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StartseiteKultur heute"Ich spreche von McCarthyismus"24.06.2019

Debatte um Jüdisches Museum in Berlin"Ich spreche von McCarthyismus"

Der Rücktritt von Peter Schäfer als Direktor des Jüdischen Museums Berlin hat eine Kontroverse ausgelöst. Der Publizist Micha Brumlik vergleicht im Dlf die Stimmung mit der McCarthy-Ära. In dem Diskurs dürften die Prinzipien einer liberalen Kultur nicht vernachlässigt werden.

Micha Brumlik im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

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Das Foto zeigt die Straßenansicht vom Jüdischen Museum in Berlin. (imago / Schöning)
Das Jüdische Museum in Berlin. (imago / Schöning)
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Jüdisches Museum Berlin Direktor Peter Schäfer nach Kritik zurückgetreten

Jüdisches Museum Berlin Direktor Schäfer nach Kritik zurückgetreten

Doris Schäfer-Noske: Vor zehn Tagen ist der Direktor des Jüdischen Museums Berlin, Peter Schäfer, zurückgetreten – nach monatelangen politischen Turbulenzen. Ein Schritt, der eine heftige Debatte ausgelöst hat. Um das Haus und die Leitung durch den anerkannten Judaisten hatte es immer wieder Streit gegeben. So hatte Schäfer den iranischen Kulturrat durchs Haus geführt, also Vertreter eines Regimes, das den Staat Israel bekämpft. Dann hatte die Ausstellung "Welcome to Jerusalem" Israels Premierminister Netanjahu dazu veranlasst, sich über das Haus zu beschweren. Auch andere sahen in der Schau einen Affront gegen den Staat Israel. Und das Fass zum Überlaufen hat dann eine Leseempfehlung auf Twitter gebracht – ein Link zu einer Kritik am Beschluss des Bundestags, die BDS-Bewegung als antisemitisch einzustufen. Dieser Tweet des Museums war vor allem dem Zentralrat der Juden in Deutschland zu viel. Frage an den Publizisten Micha Brumlik:

Hätte das Jüdische Museum vor dem Hintergrund des steigenden Antisemitismus in Deutschland nicht umsichtiger sein müssen?

Micha Brumlik: In diesem Fall nicht, denn der Tweet hat ja auf die Stellungnahme von – und das ist besonders zu betonen – 240 jüdischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hingewiesen. Und das ist, glaube ich, eine Stimme, die in diesem Zusammenhang unter keinen Umständen unterschlagen werden sollte.

"Es geht um eine politische Frage"

Schäfer-Noske: Der Zentralrat der Juden in Deutschland sieht das anders. Der sagte dann: "Das Maß ist voll. Das Jüdische Museum Berlin scheint, gänzlich außer Kontrolle zu sein." Dagegen hat dann Kulturstaatsministerin Grütters noch einmal die inhaltliche Autonomie des Museums in den letzten Tagen besonders herausgestellt. Aber kann man, angesichts des wachsenden Antisemitismus', überhaupt neutral bleiben?

Brumlik: Nein, unter keinen Umständen. Und das Jüdische Museum hat sich ja immer mit Antisemitismus beschäftigt und wird auch in künftigen Ausstellungen und in der Dauerausstellung dem, was heute als Antisemitismus gilt, museographisch neue Formen widmen. – Nein, überhaupt nicht! Es geht um eine politische Frage. Die politische Frage ist, ob BDS lediglich dumm, kontraproduktiv und auch der palästinensischen Sache nicht dienlich ist. Das ist das eine. Oder, ob es auch antisemitisch ist. Und das ist eine Debatte, die offensichtlich innerhalb der jüdischen Welt intensiv geführt wird. Es waren ja nicht nur diese 240, sondern vor ein paar Tagen haben sogar noch 45 Talmud-Gelehrte in dieser Frage ihre Solidarität mit Peter Schäfer bekundet.

