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StartseiteInterview"Es gibt schon Indizien für einen islamistischen Hintergrund"23.05.2017

CSU-Politiker Mayer zum Anschlag in Manchester"Es gibt schon Indizien für einen islamistischen Hintergrund"

"Dieser Anschlag ist ein schwerer und brutaler Schlag ins Mark Großbritanniens und des britischen Volkes", sagte der CSU-Politiker Stephan Mayer im DLF. Im Internet werde der Terroranschlag vom Islamischen Staat bereits als Erfolg gefeiert. Den Unterhaus-Wahlkampf jetzt auf unbestimmte Zeit auszusetzen, sei die richtige Reaktion.

Stephan Mayer im Gespräch mit Christine Heuer

Stephan Mayer (CSU) äußert sich am 16.01.2017 vor der Sitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums (PKGr) im Deutschen Bundestag in Berlin. Er steht vor einem Mikrofon. (dpa / picture alliance / Bernd von Jutrczenka)
Der Anschlag in Manchester zeige eindringlich, dass Deutschland genau wie Großbritannien und andere westliche Länder im Fokus des islamistischen Terrorismus stehen, sagte der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Stephan Mayer im DLF. (dpa / picture alliance / Bernd von Jutrczenka)
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Christine Heuer: Am Telefon begrüße ich Stephan Mayer, den innenpolitischen Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion und Mitglied in der deutsch-britischen Parlamentariergruppe. Guten Morgen, wenn man das so sagen kann heute Früh, Herr Mayer.

Stephan Mayer: Guten Morgen, Frau Heuer. Grüß Gott.

Heuer: Mit welchen Gefühlen haben Sie von Manchester gehört heute Früh?

Mayer: Ich bin natürlich morgens erschüttert gewesen, als ich zum ersten Mal diese Nachricht gehört habe. Natürlich gilt mein Mitgefühl vor allem den Opfern, mein herzliches Beileid den Angehörigen, aber nicht nur den Angehörigen, dem gesamten britischen Volk. Wenn man weiß, wie sehr schon in den letzten Wochen und ja Jahren Großbritannien gelitten hat unter terroristischen Anschlägen, dann kann man ungefähr ermessen, wie schwer und brutal dieser Schlag jetzt ins Mark Großbritanniens und des britischen Volkes ist.

"Indizien für islamistischen Terror"

Heuer: Es hat lange keinen so großen Anschlag in Großbritannien gegeben, vielleicht auch einfach deshalb, weil man Glück hatte und Schlimmeres verhindern konnte. Was bedeutet das? Was bedeutet das für die Bürger in Großbritannien und für die Politik, dass man jetzt sieht, das bleibt nach wie vor möglich?

Mayer: Das bedeutet aus meiner Sicht mit Sicherheit, dass Großbritannien jetzt in Schockstarre verfallen wird. Großbritannien befindet sich ja gerade im Unterhaus-Wahlkampf. Ich halte es für vollkommen richtig, diesen Wahlkampf erst einmal komplett auf unbestimmte Zeit auszusetzen. Aber ich habe Großbritannien und die Briten auch so kennengelernt, dass sie dann nach so einem Schlag auch wieder aufstehen können und sich auch wieder sammeln können.

Es ist natürlich jetzt schwer zu verstehen oder schwer nachzuvollziehen, wenn man sagt, man darf sich von so einem schweren terroristischen Anschlag nicht unterkriegen lassen, weil natürlich jeder sich vorstellen kann, wie es einem geht, wenn man auf Großveranstaltungen geht, auf Konzerte, und dieser Vorfall zeigt natürlich auch sehr eindringlich, dass wir nach wie vor, Deutschland genauso wie Großbritannien und viele andere westliche Länder, im Fokus des islamistischen Terrorismus stehen. Es gibt natürlich jetzt noch kein offizielles Bekennerschreiben des sogenannten Islamischen Staates, aber dieser schreckliche Anschlag wird offenkundig von Islamisten, vom sogenannten Islamischen Staat im Internet als Erfolg gefeiert, so dass es durchaus schon Indizien dafür gibt, dass dieser Terroranschlag islamistischen Hintergrund hat.

"Briten können nicht sofort zur Tagesordnung übergehen"

Heuer: Herr Mayer, Sie haben gerade gesagt, Sie finden es richtig, dass der Wahlkampf ausgesetzt ist in Großbritannien. Ich habe mich heute Morgen gefragt, ob das wirklich richtig sein kann, weil das ja auch heißt, dass Terroristen einen geradezu unmittelbaren Einfluss auf europäische Politiker nehmen können. Ist das wirklich das richtige Signal?

