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StartseiteInterview"Bis 2021 warten, bis er überhaupt verfügbar ist"18.03.2020

Corona-Impfstoff"Bis 2021 warten, bis er überhaupt verfügbar ist"

Für die aktuelle Corona-Infektionswelle werde ein Impfstoff noch nicht verfügbar sein, sagte Marylyn Addo, Leiterin der Infektiologie an der Uniklinik Hamburg Eppendorf, im Dlf. Die Medikamententestung laufe nun auch langsam an - sie sei zuversichtlich, dass die Wissenschaft diesen Virus besiege.

Marylyn Addo im Gespräch mit Stefan Heinlein

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Ein Arzt impft am 13.11.2019 einen Patienten  (picture alliance / Robert Guenther)
Es wird noch einige Zeit dauern, bis ein Impfstoff gegen den Corona-Virus zur Verfügung stehe, sagte die Medizinerin Marylyn Addo (picture alliance / Robert Guenther)
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Es seien viele wissenschaftliche Gruppen weltweit mit der Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Corona-Virus beschäftigt, sagt Marylyn Addo, Leiterin der Infektiologie an der Uniklinik Hamburg Eppendorf, im Dlf. Eine so dynamische Entwicklung wie beim Corona-Virus sei selten, so Addo.

Die internationale Zusammenarbeit sei sehr gut, auch Forschungsmittel seien kein limitierender Faktor. Wie lange die Entwicklung eines Impfstoffes dauere, sei schwer zu schätzen.

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Bei einzelnen Heilversuchen habe ein Medikament gegen das Coronavirus gute Verträglichkeit gezeigt und auch schon Therapieerfolge. Das werde nun in systematisch kontrollierten Studien noch weiter untersucht.

Das Interview in ganzer Länge

Stefan Heinlein: Sie haben vor Jahren erfolgreich an der Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Ebola-Virus mitgearbeitet. Ist nun das Corona-Virus bislang Ihr härtester Gegner?

Marylyn Addo: Nein, das würde ich nicht sagen. Es gibt viele Erreger, für die wir immer noch keine Impfstoffe haben, zum Beispiel HIV, Malaria. Das sind alles Erreger, die mindestens genauso hart, wenn nicht härter sind in der Impfstoff-Erforschung. Aber eine Situation, die sich so dynamisch entwickelt, hatten wir bisher selten.

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Heinlein: Wann haben Sie und Ihr Team angefangen, nach einem Impfstoff gegen das Corona-Virus zu forschen?

Addo: Diese Entwicklung hat ja immer mehrere Stufen. Eigentlich unmittelbar nach Bekanntgabe der Virus-Sequenz haben unsere Partner in München, allen voran Herr Professor Sutter in München begonnen, ein Impfstoff-Konstrukt zu bauen. Das geht jetzt durch die verschiedenen Phasen der Entwicklung und unsere Arbeitsgruppe beschäftigt sich dann fast mit dem Ende der Entwicklung, und zwar der Testung am Menschen.

Heinlein: Wann war das? Wann haben Sie die Nachricht bekommen?

Addo: Anfang Februar.

"Wir haben mit Sorge nach China geschaut"

Heinlein: Haben Sie zu diesem Zeitpunkt schon die Dramatik der Entwicklung erkannt?

Addo: Ich muss ganz ehrlich sagen: Am Anfang des Jahres habe ich die Information über eine E-Mail bekommen und habe dann noch meine Mitarbeiter oder meine Kollegen darauf hingewiesen und gesagt, guckt mal, ein neues Corona-Virus. Zu dem Zeitpunkt war mir das Ausmaß der Situation, die wir jetzt heute haben, nicht als Szenario im Kopf oder im Blick.

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Heinlein: Wann haben Sie es verstanden, so wie wir alle erst in den vergangenen Tagen?

