten Goncourt-Preis nicht bekommen hatte? Sagte er sich: Besser einen schlechten Ruf als gar keinen, um die Verkaufszahlen durch einen Skandal hochzutreiben?

Väterlicher Erziehungsterror

Über solche Fragen wird bis heute spekuliert. Denn nur ein Jahr später, 1937, publizierte Céline sein erstes antisemitisches Pamphlet, das die Nationalsozialisten unter dem Titel "Die Judenverschwörung in Frankreich" postwendend ins Deutsche übersetzen ließen. Im Roman "Tod auf Raten" werden die Leserinnen und Leser in dieser Hinsicht aber weitgehend verschont. Denn ein Malaria-Anfall katapultiert Ferdinand in die Vergangenheit: zurück in seine Kindheit und Jugend. Da ist er noch kein Antisemit. Erst einmal muss er die Welt für sich entdecken.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wohnt die dreiköpfige Familie mit der Großmutter mütterlicherseits in einer der vielen Pariser Passagen. Im Mief unter den Glasdächern führt Ferdinands Mutter einen Laden für gehobenen Trödel, vor allem Spitzendecken. Denn der Vater verdient als Versicherungsangestellter zu wenig.

"Großmutter war schon klar, dass ich ein wenig Zerstreuung brauchte. Meinen durchgeknallten Vater dummes Zeug blöken zu hören, davon wurde ihr übel. Sie kaufte einen kleinen Hund, damit ich mich beim Warten auf die Kunden ein bisschen amüsieren konnte. Ich wollte es mit ihm treiben wie mein Vater mit mir. Wenn wir allein waren, verpasste ich ihm üble Tritte. Winselnd verkroch er sich unter ein Möbelstück. Legte sich flach hin, bettelte um Entschuldigung. Er machte es genau wie ich. Ich war fast sieben Jahre alt, würde bald zur Schule gehen. Mein Vater sah voraus, dass ich als Dieb enden würde, er tönte rum wie eine Posaune. Eines Nachmittags hatte ich zusammen mit Tom, dem Hund, die Zuckerdose geleert. Das haben sie mir nie vergessen. Ein zusätzlicher Makel war, dass ich immer einen dreckigen Hintern hatte, ich putzte ihn mir nicht ab, wie es sich gehörte, hatte keine Zeit dafür. Ich wischte mich nicht richtig ab, weil ich immer die nächste Ohrfeige fürchtete."

Militärisches Debakel

Die sogenannte "Belle Époque", das vermeintlich "schöne Zeitalter" der beginnenden Feier- und Massenkultur Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, erlebt Ferdinand als bittere Schule der Armut und des väterlichen Erziehungsterrors. Wie autobiografisch Célines Rückblick ist, wie viele Fiktionen und Übertreibungen er einbaut, ist unklar. Von hohem symbolischen Wert aber scheint die Umbenennung der "Passage Choiseul", wo er aufwächst, in die "Passage des Bérésinas".

Die Beresina ist der Fluss, der 1812 Napoleons militärisches Debakel auf dem Russlandfeldzug besiegelte. Céline setzt den Namen sogar noch ins Plural: womit er wahrscheinlich auf all die Demütigungen seiner Jugend anspielen wollte. Doch bleibt das Porträt des komplexbeladenen, autoritären Vaters stets ambivalent. Trotz aller Gewalt gibt es Momente der Verbundenheit: so während eines Ferienaufenthalts in Dieppe, als ihm der Vater seine Faszination für das Meer und die Schiffe nahebringen will; oder bei einem Ausflug zur Pariser Weltausstellung – mit der lärmenden Maschinenhalle, den in Tiergehegen präsentierten Vertretern der indigenen Bevölkerung aus den Kolonien und den neumodischen Kosumzonen.

"In der Großen Trinkhalle sahen wir schon von ganz fern und aufgereiht die Limonaden, die schönen, für ganz umsonst, im Gänsemarsch auf einem Fließband-Tresen … Zwischen denen und uns eine Meute in Aufruhr … Eine brodelnde Menge, die sich zu den Bechern drängte. Durst ist unbarmherzig. Wenn wir uns da reingewagt hätten, von uns wäre nichts übrig geblieben. Wir flohen durch ein anderes Tor. auf kürzestem Weg nach Haus … In unserer Küche im ersten Stock tranken wir den Wasserhahn leer. Die Nachbarn kamen sofort, gierig nach Neuigkeiten. Vater schmückte alles mit tausend Einzelheiten aus … zutreffenden … und anderen, nicht so genauen … Er warf sich in die Brust. Baute sich vor den Leuten auf … malte ihnen mit der Zeit die reinsten Wunderdinge aus, mit der größten Leichtigkeit … Magie herrschte in unserer Butze … bei gelöschtem Gaslicht. Er ganz allein servierte ihnen ein Schauspiel, aufregender als vier Dutzend Weltausstellungen."

