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StartseiteBüchermarktChronik aus dem Bayrischen Wald03.01.2021

Christoph Nußbaumeder: „Die Unverhofften“Chronik aus dem Bayrischen Wald

Im Jahr 1899 beginnt diese Familiensaga aus dem Bayrischen Wald mit einer monströsen Tat. Mit Page-Turner-Qualitäten überwindet Christoph Nußbaumeder die Zeit bis heute und erschafft eine mitreißende Chronik der BRD.

Von Katharina Teutsch

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Der Autor Christoph Nußbaumeder in der Schaubühne am Lehniner Platz Berlin. (2006) (imago images / DRAMA-Berlin.de)
Dramatiker als Romancier: Christoph Nußbaumeder (imago images / DRAMA-Berlin.de)
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Was für ein Debüt! Freilich von keinem Grünschnabel verfasst. Sondern von einem Könner. Christoph Nußbaumeder ist ein etablierter Theaterautor, ein Dramatiker von Rang. Dass sein Romandebüt kein Schreibdebüt ist, kommt ihm zugute. Und ein gewisses Selbstbewusstsein merkt man schon auf den ersten Seiten:

"Nicht einmal die Erde selbst kann sich daran erinnern, wie vor ewigen Zeiten feiner Sand und Ton in ein Urmeer schwappten und sich dort absetzten. In der Tiefe des Schlunds herrschten gewaltige Temperaturen und gigantische Drücke, die das Gemisch in Gneis verwandelten, der schließlich nach weiteren Jahrmillionen als Felsmassiv herausgepresst wurde. Nach einigen Hebungs- und Abtragungsprozessen wurde der Gebirgsstock zum letzten Mal vor 65 Millionen Jahren emporgeschoben. Das Grobrelief der Berge war geboren. Wind und Wetter formten es beharrlich zu einem vollkommenen Gebirge. Und wo in der Erdkruste kleine Risse waren, schürfte das Wasser Schluchten ins Massiv. Diese waren für den Menschen lange Zeit unzugänglich, so entstand ein urwaldartiger, totholzreicher Bergmischwald. In ihm fanden viele Mythen und Legenden ihren Ursprung. Das raue Klima führte dazu, dass in den höheren Lagen Eiszeitrelikte überdauerten, obwohl die letzte Eiszeit vor 11000 Jahren zu Ende gegangen war. In diesem Gebiet, auf halber Strecke zwischen München und Prag, am Rand der Welt, liegt die Ortschaft Eisenstein."

Mit souveräner Geste beginnt der gebürtige Bayer Nußbaumeder seine Familiensaga aus dem Bayrischen Wald. Sie erstreckt sich von der Jahrhundertwende bis heute – eine extreme Spannweite, unter der die Konstruktion des Romans leicht zusammenbrechen könnte. Würde sie nicht getragen durch stilistische Konsequenz sowie eine wendungsreiche Geschichte.
Sie beginnt mit den mühseligen Kämpfen der deutschen Arbeiterbewegung, geht eindrucksvoll über in die Kriegs- und Zwischenkriegswirren, übersteht den Nationalsozialismus mit Blessuren, nimmt in der jungen BRD wieder Fahrt auf, mausert sich zu einer ökonomischen Aufsteigerstory voller Koksnasen in den achtziger Jahren und endet irgendwo zwischen persönlichem Desaster und Klimakatastrophe im hier und heute.

Buchcover Christoph Nußbaumeder: „Die Unverhofften“ (Buchcover: Suhrkamp Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs (Deutschlandradio))Jahresringe auf dem Buchcover von Christoph Nußbaumeders: „Die Unverhofften“ (Buchcover: Suhrkamp Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs (Deutschlandradio))

Überraschung vom Blätterbaum

Maria ist die erste von vielen Frauenfiguren, die der Autor behutsam entwirft. Sie ist die Tochter eines Arbeiters, der in der örtlichen Glashütte schuftet und einen Fehler begeht

"Zusammen mit einer Handvoll Gleichgesinnter wollte Willi bessere Arbeitsbedingungen, einen gerechteren Lohn und angemessene Sicherheitsmaßnahmen durchsetzen. Wahrscheinlich war genau das sein Todesurteil. Die genauen Umstände der Explosion wurden nie ergründet. Es gab keine externe Untersuchung, keine Gerichtsverhandlung, keine Entschädigung. Seine Mitstreiter gingen von einer gezielten Aktion aus. Vieles sprach dafür, nur konnte es niemand beweisen, und niemand erhob Anklage. Seither hasste Emma die Arbeiterbewegung."

