Mittwoch, 19.12.2018
 
Seit 10:10 Uhr Länderzeit
StartseiteKalenderblattVorbild und stiller Genießer05.08.2014

Conrad Potter AikenVorbild und stiller Genießer

Vor 125 Jahren wurde Conrad Potter Aiken geboren. Der Schriftsteller beeinflusste mit seiner Sprachmelodie und seiner virtuosen Handhabung moderner Schreibtechniken namenhafte amerikanische Autoren wie Truman Capote. Im Jahr 1930 erhielt er zudem den Pulitzer-Preis.

Von Christian Linder

Mehrere Bücher liegen auf drei Stapeln nebeneinander. (picture-alliance / dpa / Romain Fellens)
Conrad Potter Aiken beeinflusste namenhafte amerikanische Autoren. (picture-alliance / dpa / Romain Fellens)

"Wie leicht doch unsere kleine Welt in die Brüche gehen kann."

Conrad Aiken wusste, wovon er im ersten Satz seiner Erzählung "Gehenna" sprach: Als 11-Jähriger hatte er erlebt, wie in Savannah im amerikanischen Bundesstaat Georgia, wo er am 5. August 1889 als Sohn eines Arztes geboren worden wurde, sein Vater seine Mutter erschoss und anschließend sich selbst - das Bild hat ihn zeitlebens begleitet.

Studium in Harvard

Verwandte in Massachusetts nahmen sich anschließend des Jungen an, und er konnte die Universität in Harvard besuchen. Der Abschlussjahrgang des Jahres 1911 wurde später berühmt: Neben Aiken saß in der Bank T. S. Eliot und die beiden wussten, dass sie Schriftsteller werden wollten. Dass Aiken später nie den Weltruhm Eliots erhielt, lag vielleicht auch daran, dass er in seinem Aufbruch hinaus in die Welt sich nie nach vorn drängeln wollte. Conrad Aiken:

"Hänge dein Selbst in den Wind, dass er eindringe, / Lass dich wehen und zerwehen, wie eine Handvoll verdorrten Samens."

Das durch die Erinnerung an den gewaltsamen Tod der Eltern wach gehaltene Wissen um die ständig mögliche Bedrohung durch das Chaos und die Schwierigkeit, angesichts des haltlosen Verfließens der Zeit in sich selbst ein Gefühl für Kontinuität aufzubauen, hat solche Programmschriften mitgestaltet. Conrad Aiken:

"Falte die tapferen Flügel, / falle zurück ins Bodenlose, spüre die kalte Leere, / und ergründe die Dunkelheit des neu Erfassten."

Intellektuelle Literatur

Das Lernen und Begreifen-Wollen hat Conrad Aiken zu einem intellektuell hoch gebildeten Autor gemacht, der die antike Philosophie ebenso gut kannte wie die zu Beginn des 20. Jahrhunderts rasch sich ausbreitenden psychoanalytischen Forschungsergebnisse Sigmund Freuds oder die formalen Erneuerungen zum Beispiel in der Musik von Richard Strauss. Aiken sprach von seinen Texten gern als "Symphonien" und markierte seine theoretischen Positionen mit Begriffen wie "Kontrapunkt" oder "Implikation". "Präludium I" nannte er ein Gedicht:

"Der Schnee / Fällt langsam im Licht, Eiszapfen an der Mauer wie Messer;/ Der Wind wispert an der gesprungenen Scheibe,/ Kalt funkelt der Frost auf dem Sims. / Winter, denke ich einen Augenblick, wie ich Frühling / denken würde, / Wenn ich Krokus sähe oder ein Vogelpaar, / Oder Sommer im heißen Gras, oder Herbst, / wenn ein gelbes Blatt fällt. Winter ist draußen, er ist jenseits der Scheibe und in mir"

Geheimnis der Erinnerung

Die alte Vorstellung der Literatur, dass man eine unbegangene Schneefläche mit einem unbeschriebenen weißen Blatt Papier vergleichen kann, hat auch Aiken geliebt. Da versuchte er, sein Leben aufzuschreiben:

"Erzählen von gestern und gestern und gestern"

Aber dann kam es ihm vor, als liege die Erinnerung unter dem Schnee begra­ben:

"Es wäre ihm unmöglich gewesen zu sagen, ... warum es eigentlich geschehen war, oder warum es gerade zu jenem Zeitpunkt geschehen war ... Das Ganze war vor allen Dingen ein Geheimnis, ... und eben jenem Umstand verdankte es einen gewaltigen Teil seiner Köstlichkeit."

Vorbild und literarisches Erbe

Es war die Sprachmelodie zum Beispiel der Erzählung "Stiller Schnee, heimlicher Schnee", die nachfolgende amerikanische Autoren wie Truman Capote so fasziniert hat. Zu diesem Aiken-Sound gehörte auch die virtuose Handhabung moderner Schreibtechniken mit Perspektiv-Wechseln, aber nicht als technische Spielerei benutzt, sondern mit dem Ziel, herauszubekommen, was über ein Leben und die Identität eines Menschen im Zusammenhang all seiner Lebensbrüche sagbar ist. Die öffentliche Anerkennung, die sich zum Beispiel 1930 in der Verleihung des Pulitzer-Preises ausdrückte, hat Conrad Aiken still genossen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es auch äußerlich still um ihn - da hatte er gegen Ende seines Lebens - er starb 1973, wenige Tage nach seinem 84. Geburtstag - den Weg in seine Geburtsstadt Savannah in Georgia zurückgefunden. Sein Grab auf dem dortigen Friedhof wurde nach seinem Entwurf als Sitzbank gestaltet, um Besuchern und Wanderern für einen Augenblick Rast zu bieten. "Give my love to the world, gebt der Welt meine Liebe", verkündet die Inschrift, und "Cosmos Mariner - Destination Unknown, Kosmos Seemann - Ziel unbekannt".

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk