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StartseiteAus Religion und GesellschaftVon der Weide ins Heiligtum23.10.2019

Der Hirte in der BibelVon der Weide ins Heiligtum

Der Beruf des Hirten zählt zu den ältesten der Menschheitsgeschichte - und es ist ein harter Job. Bis heute. Und so gibt es in Deutschland nur noch wenige Schäfer. Die müssen schmunzeln über das idyllische Hirtenbild, das die Bibel zeichnet. In ihr ist er Metapher für den Prototyp des Kümmerers.

Von Tobias Kühn

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Ein alter Schäfer läuft mit seinen Tieren im Morgendunst auf einem Weg. (imago images / blickwinkel)
Mit der Schäferei verbinden viele Menschen ein idyllisches Bild (imago images / blickwinkel)
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"Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück …"

"Wir haben immer nur das pastorale, schöne Bild im Kopf: Sonnenschein, blauer Himmel, grünes Gras und dann die Schafe, die dastehen, und alles scheint so nett zu sein. Wir denken nicht, wie es wirklich ist, drei Uhr morgens im Winter, wenn die Lämmer kommen und wenn die Schafe krank sind und die Wölfe kommen …"


Der Beruf des Hirten zählt zu den ältesten der Menschheitsgeschichte. Hirten waren Männer, die als Nomaden mit ihrem Vieh umherzogen auf der Suche nach guten Weideplätzen. Sie lebten in Zelten und sorgten für die Nahrung ihrer Tiere und für deren Sicherheit.

Unzählige Schriften der Antike erzählen von Hirten. Auch in der Hebräischen Bibel stößt man immer wieder auf die Figur des Hirten, der sich um seine Herde kümmert. So war auch David, der bedeutendste König der jüdischen Geschichte, ursprünglich ein Hirte. Weil er sich so gut um seine Schafe und Ziegen kümmerte, sagte Gott über ihn:

"Wer so klug für seine Tiere sorgt, ist auch ein guter Hirte für meine Schafe. Darum soll er Israel hüten!"

"Die Patriarchen waren alle Nomaden"

Auch Mose war Hirte. Er weidete das Vieh seines Schwiegervaters Jitro. Später wurde er "Hirte seines Volkes" genannt, weil er die Israeliten durch die Wüste führte. Ebenso waren die biblischen Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob Hirten. Es war der häufigste Beruf jener Zeit, betont der Berliner Rabbiner Walter Rothschild:

"Das war die Hauptbeschäftigung vieler Menschen. Die Patriarchen waren alle Nomaden. Für die Nomaden besteht ihr Kapital, ihr Geld, ihr Besitz aus Tieren, nicht aus Gebäuden, nicht aus Land. Sie gehen einfach dorthin, wo es Gras gibt. Wenn es an einem Ort keine Weiden gibt, weil es nicht genug geregnet hat, dann gehen sie woanders hin. Das ist ein ganz wichtiger Teil der frühen Gesellschaft: Man hat die sesshaften Leute, die Bauern, und die Nomaden mit ihren Herden."

Ein Konflikt der Jungsteinzeit

Nach biblischer Tradition war Abel, der jüngere Sohn von Adam und Eva, der erste Hirte der Menschheitsgeschichte.

"Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit dem Ewigen. Und sie fuhr fort und gebar Abel, seinen Bruder. Und Abel ward ein Schäfer; Kain aber ward ein Ackermann."

Eines Tages, so berichtet die Bibel, brachten beide Brüder Gott ein Opfer: Kain nahm von den Früchten des Feldes; Abel brachte einige Schafe und Lämmer dar. Abels Opfer nahm Gott an, Kains Opfer jedoch nicht. Da erschlug Kain seinen Bruder Abel.

Kain hat seinen Bruder Abel erschlagen. (imago / imagebroker)Kain hat seinen Bruder Abel erschlagen - ein Sinnbild für den Konflikt zwischen Sesshaften und Nomaden? (imago / imagebroker)

Bibelwissenschaftler meinen, hier sei ein Konflikt der Jungsteinzeit auf die ersten Tage der Menschheit zurückdatiert worden: Auf der einen Seite steht der Ackerbauer Kain, der sesshaft geworden ist, auf der anderen Seite der Hirte Abel, der mit seinen Schafen und Ziegen umherzieht. Er ist ein Vertreter der älteren, nomadischen Lebensweise.