Emma ist die im Buch am weitesten in die Familiengeschichte der Hufnagel zurückreichende Verwandte. Sie lebt um 1900 in Eisenstein. Die Glashütte ist der größte örtliche Arbeitgeber. Nach dem Tod ihres Mannes bleiben Emmas Lebensperspektiven deshalb beschränkt

"Emma hatte keinen Beruf erlernt, und wohin hätte sie auch gehen sollten, mittellos und an jeder Hand ein Kind? Also war sie in Eisenstein geblieben. Bevor sie in der Konservenfabrik anfangen konnte, musste sie manchmal sogar betteln."

Doch trotz der vielen Demütigungen verbittert Emma nicht, heißt es weiter im Buch. Eine liebevolle Mutter soll sie gewesen sein. Zugeschlagen habe sie entgegen der gängigen Sitte nie. Nur ihre Tochter Maria konnte sie manchmal zur Weißglut bringen. Dieses Kind, das wird schnell klar, würde sich seinem Frauenschicksal nicht ergeben. Mit Marias monströser Rache an ihrem Dienstherrn Siegmund Hufnagel setzt die Familiensaga "Die Unverhofften" denn auch ein. Hufnagel ist der Besitzer und Betreiber der Glashütte von Eisenstein. Er hat ein Auge auf die stolze Maria geworfen. Weswegen er sie zu seiner Hausangestellten macht.

"An Maria reizte Siegmund die geheimnisvolle Art, dieser widerspenstige Stolz in ihren Blicken. Da war eine Vielschichtigkeit, die er von den Hirnzwergen so nicht kannte."

Der Traum vom Auswandern

Maria träumt aber nicht von einer Zukunft in Eisenstein. Sie träumt von Amerika. Dorthin hat es einen Cousin von ihr verschlagen. Ihm will sie nachfolgen. Um diese Auswanderungspläne zu vereiteln, lädt Hufnagel Maria zum Abendessen ein. Privat. Für ihn soll sie ihre Amerikapläne aufgeben. Als Maria sich weigert, droht Hufnagel, sie anzuzeigen. Der Vorwurf ist perfide: Lebensmitteldiebstahl.

"Es war eine Art Gewohnheitsrecht, das man den Dienstboten zugestand. Meist waren es Überreste vom Abendessen, zu schade für die Tiere, zu gut für den Abfall, eigentlich viel zu billig, um ihr daraus einen Strick zu drehen. Hätte Maria es nicht mit dieser lähmenden Angst zu tun bekommen und wäre sie auch nur eine Spur überlegener geblieben, hätte sie alles abstreiten können; Siegmund selbst war nie dabei gewesen, wenn sie etwas mit nach Hause genommen hatte. Doch anstatt auf ihrer Unschuld zu beharren oder zum Gegenangriff überzugehen – sie hätte ihm Verleumdung vorhalten können –, brach sie ein. Und diese Ohnmacht spürte Siegmund ganz deutlich."

Und wer ohnmächtig ist, eignet sich perfekt zum Opfer: Siegmund nimmt sich sein Dienstherrenrecht und vergewaltigt Maria. Als diese bei Hufnagels Arbeitern Trost sucht, wird sie abermals zum Pfand fremder Interessen. Die Arbeiter sehen von einer Anzeige ab, sagen sie. Unter einer Bedingung: Hufnagel soll einen Tarifvertrag unterschreiben.
Schutzlos geworden, sinnt Maria nun auf Rache. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion legt sie in der Glashütte Feuer. Alles brennt nieder. Maria, die zuvor ihr Kind – Frucht der Vergewaltigung – getötet hat, flieht. Damit endet die Ouvertüre dieses Buchs.

Insgesamt besteht es aus sieben Teilen, die jeweils einen eigenen Zeitraum behandeln. Vom Jahr 1900 geht es mit souveräner Montagetechnik ins zweite Buch. Lesend befinden wir uns im Jahr 1945. Eine junge Deutsche ist auf der Flucht vor der Roten Armee. Sie stammt aus Böhmen. Ihr Ziel: Eisenstein im Bayrischen Wald. Ein Cousin soll dort auf einem Gut arbeiten. Das hatte ihr die sterbende Mutter gesagt. Nun hofft Erna, dort unterschlüpfen zu können. Auf ihrer Flucht trifft sie einen Kommunisten, der eben aus dem KZ entlaufen ist. Zusammen haben sie Angst. Zusammen aber ein bisschen weniger. Eines Tages gelangt Erna dann, wie geplant, auf das Gut der Hufnagels. Seit dem Brand der Glashütte vor fünfundvierzig Jahren ist die Familie im Holzgewerbe tätig. Siegmunds Söhne Josef und Vinzenz führen das Unternehmen. Mit einem von beiden, mit Josef, wird Erna sich kurz trösten. Den anderen, den Ex-Nazi Vinzenz, wird sie heiraten. Das Kind, das sie unter ihrem Herzen trägt, ist vom entlaufenen Kommunisten. Das wird sie aber niemandem sagen. Ihrem Sohn Georg wird sie erzählen, sein Vater sei damals auf der Flucht gestorben. Josef wird sie hingegen suggerieren, das Kind sei von ihm

