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StartseiteSprechstundeKönnen Geimpfte andere Menschen weiter anstecken?04.05.2021

Corona-ImpfungenKönnen Geimpfte andere Menschen weiter anstecken?

Die Große Koalition hat Lockerungen der Corona-Maßnahmen für vollständig Geimpfte beschlossen. Nach ersten wissenschaftlichen Berichten soll von ihnen kaum noch ein Ansteckungsrisiko ausgehen. Aber wie infektiös sind Geimpfte tatsächlich noch und welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen?

Von Volkart Wildermuth

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Kräne sind auf einer Baustelle hinter einer Hinweistafel auf den Weg zum Impfzentrum zu sehen. Die Infektionszahlen steigen, gleichzeitig fallen geplante Impfungen mit dem Impfstoff Astrazeneca aus. (dpa / picture alliance / Rolf Vennenbernd)
Neue Mutationen bergen die Gefahr, dass eine Impfung oder eine überstandene Corona-Infektion nicht so wirksam vor einer Ansteckung mit dieser Variante schützt (dpa / picture alliance / Rolf Vennenbernd)
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Die Impfungen gehen mit zunehmendem Tempo voran. Inzwischen haben bereits rund acht Prozent der Bevölkerung (Stand 04. Mai 2021) ihre zweite Dosis erhalten und sind damit fast vollständig geschützt – vor der Krankheit Covid-19 und zum Teil wohl auch vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2. Fast 30 Prozent der Deutschen haben zudem immerhin die erste Impfdosis erhalten.

Was ist tatsächlich schon wissenschaftlich zum Übertragungsrisiko durch Geimpfte bekannt? Ein Überblick.

Wie wirksam sind die Impfungen?

Die gute Nachricht: Wer zweimal mit Astrazeneca, Moderna oder Biontech geimpft wurde, erkrankt mit einer hohen Wahrscheinlichkeit nicht mehr an Covid-19. Jedoch bietet kein Impfstoff einen 100-prozentigen Schutz vor einer Erkrankung. Zudem gibt es das Phänomen Longcovid. Dabei entwickeln Menschen Monate nach der Infektion plötzlich doch noch schwere Symptome. Es besteht die Hoffnung, dass die Impfung auch dieses Phänomen künftig verhindert.

Impfen zielt jedoch nicht nur auf den individuellen Schutz, sondern auch auf den Schutz der anderen. Bei SARS-CoV-2 gilt es jedoch als unwahrscheinlich, dass durch eine Impfung die sogenannte "sterile Immunität" erreicht wird – das Virus also durch die Immunisierung überhaupt nicht mehr in den Körper gelangt. Es ist durchaus möglich, dass sich SARS-CoV-2 in der Nase von Geimpften festsetzen kann, bevor das Immunsystem reagiert.

Wie infektiös sind Geimpfte noch?

Da mit der Impfung gegen SARS-CoV-2 keine "sterile Immunität" erreicht wird, besteht theoretisch die Möglichkeit, dass Geimpfte andere mit dem Virus infizieren. In der Praxis geschieht das aber eher selten. Das zeigen erste Daten zum breiten Einsatz der Impfstoffe aus Israel, aus Großbritannien und den USA. Alle deuten in eine Richtung: Wo viel geimpft wurde, verlangsamt sich auch die Ausbreitung des Virus.

In Israel wurden Personen untersucht, die trotz einer Impfung positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden. Das waren zum einen nur wenige, vor allem aber lag bei ihnen die Virenbelastung nur bei einem Viertel des Durchschnittswertes.

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Eine noch nicht abschließend begutachtete Studie versucht das anhand von Daten zu fast 400.000 Haushalten in Großbritannien genauer zu fassen. Dabei zeigte sich, dass wenn sich jemand trotz Impfung angesteckt hat, er oder sie das Virus nur halb so häufig an andere Personen im Haushalt weitergab. Also Geimpfte stecken sich deutlich seltener selbst an und sie geben das Virus auch seltener weiter. 

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In den USA wurden zudem fast 4.000 Pflegekräfte und andere Menschen aus früh geimpften Gruppen über 13 Wochen begleitet, jede Woche getestet und mit nicht geimpften Personen verglichen. Dabei stellte man fest, dass es in der Gruppe der Geimpften 90 Prozent weniger Infektionen gab – und zwar einschließlich asymptomatischer Infektionen. Das bedeutet: Das Risiko, als Geimpfte oder Geimpfter das Virus weiterzugeben, ist sehr gering.

In einer Studie des Robert Koch-Institutes heißt es: "Nach gegenwärtigem Kenntnisstand ist das Risiko einer Virusübertragung durch Personen, die vollständig geimpft wurden, spätestens zum Zeitpunkt ab dem 15. Tag nach Gabe der zweiten Impfdosis geringer als bei Vorliegen eines negativen Antigen-Schnelltests bei symptomlosen infizierten Personen." Es bleibt demnach ein Restrisiko, das liegt aber in einem Bereich, den wir als Gesellschaft bei den Tests bereits akzeptieren.

