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Donnerstag, 18.07.2019
 
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Dan Jones „Die Templer“

Sie begannen als Pilger, kämpften als Kriegermönche - und endeten als Ketzer auf dem Scheiterhaufen: die Templer. Dicht an den Quellen erzählt der britische Historiker und Journalist Dan Jones die Geschichte ihres Aufstiegs bis hin zu ihrem spektakulären Untergang.

Von Otto Langels

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Buchcover/Hintergrund: Gemälde der Kapitelversammlung der Templer (Buchcover C.H.Beck Verlag/ Hintergrund picture alliance Kapitelversammlung der Templer)
Der britische Historiker Dan Jones erzählt in seinem Buch die Geschichte der Templer (Buchcover C.H.Beck Verlag/ Hintergrund picture alliance Kapitelversammlung der Templer)
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Kirchengeschichte Das Geheimnis der Tempelritter

In dem Film "Der Da Vinci Code", der Hollywood-Verfilmung des gleichnamigen Thrillers von Dan Brown, ist die Rede von einer geheimen Bruderschaft, die in der Nachfolge des mittelalterlichen Templerordens stehe. Um die im zwölften Jahrhundert gegründeten Templer ranken sich zahlreiche Legenden und Verschwörungstheorien, die bis in die Gegenwart reichen. Sie beflügeln die Phantasie von Schriftstellern ebenso wie die Vorstellungswelt eines mexikanischen Drogenkartells, das sich Tempelritter nennt. Auch der norwegische Terrorist Anders Breivik, der 77 Menschen ermordete, bezeichnet sich als Mitglied einer neubelebten internationalen Templerzelle.

Mit all diesen pseudohistorischen Geschichten räumt der britische Historiker Dan Jones in seinem Buch über die Templer auf. "Nichts davon entspricht der Wahrheit", schreibt Jones. "Zwar werden häufig Fragmente angeblicher Belege mit passenden Textlücken der historischen Überlieferung zusammengestückelt, um ‚Beweise‘ für eine fake history der Templer beizubringen, doch man kann nicht genug betonen, dass nahezu alle Theorien eines Überlebens der Templer sich entweder auf fiktionale Literatur stützen oder schlicht frei erfunden sind."

Dan Jones hält sich dagegen an die Fakten und schildert in einer spannend geschriebenen Darstellung, wie der im Jahr 1119 auf den Prinzipien von Keuschheit, Gehorsam und Armut gegründete Orden zu einer der einflussreichsten Institutionen des Mittelalters aufsteigen konnte.

Templer entdeckten Marktlücke

Die Templer waren ein Produkt der Frömmigkeit. Im zwölften Jahrhundert gehörten Fahrten ins Heilige Land zu den vornehmsten christlichen Pflichten. Zugleich aber waren die Pilgerreisen mit Gefahren verbunden, führten sie doch in eine feindliche islamische Welt: "Unannehmlichkeiten und Leid wurden für nötig gehalten, um die Erlösung der Seele und die Vergebung der Sünden zu erlangen. Doch konnte man nicht unendlich viele Leichen mit aufgeschnittenen Kehlen und zerstückelten Gliedmaßen am Straßenrand aufhäufen."

Dies war die Stunde der Templer. Sie entdeckten, salopp gesagt, eine Marktlücke als bewaffnete Begleiter kreuzfahrender Christen. Sie waren, wie ihnen eine Urkunde aus dem Jahr 1137 bescheinigte, verantwortlich für die Verteidigung von Jerusalem und den Schutz der Pilger.

Unter Hugues de Payns, dem Gründer und ersten Meister der Templer, und seinen Nachfolgern gewann der Orden nach bescheidenen Anfängen rasch an Einfluss und Reichtum, im Nahen Osten wie in Europa. Die Templer stiegen zu einer Art globalem Unternehmen auf. Ihr Markenzeichen: ein rotes Kreuz auf weißem Grund.

Dan Jones schreibt: "Ihre Würdenträger zählten Könige und Fürsten, Patriarchen und Päpste zu ihren Freunden - und Feinden. Der Orden half bei der Finanzierung von Kriegen, streckte das Lösegeld für Könige vor, regierte Städte, […] stellte Armeen auf, nahm an Privatkriegen gegen andere Ritterorden teil, führte politische Attentate aus und betätigte sich als Königsmacher."

Erfrischende und facettenreiche Erzählung

All das, was Dan Jones hier kursorisch aufzählt, schildert er ausführlich in einer chronologischen Darstellung. Er schreibt erfrischend und facettenreich, eindrücklich und mit erzählerischem Geschick; und manchmal auch mit ausschmückender Phantasie, etwa wenn er die herannahende Streitmacht des islamischen Anführers Saladin ausmalt:

"Der Staub, der von Saladins gewaltiger Armee bei ihrem Marsch aufgewirbelt wurde, genügte, um den hellsten Morgen in trübe Dämmerung zu verwandeln. ‚Manchmal stöhnte die Erde unter den Schwadronen‘, schrieb sein Sekretär Imad al-Din, und der Himmel empfing die Staubkörner mit Freude.‘ In vollem Lauf muss ihr Anblick wahrhaft furchterregend gewesen sein."

Mancher seriöse Historiker wird hier die Nase rümpfen, wenn Dan Jones, statt nüchterne Quellen zu zitieren, offensichtlich auch auf literarische Werke zurückgreift, um Geschichte lebendig werden zu lassen. Er möchte zugleich informieren und unterhalten.

Zwar hat der Autor nicht Monate in Archiven verbracht und mittelalterliche Chroniken studiert, aber er belegt seine Ausführungen mit umfangreichen Anmerkungen, und er weist darauf hin, an welchen Stellen gesicherte Erkenntnisse fehlen.

Gegen Ende stellt Dan Jones die Frage, warum die Templer, im Unterschied zu den Johannitern oder dem Deutschen Orden, den Weg in die Mythologie und bis nach Hollywood geschafft haben. Seine Antwort: "Die Templer entsprachen exakt dem Archetypus des echten Ritters: gewalttätig, aber keusch – unerschrocken, aber reinen Herzens – erbarmungslos, aber gottgefällig. Das erklärt ihre Beliebtheit, aber nur zum Teil, denn einen Großteil der anhaltenden Popularität der Templer muss man auch der Art und Weise ihres Untergangs zuschreiben."

Zerrieben im Machtkampf

Ob die Templer immer reinen Herzens und gottgefällig handelten, sei dahingestellt, liefert Dan Jones doch selbst genügend Gegenbeispiele.

Anfang des 14. Jahrhunderts, als die Kreuzzugsbewegung zusehends zerfiel, wurde der Orden im Machtkampf zwischen dem französischen König und dem Papst zerrieben. Mitglieder wurden festgenommen, gefoltert und falsche Geständnisse erpresst, alle Güter beschlagnahmt, Dutzende Templer endeten auf dem Scheiterhaufen. 1312 ließ der Papst den Orden wegen "der gottlosen Sünden des Abfalls vom Glauben, des schändlichen Lasters des Götzendienstes und der Todsünde der Sodomie und anderer Ketzereien" verbieten.

Es ist aber nicht allein das Ende, das die anhaltende Popularität der Templer erklärt. Wer Jones‘ Buch liest, wird in der gesamten 192-jährigen Geschichte des Ordens genügend Stoff für phantastische Erzählungen finden.

Dan Jones: Die Templer. Aufstieg und Untergang von Gottes heiligen Kriegern,
aus dem Englischen von Andreas Nohl, C.H. Beck Verlag, 508 Seiten, 28 Euro

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