Donnerstag, 09. Dezember 2021

Constanze Klaue: "Ausgerechnet Mops!"Ein Hund als Lösung aller Probleme

Seit Opas Tod spielt Emils Familie verrückt: Papa spielt mit Murmeln, Mama malt im Hühnerstall, und Oma zieht ins Gartenhaus. Für Emil ist die Sache klar: Er braucht einen Hund, der die Familie wieder zusammenbringt. Constanze Klaue geht in ihrem Kinderbuchdebüt heiter an ein ernstes Thema heran.

Von Svenja Kretschmer | 23.01.2021

Ein Mops nimmt am 01.09.2013 in Wernau (Baden-Württemberg) am Mops-und Bulldoggenrennen teil. Rund 180 Möpse und Bulldogge nahmen am Rennen über die 50 Meter lange Strecke teil.
"Mehr Fledermaus als Hund" - Constanze Klaues Protagonist hatte sich sein neues Haustier anders vorgestellt (picture-alliance / dpa / Franziska Kraufmann)
Emil Motz ist der Protagonist in Constanze Klaues erstem Kinderroman "Ausgerechnet Mops!" und erzählt die Geschichte aus seiner Perspektive. Emil ist ein Mathe-Ass und erklärt sich die Welt mithilfe von Primzahlen, Listen und Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Umzug aufs Land

Familie Motz, das sind: Emil, seine Zwillingsschwester Paula, der große Bruder Viktor, seine Mutter, die als Künstlerin arbeitet, und der gegen alles Mögliche und Unmögliche allergische Vater. Nachdem Emils Opa gestorben ist, zieht Familie Motz spontan zur Oma aufs Land, um diese zu unterstützen. Nur will Oma gar keine Gesellschaft und zieht kurzerhand aus:
",Wenn ihr mich sucht, ich wohne jetzt im Gartenhaus', sagte sie und überreichte Papa die Schlüssel, ohne ihn dabei anzusehen. Das konnte sie nämlich nicht mehr, weil Papa die gleichen Augen wie Opa hat und Oma beim Hinsehen sofort wieder weinen musste. Das war jedenfalls Mamas Theorie. Ob sie stimmte, kann ich nicht genau sagen, aber ich fand sie sehr schlüssig, obwohl ich mich gleichzeitig darüber ärgerte, weil ich vorher nie an Opa gedacht hatte, wenn ich Papa sah. Das war jetzt anders."

Tabu "Sperrzone"

Die Trauer ist stets präsent, zeigt sich aber bei jedem Familienmitglied auf völlig andere, meist komische Art und Weise. Während der Vater melancholisch wieder mit Murmeln spielt, malt die Mutter nur noch im Hühnerstall. Paula zieht bei ihrer neuen Freundin Rosa ein, Viktor ärgert Emil nicht mehr, und Oma isst nur noch Gerichte aus Konservendosen. Emil selbst hat seit Opas Tod einen schrecklichen Kloß im Hals, weshalb er nur noch Haferschleim essen kann. Einig sind sich die Familienmitglieder nur in einem: im Meiden der "Sperrzone", Opas Zimmer im ersten Stock, in dem er gebastelt und gewohnt hat und schließlich auch gestorben ist.
"Die Idee, dass der Opa gerade gestorben ist, die hatte ich am Anfang noch nicht und hab halt gemerkt, dass ich selber auch sehr kindlich und unbeholfen bin, einfach weil ich selber gar keine Berührung mit dem Tod hatte. Und das war dann so ein Thema, wo ich natürlich dann auch in dem Jungen gesehen habe: Ok, in dem Verhalten liegt auch viel von mir drin. Natürlich ist das auch der Großvater, das darf man auch nicht vergessen, das ist jetzt natürlich auch nicht ein Elternteil, sondern da ist ja auch nochmal eine Distanz zu. Das fand ich aber spannend, weil natürlich das nochmal viel viel lebendiger macht als eine Depression eines Kindes oder eine Depression zu beschreiben. Und bei den Eltern ist das natürlich nochmal anders. Der Vater hängt schon mehr in einer Art Depression drin. Und bei der Mutter ist das natürlich auch nochmal eine andere Art von Trauer, und bei der Oma erst recht."

Humor gegen die Trauer

Der Schmerz und die Hilflosigkeit der Familie werden schnell deutlich. Dennoch schafft es Constanze Klaue, mit einem liebevollen Blick auf die Figuren und mit viel Witz, die Handlung heiter und spannend zu gestalten.
Dieser Humor ist es auch, der sich in den Illustrationen von Barbara Jung wiederfindet: Heitere Bilder, Emils geliebte Listen und illustrierte Hundeweisheiten runden die Geschichte atmosphärisch ab. Constanze Klaue sagt:
"Ich komme sehr schnell in den Humor rein. Der kommt oft von selbst. Immer wenn ich versuche, ernst zu schreiben oder ernste Themen zu bearbeiten, nervt mich das meistens irgendwann selber, dieses sehr Schwere, und oft kommt ein Witz raus."