Das Kuckuckskind

"’Gut’, sagte Josef und schlug ein, "bis zur Niederkunft kannst bleiben, für die darauffolgende Zeit auch. Für danach lass ich mir was einfallen."

Was dem verheirateten Josef dann einfällt, ist Marias Vermählung mit seinem Bruder Vinzenz. Ein Arrangement, das lange Zeit funktioniert. Und in dem der kleine Georg zu einem entschlossenen jungen Mann heranreift. Die Liaison zwischen Erna und Josef bleibt indes ein gut gehütetes Familiengeheimnis. Ein Liebesdrama nimmt allerdings langsam aber sicher seinen Lauf. Fast zeitgleich mit Georg kommt nämlich Josefs Tochter Gerlinde zur Welt. Die Kinder wachsen nebeneinander auf. Und als sie groß sind, so muss es im Werk eines Dramatikers kommen, verlieben sie sich ineinander.

"Für Georg begann in dieser Nacht, Anfang Oktober 1964, eine neue Zeitrechnung. Ein neues Universum tat sich ihm auf. Aber so ist das eben, dachte er am nächsten Tag. Selbst Gott brauchte bei der Erschaffung der Welt eine Zeiteinteilung. Also schuf er das Licht, und er schied es von der Finsternis. Und es ward Tag und Nacht. Und er schuf Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und die da gaben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre. Und irgendwann später hat er Gerlinde erschaffen, die ihm, Georg, die Helligkeit des Lebens sein würde. Alles nach einem Plan, alles nach dem ewigen Gesetz der Schöpfung, welches da schied das Licht von der Finsternis."

Inzwischen befinden wir uns in den sechziger Jahren. Freie Liebe, Studium, Stadtleben: All das scheint vor Georg und Gerlinde zu liegen. Bis Gerlinde die Beziehung jäh beendet. Ihr Vater hatte sie von der Unmöglichkeit der Beziehung überzeugt. Im Glauben, er sei Georgs Vater, steigern sich Vater und Tochter in krude Inzestphantasien hinein. Gerlinde wird nie mit Georg darüber sprechen. Auch wird sie ihm nichts von ihrer Schwangerschaft sagen. Stattdessen verletzt sie Georg mit einer Lüge. Ich liebe dich nicht mehr!, wirft sie ihm hin. Was nicht stimmt, aber stimmen muss, denn:

"Schon war sie wieder im Strudel ihrer peinigenden Gedanken, dass der einzige Mann, den sie je geliebt hatte, ihr Verwandter war, und eben nicht nur ihr Seelen- oder Geistesverwandter, sondern auch ihr Blutsverwandter. Vielleicht mutmaßte sie, war sie ja krank, vielleicht litt sie an einer Art Geisteskrankheit, an einer Form von Hybris, die sie gegen die überlebensnotwendige Vermischung der menschlichen Gene auf selbstzerstörerische Weise rebellieren ließ. Womöglich gab es in ihr eine verheerende unbewusste Sehnsucht nach der Reinheit des Blutes, die keine Kreuzung duldete. Zwanghaft darauf bedacht, nur sich selbst zu reproduzieren."

Erst viele Jahrzehnte später können die Missverständnisse ausgeräumt werden. Für Gerlinde und Georg ist es da längst zu spät. Die restlichen fünf Teile des Romans handeln von den irreparablen Schäden dieser monströsen Verletzung. Wie gnadenlos sie das Leben von Georg und Gerlinde bestimmen wird. Und wie unbeteiligt sich das Leben dennoch Jahrzehnt für Jahrzehnt vollzieht. Kinder werden geboren, Familien gegründet, Ehen geschieden. Dort, wo Gerlinde sich in die Bindungslosigkeit und in die materielle Genügsamkeit flüchtet, reift Georg zu einem Patriarchen. Pikanterweise heiratet er Heidi, Gerlindes Schwester.

