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StartseiteEuropa heuteSpäte Schuldfragen23.01.2020

Dekolonisierung in SpanienSpäte Schuldfragen

Der Streit über die koloniale Vergangenheit ist in Spanien nicht nur etwas für Historiker. Ein Buch über die Rolle Spaniens in Lateinamerika wurde ein Bestseller. Diskutiert wird auch darüber, warum der mexikanische Präsident López-Obrador erst 2019 die Frage nach Schuld und nach Verantwortung aufgeworfen hat.

Von Hans-Günter Kellner

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Die Eroberung der Aztekenstadt Tenochtitlán, dort, wo heute Mexiko-Stadt ist (imago)
Manche gehen historisch sehr weit zurück, um die heutigen Probleme in früheren spanischen Kolonien zu erklären (imago)
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Ungewöhnlicher Betrieb in der Bibliothek des mexikanischen Kulturinstituts in Madrid: Eine Mexikanerin gibt einen Kochkurs. Der Leiter des Instituts, Jorge Hernández, versucht unterdessen einen Kaffee für seine Freundin Milagros Revenga zu organisieren. Die spanische Autorin hat lange in Mexiko gelebt, fühlt sich dem Land noch heute verbunden. Sie kennt die Debatte um die Schuld Spaniens aus eigener Erfahrung, Verständnis hat sie dafür nicht:

"Das habe ich oft in Mexiko gehört. Ihr Spanier habt Schuld an allem, was uns hier passiert. Ich habe da vielleicht drei Mal geantwortet. Was vor 500 Jahren passiert ist, kann keine Rechtfertigung für die Politik heute sein. Inzwischen antworte ich auf solche Vorwürfe nicht mehr."

Jorge Hernández und Milagros Revenga (M.) im mexikanischen Kulturinstitut in Madrid (Deutschlandradio / Hans-Günter Kellner)Jorge Hernández und Milagros Revenga (Deutschlandradio / Hans-Günter Kellner)

"Wenn jemand die indigene Bevölkerung in Mexiko um Entschuldigung bitten muss, dann sind das unsere Politiker der PRI-Partei, die Mexiko 70 Jahre lang beherrscht hat. Und all die anderen Korrupten, die die Ursprungsbevölkerung seit Jahrzehnten ausbeutet."

Mexikos briefliche Bitte an die falsche Adresse

Der Brief, in dem der mexikanische Staatspräsident Andrés Manuel López Obrador vor einem Jahr den spanischen König aufforderte, sich für die Eroberung Lateinamerikas zu entschuldigen, ging aus seiner Sicht noch aus einem anderen Grund an die falsche Adresse. Die meisten Nachkommen der spanischen Eroberer Mexikos seien heute Mexikaner, keine Spanier. Er selbst trage ja auch einen spanischen Namen:

"Ich heiße Hernández. Wenn ich schlecht von dem spanischen Eroberer Pedro de Álvarado spreche, spreche ich von meinen Vorfahren. Nicht von den Vorfahren eines Spaniers, die Europa vielleicht nie verlassen haben."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Erinnern. Verändern. Dekolonisierung in Europa".

Die Debatte irritiert den Historiker, der seine Doktorarbeit über den spanischen Eroberer Hernán Cortés schrieb. In Lateinamerika mache sich seit einigen Jahren die Vorstellung breit, die indigenen Völker hätten bis zum Eintreffen der Spanier in Harmonie zusammengelebt. Das sei vollkommen falsch. Die Feindseligkeiten zwischen den indigenen Völkern hätten die Eroberung erst möglich gemacht:

"Man muss anerkennen, dass es auch Indigene waren, die sich an den Massakern und an der Zerstörung des großen Reichs der Mexica beteiligt haben. Die wahre Geschichte ist also ohnehin schon recht kompliziert. Aber das ist wie in der Schule. Da wollten wir auch, dass der Geschichtsunterricht immer schön einfach bleibt."

"Sehr einseitige Sicht" der spanischen Geschichtsbücher

Die Debatte über Spaniens Rolle während der Kolonialzeit beschäftigt Spanien schon eine ganze Weile. Mit zwei Büchern darüber ist die spanische Philologin Elvira Roca zur Bestsellerautorin geworden. Die Berichte von grausamen Eroberungszügen hält sie für Übertreibungen, sie spricht von einer sogenannten "schwarzen Legende". Das sei nichts als Propaganda protestantischer Staaten gegen das spanische Imperium. Autorin Milagros Revenga pflichtet der These bei:

"Ich bin damit vollkommen einverstanden. Die spanischen Geschichtsbücher haben britische Hispanisten geschrieben. Das ist eine sehr einseitige Sicht. Dabei haben sich die Spanier mit der Ursprungsbevölkerung vermischt. Ganz anders die Engländer in Nordamerika. Dort sind von den Indigenen nur noch die Indianer in den Reservaten übrig."

Diese Durchmischung der Gesellschaft sei tatsächlich eine Besonderheit des spanischen Kolonialismus, meint Hernández. Er selbst sei ein Mestize, habe also indigene und spanische Vorfahren. Und dennoch:

"Die Spanier wollten alles vernichten. Absolut alles", sagt er bitter. Immerhin, der Stein der Sonne, eine 3,6 Meter große Basaltskulptur, sei vom großen Aztekentempel noch heute übrig.

"Wenn Leute ihre Gefühle als Wissen verkleiden"

Die Debatte werde in Spanien genauso verkürzt geführt wie in seiner mexikanischen Heimat. Im Zuge eines populistischen Patriotismus verfälsche Elvira Roca die Geschichte. Das meinen auch viele spanische Historiker.

"Sie denkt sich Dinge aus, um ihr gesamtes Gedankenkonstrukt zu rechtfertigen. Das passiert, wenn die Leute ihre Gefühle als Wissen verkleiden. Na ja, wir erleben so etwas ja nicht zum ersten und wohl auch nicht zum letzten Mal."

Nicht immer habe die gemeinsame Geschichte Spanien und Lateinamerika so polarisiert: Er erinnert an den Platz der Drei Kulturen im Zentrum von Mexiko-Stadt. Hier besiegte am 13. August 1521 der Spanier Hernán Cortés endgültig die Azteken. Mehr als 40.000 Menschen sollen dabei umgekommen sein. Dennoch, meint Hernández, sei die Inschrift auf dem Gedenkstein differenzierter als die gegenwärtige Debatte:

"Vor einem halben Jahrhundert wurde an dieser Stelle ein Denkmal errichtet. Darauf die Inschrift: ‚Es war kein Triumph - und keine Niederlage. Sondern die schmerzhafte Geburt eines Volkes aus Mestizen. Das Volk Mexikos.‘"

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