Dienstag, 24. Mai 2022

Folgen der Corona-Pandemie
"Wir sehen signifikante Anstiege von Angst, Depressionen und Stressbeschwerden"

Angst spiele in der Coronakrise weiter eine große Rolle, sagte der Psychologe und Psychotherapeut Jürgen Margraf im Dlf. Wenn Angst lange anhalte, könne daraus eine Depression werden. Im Interview erklärte er die Ursachen der Angst - und mögliche Gegenstrategien.

Jürgen Margraf im Gespräch mit Kathrin Kühn | 13.01.2022

Symbolfoto Maskenpflicht
Symbolfoto Maskenpflicht (picture alliance / Geisler-Fotopress)
Die Corona-Pandemie bringt viele Belastungen mit sich. Bei jüngeren Menschen seien zum Teil dramatische Probleme zu beobachten, warnte Jürgen Margraf im Deutschlandfunk. Er ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum. Es gebe inzwischen erste Hinweise auf eine Zunahme von Suizidversuchen bei Jugendlichen. „Es gibt neue Zahlen, die eine Vervielfachung der Notaufnahmen durch Suizidversuche in den entsprechenden Stationen in Deutschland zeigen“, sagte Margraf. Bei kleineren Kindern nähmen eher die Ängste zu, bei älteren Kindern und Jugendlichen die Depressionen.
Beim Thema Angst gehe es auch um Kontrolle, erklärte Margraf. "Wenn ich Dinge meine kontrollieren zu können, dann beunruhigen sie mich deutlich weniger." Menschen, die die geltenden Corona-Regeln für sinnvoll hielten, gehe es besser. Das zweitbeste, wenn Kontrolle nicht möglich sei, sei Vorhersagbarkeit. Deshalb sei beispielsweise eine gute Kommunikation der Corona-Maßnahmen wichtig. "Wenn einheitlich und konsequent kommuniziert wird, dann sind die Leute auch bereit, das mitzumachen." Das sei der Mehrheit der Bevölkerung. Die Maßnahmengegner seien in der Minderheit - und ihnen gehe es schlecht: "Die fühlen sich absolut belastet, gestresst und haben das Gefühl, sie hätten keine Kontrolle. Sie greifen nach jedem Strohhalm, der ihnen verspricht, etwas zu verstehen, und seien es auch Verschwörungstheorien."

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Das Interview im Wortlaut:

Kathrin Kühn: Welche Rolle spielt Angst jetzt aktuell auch im Jahr zwei der Pandemie?
Jürgen Margraf: Angst spielt weiterhin eine Rolle. Und jede neue Information, die kommt, kann uns entweder beruhigen oder je nachdem auch wieder neu, akut ängstlich machen. In vielen Fällen ist es so, wenn Angst lange anhält, dass daraus dann auch eine Depression werden kann. Und das zeigen unsere Daten. Wir sehen signifikante Anstiege von Angst, Depressionen und Stressbeschwerden über die Zeit.
Kühn: Wenn Sie das so auf den Tisch legen jetzt, könnten Sie dann, bevor wir das weiter vertiefen, vielleicht einmal kurz erklären, was ist das überhaupt, Angst - also auf den einzelnen Menschen bezogen?
Margraf: Angst ist eine Emotion, ein Gefühl. Und sie hat einen ausgesprochen hohen Überlebenswert. Sie warnt uns vor Gefahren und bereitet rasches Handeln vor. Das hängt auch damit zusammen, dass wir mehrere Phasen der Angst haben. Und die erste automatische Reaktion ist unglaublich schnell. So schnell, dass Sie noch nicht mal richtig nachgedacht haben. Wenn das Denken dazukommt, dann ändert sich auch noch mal die Angstreaktion. Wir sind jetzt in Bezug auf die Pandemie natürlich in einer Situation, wo sehr viel Denken und nicht immer logisches Denken dabei ist.
Kühn: Macht es denn dann ein Unterschied, ob die Angst bei einem selbst entsteht oder eben ob da viele, viele Dinge von außen auf eine bestimmte Weise an mich herangetragen werden, die dann angstmachend sind?
Margraf: Wir sind als Menschen soziale Wesen. Für uns ist es ganz wichtig, was andere Menschen tun, denken und wie sie sich verhalten. Es gibt auch solche Phänomene wie eine Ansteckung von Emotionen. Und das ist gerade bei Angst auch gut gezeigt. In unserer Entwicklungsgeschichte war es ein großer Vorteil, dass wir als Gruppe gehandelt haben. Das hat unser Überleben deutlich verbessert. Von daher ist es auch so, dass wir wirklich darauf reagieren, wenn andere Leute Angst haben. Aber es kann auch ganz ohne das Zutun anderer zu Ängsten kommen. Und beides wirkt dann zusammen. Und das ist genau das, was wir im Moment sehen. Wir haben insbesondere große Probleme bei Menschen, die sich sehr stark in den sogenannten sozialen Medien orientieren, die also gefilterte oder verzerrte Informationen von außen bekommen.

