Mittwoch, 16.10.2019
 
Seit 07:15 Uhr Interview
StartseiteKultur heute"Das dümmste Stück Shakespeares"?03.05.2010

"Das dümmste Stück Shakespeares"?

"Titus Andronicus" am Schauspiel Stuttgart

Der Regisseur Volker Lösch kritisiert in seinen Stücken gnadenlos die Zustände unserer Gesellschaft. Nun wagt er sich an Shakespeares "Titus Andronicus" - einen Bruderkampf, der im blutigen Gemetzel endet. Was aber hat das mit der aktuellen Lage illegaler Afrikaner in Deutschland zu tun?

Von Cornelia Ueding

Shakespeares Erstling "Titus Andronicus" ist Horror pur. Eine Schlachtorgie, die ihresgleichen sucht: Eigentlich sind die Goten besiegt, und der römische Feldherr Titus kehrt mit vielen Gefangenen nach Rom zurück. Ein neuer Kaiser übernimmt die Macht. Der lässt die in Stuttgart in einem Riesenbackofen eingesperrten Gefangenen frei und macht die Gotenkönigin Tamora zu seiner Kaiserin. Ein Wortbruch, denn vereinbarungsgemäß sollte er Titus Tochter Lavinia zur Frau nehmen. Der Rest ist eine Folge von Intrige und Gegenintrige und ein maßloses Hauen und Stechen, das keiner überlebt.

T.S. Eliot nannte es das dümmste Stück Shakespeares, was es sicher nicht ist. Heiner Müller sah darin den Kampf der dritten Welt gegen die Festung Europa. Und Volker Lösch nimmt in Stuttgart diesen offenbar als genial empfundenen Zugriff auf und setzt alles daran, das Drama der Kolonisierung und Plünderung Afrikas auf seine Art im wahrsten Sinne des Wortes gleich mit zu verwursten: Am Ende des Stückes sitzen die noch übriggebliebenen Kämpfer auf der Rampe des überdimensionierten Küchenregals, mampfen die mit Menschenfleisch von Tamoras Söhnen gefüllten Riesenwürste in sich hinein und stechen sich, Fluten von Ketchup sprühend, mit Riesengabeln tot. Dann gibt es noch eine gefühlte Stunde lang Nachschlag in Gestalt von chorisch gebrüllten Erlebnisberichten afrikanischer Migranten auf dem Vormarsch nach Europa, die betroffen machen – sollten.

Es erübrigt sich zu sagen, dass dieses noble Ziel nicht erreicht wird, weil zwei Drittel des Publikums zu diesem Zeitpunkt bereits in Premierenstarre irgendwo zwischen schalem Ekel und angewiderter Langeweile gefallen sind, falls sie nicht schon vorher abgewandert waren. Nicht empört, türenknallend, sondern schlicht frustriert. Frustriert von einem endlosen, hilflosen, dafür lauten, redundanten Bühnengezappel.

Die Bühne ist eine gigantische Küche, in der die Mörderlein wie Miniaturfiguren aus dem Märchen erscheinen. Mindestens zwei von ihnen passen in den riesigen Topf, der Backofen faßt 5 oder 6, pro Schublade stecken mindestens 2 drin; und für menschlichen Abfall: Arme, Hände, Zungen, Köpfe gibt’s - die Mechanik des Tötens macht’s nötig - gleich zwei Entsorgungscontainer, in die zur Not auch mehrere ganze Körper passen. Wer hier weiße, wer schwarze Haut hatte, ist längst nebensächlich geworden. Blutlachen und Siegesjubelsekt verwischen die schwarze und die weiße Schminke. Und während Weiße sich zur Tarnung schwarz anmalen, greift Tamora schon längst in den weißen Cremetopf. Verschmierte Farbmischungen und abblätternde Farbe sind die stärksten Zeichen dafür, dass unterschiedslos alle drauflosmorden. Lösch zieht alle Register des Horrors und verlacht sie, von der Siemens-Bratröhre als Grillkammer bis zur Kochplatte als Folterinstrument, von platzenden Schädeln bis zur schnipp-schnapp abgeschnittenen Zunge – und das alles im Stakkato.

Warum bloß löst das vor allem Langeweile aus? Etwa weil Gewalt gar nicht so faszinierend ist, wie Psychologen und Soziologen behaupten? Oder weil wir so abgebrüht sind? Oder will Lösch uns lehren, dass serielle Gewalt uns stumpf macht, indem er unser Interesse an der Aufführung – löscht? Was immer er beabsichtigt haben mag, es ist ihm nicht gelungen, weil dieses bluttriefende Allerlei die Mechanik des Tötens reproduziert, statt sie zu zeigen. Weil es in dieser Mixtur aus Grand Guignol und bösen Köchen, Halloween und Knochensäge so etwas wie Sprachregie nicht gibt, und keine Menschen, die zu monströsen Kampfmaschinen werden. Nicht "was ihr wollt" wäre das passende Motto für diesen Abend, sondern "was soll’s". Es gibt keinen Moment des Innehaltens, der Ernsthaftigkeit, der Reflexion – und keinen Schock, wenn das sadistische oder mechanisierte Morden weitergeht. Hier wird nicht mit Entsetzen Scherz getrieben, denn es kommt gar nicht zu Kollisionen zwischen Lachen und schierem Entsetzen. Die szenische Lektion des "Ekels der Gewalt" statt einer "Ästhetik der Gewalt" reicht jedenfalls nicht, um das Theater wieder menschenwürdig zu machen. Bevor man hilflos und wirkungslos mit den Mitteln des Theaters die Welt retten will, sollte man erstmal das Theater retten, damit der Appell auch ankommt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk