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StartseiteInterview"Das Ergebnis ist mager"30.11.2011

"Das Ergebnis ist mager"

Opferschutzverband kritisiert Abschlussbericht zu Kindesmissbrauch

Zu wenige Fachleute - zu viele politische Verpflichtungen: So beurteilt Ursula Enders von der Kölner Opferschutzstelle "Zartbitter" die Besetzung des Runden Tisches "Sexueller Kindesmissbrauch", der jetzt seinen Abschlussbericht vorgelegt hat. Dementsprechend mager sei das Ergebnis.

Ursula Enders im Gespräch mit Anne Raith

Enders: "die Strafverfolgungs- behörden arbeiten opferfeindlich." (Stock.XCHNG / kat callard)
Enders: "die Strafverfolgungs- behörden arbeiten opferfeindlich." (Stock.XCHNG / kat callard)

Anne Raith: Zunächst waren die Enthüllungen auf katholische Schulen und Internate beschränkt, doch bald wurde klar: Sexueller Missbrauch wurde auch in der Odenwald-Schule verharmlost und vertuscht, auch in Kinderheimen, in Sportvereinen, in Schulen und Familien. Die Bundesregierung ernannte eine unabhängige Missbrauchsbeauftragte und rief den Runden Tisch "Sexueller Kindesmissbrauch" ins Leben, der heute seinen Abschlussbericht vorlegt. Ursula Enders ist die Geschäftsführerin des Opferschutzverbandes "Zartbitter" in Köln. Ich hatte vor der Sendung Gelegenheit, mit ihr zu sprechen und sie zu fragen, wie denn ihr Abschlussbericht über den Runden Tisch ausfällt.

Ursula Enders: Viel geredet, viel deutlich gemacht, und nichts ist passiert.

Raith: Woran liegt das? Wurden da grundsätzlich die falschen Prioritäten gesetzt, die falschen Leute an den Tisch gesetzt?

Enders: An dem Runden Tisch sitzen einige Experten, die sich seit Jahren für Opfer sexualisierter Gewalt engagieren. Aber der größte Teil des Runden Tisches sind Vertreter von Institutionen, die dazulernen sollten. Nun hat man die, die was verändern sollten, zusammen an den Runden Tisch gesetzt, und sie sollten gemeinsam erarbeiten, was in Zukunft passieren muss. Dementsprechend haben sie sich gegenseitig geschont und zum Teil auch die Interessen der Institutionen wieder vertreten.

Raith: Aber Sie sagen es, es saßen Fachleute am Tisch. Wie kann es sein, dass dann trotzdem am Ende in Ihren Augen nicht das Richtige dabei herauskam?

Enders: Es saßen einige Fachleute am Tisch, aber die waren in der Minderheit. Und vor allen Dingen hat sich Frau Leutheusser-Schnarrenberger durchgesetzt. Die möchte, dass Missbrauch in Institutionen gesühnt wird und der Staat praktisch seine Sanktionen verhängen kann, und das geht auf Kosten der Opfer. Und so hat sie praktisch eine Selbstverpflichtung der Institutionen vorgeschlagen, dass sie quasi von sich aus die Strafanzeige machen sollen, und die Experten, die in dem Bereich arbeiten, haben sich größtenteils dagegen ausgesprochen, und das ist in der Form nicht gehört worden.

Raith: Aber bei den Leitlinien, die Sie ansprechen, geht es ja auch darum, dass eben Straftaten angezeigt werden sollen und nicht intern ermittelt werden soll, eben damit es keine Verdunklungsgefahr gibt.