Der Publizist und Preisträger der Buber-Rosenzweig-Medaille Micha Brumlik folgt am 06.03.2016 in Hannover (Niedersachsen) dem Festakt zur Eröffnung der diesjährigen christlich-jüdischen Woche der Brüderlichkeit. (dpa /  Hauke-Christian Dittrich)Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler im "Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg" (dpa / Hauke-Christian Dittrich)

Schäfer-Noske: Sie selbst waren ja auch bei Diskussionsveranstaltungen im Jüdischen Museum auf dem Podium. Wie sieht denn Ihre Bilanz der Amtszeit von Peter Schäfer aus?

Brumlik: Ich finde an der bisherigen Amtszeit, das was ich mitbekommen habe: Mir gefällt die Jerusalem-Ausstellung gut. Ich finde, dass an ihr nichts zu kritisieren ist. Ich finde auch den Vorwurf, dass diese Ausstellung unterschlägt, dass Jerusalem die ewige Hauptstadt des jüdischen Volkes sei, unsinnig, denn es ist schlicht und ergreifend eine Tatsache, dass Jerusalem auch für das Christentum und für den Islam eine heilige Stadt ist, und das galt es - und so hat die Ausstellung das getan - darzustellen.

Außenperspektive und Innenperspektive

Schäfer-Noske: Jetzt hat ja diese ganze Debatte um den Rücktritt Leute auf den Plan gerufen, die sagen: "Eigentlich ist die Ausrichtung des Jüdischen Museums falsch." So sagte Julius Schoeps, der Gründungsdirektor des Jüdischen Museums in Wien, es sei nicht die Aufgabe eines jüdischen Museums, den Außenblick auf das Judentum darzustellen, sondern die Innenperspektive. Wie sehen Sie das?

Brumlik: Ich würde sagen, nehmen Sie es nicht als Ausrede, dialektisch. Es muss sowohl eine Innenperspektive zum Ausdruck bringen als auch das, was Außenperspektiven sind, darstellen und gegebenenfalls kritisieren und/oder unterstützen.

Schäfer-Noske: Sie würden da keinen Geburtsfehler des Jüdischen Museums sehen, wie der Historiker Michael Wolffsohn jetzt sagt, dass es ein Zwitterwesen ist zwischen einem deutschen Nationalmuseum sozusagen und einem jüdischen Museum?

Brumlik: Nein, das sehe ich nicht. Ich habe hier eine andere Auffassung als der Kollege Wolffsohn, den ich außerordentlich schätze. Für mich gehört zum jüdischen Geist auch so etwas wie eine universalistische Moral. Und deswegen war es überhaupt kein Fehler, dass auch die Schwierigkeiten und Diskriminierungen anderer sozialer oder ethnischer Gruppen thematisiert wurden.

Gesucht: Leitung mit Management-Qualitäten

Schäfer-Noske: Der nächste Leiter des Jüdischen Museums müsste auch nicht Jude sein? Er könnte genauso ein anerkannter Judaist wie Peter Schäfer sein?

Brumlik: Das sehe ich genauso. Allerdings würde ich mir wünschen, dass die nächste Leitung, Direktor oder Direktorin, mehr Erfahrung im Führen eines so komplexen Betriebes wie des Jüdischen Museums hat. Peter Schäfer war ein glänzender verdienstvoller Judaist, und er war sicher auch der gute Leiter universitärer Departements und Seminare. Offensichtlich hatte er zu wenig Erfahrung mit der Leitung eines solchen riesigen, schwierigen Betriebes.

Schäfer-Noske: Mehr Management-Qualitäten?

Brumlik: Genau das.

"Herrschaft des Verdachts und Kontaktschuld"

Schäfer-Noske: Was zeigt denn diese ganze Debatte jetzt über die Stimmung in Deutschland? Jan und Aleida Assmann sprechen von einer Hexenjagd auf Kritiker der israelischen Politik und ziehen da ja auch einen Vergleich zur McCarthy-Ära.