Addo: Wir haben schon mit Sorge nach China geschaut und dann gesehen, wie das über verschiedene Länder in Asien oder in verschiedenen Hotspots in der Welt sich weiter ausgebreitet hat und sehr schnell. Und natürlich haben wir auch nach Italien geschaut. Insofern: Wir haben es jetzt kommen sehen, aber auch erst in den letzten Wochen

Heinlein: Was ist jetzt notwendig, damit die Entwicklung eines Impfstoffes möglichst schnell und erfolgreich erfolgen kann, Frau Professor?

Addo: Es sind ja viele wissenschaftliche Gruppen international unterwegs und versuchen, einen Impfstoff zu entwickeln. Da gibt es verschiedene Impfstoff-Ansätze. Die einen sind schneller im Labor zu generieren als andere und können deswegen auch schneller in die menschliche Testung gehen. Verschiedene Impfstoff-Konstrukte haben verschiedene Vor- und Nachteile. Die einen sind gut herzustellen, die anderen sind vielleicht ein bisschen wirksamer. All diese Sachen müssen jetzt in den nächsten Monaten geklärt werden und dann geht die normale Entwicklung los. Wir müssen schauen, macht der Impfstoff das, was er machen soll, im kleinen Tiermodell, ist er sicher, und erst wenn gewisse Phasen der Entwicklung durchlaufen sind, können wir dann den Impfstoff auch im Menschen testen.

"Momentan steht die Konkurrenz überhaupt nicht im Fokus"

Heinlein: Viele Forscher sind weltweit unterwegs, um einen Impfstoff zu entwickeln, haben Sie gerade gesat. Gibt es da eine Zusammenarbeit? Ist man da ein globales Team? Oder gibt es auch Konkurrenz unter den Wissenschaftlern, wer da als erster erfolgreich ist?

Addo: Ich glaube, momentan steht die Konkurrenz überhaupt nicht im Fokus. Informationen werden sehr transparent ausgetauscht. Es werden internationale Konsortien gebildet. Zum Teil haben die in anderen Impfstoff-Programmen schon zusammengearbeitet. Man kann aufbauen auf gemeinsamer anderer Arbeit. Zum Beispiel unser Konsortium hat schon einen Impfstoff gegen ein anderes Corona-Virus mit auf den Weg gebracht oder entwickelt das gerade. Da wird Hand in Hand gearbeitet.

Heinlein: Bekommen Sie ausreichend Geld von staatlicher Seite, damit die Entwicklung möglichst rasch und erfolgreich vorangeht?

Addo: Die Bereitstellung von Forschungsgeldern ist momentan kein limitierender Faktor.

Addo: Können Sie eine Zahl nennen, wie lange es denn dauern wird, bis ein Impfstoff tatsächlich entwickelt wird und flächendeckend eingesetzt werden kann? Das ist ja die große Frage.

Addo: Ja, und das ist auch ganz schwierig zu beantworten. Was man jetzt zumindest sagen kann ist, dass der erste Impfstoff gegen Corona-Virus jetzt im Menschen zum ersten Mal angewandt wurde, und diese Sicherheitstestungen und auch die Testungen, ob Antikörper generiert werden, die sind jetzt gerade losgegangen. Das heißt, das ist schon mal sehr, sehr früh, wenn wir uns überlegen, dass wir erst im März sind und erst seit Dezember das Virus kennen. Man könnte sich vorstellen, dass die nächsten Studien zu diesem Impfstoff Ende des Jahres in der Weiterentwicklung sind, und dass man es flächendeckend einsetzen kann, würde ich sagen, ist frühestens Ende 2021. Wir müssen schon noch bis 2021 warten, bis es überhaupt verfügbar ist.

"Für die akute Welle wird dieser Impfstoff nicht verfügbar sein."

Heinlein: Kommt, Frau Professor Addo, ein Impfstoff in jedem Fall zu spät für die akute, für die aktuelle Infektionswelle? Müssen wir uns damit abfinden, dass tatsächlich sich die Mehrheit der Bevölkerung – die Rede ist ja von 60 bis 70 Prozent – über kurz oder lang mit dem Corona-Virus infiziert?