Poetik der Kontrollverluste

Der verhasste Vater ist also doch zu etwas gut: Ferdinand erlebt, welche Wirkung durch Dramatisieren bei den Zuhörern erzeugt werden kann. Das zeigt auch Célines Poetik. Denn immer wieder gipfelt sein Roman "Tod auf Raten" in Kontrollverlusten: sei es während einer Schulprüfung, als er sich in die Hose macht, bei Alkohol-Räuschen oder beim ersten Sex, den ihm die Frau des Lehrmeisters aufdrängt. Bei solchen Gelegenheiten lässt Céline seiner halluzinativen Phantasie freien Lauf: so auch während eines Fieberanfalls von Ferdinand in Mutters Laden:

"Hätte nie gedacht, dass in meiner Birne für so viel Zeug Platz sein könnte … Phantasien. Groteske Gebilde. Erst sah ich alles rot … Wie eine vor Blut berstende Wolke … Mitten am Himmel … Dann zerwehte sie … Nahm die Form einer Kundin an … Aber in was für einer Größe! … Kolossale Proportionen … Sie kommandierte uns herum … Von da oben … In der Luft … Sie wartete auf uns … So schwebend … Befahl, wir sollten uns beeilen … Machte Zeichen … Jetzt aber mal ein bisschen plötzlich! … Wir sollten die Passage verlassen … Aber fix! … Und alle zusammen! "

Ein schmutziger Hund

In der gerade zitierten Passage finden sich 19 Mal die für Célines Roman-Prosa so berühmten drei Punkte. Mit ihnen zerhackte und rhythmisierte er seine Sätze: mal um den Erzählfluss auf Hochtouren zu bringen, mal um ihn auszubremsen und innezuhalten. Auch sprang er immer wieder zwischen Präteritum und Präsenz hin und her, um die Dynamik zu steigern, das Wechselspiel von Nähe und Distanz. Und er flocht Sprachfetzen des Argots ein, der französischen Umgangssprache. Anders als Eugène Sue oder Émile Zola zitierte er sie aber nicht nur in seinen Dialogen, sondern er gestaltete sie emotionalisierend um – zum Teil sogar mit sprachlichen Neuschöpfungen: so bei Ferdinands Schimpfkanonaden:

"Ah! der Heimtücker! Scheiße! Das war zu viel! Wirklich! Ah! der Übelvogel! So eine dreckige Frostbeule! … So ein schmutziger Hund! … So eine Arschkrampe! … Ah! so viel war sicher! … Außerdem, gottverdammt!"

Selbst für Franzosen ist Célines Prosa deshalb nicht immer leicht zu verstehen, wie Hinrich Schmidt-Henkel betont. Sein instruktives Nachwort zu "Tod auf Raten" ist so brillant wie seine Neu-Übersetzung, die beim Laut-Lesen ihre ganze Wucht entwickelt: durch die präzise Rhythmik und die gekonnte Wortwahl im Deutschen. Wie schwer das Phänomen Céline in seinen sprachlichen und psychologischen Brüchen zu fassen ist, zeigen übrigens auch zwei im Buchhandel erhältliche Texte: Hanns Grössels 2017 neu gedruckter Essay "Auf der richtigen Seite stehen" und die provozierend kontroverse Céline-Monographie des französischen Essayisten Philippe Muray, die 2012 auf Deutsch erschien.

Derbe Erotikszenen

Grössel wie Muray kannten das ganze Werk des Skandal-Autors. In deutscher Übersetzung hat es das, wie Hinrich Schmidt-Henkel klarstellt, aber nie gegeben. Denn die Übersetzer und Bearbeiter vor ihm schrieben nicht nur in einem heute unzeitgemäßen Deutsch, sondern sie ließen schwer verständliche Passagen einfach reihenweise wegfallen oder glätteten derbe erotische Szenen.

"Dem Lockenköpfchen, meinem Schatz, dem unschuldigen Ding, dem besorgten, dem hätte ich gern gewaltig eine verpasst, eine Abreibung! bis sie nur noch geschielt hätte! [...] … Um sie zu lehren, wie der Hase lief … Aber sie hätte mich über den Haufen geworfen! Die hatte Zupack, einen athletischen Körperbau, die würde mich aus den Pantoffeln heben, wenn ich ihr zu schäbig käme!"

Deshalb konnte der literarische Revolutionär Céline, der die Ketten der akademischen Schriftsprache abwarf, auf deutsche Autoren auch nicht so stark wirken wie zum Beispiel auf Raymond Queneau, den berühmten Mitbegründer der Pariser Gruppe OULIPO, oder auf den jüdischstämmigen US-Amerikaner Philip Roth, der Célines stilistische Innovationskraft bewunderte – trotz dessen Antisemitismus. Die Basis für seinen Hass auf die Juden – das zeigt der Roman "Tod auf Raten" deutlich – wurde im Elternhaus gelegt. Auch die Kaufmanns-Lehre wird für den 15-jährigen Ferdinand zur Tortur.

