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StartseiteSprechstundeRätselhafte Gewichtszunahme29.01.2019

Der besondere FallRätselhafte Gewichtszunahme

Starke Gewichtszunahme, Haarwuchs auf Rücken und Armen, Depression und Ausfall der Periode: Jahrelang machten verschiedene Beschwerden einer jungen Frau das Leben schwer. Einige Ärzte schickten sie zu den Weight Watchers. Bis bei einer Hormonuntersuchung entdeckt wurde, dass sie zu viel Cortisol im Blut hatte.

Von Christina Sartori

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Füße auf einer Personenewaage (picture alliance / Chromorange)
Plötzlich fast 60 Kilo zuviel, dazu Depressionen, Schwitzen - das Bild der Symptome ist zunächst diffus (picture alliance / Chromorange)

Manchmal machen gleich mehrere, unterschiedliche Beschwerden einem Patienten das Leben schwer. Jedes Symptom für sich kann mehr oder weniger gut behandelt werden, aber was, wenn all die unterschiedlichen Beschwerden eine Ursache haben? Um das festzustellen, muss ein Arzt auf alle Symptome zusammen schauen. Doch das macht nicht jeder Arzt. Die vielen Arztbesuche – das begann vor mehreren Jahren, erinnert sich Nadine Fischer:

"Seit 2009 tingeln wir eigentlich zu den Ärzten. Ich hatte ganz viel Kopfschmerzen, Migräne, Thrombose, bin immer dicker geworden." Damals, mit Ende 20, sucht die Mutter von zwei Kindern verschiedene Ärzte auf, denn sie leidet auch an unterschiedlichen Beschwerden: "Beim Gynäkologen, beispielsweise beim Hautarzt, weil ich Schuppenflechte bekommen habe, beim normalen Arzt für Kopfschmerzen, Thrombose-Arzt, der war im Krankenhaus – wirklich total viele verschiedene Ärzte."

Nadine Fischer ist meistens schlecht gelaunt – sie ist depressiv, was die gesamte Familie belastet. Außerdem nimmt sie in kurzer Zeit sehr stark zu:

"Ich habe innerhalb von anderthalb Jahren fast 60 Kilo zugenommen: Ich habe 60 Kilo gewogen vorher und dann war das innerhalb von anderthalb Jahren auf 120 Kilo. Ich habe dann Sport gemacht und so was, aber das ging einfach nicht runter. Dann habe ich irgendwann selber auch keine Chance mehr gesehen, das alleine runter zu kriegen."

Anders dick als andere Menschen

Die zusätzlichen 60 Kilo belasten Nadine Fischer sehr. Vor allem, weil sie das Gefühl hat, nicht einfach dick zu sein, sondern aufgeschwemmt:

"In den Jahren, wo ich so zugenommen habe, das war schrecklich. Ich war immer so anders dick, ich hatte ein Mondgesicht und ich habe immer zu meinem Mann gesagt: ‚Guck mal, die anderen Dicken, die sehen trotzdem noch hübsch aus, aber ich‘. Ich bin nicht mehr vor die Tür gegangen, habe auch keine Freunde mehr gehabt – ich habe mich richtig zurückgezogen in der Zeit."

Als Nadine Fischer ihrer Frauenärztin mitteilt, dass ihre Regelblutung schon länger aussetzt, ohne dass sie schwanger sei, vermutet die Ärztin, das hängt mit dem Übergewicht zusammen, erinnert sich Nadine Fischers Mann:

"Sie hat sie dann entlassen mit den Worten: ‚Kümmern sie sich mal um Weight Watchers, damit hat meine Sprechstundenhilfe super abgenommen, das wird Ihnen auch helfen'."

Aber egal ob Sport oder andere Ansätze: Die Kilos bleiben. Also fasst Nadine Fischer einen Entschluss und geht zu einem Facharzt für starkes Übergewicht, Adipositas:

"Ich bin zum Adipositas-Arzt gegangen und hab gesagt: 'Ich hätte gerne einen Magenbypass.' Und da wurden auch keine großen Untersuchungen gemacht. Dann habe ich mir einen Magenbypass legen lassen. Damit habe ich dann 45 Kilo ungefähr abgenommen."

Die Kilos verschwinden, die Beschwerden nicht

45 Kilos sind weg – aber die alten Probleme sind immer noch da: Keine Regelblutung, depressive Verstimmung, sie schwitzt sehr stark und die Haare wachsen nicht dort, wo sie normalerweise bei Frauen wachsen.

"Die Haare auf dem Kopf, die hatte ich ja schon lange verloren, das wurde immer lichter. Das wurde dann immer mehr, dass man wirklich auf die Kopfhaut gucken konnte. Und Haare im Gesicht bekommen, wie ein Mann so ein Bart. Auf dem Rücken, auf den Armen – ich habe mich wie so zu einem Mann entwickelt."

Ihre Frauenärztin ahnt nun, dass mehr hinter den verschiedenen Symptomen steckt und empfiehlt Nadine Fischer eine Gynäkologin, die auch Endokrinologin ist, also Spezialistin für Hormonprobleme.

"Die hat dann Blut abgenommen und da hat sie so einen komischen Wert festgestellt und dann ging es eigentlich ganz Schlag auf Schlag. Da hat die MRTs gemacht, noch ganz viele Urintests, Bluttests."