Schule als willkommene Zerstreuung

Der Umzug aufs Land bringt für Emil einen Schulwechsel mit sich. Mit der Ablenkung im Unterricht kommt endlich auch sein Hunger wieder. Und er erhält die Sondererlaubnis, schon nach der ersten Schulstunde zu frühstücken. Der Segen entpuppt sich allerdings schnell als Fluch, denn sein neuer Klassenkamerad Ole isst Emils Brote einfach auf.
"Auf jeden Fall dachte ich, ich sehe nicht richtig, als mir der große, dicke Junge mit seinen schmierigen Pfoten meine ganze Stulle aus den Händen riss, in einem Bissen runterwürgte, mich dabei blöd angrinste und dann auch noch meinte: ,Schmeckt voll gut, Motzi! Kannste morgen wieder mitbringen.' Motzi?!
Anstatt schleunigst abzudampfen, reichte er mir seine Wurstflosse und schüttelte meinen ganzen Arm einmal kräftig durch. ,Ich bin Ole. Musste dir merken.' Und ob ich mir den merken würde! Mann, hatte der vielleicht Nerven!"
"Der ist einfach nicht von Grund auf sympathisch. Der tut einem so ein bisschen leid, das ist so eine Form von Mitgefühl. Das muss der erstmal lernen, der ist ja so ein bisschen das wohlstandsverwahrloste Kind."
Eine klare Einteilung der Charaktere in Gut und Böse gibt es nicht. Das lässt dem Leser die Möglichkeit, die Charaktere selbst zu hinterfragen und zu verstehen. Constanze Klaue lässt sie in pointierten Dialogen sprechen.
Constanze Klaue: "Ausgerechnet Mops"

Zu sehen ist das Buchcover: Ein Mops steht auf einem grünen Sessel, im Maul eine rot-schwarze Schnur, die um den Fuß eines Jungen geknotet ist. Der Junge schaut hinter dem Sessel hervor und das eine Bein hängt über die Sessellehne
Constanze Klaue: "Ausgerechnet Mops" (Cover: Verlag dtv junior)

Ein Hund als Lösung

Neben interessanten Figuren, viel Humor und dem Thema Trauerverarbeitung bietet Constanze Klaues Debütroman auch ein richtiges Abenteuer. Als in Emils Klasse der Haustiertag angekündigt wird, sieht Emil darin die Lösung all seiner Probleme: Er braucht einen Hund. Und zwar einen möglichst großen. Ein Hund würde ihm in der Schule Respekt und Bewunderung einbringen, seine Traurigkeit vertreiben und die Familie endlich wieder zusammenbringen.
Wie gut, dass Weihnachten vor der Tür steht und Emil weiß, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Hund zu bekommen, volle 100 Prozent beträgt, wenn er nur diesen einen Wunsch aufschreibt. Dass seine Eltern keine Vierbeiner mögen und der Vater auf Hunde allergisch reagiert, spielt in seiner Rechnung keine Rolle.
Tatsächlich stößt Emil aber ganz anders als geplant auf ein Haustier. Im Wald findet er einen ausgesetzten Hund.
"Und was tat ich? Ich stand starr wie ein Eisblock im Wald, unfähig, mich zu bewegen, und glotzte das Tier an.
Warum denn nur, wird sich der eine oder andere von euch fragen. Weil er sein Glück nicht fassen konnte? Weil sein Hundetraum doch noch nicht ausgeträumt war? Weil er sogar recht mit seiner Wahrscheinlichkeitsrechnung gehabt hatte? Nein, Leute, nicht deswegen.
Die richtige Antwort lautet: Weil es ein Mops war. Versteht ihr? Kein großer, königlicher, weicher, goldener, schlappohrtragender, ballverrückter Wolfshund. Nein, im Gegenteil. Vor mir saß ein grunzendes, glupschäugiges, faltiges, schrumpeliges, dreckfarbenes, undefinierbares kleines Wesen, das mehr Ähnlichkeiten mit einer mutierten Fledermaus hatte als mit einem Hund."

Versteck Sperrzone

Obwohl ein Mops in Emils Augen nicht als richtiger Hund zählt, nimmt er ihn mit nach Hause und kommt dabei so sehr in die Bredouille, dass es schließlich nur noch ein Versteck für den Mops gibt: die gefürchtete Sperrzone.
"Die Sperrzone ist natürlich, wo derjenige gestorben ist und wo sich eben keiner ran traut. Und das ist ja auch letztendlich das, was die ganze Familie die ganze Zeit macht, und sie kommen nicht zusammen. Sie kommen erst zusammen in dem Moment, wo der Erste dieses Klebeband abreißt und diesen Raum betritt."

Abenteuerroman und Familiendrama

"Ausgerechnet Mops!" ist ein Buch voller origineller Charaktere, die durch ihre Vielschichtigkeit, Fehler und Menschlichkeit auffallen, voller witziger Ideen und Details. Es ist Abenteuerroman und Familiendrama in einem und vereint die Themen Trauer, Verantwortungsbewusstsein und Familiendynamik miteinander, ohne dabei an Leichtigkeit zu verlieren.
Constanze Klaue: "Ausgerechnet Mops!"
Mit Illustrationen von Barbara Jung
dtv Junior, München. 272 Seiten, 12,95 Euro, ab 9 Jahren.