Addo: Ja. Für diese, jetzt akute Welle, die uns gerade bevorsteht in Deutschland, wird dieser Impfstoff nicht verfügbar sein. Das haben wir ja auch schon in den letzten Wochen so projiziert. Aber wir wissen ja nicht, wie dieser Erreger mit uns weiterleben wird in den nächsten Jahren. Es kann sein, dass der saisonal auf uns zukommt und vielleicht immer im Winter wieder bei uns ist, oder auch bei uns bleibt. Auch wenn dieser Impfstoff für dieses Jahr nicht verfügbar sein wird, aber er wird vielleicht für die kommenden Jahre dann zur Verfügung stehen.

  (Felix Kästle / dpa ) (Felix Kästle / dpa )Im schlimmsten Fall "knapp 500.000 zusätzliche Tote" Das Beispiel Italien zeige, was für Deutschland noch zu erwarten sei, sagte der Virologe Martin Stürmer im Dlf.



Heinlein: Wenn dieser Impfstoff für die kommenden Jahre erst zur Verfügung steht, gibt es denn Hoffnung, dass ein Medikament möglicherweise schneller entwickelt werden kann?

Addo: Die Medikamentenentwicklung oder auch die Medikamententestung vor allem läuft ja auch in Studien jetzt langsam an. Da gibt es Substanzen, die schon zugelassen sind, die momentan für den Einsatz bei COVID überprüft werden, und es gibt auch die Möglichkeit, Heilversuche mit Substanzen, die schon bei anderen Viren oder im Tiermodell oder im Reagenzglas Aktivität gezeigt haben, einzusetzen. Das haben wir heute schon.

Heinlein: Es gibt Meldungen – Sie sind die Wissenschaftlerin, ich bin nur ein Journalist -, dass ein Ebola-Wirkstoff wirksam gegen das Corona-Virus eingesetzt werden kann. Ist das Fakt oder Fake?

Addo: Es ist Fakt, dass die Substanz eingesetzt wird in der Behandlung für das neue Corona-Virus. Wir haben noch keine Studien, keine kontrollierten Studien diesbezüglich, aber in einzelnen Heilversuchen hat die Substanz eine gute Verträglichkeit gezeigt und auch schon Therapieerfolge. Das wird jetzt in systematischen kontrollierten Studien auch hier in Deutschland an drei Zentren noch mal genauer untersucht.

"Bin zuversichtlich, dass wir auch diese Situation gut meistern werden."

Heinlein: Ist das Tempo der Entwicklung auch ein Risiko für Sie als Forscher, egal ob es um einen Impfstoff oder um ein Medikament geht? Übergeht man die Tierversuche, verzichtet man weitgehend darauf und probt am Menschen direkt die Wirkstoffe?

Addo: Nein! Ganz genau das passiert ja nicht. Deswegen werden wir den Impfstoff zum Beispiel auch nicht in dieser Saison noch zur Verfügung haben, weil man da keine Abkürzungen nehmen kann. Gerade auch bei Impfstoffen geben wir diese Substanz ja Menschen, die gesund sind. Da wollen wir natürlich keinen Schaden anrichten und deswegen werden die ganz genau überprüft. Da wo vielleicht Zeit eingespart wird, das ist vor allem in den regulatorischen Dingen. Früher hat man vielleicht ein Dossier zur Überprüfung bei der Behörde eingelegt und dann musste man erst mal warten, bis alle Daten zusammen waren, und jetzt nehmen sie auch schon mal die Daten, die jetzt generiert werden, schauen sich die an und warten dann auf die nächsten. Aber Abkürzungen werden nicht genommen.

Heinlein: Wenn wir einen Strich unter unser Gespräch ziehen, Frau Professor Addo – es gibt Hoffnung, dass die Wissenschaft diesen Virus besiegt?

Addo: Ja, das sehe ich auf jeden Fall so. Das ist auch eine Chance. Wir haben jetzt viele Infektionen, wir können Medikamente testen, und wir haben Corona-Viren schon vorher in Ausbrüchen gehabt. Wir haben ja auch schon mit anderen Corona-Viren hier in Deutschland gelebt. Insofern bin ich zuversichtlich, dass wir auch diese Situation gut meistern werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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