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David Armitage"Bürgerkrieg"

Bürgerkriege sind die vorherrschende und grausamste Form der politischen Gewalt in der modernen Welt, sagt der britische Historiker David Armitage. Der Harvard-Dozent hat ein Buch über den Bürgerkrieg geschrieben: über die bewaffneten Konflikte und den Kampf um den Begriff.

Von Katja Ridderbusch

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Panorama-Bild eines Stadtteils aus großer Ferne, über dem graue Rauchschwaden schweben. A THURSDAY, SEPT. 19, 2013 FILE PHOTO (Verlag Klett-Cotta / AP)
Buchcover David Armitage: "Bürgerkrieg". Hintergrund: Der Ort Kafr Nabuda in der von Rebellen umkämpften Provinz Idlib. (Verlag Klett-Cotta / AP)
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Civil War, Bürgerkrieg. Der Begriff fällt derzeit häufig in der amerikanischen politischen Debatte - egal, ob es um die Ernennung des Obersten Richters geht, um die Russland-Ermittlungen, die Steuerreform oder die Gesundheitspolitik.

David Armitage, britischer Historiker an der Harvard-Universität und Autor des Buches "Bürgerkrieg", sieht den anschwellenden Gebrauch des Begriffs mit gemischten Gefühlen. Bei einer Lesung in der US-Hauptstadt Washington sagte er:

"Tatsächlich wirkt demokratische Politik heute immer mehr wie ein Bürgerkrieg mit anderen Mitteln, nicht nur in den USA. Die Menschen suchen nach einer Sprache, die die tiefe Spaltung erfasst, die verhärteten Fronten und die Unfähigkeit, die Gräben zu überwinden."

Sein Buch, das 2017 in den USA erschien und jetzt auch auf Deutsch vorliegt, will keine Chronologie aller Bürgerkriege erstellen. Es will - "eher symptomatisch als systematisch", wie der Autor schreibt - eine Art Feldführer durch die mehr als 2000 Jahre alte Geschichte einer Konfliktform sein, die bis heute das Zusammenleben der Menschen prägt.

"Unsere heutige Welt ist eine Welt der Bürgerkriege. Derzeit gibt es weltweit etwa 50 Konflikte, und fast alle haben als interne Konflikte angefangen, als Bürgerkriege. Der Bürgerkrieg ist heute die gewaltsamste, die destruktivste, aber auch die charakteristischste Form organisierter menschlicher Gewalt."

Armitage spannt den Bogen vom alten Rom, wo das Konzept des Bürgerkriegs - bellum civile - seinen Anfang nahm, bis in die ambivalenten Bürgerkriege der Gegenwart - in der Ukraine oder in Syrien.

Der Autor tut das mit sprachlicher Kraft und stilistischer Eleganz - und trotz des deprimierenden Themas ist das Buch über weite Strecken eine erhellende und auch kurzweilige Lektüre.

Kern der meisten Revolutionen waren Bürgerkriege

Die Serie der römischen Bürgerkriege begann Armitage zufolge im Jahr 88 vor unserer Zeitrechnung, als der Feldherr Lucius Cornelius Sulla an der Spitze seiner Armee in Rom einmarschierte.

Bürgerkriege, unterbrochen von kurzen Ruhephasen, wurden in der Folge zum prägenden Merkmal der römischen Republik.

"Daraus erwuchs ein Narrativ - oder eigentlich eine Serie von Narrativen -, in denen die Zivilisation zu Bürgerkriegen neigt oder sogar dazu verflucht ist. Diese Vorstellung sollte Jahrhunderte lang Bestand haben und beeinflusste auch später, im Europa der frühen und mittleren Neuzeit und darüber hinaus, das Denken."

Eines der interessantesten Kapitel beschäftigt sich mit dem Zeitalter der Revolutionen im ausgehenden 18. Jahrhundert - und mit dem nur vermeintlichen Gegensatz zwischen dem "edlen Wesen namens Revolution und der groben Bestie Bürgerkrieg".

Eine Unterscheidung, die in die Irre führt, betont Armitage

"Bürgerkriege brachten der allgemeinen Annahme zufolge nichts Positives, sondern nur Elend und Katastrophen, während Revolutionen häufig ein fruchtbarer Nährboden für Innovationen und Verbesserungen waren. (Allerdings): Kern der meisten großen Revolutionen der Neuzeit waren Bürgerkriege."

Vor allem komme es darauf an, wer als Sieger aus einem Bürgerkrieg hervorgehe. In diesem Sinne sei die American Revolution, der amerikanische Unabhängigkeitskrieg also, eigentlich ein Bürgerkrieg gewesen, sagt der Autor.

Ein Bürgerkrieg zwischen Angehörigen des britischen Empire, den die siegreichen Rebellen rückwirkend als Revolution umtauften.

Armitage widmet sich auch dem anderen amerikanischen Bürgerkrieg, dem Sezessionskrieg Mitte des 19. Jahrhunderts, der bis heute tiefe Spuren im Land hinterlassen hat, vor allem in den Südstaaten.

Bürgerkriege sind keine Naturgewalten, sondern menschengemacht

Er zieht den Bogen weiter ins 20. Jahrhundert, über die russische Revolution, das Zeitalter des Kalten Krieges, die Bürgerkriege im ehemaligen Jugoslawien und in Afrika. Er beschreibt die zahlreichen Versuche, Bürgerkriege mithilfe des Kriegsrechts, mithilfe von internationalen Konventionen und Strafgerichtshöfen zu definieren, zivilisieren und einzuhegen.

Schließlich: die globalen Bürgerkriege des 21. Jahrhunderts: Afghanistan, Irak und aktuell: Syrien. Doch auch die westliche Welt bleibe nicht von den Auswirkungen dieser Bürgerkriege verschont, schreibt Armitage.

"Zusätzliche Aktualität hat die Vorstellung vom globalen Bürgerkrieg durch den Aufstieg des staatenübergreifenden Terrorismus gewonnen. Dieses Phänomen trägt kriegsähnliche Gewalt in die häusliche Sphäre und in die Straßen der Weltstädte - New York 2001, Madrid 2004, London 2005 [...], Paris 2015, Brüssel 2016 und andere."

Die Attentäter sind nicht selten in den betroffenen Ländern geboren oder dort eingebürgert.

Armitage ist bemüht, seine Kriegs- und Ideengeschichte mit einer positiven Note zu schließen. Bürgerkriege, sagt er, seien keine Naturgewalten, sondern menschengemacht. Und deshalb liege es auch in der Hand der Menschen, ihre Verbreitung einzudämmen.

Allerdings: Die aktuelle politische Lage, vor allem in den USA, gebe wenig Anlass zum Optimismus. Das Land befinde sich in einem kalten Bürgerkrieg, sagt er.

"Noch stürmen die Menschen nicht auf die Straßen und bekämpfen einander mit Waffen. Aber die tiefe Polarisierung und der grobe Umgang öffnen die Schleusen für verbale Gewalt. Unter deren Deckel lauert stets physische Gewalt. Und es verstört mich, dass ein Buch über das Wesen des Bürgerkriegs so relevant werden konnte."

David Armitage: "Bürgerkrieg. Vom Wesen innerstaatlicher Konflikte",
Klett-Cotta, 391 Seiten, 25 Euro.

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