Enders: Ja! Aber wir sind gegen die Strafanzeigen in der Mehrzahl der Fälle von Missbrauch in Institutionen. Wir hätten gerne eine Strafanzeige, aber die Strafverfolgungsbehörden arbeiten dermaßen opferfeindlich heute noch, dass sowieso höchstens in jedem siebten Fall, der angezeigt wird, es zu einer Verurteilung kommt und die meisten Fälle werden gar nicht angezeigt, sodass wir auch den Opfern oft abraten von der Strafanzeige, weil sie dort noch mal traumatisiert werden. Und man kann nicht ein Instrumentarium als Lösung anbieten, das nicht funktioniert. Und unsere Forderung war, erst mal sehr klar die Arbeitsweise der Strafverfolgungsbehörden zu verbessern, und der nächste Punkt ist, dass Opfer sexualisierter Gewalt in Institutionen häufig die Angst haben, öffentlich entblößt dazustehen. Und solange wir keine anderen Möglichkeiten haben, dass viel diskreter ermittelt wird, dass die Namen nicht öffentlich werden, dass der Opferschutz gewährleistet wird, werden auch viele Opfer im Rahmen des Strafverfahrens ihre Aussage zurücknehmen.

Raith: Das heißt, Strafanzeigen sind nicht der richtige Weg. Was hätten Sie sich dann gewünscht vom Runden Tisch als Signal?

Enders: Strafanzeigen sind ein Weg, wenn Opfer geschützt werden, wenn wir mehrere Opfer haben und wenn es nicht auf Kosten der Opfer geht. Was wir vor allen Dingen brauchen, ist Beratungsinstitutionen für die Opfer, die Opfer erst mal stabilisieren, Beratungsinstitutionen, die Institutionen zur Seite stehen, die Fälle von sexueller Übergriffigkeit haben. Wir brauchen vor allen Dingen eine sehr viel bessere Regel mit dem Umgang von sexuellen Übergriffen im Schulbereich. 8,3 Prozent aller Täter sind nach der Studie von Herrn Pfeiffer kommen aus der Schule, und wir brauchen dort quasi Ansprechpartner, die auch Kinder ernst nehmen. Wir brauchen präventive Maßnahmen.

Raith: Um Prävention ging es ja auch. Es ging auch um Schulen, um Sportvereine. Es wurde ja geöffnet sozusagen, nach den ersten Fällen, die allein die katholische Kirche betrafen, hat sich dieser Runde Tisch ja zusammengesetzt, um eben alle Missbrauchsopfer zu berücksichtigen.

Enders: Ja! Es liegt zum Beispiel dem Runden Tisch ein sehr ausgewogenes Papier vor zu Möglichkeiten der Prävention. An dem habe ich selbst mitgeschrieben. Das ist nicht in die Abschlusserklärung aufgenommen worden. Weil das, was jetzt aufgenommen worden ist, ist halbherzig.

Raith: Was hätte denn geschehen müssen?

Enders: Eine Verpflichtung aller Institutionen zu präventiven Maßnahmen, ansonsten, dass sie nicht finanziell gefördert werden, also quasi die Koppelung an Maßnahmen, an Mindeststandards an die öffentliche Förderung. Wir brauchen eine Verpflichtung der Institutionen für Ansprechpartner, Ombudsmänner und –Frauen außerhalb der Institution. Wir brauchen eine Verpflichtung zur Prävention und wir brauchen vor allen Dingen Hilfe für Betroffene.

Raith: War der Runde Tisch überhaupt die richtige Plattform? Hätte man sich das sparen können?

Enders: Ein Runder Tisch ist richtig. Nur die Frage ist immer, wie man besetzt. Besetzt man ihn aus politischen Verpflichtungen heraus, aus der Lobbyarbeit heraus, oder holt man wirklich die an den Tisch, die in dem Bereich arbeiten und auch die Fakten benennen können.

Raith: Und in der Besetzung hätte man ihn sich sparen können?

Enders: Er hat eine politische Diskussion geöffnet. Das Ergebnis ist mager, aber wir werden auch aus dem mageren Ergebnis langfristig was machen.

Raith: Sagt Ursula Enders, die Geschäftsführerin des Opferschutzverbandes "Zartbitter" in Köln, über den Runden Tisch sexueller Missbrauch, der heute sein Abschlusspapier vorlegt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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