Der Fall in Leichlingen

Obwohl alle Bewohner geimpft sind, kam es in einem Seniorenheim in Leichlingen (NRW) zu einem größeren Corona-Ausbruch. Der Düsseldorfer Virologe Jörg Timm hat sich das genauer angesehen und aus dem zeitlichen Verlauf der Infektionen schließt er, dass das Virus nicht von einem Heimbewohner zum nächsten weitergereicht wurde, sondern dass eine oder zwei hoch infektiöse Person von außen gleich ein Dutzend Personen trotz der Impfung anstecken konnte. Es deutet also nichts darauf hin, dass die Heimbewohner selbst hoch ansteckend waren.

Blick auf das Seniorenheim Pilgerheim Weltersbach in Leichlingen, im Vordergrund ist ein Schild mit der Aufschrift "Pilgerheim Weltersbachr" zu sehen (imago/ Tim Ölbermann) (imago/ Tim Ölbermann)Erkenntnisse aus dem Seniorenheim in Leichlingen
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Unklar ist, ob es sich um ein einzelnes Superspreading Ereignis handelte, oder ob vielleicht jemand vom Personal über ein Paar Tage Menschen infizieren konnte. Und wichtig ist: In Leichlingen kam es trotz der vielen Infektionen nicht zu schweren Verläufen. Damit hat der Fall dank der Impfungen einen ganz anderen Verlauf als Corona-Ausbrüche in Heimen zu Beginn der Pandemie.

Wie gefährden die Mutationen den Fortschritt?

Klar ist, dass es Varianten gibt, bei denen die Impfwirkung nicht so gut ist. Das hat man in Südafrika beobachtet, in Brasilien, und es deutet sich auch in Indien gerade an, wobei da die Situation noch unklarer ist. In diesen Ländern kommt es wegen der Mutationen wieder vermehrt zu Ansteckungen unter Geimpften.

Doch auch wenn es vermehrt wieder zu Ansteckungen unter Geimpften kommt, so scheinen die Impfungen zumindest schwere Verläufe auch bei den Varianten weitgehend zu verhindern. Allerdings gibt es hier nur für wenige belastbare Daten aus der Bevölkerung.

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Ein entscheidender Punkt ist auch, dass ein Impfschutz nicht zwangsläufig ewig hält. Es kann gut sein, dass nach einem Jahr eine weitere Dosis notwendig ist, vielleicht mit einem an die dann umlaufenden Varianten angepassten Impfstoff. Für die Logistik der globalen Impfkampagne würde so eine dritte Dosis eine erhebliche Herausforderung darstellen.

Deshalb ist es so entscheidend, die Infektionszahlen deutlich abzusenken. Das ist der effektivste Weg, das Risiko für Ansteckungen nach einer Impfung zu senken und damit auch die Entstehung von Varianten hinauszuzögern. Dabei sind die Impfungen ein Element, aber eben nur eines.

Beginnt mit der Impfung die große Freiheit?

Die Bundesregierung hat vorgeschlagen, Geimpfte mit denjenigen gleichzustellen, die einen aktuellen negativen Schnelltest vorweisen können. Geimpfte könnten somit auch ohne Schnelltest einkaufen gehen und müssten nach einer Reise nicht in Quarantäne. Auch die Ausgangssperre, Quarantänepflichten nach Reisen und die Kontaktbeschränkungen sollen für Geimpfte und Genese nicht mehr gelten. Abstandsgebote und Maskenpflicht sollen aber in der Öffentlichkeit aufrechterhalten werden.

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Aktuell sind die Intensivstationen wieder mit knapp 5.000 Covid-19-Patienten belegt, und zwar im Durchschnitt mit Menschen in der Lebensmitte. Tendenz steigend. Das heißt für alle Bürgerinnen und Bürger: Einschränkungen ernst nehmen und Kontakte reduzieren. Denn auch wenn die Schutzwirkung der Impfstoffe groß ist, besteht immer noch ein Restrisiko.

Das lässt sich mit einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Angenommen eine Person ist durch eine Impfung zu 90 Prozent geschützt. Vor der Impfung hat diese Person regelmäßig nur eine andere Person getroffen. Trifft sie nun nach der Impfung regelmäßig zehn Menschen, ist das Risiko sich anzustecken, rein mathematisch gleichgeblieben. Der Schutz vor schweren Verläufen ist zudem deutlich besser. Aber: Die Menge der Kontakte erhöht das Risiko der Verbreitung. 

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Das Robert Koch-Institut empfiehlt eindeutig: Geimpfte Personen sollten "bis auf Weiteres Maske tragen, sich an die Hygiene- und Abstandsregeln halten" – eben, um andere vor einer Ansteckung zu schützen.

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