Samstag, 01. Oktober 2022

Charta zum Klimawandel
Medienschaffende in Frankreich wollen klimagerechter berichten

Ging es um die zunehmende Hitze in Europa, sah man in diesem Sommer oft Bilder von badenden oder Eis essenden Menschen. Französische Medienschaffende haben beschlossen, solche Fotos nicht mehr im Zusammenhang mit dem Klimawandel zu zeigen. Einer Charta definiert nun eine neue Form der Klimakommunikation.

Text: Nina Magoley | Christiane Kaess im Gespräch mit Sebastian Wellendorf | 15.09.2022

Bei Temperaturen um 33 Grad Celsius erfrischt sich dieser Junge in einem restaurierten Citybrunnen an der Karl-Marx-Alle.
Typisches Symbolbild für den Hitzesommer: Mit Wasser spielendes Kind (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Dass die extreme Trockenheit dieses Sommers ein Zeichen für den fortschreitenden Klimawandel ist, steht nach Erkenntnissen der seriösen Wissenschaft wohl kaum in Frage. Insofern hatte der Anblick ausgedörrter Felder und vertrocknender Bäume etwas sehr Bedrückendes. Dennoch: Manchen Medienbericht über die ungewöhnlich hohen Temperaturen illustrierten Fotos von im Wasser planschenden Kindern oder Eis essenden Erwachsenen - auch dann, wenn das eigentliche Thema die Bedrohung durch den Klimawandel war.
Das passt nicht zusammen, stellten Medienschaffende in Frankreich fest. Bilder von badenden Kindern zum Thema Hitzewellen führten in die Irre und seien zu vermeiden. Mehr als 500 Journalistinnen und Journalisten in Frankreich unterzeichneten daher am Mittwoch (14.09.2022) eine gemeinsame Charta für einen verantwortungsvolleren Umgang mit dem Thema. Auch rund 30 Redaktionen - darunter die Sender RFI und France 24 - und mehrere Journalistenschulen bekannten sich dazu. Anlass war unter anderem, dass der Weltklimarat die Rolle der Medien bei der Information über die Klimakrise hervorgehoben hatte.
Kinder essen bunte Kugeln Eis mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen
Bei der Hitze ein Eis (picture alliance / dpa / Annette Riedl)
Auch in französischen Umfragen hatten mehr als die Hälfte der Befragten gesagt, sie wünschten sich mehr Umweltthemen in den Medien - und mehr Ideen zur Lösung, berichtet DLF-Korrespondentin Christiane Kaess aus Frankreich. Tatsächlich aber, so die Charta-Gründer, enthielten Beiträge zu Umweltthemen meistens nur Appelle zu "kleinen Gesten", mit denen die Menschen den CO2-Ausstoß verringern könnten, "ohne, dass die eigentlich stärksten Verursacher genannt werden". Es werde viel zu wenig darüber berichtet, "was wirklich getan werden müsste".

Klima nicht mehr nur als gesonderte Rubrik

Hauptanliegen der zwölf Punkte umfassenden Charta (hier die englische Übersetzung): Medienberichterstattung dürfe die Themen Klima und Ökologie nicht mehr länger als eigene Rubrik behandeln. Vielmehr müssten sie zum "Prisma" werden, durch das auch viele andere Themen betrachtet würden. Zusammenhänge und Begriffe sollten viel mehr und besser erklärt werden. Und: Bilder und benutzte Begriffe müssten kritischer überdacht werden. Das benutzte Vokabular dürfe den Sachverhalt nicht verharmlosen, eingesetzte Bilder nicht irreführende Zusammenhänge herstellen.
Selbst im zurückliegenden Hitzesommer, der von Trockenheit und Waldbränden geprägt war, sei der Zusammenhang mit dem Klimawandel in den Medien "nur selten" deutlich geworden, sagte Loup Espargilière, einer der Autoren der Charta.

"Neue Erzählformen" für Umweltthemen

Am Mediencampus der Hochschule Darmstadt war die Form der "Klimakommunikation" schon 2015 ein Thema. Ziel müsse sein, dass umweltjournalistische Themen durch neue Erzählformen näher an die Menschen herangetragen würden, so Journalismus-Professor Torsten Schäfer. Im vergangenen Jahr nahm er vorweg, was die Charta in Frankreich nun propagiert: Im Umwelt- und Klimajournalismus müsse es neue Ansätze geben, "die als Genre nicht mehr in einer Nische stattfinden, sondern alle journalistischen Felder mit ihrer Relevanz und dem zugrunde liegenden Ethos erreichen".
Ein abgestorbener Baum steht am Straßenrand
Eine Realität des Sommers: Abgestorbener Baum (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Für die Tageszeitung "taz" hatte Schäfer schon 2020 ein "Konzept für eine klimagerechte Sprache" entworfen. Es geht darin um einen vielfältigeren Klima-Wortschatz. Schäfer rät er aber auch, den Begriff Klimawandel "als erlerntes sprachliches Eingangstor in die Debatte für ein Massenpublikum zu erhalten". Mit Zahlen, Informationen und Beispielen, die diesem Begriff folgen, könne man immer noch deutlich machen, wie ernst die Lage sei. Gleichzeitig fordert er eine "schöne und sinnliche" Sprache bei Ökologiethemen, um ein differenzierteres Interesse beim Publikum neu zu erwecken. Wenn über Umwelt und Natur geschrieben werde, klinge das als "Melange aus Wissenschafts- und Behördendeutsch" oft "aufgebläht, sperrig und kalt".
Beispielhaft kritisiert Schäfer einige gängige Begriffe:
  • Klimanotstand, von einigen Kommunen ausgerufen, suggeriere, dass es um ein zeitlich begrenztes und - mit den richtigen politischen Mitteln - wieder zu lösendes Problem geht.
  • Auch Klimakrise lasse vermuten, dass es sich um eine Phase mit einem Ende handele, dem wieder die Normalität folge. Dabei sei eine solche kaum mehr zu erreichen.
  • Deutlich weniger zeitlich begrenzt würden Worte wie Klimakatastrophe, Klimachaos oder Klimazusammenbruch klingen.
  • Statt Klimawandel oder Erderwärmung bilde der Begriff Erderhitzung die Tatsachen realistischer ab.

"Geht nicht nur um Eisbären und Gletscher"

Beim Thema Klimawandel müssten Berichtende "mehr Bezüge zum Hier und Jetzt" herstellen, fordert der Journalist Toralf Staud, der sich seit Jahren mit ökologischen Themen befasst. "Es geht ja nicht nur um Eisbären oder Grönlandgletscher im Jahr 2100 – sondern auch um Veränderungen in Deutschland". Häufig liege der Fokus im Klimajournalismus auf dem Unnormalen und Sensationellen. Das mache die Berichterstattung leicht angreifbar "für Leute, die die Realität des Klimawandels bestreiten oder von einer Verschwörung der Wissenschaft phantasieren".