Dann überweist die Ärztin Nadine Fischer zu Dr. Joachim Spranger, Professor für Innere Medizin an der Charité in Berlin. Denn sie befürchtet, die Ursache für alle Beschwerden gefunden zu haben: Zu viel Cortisol im Blut von Nadine Fischer. Eigentlich ist Cortisol wichtig für unseren Körper – doch zu viel davon führt genau zu den Beschwerden, unter denen Nadine Fischer seit Jahren litt. Aber: Wieso hatte sie zu viel Cortisol im Blut? 

Körper produziert zu viel Cortisol

Joachim Spranger, der die Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin leitet, beschreibt, wie man Schritt für Schritt die Antwort fand:

"Im gesunden Zustand brauchen wir unser Stresshormon, das ist ein lebenswichtiges Hormon für uns, Cortisol, aber es wird reguliert. Das heißt wenn von außen Cortisol dazu kommt, wird die körpereigene Produktion abgeschaltet. Und eine autonome Produktion bedeutet, dass der Körper immer weiter produziert, obwohl eigentlich lange das Signal da ist, das er nicht mehr soll."

Um zu sehen, ob der Körper wirklich zu viel Cortisol produziert, erhielt Nadine Fischer Cortisol-ähnliche Tabletten. Normalerweise müsste dann ihr Körper von alleine die Cortisol-Produktion drosseln:

"Wir messen, ob die Tagesrhythmik vorhanden ist, zum Beispiel am Morgen der Cortisolspiegel höher ist, als mitternachts, was so sein sollte. Die Patienten bekommen dann so kleine Röhrchen mit nach Hause, da sind Baumwolltupfer drin, die kauen sie nachts durch. Die müssen sie einspeicheln, und wir messen dann das Cortisol im Speichel. Das machen die zweimal mitternachts, stecken das wieder in das Plastikröhrchen und bringen das am nächsten Tag mit und dann können wir das messen."

Der Speicheltest ergibt: Ihr Körper produziert zu viel Cortisol. Nun gilt es herauszufinden, wieso er das tut: Liegt es an der Hirnanhangsdrüse, einer kleinen Drüse im Kopf, die viele Hormone produziert? Oder liegt ein Tumor vor? Denn manche Tumore produzieren selber Hormone, zum Beispiel Lungenkrebs. Einige Untersuchungen später steht dann fest: es ist keins von beiden. Sondern ein Problem der Nebenniere.

"Und die dritte Ursache ist dann eben: Das man einen Knoten in der Nebenniere findet. Und das ist dann letztlich meistens die Ursache: Ein gutartiger Knoten der Nebenniere."

Ursache ist ein bösartiger Tumor

Also werden Aufnahmen von der Nebenniere gemacht, MRT-Bilder. Und die zeigen noch eine Besonderheit: Es ist kein gutartiger, harmloser Knoten, der die Nebenniere dazu bringt, zu viel Cortisol zu produzieren, erinnert sich Nadine Fischer:

"Da war dann der Tumor zu sehen, der ist sehr ausgefranst und ausgefranster Tumor heißt meistens immer bösartig."

Ein bösartiger Tumor der Nebenniere, das ist sehr selten, betont Joachim Spranger: "Ein bis zwei Fälle pro eine Millionen Einwohner, das ist schon sehr selten. Und von daher sind etablierte Therapien auch nicht wirklich in großem Umfang vorhanden, muss man sagen."

Der Tumor ist groß, er ist bösartig, schwer behandelbar – und er hat gestreut. Man findet mehrere Metastasen. Die Operation des Tumors verläuft zwar gut und Nadine Fischer fühlt sich bald schon besser, Migräne, Haarwuchs, Gewicht normalisieren sich. Doch durch die Metastasen sind die Aussichten schlecht. Auf Drängen ihres Mannes hin versuchen die Ärzte eine ganz neue Behandlung, beschreibt Joachim Spranger.

"Eine Immuntherapie, die aber bei diesem Tumor noch nicht viel angewendet worden ist. Und sie hat unter dieser Immuntherapie außergewöhnlich gut angeschlagen und ein Tumor, der riesig den ganzen Bauchraum ausgefüllt hat, hat sich praktisch aufgelöst. Und sie ist jetzt nicht tumorfrei, so ist es nicht, aber sie hat unheimlich an Lebensqualität gewonnen."

Kein einfaches Leben, aber besser als vorher

Bisher schlägt die Therapie gut an, doch Nadine Fischers Alltag ist weiterhin ausgefüllt mit Arztbesuchen, Medikamenten-Einnahmen, Infusionen. Trotzdem ist sie froh, dass sie jetzt die Ursache kennt:

"Das war für mich eine totale Erleichterung, als wir die Diagnose hatten, weil ich auch gar keine Lust mehr am Leben hatte. Und dann hatte man endlich mal eine Diagnose, man wusste woran man ist, man kann das behandeln. Natürlich hat man vielleicht nur noch fünf oder zehn Jahre zu leben, das ist auch nicht schön – aber das Leben, so wie ich es vorher geführt habe, das war ja auch nicht schön. Das hätte ich wahrscheinlich auch nicht noch zehn Jahre führen können."

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