Viehhirten waren bei den Bauern nicht beliebt. Denn ihre Schafe und Ziegen fraßen alles, was sie sahen. Sie unterschieden nicht zwischen Acker und Wildnis. Immer wieder kam es vor, dass Hirten ihre Herden auf Land trieben, das Bauern gehörte. Zudem waren die Hirten auf Wasser für ihre Tiere angewiesen, und die wenigen Brunnen reichten oft in der Trockenzeit nicht aus für alle. So waren Konflikte vorprogrammiert – auch unter den Hirten. Trotz dieser Konflikte, die die Bibel nicht ausspart, entstand im Laufe der Zeit das Bild eines idyllischen Hirtenlebens.

"Es ist eine schwere Arbeit"

Die antike Literatur beschreibt den Hirten als freien, jungen Mann, der in der Natur lebt und durch sein gutes Aussehen und mit seiner Musik die Frauen bezirzt. So lässt der griechische Dichter Theokrit im 3. Jahrhundert vor Christus in einem seiner Gedichte einen Hirten sagen:

"Lieblich ist meine Musik, mag auf der Syringe ich blasen,
Mag ich spielen die Flöte, das Schilfrohr oder die Querpfeif'.
Schön auch nennen mich alle Weiber im Gebirge."

In der christlichen und jüdischen Tradition geht es im Zusammenhang mit Hirten weitaus weniger sinnlich zu. Dennoch wird ein idyllisches Hirtenbild transportiert – und das bis heute. Walter Rothschild:

"Das Problem ist: Man hat immer diese Kinderbibel-Bilder im Kopf. Ich hasse Kinderbibeln. Die Männer laufen herum, die Damen auch in schönen Bademänteln und Kopftüchern. Alle sind natürlich weiß, schönen Bart und einen großen Stab in der Hand. Das prägt, wie man von Hirten denkt."

Der Rabbiner Walter Rothschild (privat)Rabbiner Walter Rothschild: "Hirten sind ganz normale Arbeiter" (privat)

Das wirkliche Hirtenleben jedoch ist hart. Der Rabbiner Walter Rothschild wuchs in Nordengland in einer Gegend auf, in der es auch heute noch Schäfer gibt. Sie entsprechen keinesfalls dem Bild, das Kinderbibeln von Hirten zeichnen. Die echten Hirten sehen ganz anders aus.

"Mit einer flachen Mütze, Zigarette zwischen den Zähnen, ein Glas Bier, wenn sie im Pub sitzen – sie sind ganz normale Arbeiter. Es ist eine schwere Arbeit, bei jedem Wetter, Geduld braucht man, allein zu arbeiten, mit dem Hund zu arbeiten – es ist wirklich ganz schwer."

"Wir können die Idylle wenig genießen"

Auch in Deutschland gibt es noch vereinzelt Schäfer. Einer von ihnen ist Jürgen Körner. Er hat in Jüterbog, südlich von Berlin, ein brachliegendes ehemaliges Kasernengelände der Sowjetarmee gepachtet und hält dort mehr als 1000 Bentheimer- und Suffolkschafe. Es betrübt ihn, dass sein Beruf möglicherweise bald aussterben wird.

"Ja, es macht mich sehr traurig. Es ist ja einer der ältesten Berufe, die wir überhaupt haben. Als die Menschheit anfing, Vieh zu halten, war der Hirte der Erste, der sich um das Wohl der Tiere gekümmert hat, sonst wäre keine Viehhaltung möglich gewesen. Es gab ja keine Zäune, kein nichts. Die Hirten waren Tag und Nacht bei dem Vieh. Das brauchen wir zum Glück nicht, weil wir ja die technischen Voraussetzungen haben und auch durch die Hunde versuchen, den Schutz darzustellen. Für uns ist die Anstrengung viel höher, die Herde vor Außeneinwirkungen, zum Beispiel durch den Wolf, zu schützen, als dass die Herde ausbricht."

Wirklich idyllisch hört sich das nicht an.

