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StartseiteInterviewÖkonom erwartet Wachstum im Jahr 202131.12.2020

Corona und KonjunkturÖkonom erwartet Wachstum im Jahr 2021

Trotz Corona-Pandemie erwartet der Ökonom und Wirtschaftsweise Lars Feld eine wirtschaftliche Erholung in Deutschland. Eine Drei vorm Komma beim Wirtschaftswachstum sei 2021 möglich, sagte er im Dlf. Zugleich rechnet er mit einer leichten Steigerung der Arbeitslosenquote.

Lars Feld im Gespräch mit Jörg Münchenberg

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Eine Frau geht mit Einkaufstaschen durch die Kölner Fußgängerzone in der Schildergasse (picture alliance/dpa/Oliver Berg)
Unternehmen und Konsumenten wüssten sehr genau wissen, dass Geld nicht einfach unendlich verfügbar sei, so der Ökonom (picture alliance/dpa/Oliver Berg)
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Deutschland sei wirtschaftlich bislang ganz gut durch die Coronakrise gekommen, sagte der Freiburger Ökonomie-Professor und Wirtschaftsweise Lars Feld im Deutschlandfunk. Der Lockdown im Frühjahr, der ja deutlich stärker gewesen sei als das, was gerade in diesem Winterhalbjahr ablaufe, sei nicht so stark wie in anderen Ländern gewesen.

Berlin, Interview, Marcel Fratzscher ist ein deutscher Ökonom. Er leitet seit 1. Februar 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin. (dpa / Kai-Uwe Heinrich) (dpa / Kai-Uwe Heinrich)Wirtschaft in der Corona-Pandemie - "Eine Pleitewelle ist unvermeidbar"
Die Coronakrise könnte Deutschland laut einer Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung rund 400 Milliarden Euro kosten. DIW-Chef Marcel Fratzscher sagte im Dlf. Im nächsten Jahr drohe vielen Unternehmen die Insolvenz.


Das Interview in voller Länge: 

Jörg Münchenberg: Vor der Sendung habe ich über das schwierige Wirtschaftsjahr 2020 mit dem Chef der Wirtschaftsweisen, mit Lars Feld gesprochen und ihn zunächst gefragt, wie Deutschland die Coronakrise bislang aus seiner Sicht gemeistert hat.

Lars Feld: Ich kann das nur wirtschaftlich beurteilen. Ich denke, was die gesundheitlichen Entwicklungen anbetrifft, muss man das ja im späteren Verlauf erst einmal absehen, aber wirtschaftlich können wir bisher sagen, dass es Deutschland noch ganz gut vermocht hat, durch die Krise zu kommen. Der Lockdown im Frühjahr, der ja deutlich stärker war als das, was wir gerade in diesem Winterhalbjahr erleben, war dann trotzdem nicht so stark wie in anderen Ländern.

Eine Frau in einem Schutzanzug steht am 05.12.2020 in einer Coronvirus-Teststation in Saalfelden, Österreich, vor einer grünen Wand (imago images / Eibner Europa) (imago images / Eibner Europa)Wie Epidemien die Gesellschaften präg(t)en
Die politischen Maßnahmen gegen Corona ähneln denen vergangener Zeiten, sagte der Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven im Dlf. Abschottung und Quarantäne habe es schon bei Seuchen in der Frühmoderne gegeben.

Beispielsweise in Frankreich und Italien ist die Wirtschaft viel stärker runtergefahren worden als bei uns, und dadurch wird es letztlich auch eine Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland geben, das im europäischen Vergleich noch relativ moderat ist, bei 5,1 Prozent Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts werden wir wohl liegen.

Weit enfernt von Restriktionen im Frühjahr

Münchenberg: Nun wird ja schon über eine Verlängerung des gegenwärtigen Lockdowns diskutiert, der Trend ist ja ziemlich eindeutig. Es wird wohl eine Verlängerung der Auflagen und Beschränkungen über den 10. Januar hinaus geben. Was heißt das dann für die Konjunkturentwicklung?