Besonders große Probleme bei Kindern und Jugendlichen

Kühn: Sie haben das ja auch ganz am Anfang gesagt. Sie beobachten eine Zunahme der Angst. Wenn es jetzt mal nicht nur auf die Medien bezogen sind, gibt es da bestimmte Bereiche? Also wo beobachten Sie zurzeit besonders große Probleme?
Margraf: Wir sehen besonders große Probleme tatsächlich eher bei den jüngeren Menschen. Und da ist es teilweise sogar sehr dramatisch. Insbesondere die Kinder und Jugendlichen sind in einer Phase, wo die „Peers“, die Gleichaltrigen, ihre soziale Umwelt besonders wichtig ist. Es gibt inzwischen Zahlen, die zeigen, dass je länger die Schulschließungen angedauert haben, desto stärker auch dann die Probleme mit psychischen Auffälligkeiten sind. Und da zählt auch die Angst dazu. Wir haben auch, wenn das länger anhält, und das ist ja leider so, einen Alterseffekt. Bei kleineren Kindern sind es eher Ängste, die zunehmen. Bei Älteren und Jugendlichen sind es eher die Depressionen. Und wir haben auch schon erste Hinweise darauf, dass entgegen dem allgemeinen Trend wir inzwischen eine Zunahme von Suizidversuchen bei den Jugendlichen sehen. Davon sind besonders die Mädchen betroffen.
Kühn: Haben Sie da vielleicht Zahlen oder zumindest Trends? Dass man das mal so ein bisschen einschätzen kann?
Margraf: Ja. Wir hatten eigentlich einen langjährigen Trend mit einer Abnahme von Suizidalität. Aber der ist bei Mädchen schon seit einer Weile durchbrochen worden durch die sogenannten sozialen Medien. Im ersten Jahr der Pandemie und unmittelbar davor hat es interessanterweise einen Rückgang gegeben. Und dann gab es einen drastischen Anstieg. Es gibt neue Zahlen von Kollegen aus dem Essener Uniklinikum, Pädiatern, die eine Vervielfachung tatsächlich der Notaufnahmen durch Suizidversuche in den entsprechenden Stationen in Deutschland zeigen.

"Kommunikation muss klar, nachvollziehbar und konsistent sein"

Kühn: Angst nimmt also in Teilen der Gesellschaft zu und das ist ja nicht gerade eine gute Ausgangslage für die Bewältigung der Pandemie. Wenn man da jetzt etwas verhindern will, dass das noch schlimmer wird, worauf kommt es dann an? Was sind da Hebel?

Margraf: Bei der Angst ist immer ganz wichtig, ob ich wahrgenommene Kontrolle habe. Wenn ich Dinge meine, kontrollieren zu können, dann beunruhigen sie mich deutlich weniger. Das zweitbeste, wenn Kontrolle nicht möglich ist, ist Vorhersagbarkeit. Beides korreliert hoch miteinander. Also typischerweise sind Dinge, die ich vorhersagen kann, auch eher Dinge, die ich kontrollieren kann. Aber manchmal kann es auch auseinanderklaffen. Bei der Pandemie zum Beispiel ist es dann ganz wichtig, dass ich das Gefühl habe, ich kann selber etwas tun, ich kann aktiv bewältigen. Und um dieses Gefühl entstehen zu lassen, muss ich erstens Vorhersagbarkeit erzeugen. Das heißt, die Kommunikation muss klar, nachvollziehbar und konsistent sein, darf nicht widersprüchlich sein. Zweitens muss ich Dinge haben, die ich selber tun kann; also beispielsweise die A-H-A-Regeln oder Masketragen oder Ähnliches trägt dazu bei, dass ich selber etwas tun kann. Und ich sollte mich damit auseinandersetzen und sollte zu einer Entscheidung kommen, dass ich das nicht tue, weil es vorgeschrieben wird, sondern weil ich selber es sinnvoll finde und es mir hilft. Wir haben übrigens Daten, die genau das zeigen. Menschen, die sagen, sie finden diese Regeln sinnvoll, denen geht es deutlich besser. Sie haben erheblich weniger Angst. Sie haben erheblich weniger Depressionen - und sie haben auch erheblich weniger Stressbeschwerden.