"Manchmal kommt Idylle auf, aber wir nehmen sie oft gar nicht wahr, weil es immer nur heißt: fertigwerden, fertigwerden, fertigwerden. Das Arbeitsmaß ist leider so hoch, dass wir die Idylle viel zu wenig genießen können oder wahrnehmen können. Es ist ein sehr komplexer Job geworden mit vielen, vielen Sachen, die eigentlich auch nicht unbedingt mehr richtig mit dem Beruf zu tun haben, sondern einfach Voraussetzung sind, damit sich‘s finanziell irgendwie dreht. Es ist so viel Freizeit dran gebunden. Also ohne Handy kann ich‘s mir überhaupt nicht mehr vorstellen, weil man immer auf Abruf ist, wir sind ja mit mehreren Herden draußen. Es ist eine ganz schöne Belastung, die auch mürbe macht. Es wäre vieles ein bisschen leichter zu ertragen, wenn es finanziell besser stehen würde."

Die Hirten erfahren zuerst von Christi Geburt

Dass es ihnen wirtschaftlich besser gehen würde, das wünschten sich wohl auch die Hirten in der Antike. Sie standen im sozialen Gefüge ganz unten. Hält man sich dies vor Augen, erahnt man, was es bedeutet, dass ausgerechnet der Hirtenjunge David zum König Israels gesalbt wurde. Eine ähnlich starke Symbolkraft liegt in der Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium des Neuen Testaments:

"Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids."

Dass es die Hirten waren, die als erste von der Geburt des Gottessohnes erfuhren, ist eine starke Metapher, sagt der Theologe Rainer Kampling. Er ist Professor für katholische Theologie an der Freien Universität Berlin.

"Es waren Hungerlöhner eigentlich. Sie besaßen ja die Herden nicht, also sie weideten sie nur. Sie waren nicht sesshaft. Und die Nichtsesshaften sind die, die als erste erfahren, dass der Gottessohn geboren ist! Das ist der eigentliche Witz bei Lukas – und richtet sich zweifelsohne auch gegen Augustus, der sich in einer gewissen Form als Hirte der Völker sah."

"Das ist blankes soziales Elend"

Nicht erst Kaiser Augustus verstand sich als "Hirte der Völker". Bereits seit dem Jahr 3000 vor Christus ist diese Bezeichnung im Zweistromland gebräuchlich. Die Herrscher des Alten Orients sahen sich als Väter und Hirten. Später übernahmen die Griechen und Römer die Metaphorik und übertrugen sie auf ihre Könige und Cäsaren. Unter "Weiden" verstand man das Regieren, und ein gerechter Herrscher sorgte, wie ein Hirte, auch für die Schwachen und Schutzlosen – so die Idealvorstellung. Doch das hochstilisierte Bild hatte mit der gesellschaftlichen Realität, mit dem harten Leben und der Armut der Hirten, nichts zu tun. Rainer Kampling:

"Das scheint wirklich interessant zu sein: Wir haben also auf der einen Seite dieses hohe Bild des Menschen, der in der Lage ist, die Schafe zu hüten und sie den rechten Weg zu leiten, – aber gleichzeitig ist es blankes soziales Elend! Obgleich er nicht unbedingt sozial wertgeschätzt wird, wird aber nicht verkannt, dass seine Arbeit unverzichtbar ist: Wir haben ja eine Nutzung in vielen Bereichen – also Milch und natürlich auch Wolle sowie Leder, seltener Fleisch übrigens –, und dann ist diese Aufgabe so zentral, dass man sie übertragen hat."

Der Mensch als Schaf

Angesichts der Wichtigkeit der Viehwirtschaft liegt es nahe, das Bild des Hirten auf den Herrscher zu übertragen: Er versorgt das Volk mit allem, was es braucht. Und er beschützt es. Das Volk – also Menschen – mit Schafen zu vergleichen, daran stört sich in der Antike niemand. Im Gegenteil: Das Schaf hat Eigenschaften, die man sich von einem Untertan wünscht.

"Man bewundert offensichtlich seine absolute Zutraulichkeit. Aber es hat nicht das schlechte Image, das das Schaf jetzt hat. Also es galt nicht als dumm. Aber natürlich geht man davon aus, dass die Schafe so etwas haben – wir würden heute sagen: Vertrautheit und Vertrauen. Und das ist ja die Erwartung, die man in einem antiken System vom Untertan haben konnte. Das ist etwas, was wir in der Rhetorik ja bis Wilhelm II. in Deutschland haben: Also er ist der gute Herrscher, weil er sich um seine ihm von Gott Anvertrauten kümmert."

Schlechte Hirten werden getadelt - auch in der Bibel

Doch immer wieder wurden die Herrschenden diesem Anspruch nicht gerecht. Das kritisierte schon der biblische Prophet Ezechiel im 6. Jahrhundert vor Christus:

"Weh den Hirten, die sich selbst weiden! Ihr fresst das Fette und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete. Aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Auf die Schwachen wartet ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, und das Verlorene sucht ihr nicht, sondern streng und hart herrscht ihr über sie."