Feld: Nun, wir hatten vonseiten des Sachverständigenrats in unserer Prognose vom Herbst schon berücksichtigt, dass ein milder Lockdown, wie er im November Bestand hatte, über das gesamte Winterhalbjahr andauern würde. Jetzt haben wir schon etwas schärfere Restriktionen als im November, aber wir sind noch weit davon entfernt, ähnlich starke Restriktionen zu bekommen wie im Frühjahr 2020. Insbesondere sind die Grenzen noch offen, es wird im Moment zwar auch über die Schulen diskutiert, aber wenn die Schulöffnung und die Kitaöffnung nach dem 10. Januar einsetzen könnte, dann sind die Auswirkungen dieses Lockdowns im Winterhalbjahr nicht besonders stark.

Lars Feld, Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung "Wirtschaftsweisen" steht vor dem Walter-Euken-Institut. (dpa / picture alliance / Patrick Seeger)Der Ökonom Lars Feld ist Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – den sogenannten Wirtschaftsweisen (dpa / picture alliance / Patrick Seeger)

Es würde schon so sein, dass jetzt im vierten Quartal 2020 und im ersten Quartal 2021 wohl negative Quartalswachstumsraten resultieren, aber für den weiteren Verlauf 2021 kann man dann schon auch von mehr Dynamik ausgehen. Ich würde sagen, im Vergleich zur Prognose des Sachverständigenrates vom November von plus 3,7 Prozent muss man wohl mit etwas niedrigerem Wachstum rechnen, aber eine drei vorm Komma ist möglich.

Münchenberg: Die Börsen, muss man sagen, sind ja schon sehr zuversichtlich, es sind die alten Höchststände eigentlich schon wieder erreicht worden. Wie ist das einzuschätzen, nehmen die Entwicklungen vorneweg oder hilft da auch das Geld, das billige, der Zentralbanken?

Feld: Das ist beides. Einerseits sind die Börsen zuversichtlich, weil sie denken, dass wir dann im Laufe des Jahres 2021 durch die Pandemie durch sind, dass die Impfstoffe ihre Wirkung tun, und zwar nicht nur im Hinblick auf die Immunität der Bevölkerung, sondern auch vor allem wirtschaftlich, dass man also ohne weiteren Lockdowns dann auskommen kann. Das ist die eine Seite. Man muss andererseits aber durchaus auch sehen, dass die Liquidität, die im Markt ist, sehr, sehr hoch ist, die Notenbanken haben die Märkte mit viel Liquidität ausgestattet. Hinzu kommen die stark expansiven fiskalpolitischen Maßnahmen, das wirkt sich entsprechend aus.

"Das ist alles in allem sehr gut gelaufen"

Münchenberg: Sie haben ja gesagt, Herr Feld, Sie rechnen eigentlich mit einer ganz guten Entwicklung im nächsten Jahr, also über drei Prozent vermutlich, aber mit was für einer Entwicklung rechnen Sie für den Arbeitsmarkt? Man muss ja sagen, bislang hat das teure Kurzarbeitergeld ja schon geholfen, es gibt bislang ja keine Massenarbeitslosigkeit in Deutschland.

Feld: Das ist richtig. Wir haben mit dem Kurzarbeitergeld einen Mechanismus, der schon von vornherein automatisch wirkt, und die Bundesregierung hat dann auch noch schnell reagiert und den Zugang zum Kurzarbeitergeld erleichtert, die Fortführung dieser Regelungen dann auch ins Jahr 2021 beschlossen. Das ist alles in allem sehr gut gelaufen, und man darf davon ausgehen, dass Kurzarbeiter nicht zwingend in die Arbeitslosigkeit fallen, wenn dann auch mal die Kurzarbeit zu Ende sein sollte. Ich würde davon ausgehen, dass wir im kommenden Jahr noch einmal eine leichte Steigerung der Arbeitslosenquote erleben müssen, aber auch das würde nicht heißen, dass wir in Massenarbeitslosigkeit abdriften.

Münchenberg: Nun hat der Staat ja immens viel Geld in die Hand genommen, um Corona abzumildern, um den Menschen, den Bürgern, den Unternehmen zu helfen. 160 Milliarden waren es 2020, 180 sind es vermutlich für 2021. Ist das Geld aus Ihrer Sicht gut investiert worden? Es gab ja schon den Vorwurf auch, dass zum Beispiel Soloselbstständige zunächst außen vor waren, aber Tui und Lufthansa mit Milliarden unterstützt worden sind. Also hat die Balance bislang aus Ihrer Sicht gestimmt?

Feld: Nun, ob die Balance stimmt, das ist eine ganz schwierige Frage. Einerseits muss man ganz klar sagen, für Zeiten wie diese, für so schwere Rezessionen führt man in guten Zeiten die Konsolidierung durch. Das heißt, die Schuldenbremse hat dahingehend günstig gewirkt, dass sie enorme finanzpolitische Spielräume bereithält, sodass der Staat jetzt auch kräftig dagegenhalten kann, und das ist in so einer Phase absolut richtig, also so eine stark expansive Fiskalpolitik zu machen, ist richtig. Da reden wir dann über die Volumina, und wir werden dann auch sehen, in welchen Größenordnungen das nachher wirklich finanzwirksam wird. Es steht ja viel Geld im Schaufenster, aber so viel fließt dann am Ende auch gar nicht ab und wird auch nicht zwingend genutzt, wenn wir beispielsweise an Garantien und Bürgschaften denken. Was die einzelnen Instrumente anbetrifft, na ja, da kann man viel diskutieren.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Ich versuche das mal ganz knapp abzuschichten: Einerseits sind die frühen Maßnahmen, die im Frühjahr 2020 getroffen wurden, überwiegend günstig zu beurteilen. Kurzarbeitergeld hatten wir schon, auch die Liquiditätsmaßnahmen, KfW auf Kreditbasis, Zuschussbasis gab’s auch, haben relativ gut gewirkt. Und ich finde schon auch die Mittel im Wirtschaftsstabilisierungsfonds richtig, weil man wusste, es gibt Unternehmen, die ohne Eigenkapital nicht auskommen, insbesondere die Lufthansa. Im weiteren Verlauf der Konjunkturpakete, da ist schon ein bisschen Schatten mit dabei. Es ist mehr Licht als Schatten, aber es gibt eben auch umstrittene Maßnahmen, beispielsweise die temporäre Umsatzsteuersenkung, die nicht ganz die großartige konjunkturpolitische Wirkung entfaltet hat, die man sich erhoffte.

Münchenberg: Herr Feld, was macht das mit einer Gesellschaft, auch mit einer Wirtschaft, wenn der Eindruck – vermeintlich muss man sagen – vermittelt wird, Geld spielt faktisch keine Rolle? Schafft das nicht auch unendliche Begehrlichkeiten oder zumindest einen Gewöhnungseffekt, dass im Zweifel der Staat dann schon helfen wird?

Feld: Nun, die Begehrlichkeiten sind ja immer da, und wenn der Staat die Bremsen lockert oder gar löst und man deutlich schneller fährt in der Finanzpolitik, dann will halt jeder auch so schnell wie möglich draufspringen, viel aus den dann doch geöffneten Finanztöpfen haben. Das ist ganz normal, dass das stattfindet. Ich habe trotzdem den Eindruck, dass sowohl die Unternehmen als auch die Bürger als Konsumenten und Arbeitnehmer im Land sehr genau wissen, dass Geld nicht einfach unendlich verfügbar ist und dann irgendwann auch wieder restriktivere Maßnahmen ergriffen werden müssen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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