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StartseiteHintergrund"Hier wird eine Art ideologischer Krieg ausgetragen"27.09.2017

Der Islam auf dem Balkan"Hier wird eine Art ideologischer Krieg ausgetragen"

Bosnien war am ehesten das, was man im Westen gern unter einem europäischen Islam verstanden haben wollte – friedlich, liberal, nicht auf staatliche Macht bedacht. Doch bei Muslimen auf dem Balkan stehen sich zunehmend gemäßigte und fanatische Gläubige gegenüber, darunter radikale Salafisten.

Von Norbert Mappes-Niediek

Ein Imam betet in der Sultan Fatih Moschee in Sarajevo, Bosnien-Herzegowina.  (imago / Xinhua)
Gestritten wird in den Balkanländern weniger zwischen Christen und Muslimen, sondern innerhalb der muslimisch geprägten Bevölkerungsgruppen. (imago / Xinhua)
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Kairo? Mekka? Nein, Skopje. Für Touristen sind die Klänge aus der kleinen Murat-Pascha-Moschee im Herzen der Altstadt nicht ohne Reiz. Für die Anwohner dagegen ist die exotische Dauerbeschallung eher ein Ärgernis - ebenso wie die Männer mit den langen Bärten und den zu kurzen Hosen, die hier, belagert von bettelnden Kindern, zum Gebet kommen.

Das Basarviertel von Skopje sei muslimisch, kann man im Reiseführer lesen, muslimisch wie gut 25 Prozent der Bevölkerung Mazedoniens, dazu halb Bosnien-Herzegowina, zwei Drittel Albaniens, der Norden Montenegros ebenso wie der äußerste Süden und Südwesten Serbiens.

Was das aber konkret heißt, muslimisch zu sein, ist immer weniger klar. Einfacher Volksglaube mit seinen alten Gebräuchen, ein gleichgültiger Alltagsislam, an den man sich, ähnlich wie es westliche Taufscheinchristen tun, nur zu hohen Familienfesten erinnert, regelrechte Aversion gegen alles, was nur entfernt mit Islam und Religion zu tun hat, aber auch strenge Askese, eiferndes Predigertum und auch finsterer religiöser Hass - alles das existiert im sogenannten islamischen Teil des Balkan neben einander.

"Zunächst einmal gibt es in der Tat aufgrund der Gesamtsituation ein günstiges Klima für die Ausbreitung von radikalen Bewegungen und radikalen Ideologien egal welcher Natur - oder säkular-nationalistischer Ideologien, die sowieso sehr stark präsent sind im Balkanraum."

Hohe Jugendarbeitslosigkeit in Bosnien-Herzegowina

Armina Omerika ist Professorin für Ideengeschichte des Islam an der Universität Frankfurt.

"Wir reden hier aber auch von einer Region, die seit Jahrzehnten mittlerweile von einer sehr großen politischen Instabilität gekennzeichnet ist, die sich in sozialen und wirtschaftlichen Krisen als eine Art Dauerzustand befindet. Als ein Beispiel sei nur genannt, dass in Bosnien-Herzegowina die Jugendarbeitslosigkeitsquote eine der höchsten ist in der ganzen Welt."

Obwohl Islamwissenschaftlerin, denkt Armina Omerika nicht als erstes an Religion, wenn sie das knisternde Klima erklären soll. Kämpfe, Kriege, die zitierte politische Instabilität auf dem Balkan - alles das wird auch bei der gegenwärtigen Konjunktur der  sogenannten Islamkritik  nicht mit Glauben assoziiert, sondern mit Nationalismus, mit den säkular-nationalistischen Ideologien, von denen die Frankfurter Professorin spricht. Der Islam wurde auf dem Balkan erst lange nach den Kriegen zum Thema - und als Sicherheitsrisiko wird er erst mit dem Beginn des Krieges in Syrien wahrgenommen.

"In den Jahren zwischen 2012 und 2016 beispielsweise sind laut Schätzungen der regionalen Sicherheitsbehörden über 1000 Personen aus dem Westbalkan nach Syrien bzw. den Irak ausgewandert - als Kämpfer bzw. als logistische Unterstützer. Das betrifft in erster Linie Bosnien-Herzegowina, aber auch den Kosovo, Albanien und Mazedonien. Einige sind dort getötet worden, einige sind zurückgekehrt, viele sind aber auch geblieben. Und das schließt auch ganze Familien ein, also Frauen und Kinder."