"Dieser Vorwurf von Ezechiel besteht darin, dass die, denen das Volk Israel anvertraut ist, nur auf ihren eigenen Nutzen blicken. Also alle, die behaupten, sie seien Hirten – ob das nun Könige sind oder was auch immer – sind es in Wirklichkeit nicht. Und deswegen ist der wahre Hirte eben Gott."

Sagt Rainer Kampling. Und so überbringt der Prophet Ezechiel nach seiner Kritik an den Machthabern schließlich die Mitteilung Gottes, dass dieser das Volk Israel in Zukunft selbst führen werde:

"Darum will ich meine Herde aus ihren Händen fordern. Sie sollen nicht mehr Hirten sein und sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will mich meiner Herde selbst annehmen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie retten. Ich will sie in ihr Land und auf die beste Weide führen. Ich selbst will meine Schafe weiden."

Bibelgeschichten mit Western-Qualität

Die Vorstellung Gottes als Hirte kennt man auch aus anderen biblischen Texten. Der wohl bekannteste ist Psalm 23. Hier ist von Gott nicht als Hirte des Volkes die Rede, sondern ein individueller Beter sehnt sich nach Gott als seinem Beschützer:

"Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde."

"Eigentlich ist es ein Text, der davon spricht, dass man Gott völlig vertrauen kann. Und das ist eben das Bild. Wir dürfen annehmen, dass es idealtypisch ist. Ich erinnere gern an die schönen Geschichten in Genesis über die sich prügelnden Hirten, oder auch in Exodus, wie die Hirten anderen Hirten das Wasser wegnehmen – das hat schon Western-Qualität. Aber das wird bei diesem guten Hirten völlig ausgeblendet. Er ist der idealtypische Hirte – den es wahrscheinlich so nie gegeben hat."

Erklärt Rainer Kampling. Zu hören, wie großartig Gott diesen Job macht, kann einen echten Hirten unter Druck setzen. Der Schäfer Jürgen Körner ist evangelischer Christ und kennt den Psalm. Er hört diese Worte mit gemischten Gefühlen und mit Zweifel.

"Dass man selber als Hirte nicht diese Kraft hat wie Gott. Da ist der Stolz, diesen Beruf machen zu dürfen, aber auch Betrübtheit, es nicht vollkommen machen zu können. Also, wir müssen immer irgendwelche Abstriche machen. Wir sind alle nur Menschen und haben alle nur eine gewisse Kraft."

Hirte sein: "Das ist schon Selbstlosigkeit"

Von Psalm 23 ist es nicht weit zum sogenannten "Guten Hirten", einer der ältesten und verbreitetsten Bezeichnungen für Jesus. In einer Gleichnisrede im Neuen Testament beschreibt sich Jesus als Hirte, der seine Schafe mit Namen nennt. Die Schafe hören auf seine Stimme, folgen ihm und werden deshalb nie zugrunde gehen. Die Geschichte gipfelt in dem Satz:

"Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe."

In der christlichen Kunst wird Jesus als der "Gute Hirte" oft mit einem Schaf auf dem Arm oder im Nacken dargestellt. Schon zuvor kannte man Bilder und Plastiken, die den griechischen Gott Hermes zeigen, wie er einen Widder trägt. Hermes war der Schutzgott der Reisenden, der Kaufleute – und der Hirten.

Das Mosaik im Kloster Kykkos auf Zypern zeigt Jesus als "Guten Hirten" mit einem Lamm auf den Schultern (imago/Werner Otto)Jesus als "Guter Hirte" mit einem Lamm auf den Schultern (imago/Werner Otto)

Der "Gute Hirte" gilt als Inbegriff der Selbstlosigkeit. Für den Brandenburger Schäfer Jürgen Körner grenzt es inzwischen an Selbstlosigkeit, heute noch den Beruf des Schäfers auszuüben.

"Wenn ich sehe, wie hoch der Zeitaufwand ist, den wir einfach nicht bezahlt kriegen – da ist es schon Selbstlosigkeit, kann man schon davon sprechen. Mit einer 35-Stunden-Woche würden die Tiere alle verhungern, ist es nicht machbar, Tiere zu versorgen. Die Woche hat sieben Tage, und die Tiere müssen sieben Tage in der Woche fressen und versorgt werden. Da ist ein großes Maß Selbstlosigkeit. Man muss auf ganz viele Sachen verzichten."