Mayer: Ich glaube, es wäre der britischen Bevölkerung jetzt schwer vermittelbar, wenn man nach einem derartigen heftigen und von der Dimension jetzt schon wieder exorbitanten Anschlag sofort zur Tagesordnung zurückkehren würde und sich – das soll nicht despektierlich klingen – im Klein-Klein des Unterhaus-Wahlkampfes verzetteln würde. Ich glaube, dass die Erwartungshaltung auch der Briten ist, dass man jetzt erst mal innehält, auch genügend Raum gibt für Trauer, auch für die Aufarbeitung dieses schrecklichen Ereignisses, und ich bin schon der Auffassung, man ist dies insbesondere auch den Opfern und den Verletzten, denen natürlich auch all unser Mitgefühl gilt, jetzt schuldig, dass man nicht sofort zur politischen Tagesordnung zurückkehrt.

Das bedeutet natürlich nicht gleichermaßen, dass man jetzt politische Entscheidungen beeinflussen lassen darf durch derartige islamistische Anschläge. Ich bin mir auch sehr sicher, dass die Premierministerin dies auch nicht zulassen wird, und auch die unterschiedlichen politischen Parteien in Großbritannien sind stark genug und selbstbewusst genug, dass sie sich jetzt hier nicht unterminieren lassen von diesen perfiden Anschlägen oder von diesem schrecklichen Anschlag, wahrscheinlich von Islamisten oder von einem islamistischen Selbstmordattentäter begangen. Aber jetzt ist, glaube ich, schon erst einmal auf unbestimmte Zeit Raum für Trauer und für Mitgefühl zu geben.

"Islamisten wollen eine möglichst große Opferzahl"

Heuer: Herr Mayer, wir kriegen hier gerade ganz viele Eilmeldungen. Die Zahl der Toten ist auf 22 gestiegen. Und die Eilmeldungen sagen, es waren darunter viele Kinder. In der Tat ist ja das Konzert in Manchester gerade von jungen Besuchern besucht worden. Welche Botschaft steckt darin, gerade diese, die Jungen anzugreifen?

Mayer: Ich habe schon den Eindruck, dass die Islamisten sich ihre Ziele bewusst suchen. Wenn am 19. Dezember letzten Jahres ganz bewusst in Berlin ein Weihnachtsmarkt Ziel eines Anschlags ist, wenn, wie Sie richtigerweise sagen, jetzt ein Popkonzert Opfer oder Ziel des Anschlags ist mit vielen jugendlichen Besuchern, dann geht es aus meiner Sicht den Islamisten schon insbesondere darum, eine möglichst große Opferzahl zu treffen. Es geht ihnen nicht um bestimmte Individuen, aber es geht ihnen, denke ich, schon auch darum, bewusst zu zeigen, dass sie uns, die westliche Welt, westliche Demokratien in ihrem Mark treffen wollen, in ihrer angestammten Lebensweise. Der Besuch eines Weihnachtsmarktes, der Besuch eines Popkonzertes, das Reisen, das Aufsuchen eines Flughafens gehört zum alltäglichen Leben von den meisten von uns, und das ist aus meiner Sicht schon eine bewusste Botschaft, wenn man es so vielleicht formulieren darf, die von diesen schrecklichen, perfiden islamistischen Attentätern ausgeht.

Zusammenarbeit in Europa weiter verbessern

Heuer: Es handelt sich offenbar auch um einen Selbstmordattentäter. Das ist in Europa jetzt jedenfalls nicht der Regelfall. Steckt darin auch eine Botschaft?

Mayer: Ja, es ist mit Sicherheit so, dass es nach wie vor in vielen westlichen Ländern leider immer wieder verquere Köpfe gibt unter den Islamisten, die bereit sind, ihr eigenes Leben zu opfern, um eine möglichst große Zahl von anderen Menschen mit in den Tod zu ziehen, und das zeigt natürlich aus meiner Sicht auch, es ist zwar heute noch viel zu früh, konkrete Rückschlüsse zu ziehen, aber dass die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden, der Nachrichtendienste innerhalb Europas von unerlässlicher Bedeutung ist.

Es war zwar in Großbritannien bislang immer so, dass ein Großteil der Attentäter in Großbritannien aufgewachsen ist, viele sogar auch in Großbritannien geboren wurden. Es bleibt jetzt abzuwarten, welche Erkenntnisse die Ermittlungsbehörden zu Tage fördern, was die Hintergründe des konkreten Selbstmordattentäters anbelangt. Ich möchte mich hüten vor schnellen Rückschlüssen, aber ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass die Zusammenarbeit innerhalb Europas durchaus auch an der einen oder anderen Stelle noch verbessert werden kann.

Heuer: Stephan Mayer, innenpolitischer Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, deutsch-britischer Parlamentarier. Ich danke Ihnen sehr, dass Sie sich heute Früh so spontan Zeit für uns genommen haben, Herr Mayer.

Mayer: Bitte schön. Alles Gute.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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