"Echter Hass kommt von unten, der kommt aus der Jugend, der wehrlos durch die Arbeit gebrochenen. Das ist der Hass, der dich umbringt. Genug davon da, dass immer und überall was davon bleibt. Auf die Erde wird er spritzen, wird sie vergiften, damit nur noch Gemeinheit wächst, unter den Toten, unter den Lebenden. Jeden Abend, wenn ich nach Hause kam, fragte meine Alte mich, ob sie mich jetzt gefeuert hätten? … Sie rechnete stets mit dem Schlimmsten. Während der Suppe kam das Thema wieder auf. Es war unerschöpflich. Ob ich denn nie meine Brötchen selber verdienen würde?"

Logik der Eskalation

Und der Vater geht noch weiter. Er prophezeit, dass Ferdinand seine Eltern eines Tages umbringen werde. Der Junge ist für ihn ein notorischer Versager, der leibhaftige Teufel. Der Roman "Tod auf Raten" zieht seine Dauer-Spannung zum einen aus der Unberechenbarkeit Ferdinands, zum anderen aus der Frage, wann die Lage endgültig eskalieren wird.

In der Lehre wird der Junge erst gemobbt, dann entlassen, als Vertreter wegen angeblichen Diebstahls rausgeschmissen. Das Drama ist also programmiert – wäre da nicht Onkel Édouard, der als "Deus ex machina" die Szene betritt. Er finanziert seinem Neffen einen mehrmonatigen Aufenthalt in einem englischen Internat. Doch auch dieser Ausflug endet – ohne Ferdinands Verschulden – in einer Tragödie. Nach seiner Rückkehr nach Paris 1910 heißt es für den 16-jährigen erneut: Arbeit suchen, um die Familie zu entlasten. Zum Selbstzweifel kommt der Selbsthass.

"Die Nachdenkerei wurde zu einem Laster … Und irgendwann, weil ich die ganze Zeit darüber grübelte, musste ich meinem Vater fast recht geben … Mir wurde aus Erfahrung klar … dass ich nichts taugte … Dass ich desaströse Neigungen hatte … Ich war ein Herumtreiber, ein Faulpelz … Verdiente ihre große Güte nicht … die immensen Opfer … Ich fühlte mich völlig unwürdig, eitrig, anrüchig … Ich sah genau, was Not getan hätte, und ich kämpfte verzweifelt, es gelang mir aber immer weniger …"

Hang zur Gewalt

Man kann Célines Roman "Tod auf Raten" als einen satirischen Abgesang auf den klassischen Bildungsroman lesen. Die Lehr- und Wanderjahre entpuppen sich für Ferdinand als Strudel der Vergeblichkeit, des permanenten Scheiterns. Die Erziehungsmonologe der Eltern werden immer wütender, Ferdinands daraus erwachsender Hang zur Gewalt immer offensichtlicher, sein Humor immer derber – so, als hätte sich Céline Anfang der 1930er Jahre beim Schreiben des Romans selbst darüber klar werden wollen, woher seine eigene Radikalisierung kam: sein wachsender Hass auf die Juden, die Schwarzen, die Frauen.

Als Ferdinand zum wiederholten Mal ein Versprechen nicht einhält, eskaliert der Streit in der Hitze des Hochsommers. Nach der Hälfte des Romans gehen Vater und Sohn aufeinander los. Nach dem Kampf wird Ferdinand in einem Zimmer eingesperrt.

"Ich will schreien … Ich werd ihn doch nicht totgemacht haben? Scheiße! Ist mir zwar egal, aber mir geht die Muffe auf und zu … Krämpfe sind das … Schrecklich … Ich denke wieder an Vater … Mir tropft der Schweiß, der kalte … Mir läuft was in die Nase … Ich blute … Hat er mich zerkratzt, der Arsch! … Ich hab überhaupt nicht zugedrückt … Hätte ihn nie für so schwach gehalten, für so weich … Große Überraschung … ich wundere mich … War ganz leicht zuzudrücken … Ich denke dran, wie ich ihn von vorn mit den Händen gepackt hatte, den Fingern … der Sabber … und wie er mich gegriffen hat … Ich kann nicht aufhören zu zittern … Bibbere überall … "