"Diese Konflikte werden hierhin transportiert"

Der Kriegstourismus ist zum Erliegen gekommen, seit gewaltbereite Dschihadisten scharf überwacht und an den Grenzen aufgehalten werden. Aber die Herausforderung durch den radikalen Islamismus ist damit nicht vorbei. Gestritten wird in den Balkanländern weniger zwischen Christen und Muslimen, sondern innerhalb der muslimisch geprägten Bevölkerungsgruppen.

"Seit den 90er Jahren werden auf dem Balkan in der Tat auch Konflikte ausgetragen zwischen muslimischen Regionalmächten des Nahen Ostens. Da sind zunächst einmal Iran und Saudi-Arabien und die Golfstaaten und in den letzten Jahren auch die Türkei. Diese Konflikte werden in anderen Regionen generiert, aber sie werden hierhin transportiert, und man kann schon sagen, dass hier eine Art ideologischer Krieg ausgetragen wird."

Eine Fußgänger-Straße in der Altstadt Sarajevos mit Blick auf die bewohnten Hügel im Hintergrund. Links ein altes Backsteingebäude mit Torbögen. Aufgenommen am 22.06.2016 (imago/Ziga Zivulovic)Die Altstadt Sarajevos ist berühmt für ihre kulturelle und religiöse Vielfalt. (imago/Ziga Zivulovic)

Für Araber aus den Golfstaaten ist Sarajevo ein beliebtes Reiseziel. Iraner, die hier gleich dem Krieg die ersten Pflöcke einschlugen, eine große Botschaft eröffneten und an prominenter Stelle ein Kulturzentrum gründeten, sieht man kaum noch.

Nicht sichtbar, aber spürbar präsent ist die Türkei des Recep Tayyip Erdogan. Sie ist durch die gemeinsame Zugehörigkeit zur sogenannten hanafitischen Rechtsschule des Islam, durch historische, kulturelle, aber auch viele verwandtschaftliche Bande eng sowohl mit Bosnien als auch mit dem albanischen Raum verbunden.

Und doch deutlich unterschieden. Vor allem Bosnien war am ehesten das, was man im Westen gern unter einem europäischen Islam verstanden haben wollte – friedlich, liberal, offen und nicht auf staatliche Macht bedacht, auf Werten basierend, wie sie der frühere bosnische Großmufti Mustafa Ceric in seiner Deklaration der europäischen Muslime formuliert hat, einer Stellungnahme zu den Anschlägen vom 11. September 2001 und denen von Madrid und London drei und vier Jahre später.

Weltaufteilung in Häuser "des Friedens, Krieges und Vertrages"

Begonnen hat der westliche Sonderweg des Balkan-Islam damit, dass Bosnien 1878 österreichisch wurde, wie Fikret Karcic erklärt, Jurist an der Theologischen Fakultät der Universität von Sarajevo.

"Man kann wohl sagen, dass das eine Art Kulturschock war. Bis 1878 haben die Muslime als Soldaten des Osmanischen Reiches gegen Österreich-Ungarn gekämpft. Dann auf einmal hat eben diese österreichisch-ungarische Armee Bosnien-Herzegowina besetzt."

Drei Monate wurde gekämpft, dann war der Aufstand der Muslime niedergeschlagen.

Die Islamische Gemeinschaft bekam ein gemeinsames Oberhaupt, das als Scharnier fungierte zur christlichen Staatsgewalt - den Reis-ul Ulema, wie er in der Region genannt wird, auf Deutsch meist als Großmufti übersetzt. Ein kluger Schachzug.

"Der Ulema und die muslimischen Gelehrten haben bei der Integration eine sehr wichtige Rolle gespielt. Zunächst haben sie festgestellt, dass es Muslimen erlaubt ist, in einem nichtmuslimischen Staat zu leben, sofern man ihnen dort ihre Glaubensrechte zugesteht, dann, dass sie auch in der Armee eines nichtmuslimischen Staates dienen dürfen. Und schließlich haben sie die Muslime dazu aufgerufen, nicht in die Türkei auszuwandern, sondern in Bosnien zu bleiben."

Neuzeitliche Salafisten, die ihre Schriften so streng und wörtlich auslegen wie christliche Sekten die Bibel, behaupten gelegentlich, der Islam sei mit der Verfassung eines liberalen Staates nicht vereinbar. Diese Doktrin haben die islamischen Gelehrten schon lange hinter sich gelassen, wie Fikret Karcic erklärt.