Die Kraft seines Ehrgeizes liegt in einem tief verwurzelten Gefühl, nicht zu genügen. Auch seiner großen Liebe Gerlinde, glaubt er, nie genügt zu haben. Und Heidi, die ahnungslos ist, wird zur Statistin einer verbissenen Rache. Doch auch sie hat ihre Agenda. Für die große Liebe reicht es nicht. Aber Heidi erweist sich als wichtige Partnerin, die mit nicht unerheblichem Ehrgeiz die Karriere ihres Mannes vorantreibt. Sie ist die weibliche Kraft im Hintergrund. Die Dealmakerin, die Strippenzieherin. Von Georgs früherer Liebesbeziehung zu ihrer Schwester ahnt sie nichts. Dass sich Gerlinde immer mehr zurückzieht, nimmt sie unhinterfragt hin.

Naturgemäß kann das nicht glücklich enden. Tut es auch nicht. Heidi und Georg lassen sich scheiden. Die pragmatische Heidi lässt sich gerne von Georgs marktliberalem Geschäftspartner Hans erobern und heiratet erneut. Georg wird immer reicher und immer soziopathischer. Auch zur eigenen Tochter verliert er den Draht. Und auch die geliebte Mutter verliert er aus den Augen. Diese, zu stolz, den schwerreichen Sohn, um Geld zu bitten, verarmt in Eisenstein. Erst eine schwere Diagnose führt Mutter und Sohn wieder zueinander. Doch für vieles ist es da schon zu spät. Ein Flair von Scheitern liegt in der Luft.

Christoph Nußbaumeder kommt das große Verdienst zu, all diese Verstrickungen der Psyche, die fatalen Verdrängungen, die Schicksalsschläge, die man hier kaum vollständig zitieren kann, in einer glaubwürdigen, weil fast beiläufigen Weise zu schildern

Milieu der Superleister

"Halte Ordnung, und die Ordnung hält dich." Diesen Rat hatte Josef Georg einst erteilt. Der Alte, von den Amerikanern als Bürgermeister eingesetzt, hat inzwischen Karriere bei den Christsozialen gemacht. Georg wird indes mit Arbeitseifer vom Gründerunternehmer zum Immobilienmilliardär. An Heidis Seite gelingt ihm der Aufstieg ins Milieu der Superleister. Ein Wirtschaftsmagazin zählt ihn zu den dreihundert reichsten Deutschen

Erst beim Tod seiner Mutter erfährt Georg vom Liebesmissverständnis um Gerlinde und Georg. Christoph Nußbaumeder versteht es hier, noch einmal Spannung zu erzeugen. Denn noch einmal treffen sich die Liebenden. Noch einmal scheint alles aufgehoben in einer höheren, göttlichen Ordnung. Doch das Leben hat seine Spuren hinterlassen

"Sie waren, dachte Gerlinde, eben nicht miteinander gewachsen, und es wirkte so, als würde er sie gnädig bei sich aufnehmen, in seinem Reich der Zahlen und Umsätze. Sie wollte auch kein Kind – egal ob Tochter oder Sohn – zu seinem Nachfolger erziehen müssen. Auch nicht den gemeinsamen Sohn, den sie schon hatten. Georg würde versuchen, ihn aus seinem Leben herauszureißen, es würde ihm nicht gut tun, womöglich sogar schaden. Nein, sie konnte Georg nicht von Albert erzählen."

Erzählt wird auf ebenso dramatische wie lapidare Weise von einem Leben, dessen ewiger Bezugspunkt das zerstörte Liebesideal ist. Nußbaumeder entgeht dabei der Gefahr, zu dick aufzutragen. Denn er nutzt keinerlei Geschmacksverstärker. Sein Stil ist schlank. Als Theatermann versteht er es, einen ausufernden Stoff effektvoll zu arrangieren. So kann er im überbordenden Material Akzente setzen. Es ist erstaunlich, wie Christoph Nußbaumeder mit diesem Verfahren nicht nur die Stimmung der Jahrhundertwende herausarbeitet. Mit der gleichen Sachlichkeit schildert er den materialistischen Geist der achtziger Jahre. Die bleierne Nachkriegszeit hat darin endgültig abgedankt. In der Figur von Gerlindes Verlobtem Lothar lässt er altes Ruhrpottproletariat auf die Münchner Unternehmerschickeria treffen. In den Tanzschuppen der Landeshauptstadt pudert man sich regelmäßig die Nase zu Depeche Mode. Doch der Geist der Achtziger ist heute ebenfalls passé. Auch diese Erkenntnis leistet der Roman. Weiß er zu Beginn noch über Georgs Geschäftspartner Hans zu sagen:

"Hans war sich sicher, dass alles, was die US-Amerikaner heute praktizieren, morgen auch in der Bundesrepublik Standard sein würde. ... Hielte sich der Staat mit seinen Eingriffen zurück und unterwürfe sich der Marktlogik, gäbe es weit weniger Chaos auf der ganzen Welt."

