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Das Malaria-Wetter-Modell

Gesundheit.- Jährlich sterben mehr als eine Million Mensch an Malaria - die meisten davon in Afrika. Bislang haben alle Versuche versagt, die Krankheit zu kontrollieren. Nun bemüht sich ein Kölner Wissenschaftler um eine Art Wettervorhersage für die Malaria. Regierungen und Experten in Afrika sollen ihre Schutzmaßnahmen damit in Zukunft besser planen können.

Von Jan Lublinski | 30.04.2012
    Der Meteorologe Volker Ermert von der Universität zu Köln hat in den vergangenen Jahren viel Zeit in der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin verbracht: Er hat dort Hunderte von Publikationen zur Malaria in Afrika durchgeschaut und ausgewertet: Ihn interessierten vor allem Daten von Ärzten und Wissenschaftlern, die festgehalten haben, wie häufig Menschen an einem bestimmten Ort von Mücken gestochen wurden. Und: wie viele Mücken den Malaria-Erreger in sich trugen. Und: wie viele Menschen an einem bestimmten Ort infiziert waren. Es ist also kein Wunder, dass die Literaturverzeichnisse seiner eigenen Publikationen ziemlich lang ausfallen.

    "Ich hab das sehr klein gedruckt, weil man sonst sehr viele Seiten hätte. Ich hab sie mal gezählt, es sind ungefähr 700 Paper, die ich hier zitiere."

    Neben den Malaria-Daten hat Ermert dann auch noch alle verfügbaren meteorologischen Messwerte aus den vergangenen Jahrzehnten gesammelt, von afrikanischen Wetterstationen: Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Niederschlag und so weiter. All diese Informationen hat er in ein großes Computerprogramm eingespeist, mit dem er nun die Entwicklung der Malaria auf dem Kontinent simuliert.

    "Jetzt hier, available datasets, da kann man Parakou auswählen, das ist eine Stadt in Benin ... und starten die Simulation. Nach einigen Sekunden kommt dann eine Grafik, in der dann die Malaria-Simulation erscheint. Wir sehen: Parakou liegt 9 Grad Nord, 2 Grad Ost. Auf 400 Meter Höhe. Da sehen wir jährliche Temperaturgrafiken hier. Liegt immer so um 25, 26, 27 Grad. Das ist sehr förderlich für die Malaria-Verbreitung. Weil so eine Mücke braucht hohe Temperaturen, um überhaupt erst einmal Larven sich entwickeln zu lassen."

    Ermerts bunte Grafiken zeigen: Etwa im Mai beginnt die Malaria-Saison. Die Zahl der Parasiten steigt im Juni sprunghaft an, die meisten Stiche setzt es im September und Oktober, und im Januar geht die Saison zu Ende.

    Dieser Jahresverlauf wird sich in Benin und anderswo in den kommenden Jahrzehnten deutlich verändern, prognostiziert Ermert. Er hat seine Malaria-Simulationen mit Daten des Würzburger Klimaforschers Heiko Paeth gefüttert. Nun berücksichtigt die Vorhersage auch den Klimawandel.
    Ein wichtiges Ergebnis der Berechnungen: Für die kommenden Jahrzehnte ist abzusehen, dass es in Westafrika deutlich trockener wird. Die Malaria wird hier also ein Stück weit zurückgehen. Eine Entwicklung, die aber auch Risiken birgt. Weil die Menschen nicht mehr regelmäßig von Malaria-Mücken gestochen werden, verlieren Sie ihren körpereigenen Schutz vor Neuinfektion, die sogenannte Teilimmunität. Es kann darum zu Epidemien kommen: plötzlich werden viele Patienten angesteckt und sterben an der Malaria.

    "In Ostafrika sieht das anders aus. Da sagen alle Modelle mehr Niederschlag und eine höhere Temperatur vorher. In etwas tieferen Gebieten wird die Malaria regelmäßiger auftreten, möglicherweise wird da das Epidemie-Risiko abgesenkt werden."

    All diese Ergebnisse hat Ermert in seinem kleinen Büro an der Universität Köln erarbeitet. Neben seinem Monitor hängen Fotos von seinen Reisen nach Afrika. Doch der Weg von diesen ersten Malaria-Wetter-Simulationen hin zur Anwendung vor Ort ist weit. Zumal sich bislang nur wenige andere Meteorologen für diese Fragestellungen interessieren. Ermert hat jedenfalls noch einiges vor: er will bald auch Malaria-Bekämpfungsmaßnahmen in seine Simulationen integrieren.

    "Das heißt, wenn die Entscheidungsträger dann sagen: Wir wollen Moskitonetze ausbringen, wir wollen bessere Medikamente ausgeben, ja dann könnte man abschätzen mit dem Modell: was würde es überhaupt bringen?"

    Auch hierfür will Volker Ermert bald Antworten parat haben. Wenn Politiker und Hilfsorganisationen Maßnahmen in Afrika planen, will er Empfehlungen aussprechen können - auf der Grundlage seiner Malaria-Klima-und Wettervorhersage.