Vom Hirten zum Lamm

Ein Gegenpol zur Allegorie des "Guten Hirten" findet sich in dem Bild von Jesus als dem "Lamm Gottes". Es wird zur Vergebung ihrer Sünden geopfert. In der Johannesapokalypse im Neuen Testament ist das "Lamm Gottes" als eine symbolische Darstellung des himmlischen Christus zu verstehen. Demnach ist Jesus sowohl Hirte als auch Lamm. Rainer Kampling:

"(lacht) Das ist genial, oder? Wir haben in den wenigen Jahren nach der Kreuzigung eine geradezu explosive Entwicklung der Aussagen über Jesus. Wenn Sie in einem kultischen Kontext leben wie die Apostel, ist Ihre Metaphorik natürlich auch geprägt durch den Tempel. Soweit wir wissen, ist Jesus zeitlich in Nähe zum Pessachfest gekreuzigt worden. Anders als sonst bei Kreuzigungen berichtet das Neue Testament von starkem Blutverlust durch vorhergehende Folter. Es ist nicht zufällig, dass man bei diesen historischen Ereignissen die Assoziation des Pessach-Lammes hat."

Im Jerusalemer Tempel wurde bis zu seiner Zerstörung im Jahre 70 jedes Jahr an Pessach, dem Fest der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, ein Lamm geopfert. Das Pessach-Lamm sollte das ganze Volk Israel ein Jahr lang vor Strafen und Plagen bewahren. Das Christentum übertrug dieses Bild auf Jesus als "Lamm Gottes". Später wurde daraus das Osterlamm. Unter den frühen Christen war es üblich, vor Ostern Lammfleisch unter den Altar zu legen. Es wurde geweiht und schließlich am Ostermorgen, dem Tag der Auferstehung Jesu, als erste Speise gegessen.

"Geistliche Hirten" und Schäfer - ein hinkender Vergleich

Jene frühen Christen nannten ihre Gemeindeältesten Pastores – das heißt auf Deutsch: Hirten. Und bald wurde der Begriff in der Kirche für Geistliche benutzt. Die katholischen Bischöfe verstehen sich bis heute als Hirten ihrer Diözese. Sie bekleiden ein Hirtenamt, heißt es offiziell, und ihr Bischofsstab symbolisiert den Stab, mit dem ein Hirte wilde Tiere verjagt und seine Herde beschützt. Der derzeitige Oberhirte der katholischen Kirche, Papst Franziskus, sagte kürzlich über seine Arbeit:

"Die Aufgabe des Papstes ist es, die Einheit der Kirche zu garantieren. Es ist seine Aufgabe, alle Gläubigen an ihre Pflicht zu erinnern, treu dem Evangelium Christi zu folgen. Es ist seine Aufgabe, die Hirten daran zu erinnern, dass es ihre wichtigste Aufgabe ist, die Herde zu hüten, die der Herr ihnen anvertraut hat, und die verirrten Schafe zu suchen und willkommen zu heißen, in Väterlichkeit, Barmherzigkeit und ohne falsche Angst."

Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz beim Eröffnungsgottesdienst der Herbst-Vollversammlung (Arne Dedert / dpa)Der Hirtenstab gehört zur Grundausstattung katholischer Bischöfe (Arne Dedert / dpa)

Auch die protestantische Kirche hat ihre Hirten. In einigen Teilen Deutschlands ist das lateinische Wort für Hirte, Pastor, bis heute gebräuchlich. Bei dem Gedanken, dass die katholischen Bischöfe und die evangelischen Pastoren gewissermaßen seine Kollegen sind, schüttelt der brandenburgische Schäfer Jürgen Körner den Kopf.

"Der Pastor betreut, ja, gibt Beistand. Aber hier als Hirte, es ist hier ja weniger ein seelischer Beistand als ein existenzieller. Es ist doch ein bisschen eine andere Situation. Man muss ständig fürs Futter und für die Gesundheit sorgen. Ich würde das nicht miteinander vergleichen. Es wird immer als Sinnbild benutzt, aber eigentlich klafft es auseinander. Wenn ein Pastor für das Geld arbeiten sollte, was wir hier haben, und diese Stunden machen sollte, hätten wir keine Pastoren mehr."

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