Brumlik: Ja! Ich war einer der ersten, der diesen Vergleich mit McCarthy gezogen hat. Und in diesem Zusammenhang ist das hervorzuheben, was ich als Kontaktschuld bezeichne, dass Leute, die noch nicht einmal Mitglied von BDS sind oder noch nicht einmal ihre Sympathien für BDS geäußert haben, alleine aus dem Umstand, dass sie jemanden kennen, der möglicherweise im BDS ist, bereits von Veranstaltungen ausgeschlossen werden. Auch das ist, muss man sagen, im Jüdischen Museum passiert, als ein palästinensischer Professor aus den USA, der einen Vortrag halten sollte unter "Beeing Queer in Palestine", also Schwulsein in Palästina, deswegen quasi ausgeladen oder umverlegt wurde, weil ihm nachgesagt wurde, ohne dass das bewiesen wurde, er sei BDS-nah. Das ist mit Assmann und Assmann gesprochen Hexenjagd. Ich spreche von McCarthyismus – Herrschaft des Verdachts und Kontaktschuld.

Schäfer-Noske: Es gibt ja mehrere Fälle, die in diese Richtung gehen. Auch das Jüdische Filmfestival Berlin-Brandenburg hat jetzt die Zusammenarbeit mit dem New Israel Fund aufgekündigt, der die israelische Regierung kritisch sieht. Was muss da jetzt passieren?

Brumlik: Da ist jetzt Zeit, dass liberale Bürgerinnen und Bürger aufstehen und sich deutlich machen. Ich selbst bin Mitglied beim New Israel Fund. Und es gibt jetzt Bestrebungen, zivilgesellschaftliche Bestrebungen, mit einigen Freunden im August eine Bürgerinitiative, eine Organisation zu gründen, die genau gegen diese Stimmung etwas tut und versucht, auf die liberalen Grundprinzipien der bundesrepublikanischen Demokratie auch im kulturellen Bereich hinzuweisen.

"Vulgärster Judenhass"

Schäfer-Noske: Aber wie bekommt man dieses Problem in den Griff, solange es einen steigenden Antisemitismus in Deutschland gibt?

Brumlik: Das ist sehr schwierig. Aber ich glaube, die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes sind alles in allem erwachsen genug, differenziert denken zu können. Einerseits ist es richtig, dass wir vor allem im Internet so etwas wie einen unendlich verbreiteten Stammtisch mit vulgärstem Judenhass haben. Dann gibt es immer wieder tatsächlich Straftaten – sei es das Beschmieren von Grabmälern, seien es tätliche Angriffe auf Menschen mit Kippa, sei es, dass in Umfragen immer größere Mehrheiten der Überzeugung sind, dass die Juden ihr Leiden unter dem Holocaust zur Mehrung ihrer finanziellen Vorteile benutzen. Diese Steigerung von Stimmungen und Haltungen und auch in geringerem Maße von tatsächlichen Straftaten, das trifft unbedingt zu. Aber das kann nicht heißen, dass deswegen Prinzipien einer liberalen Kultur vernachlässigt oder unter den Tisch gekehrt werden.

Schäfer-Noske: Dann kommen wir noch mal zurück zum Jüdischen Museum. Das sucht jetzt bis zum Antritt einer neuen Leitung eine Vertrauensperson, die dann den Stiftungsrat beraten soll. Aber wie kann es jetzt überhaupt weitergehen mit dem Jüdischen Museum nach einer Debatte, die ja gezeigt hat, wie verhärtet die Fronten sind?

Brumlik: Das wird darauf ankommen, ob man eine Persönlichkeit, einen Mann oder eine Frau findet, die diesen Erwartungen entspricht, eine Persönlichkeit, die die Geschichte des deutschen, des deutschsprachigen Judentums im jüdischen Geist darstellt, unter Berücksichtigung dessen, dass hier ein internationales, aber auch ein deutsches Publikum dieses Museum sehr oft besuchen wird. Soviel ich weiß, gehen jetzt die Suchfühler in die ganze Welt, auch ins deutschsprachige Ausland, auch in die USA. Nun wird man sehen.

Bei alledem darf man ja nicht vergessen, dass Peter Schäfer ohnehin nur für ein Jahr weiter verlängert worden ist und es bereits eine Findungskommission gibt, und der kann man nun nur viel Glück wünschen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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