"Das Gefühl, sie hätten keine Kontrolle"


Kühn: Das heißt dann, es kommt wirklich tatsächlich darauf an, die Lage besonders gut zu kommunizieren und auch sicher, Unwägbarkeiten und Nichtwissen zu kommunizieren, damit Menschen nicht im Nachhinein entdecken: Mensch, das war ja irgendwie sehr wacklig. Jetzt habe ich das drei Wochen lang gemacht - und es stimmt irgendwie gar nicht, weil vielleicht in der Anfangskommunikation auf diese Unwägbarkeiten nicht hingewiesen worden ist. Ist das auch ein wichtiger Punkt?
Margraf: Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Es ist ja so, dass wir nie wirklich vollkommen abschließendes Wissen haben, sondern es ist ein immer weitergehender Prozess ist. Das ist vielen Menschen nicht so ganz so klar gewesen. Wenn einheitlich und konsequent kommuniziert wird, dann sind die Leute auch bereit, das mitzumachen. Das ist die übergroße Mehrheit der Bevölkerung. Die, die jetzt in den Medien so eine hohe Aufmerksamkeit bekommen - das ist eine kleine Minderheit. Und denen geht es übrigens ziemlich schlecht. Die fühlen sich absolut belastet, gestresst und haben das Gefühl, sie hätten keine Kontrolle. Sie greifen nach jedem Strohhalm, der ihnen verspricht, etwas zu verstehen, und seien es auch Verschwörungstheorien.

Sport treiben und Medienkonsum einschränken

Kühn: Mein Eindruck ist es gibt auch Menschen, die aus all dieser Angst jetzt in unserer Gesellschaft, die im Raum steht, nicht mehr so richtig rauskommen, die quasi darin gefangen sind, die dann, wenn darüber gesprochen wird, dass das Virus vielleicht endemisch wird und dass es nicht mehr das Ziel sein kann, sich auf ewig dagegen abzuschotten - ja, dann quasi sieht man ihnen die Panik in den Augen auch an. Beobachten Sie so etwas auch? Und was wäre dann der Rat?
Margraf: Ja, wir beobachten das auch. Es ist wie üblich so, dass etwa zwei Drittel der Leute sehr gut klarkommen, ein Drittel weniger gut. Bei denen kann man wieder zwei Hälften sehen. Die einen sind einfach verunsichert. Bei den anderen hingegen gibt es richtig starke Reaktionen, und da greift man dann nach jedem Strohhalm an Informationen. Und da haben wir jetzt leider mit dem Internet und den sogenannten sozialen Medien eine Riesenblase, die dann auch sehr negative Dinge verstärken können.
Kühn: Und was wäre Ihr Rat? Was sollte man machen?
Markgraf: Für denjenigen, der sich gefangen fühlt in der Situation, der das Gefühl hat, er durchschaut das nicht und so weiter, würde ich wirklich empfehlen - erstens, sich aktiv zu betätigen, körperlich aktiv zu betätigen. Zweitens den Medienkonsum einzuschränken. Drittens - eine klare Qualitätskontrolle bei den Informationsquellen. Irgendetwas, was irgendwer gesagt hat, ist weniger zuverlässig als das, was Sie in Qualitätsmedien lesen. Und das zeigt sich gerade in dieser Situation ganz besonders drastisch.

"Das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken"

Kühn: Herr Margraf zum Abschluss - was wäre Ihr Appell an uns alle, wenn Sie einen haben?
Margraf: Der Appell wäre tatsächlich, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken, soweit das geht. Zu sehen, wir sitzen hier in einem Boot, wir sitzen auf einem Planeten. Wenn ich sehe, wie wir mit dieser Krise umgehen, dann denke ich mit einem gewissen Schaudern eigentlich an den Umgang mit so etwas wie der Klimakrise, wo die Konsequenzen noch viel langfristiger sind. Was es also schwieriger macht, damit umzugehen. Das werden wir nur schaffen, wenn wir auf das Gemeinsame achten und nicht auf das Spaltende.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.