Anti-Held Ferdinand

Mit seinem zweiten Roman "Tod auf Raten" ist Louis-Ferdinand Céline ein größeres Risiko eingegangen als mit seinem Erstling "Reise ans Ende der Nacht". Bis in die 1950er Jahre gab es wegen der vielen Obszönitäten und Tabubrüche nur zensierte Fassungen. Elterlicher Sadismus, Kinder, die Männer für ein Taschengeld befriedigen, onanierende Internatszöglinge: Da gingen selbst wohlgesonnene Literaturkritiker vorsichtshalber auf Distanz. Schonungslos demontierte Céline die kaputte, autoritätsfixierte Gesellschaft der Belle Époque in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Seine Stärken als Romanautor lagen und liegen zum einen in der Rasanz seiner hoch emotionalen Prosa-Sprache, zum anderen in der psychologisch zwiespältigen Figurenzeichnung. Selbst der ständig delirierende Vater hat zuweilen sympathische Seiten. Und auch Ferdinand demonstriert Momente der behutsamen, hilfsbereiten Verbindlichkeit: sei es im Verhältnis zur Großmutter oder zu einem behinderten Mitschüler im englischen Internat.

"Nachmittags führte ich den Idioten spazieren, ich kümmerte mich ganz allein um ihn. Schöne Stunden hatten wir auf unseren Spaziergängen. Jonkind war ziemlich brav … Man durfte ihn nur nicht erregen … Sobald wir Soldaten über den Weg liefen zum Beispiel, Fanfaren und laute Musik, da war er nicht mehr zu halten … Wenn die vom Exerzieren zurückkamen, bliesen sie schmissige Märsche, siegeslustige Dudelsackmelodien, das ging Jonkind durch Mark und Bein … Wie ein Pfeil schoss er auf sie zu … Das hielt er nicht aus … Das hatte dieselbe Wirkung auf ihn wie der Fußball … Das Tschingderassabum trieb ihn in den Wahnsinn!"

All sein Sendungsbewusstsein

Die einzige durchgehend positiv gezeichnete Figur ist Onkel Édouard. Mit den Worten, er habe einfach "noch zu viel Pech", hilft er Ferdinand ein weiteres Mal aus der Patsche und vermittelt ihm für Kost und Logis eine Stelle als Sekretär bei einem skurrilen Erfinder und Publizisten.

In seiner Zeitschrift und seinen Büchern popularisiert dieser die Errungenschaften der Wissenschaft. Auch hier gelingt Céline ein schillerndes Porträt, das seine ungewöhnliche Menschenkenntnis spiegelt. Denn auch der neue Chef mit all seinem Sendungsbewusstsein hat ein geheimes Laster.

"Meist kam er so gegen vier Uhr nachmittags, um mir Bescheid zu sagen. 'Ferdinand! Ich mache den Laden kurz zu … Falls wer kommt … Nach mir verlangt … dann sagst du, ich bin seit fünf Minuten weg, ich beeile mich! Bin gleich wieder da!'

Natürlich wusste ich, wohin er ging. Er trabte in eine kleine Bar in der Passage Villedo, das 'Émeutes' an der Ecke von der Rue Radziwill, wegen der Rennergebnisse … Das war genau die Stunde … Er sagte es nicht so deutlich … Ich wusste es trotzdem … Wenn er gewonnen hatte, pfiff er eine 'Matchiche' … Das kam nicht oft vor … Wenn er verloren hatte … unterdrückte er seine Wut, spuckte überall hin …"

Der letzte Ausweg

"Tod auf Raten" – auch diese Neuübersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel ist ein literarisches Ereignis. Man kann Louis-Ferdinand Célines Beiträge zur Weltliteratur mit seinem üblen, ab Mitte der 1930er Jahre verbreiteten Antisemitismus nicht kleinreden. Umgekehrt lassen sich seine literarischen Leistungen nicht von seinen politischen Entgleisungen abkoppeln. Mit anderen Worten: "Tod auf Raten" ist nicht nur ein Roman für Romanisten und Paris-Kenner.

Denn in jeder Zeile spürt man das Riesentalent des damals 41-jährigen Pariser Arztes. Er schien – ob bewusst oder unbewusst – zu spüren, dass die gesellschaftlichen Konflikte zu Beginn des 20. Jahrhunderts dabei waren, aus dem Ruder zu laufen. Das zeigt sich nicht zuletzt, als Ferdinands neuer Lehrmeister nach Wettverlusten auf einem abgewirtschafteten Bauernhof vor Paris Riesengemüse züchten und Kinder zu einer – so wörtlich – "neuen Rasse" erziehen will. Nicht weniger prophetisch erscheint, dass Ferdinands Vater als letztes Mittel für seinen renitenten Sohn die Verpflichtung beim Militär sieht und dass Ferdinand ausgerechnet diese Vater-Idee am Ende des Romans zu seiner eigenen macht.

Louis-Ferdinand Céline: "Tod auf Raten"
Neu übersetzt aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel.
Mit einem Nachwort des Übersetzers.
Rowohlt Verlag, Hamburg, 812 Seiten, 34 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk