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StartseiteForschung aktuellMessungen sind den Infektionszahlen um Tage voraus22.04.2021

Coronaviren im AbwasserMessungen sind den Infektionszahlen um Tage voraus

Das Coronavirus taucht zuverlässig auch im Abwasser auf. Messungen in Kläranlagen sind den offiziellen Corona-Testergebnissen um mehrere Tage voraus. So lässt sich abschätzen, wie sich die Infektionszahlen weiterentwickeln. Der Krisenstab im Landkreis Berchtesgadener Land nutzt das bereits.

Von Hellmuth Nordwig

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Gereinigtes Wasser strömt in das Filtrationsbecken eines Klärwerks (picture-alliance / Christian Beutler)
Abwasser in einer Kläranlage (picture-alliance / Christian Beutler)
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Genau wie bei Nasen- oder Rachenabstrichen können Forschende das Erbgut des Coronavirus auch in Abwasserproben finden. Sie setzen dabei ebenfalls die PCR-Methode ein und fahnden nach mehreren virustypischen Genen. Für Jörg Drewes, Professor für Siedlungswasserwirtschaft an der TU München, liegt der Vorteil dieses Verfahrens darin, "dass wir bei diesem Abwassermonitoring die Gesamtbevölkerung erfassen. Also, es muss sich keiner entschließen, einen Test machen zu wollen oder nicht. Sondern jeder, der auf Toilette geht - und jeder muss mal auf Toilette - wird durch dieses Abwassermonitoring erfasst".

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Bis zu zehn Tage sind die Wissenschaftler den Ämtern voraus

Und die Daten sind innerhalb eines Tages ausgewertet. Sie zeigen den Trend damit deutlich früher als die Zahlen der Gesundheitsämter. Bis zu zehn Tage sind die Wissenschaftler den Ämtern voraus, hat Jörg Drewes in mehreren bayerischen Städten herausgefunden, und auch im Kreis Berchtesgadener Land. Dort, im äußersten Südosten Deutschlands, war die Inzidenz während der zweiten Welle zeitweise bundesweit am höchsten.

"Wir sehen dann auch eine Änderung der Infektionsdynamik", sagt Drewse. "Also: Gehen die Fallzahlen hoch in den nächsten Tagen, gehen sie runter, bleiben sie auf dem gleichen Niveau? Und: Decken sich die Befunde, die wir messen im Abwasser, mit den Fallzahlen, die berichtet wurden, oder sind sie viel höher? Das würde für eine Dunkelziffer sprechen."

Auch Mutanten des Virus nachweisbar

In den Landgemeinden hat der Wissenschaftler keine solche Dunkelziffer entdeckt. Anders sieht es in Städten aus. Zum Beispiel in Frankfurt am Main, wo Susanne Lackner Proben nimmt. Sie ist Professorin an der TU Darmstadt und erforscht vor allem die Mutanten des Virus. Ihre aktuellen Abwasserdaten zeigten schon Anfang Januar "was auch das Robert-Koch-Institut mittlerweile berichtet, nämlich, dass B.1.1.7, also die 'britische Variante', sich durchsetzt in Deutschland. Wir sehen das an Frankfurt. Und wir sind im Moment auch Teil eines EU-weiten Ringversuchs, bei dem man auch in anderen europäischen Städten sieht, dass die Tendenz ähnlich ist. Was sich auch abzeichnet: dass die 'brasilianische Variante' und die 'südafrikanische Variante' schon in Europa definitiv auch verbreitet sind, wenn auch noch deutlich geringer als die britische."

In anderen Ländern nutzen die Behörden das Verfahren bereits intensiv, etwa in Spanien oder Frankreich. Daten aus den Niederlanden sind sogar laufend online abrufbar. In Deutschland dagegen wird gerade erst geklärt: Wer ist zuständig für ein Abwasser-Monitoring? Die Umwelt- oder die Gesundheitsbehörden? Und was soll aus den Messergebnissen folgen?

In Deutschland "noch ausbaufähig"

"Das ist, wie bei so vielen Dingen in Deutschland, sicher noch ausbaufähig. Dadurch, dass es jetzt von der EU eine Empfehlung gibt, dieses Abwassermonitoring auch wirklich umzusetzen, hat sich viel getan in den letzten Wochen, auch in Deutschland. Es wird intensiv diskutiert und überlegt, wie man es umsetzen kann. Und ich bin mittlerweile wieder ganz optimistisch, dass wir das auch umgesetzt bekommen."

Vorerst bleibt es aber bei lokalen Initiativen. Etwa im Berchtesgadener Land, wo Jörg Drewes Daten auf Gemeindeebene erhält. Sind sie auffällig, können sogar Proben von Kanälen aus einzelnen Straßen genommen werden. Der Krisenstab in der Kreisstadt Bad Reichenhall konnte so schon mehrfach rasch handeln, erklärt Drewes.

"Das kann begleitet werden durch Abstriche vor Ort. Gibt es dort einen Betrieb, der viele Menschen beschäftigt? Dort ist man hingegangen, hat mit dem Betriebsarzt gesprochen und Abstriche gemacht. Und tatsächlich einen asymptomatischen positiven Fall rausgezogen im Frühstadium eines potenziellen Infektionsgeschehens. Wir hatten einen Vorfall, wo wir auch sehr hohe Befunde gesehen haben und wir konnten das tatsächlich einordnen auf einen Ortsteil, einen Straßenzug, in dem unerlaubterweise ein Straßenfest stattgefunden hat, und im Nachgang war die gesamte Straße infiziert."

Technisch funktioniert die Methode also längst, da sind sich die Forschenden auf der Tagung einig. Sie wünschen sich, dass sie jetzt auch flächendeckend eingesetzt wird. 

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