Es ist das endgültige Ende der Hippieära. Und auf Sonne folgte bekanntlich Reagan. Zumindest für das Unternehmertum der Sachwerte. Also die alte Schule. Georgs Strategieberaterin Frau Telkes prognostiziert ihrem Schützling schon Mitte der Achtziger:

"Viele Unternehmen und Politiker tun meine Bedenken als Hysterie ab, aber ich kenne die Zahlen und habe lange genug zutreffende Prognosen erstellt – der produzierende Sektor verliert Jahr um Jahr an Gewicht. Wir befinden uns bereits mitten im Zeitalter der Deindustrialisierung."

Die Buddenbrooks des Südens

Gerlinde wiederum verkörpert mit ihrer bescheidenen Lebensführung jenseits aller Illusionen und mit ihrem Interesse für eine Partei namens "Die Grünen" den skeptischen Teil der Gesellschaft. Geschickt lässt Nußbaumeder die unterschiedlichen Standpunkte aufeinandertreffen. Ähnlich wie in Thomas Manns "Buddenbrooks" verkörpert jedes Familienmitglied einen anderen Sozialtypus. Und jede Generation wird auf ihre eigene Weise desillusioniert. Dem Autor geht all das so leicht von der Hand, dass man nur Staunen kann, bisher nichts von ihm gehört zu haben. Während man sein Buch verschlingt, zieht die Geschichte der BRD noch einmal als luftiges Wolkengebinde an einem vorbei

Gerlindes Tod schließlich bringt die letzte Zäsur. Sie stirbt vollkommen mittellos in einer Sozialwohnung, die dem Firmenkonsortium ihrer großen Liebe Georg gehört. Ein Zufall, gewiss. Aber auch eine weitere Kapriole des Schicksals. Georg wird es erst mit Gerlindes Tod gelingen, von seinem zwanghaften Expansionsdogma abzulassen. In einer späten Lebensphase erst wird er von seinem Sohn erfahren, den Gerlinde zwar weggegeben, aber nicht wie ihr vom Vater befohlen abgetrieben hatte. Erst über den Umweg der Enkelin, die im Klimaschutz aktiv ist, wird sich die nicht gelebte Beziehung zu Gerlinde erfüllen. Und Georg wird vom zynischen Spekulanten wieder zum idealistischen Unternehmer

"... nur dass es dieses Mal nicht um Umsatz und Gewinn ging, sondern um die Rückzahlung seiner Schulden an die Gesellschaft."

"Vom Zocker zum Sozialisten", titelt die auflagenstärkste Tageszeitung der Region. Georg will 30000 Wohnungen aus seinem Besitz in eine genossenschaftliche Wirtschaftsform überführen. Werterhaltung vor Gewinnmaximierung. Das alles wirkt wie im Märchen. Nur, dass Nußbaumeder es nicht so klingen lässt. Jede seiner Schilderungen ist von Ambivalenzen begleitet. Der Mensch, verdammt zu der Idee, sein Schicksal lenken zu können, steht nackt vor dem Urteil des Lesers, der das Schöpferische wie auch das Klägliche an ihm erkennt.

Der Kreis schließt sich

"Die Unverhofften" lautet die letzte Kapitelüberschrift des Romans. Mit ruhiger Stimme kehrt Nußbaumeder darin wieder an den Anfang seiner Erzählung zurück. Zu Maria, die nach ihrer erfolgreichen Brandstiftung nach Amerika fliehen will. Sie kommt nicht sonderlich weit. Genauer gesagt nur in den Böhmischen Wald, wo schließlich Georgs Mutter das Licht der Welt erblickt. Auch hier ist das Schicksal doppelt konnotiert: Ein Sturz macht Maria reiseunfähig. Eine Zufallsbegegnung ermöglicht ihre Rettung. Und später sogar die große Liebe. Ein bisschen Unglaublichkeits-Effekt hat dieses Buch durchaus. Daran erkennt man den Theatermann Nußbaumeder. Mit dem Gespür des Dramatikers, der große Zeitsprünge in symbolträchtigen Szenen pointiert, hat er ein süddeutsches Familienepos geschrieben. Sein Personal lebt noch lange in den Köpfen der Leser fort.

Christoph Nußbaumeder: "Die Unverhofften"
Suhrkamp Verlag, Berlin. 667 Seiten, 25 Euro.

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