"Schon seit sehr langer Zeit, bereits seit dem dritten Jahrhundert der islamischen Zeitrechnung, unterteilen islamische Rechtsgelehrte die Welt in drei Kategorien: Das sogenannte Haus des Friedens, also das islamische Territorium, dann das Haus des Krieges, also das nichtmuslimische Territorium, und das dritte ist das Haus des Vertrages, ein Land, das mit islamischen Ländern freundschaftliche Beziehungen unterhält - wobei man dazu sagen muss, dass diese Kategorie historischer Natur ist und sich weder im Koran noch in der Sunna findet. So haben es klassische islamische Rechtsgelehrte als Unterscheidungskriterium für die vorgefundene Wirklichkeit formuliert."

Ohne Nation, aber Teil der spirituellen Weltmacht

Die liberale Tradition hat das Vordringen radikaler Gruppen nicht aufhalten können. Gekeimt hat es allerdings weniger unter den Menschen in Bosnien - da stand lange noch Nation gegen Nation und nicht Glaube gegen Glaube. Der Wiener Balkanhistoriker Robert Pichler hat über lange Jahre Feldforschung in Gegenden betrieben, die sonst kaum ein Fremder betritt. Im Westen Mazedoniens stehen muslimische Albaner orthodoxen Mazedoniern gegenüber. Dazwischen mazedonisch, also slawisch sprechende Muslime, Menschen, die weder hier- noch dorthin gehören.

"Was wiederum eine neuerliche Dynamik ausgelöst hat, nämlich dass sich der neue Islam, teilweise der radikale Islam sehr stark unter diesen Communities findet, für die sozusagen die nationale Option nicht realisierbar war. Diese Menschen haben sich dann stärker dem Islam zugewandt, und wenn man in die Dörfer der muslimischen Mazedonier kommt, dann ist es ja besonders augenfällig."

Man hat zwar keine eigene Nation, gehört als Muslim aber zu einer spirituellen Weltmacht. Aus dem Nachteil wurde ein Vorteil.

"Aufgrund des Mangels einer klaren nationalen Identität ist dieser transnational organisierte Islam von großem Interesse. Aber nicht nur für diese Gruppe, aber für diese Gruppen besonders, weil die Nation lässt sich dann sozusagen in eine Weltgemeinschaft ausweiten."

Frust über korrupte Eliten verstärken den radikalen Islam

Inzwischen findet der radikale Islam aber auch unter den sonst so betont säkular und oft sehr nationalistischen Albanern Anhänger, und das, obwohl zur vorherrschenden nationalen Ideologie eine demonstrative Distanz zum Islam gehört und man entsprechend etwa in der Kosovo-Hauptstadt Prishtina oder in Tirana auch heute noch erheblich weniger Kopftücher sieht als etwa in Berlin oder gar in Offenbach oder Remscheid.

Kosovo, Prishtina. Moschee in der westlichen Vorstadt. (imago stock&people/Walter Bibikow; Danita Delimont)Kosovo, Prishtina. Moschee in der westlichen Vorstadt. (imago stock&people/Walter Bibikow; Danita Delimont)

"Es geht nicht mehr nur um die national Uneindeutigen, die sich jetzt verstärkt dem Islam zuwenden, sondern es geht auch vermehrt um jene, die sehr wohl eine klare nationale Identität ausgebildet haben, die aber der ethno-nationalen Politik und diesen politischen Eliten enttäuscht sind – die gesehen haben, dass diese aus dem Krieg hervorgegangenen politischen Eliten, die ja eigentlich bis heute das Sagen haben unter den Albanern, sowohl in Makedonien als auch im Kosovo, dass diese Eliten den Nationalismus vorwiegend dazu missbrauchen, um sich selbst zu bereichern und die Lebensbedingungen der Menschen eher verschlechtert haben als verbessert."

Je größer die Hoffnung war auf die Nation, das Versprechen von einer solidarischen Gesellschaft der Gleichen, desto tiefer die Enttäuschung. Nicht Hass auf die anderen, die Christen, die Ungläubigen, nicht also das, was man dem Balkan gern unterstellt, ist das Leitmotiv der Bewegung. Vor dem Hass auf die anderen steht die Wut über den Verrat durch die eigenen Leute, aber auch der Hunger nach Werten, nach einem Leben jenseits des Materialismus, der die Nachkriegsgesellschaften auf dem Balkan prägt.

"Das moralisch gute Leben, wie es im Islam praktiziert wird und auch gepredigt wird, eröffnet eine Gegenwelt - eine Gegenwelt, die auch antikapitalistisch ist, das muss man auch dazu sagen. Viele Menschen argumentieren auch in die Richtung, dass ihnen der Markt sozusagen nichts gebracht hat, ja, und der Markt führt auch zu einer moralischen Verrohung, wie überhaupt der Materialismus und so weiter. Solche Diskurse findet man in diesen Kreisen. Auf albanischer Seite merkt man so eine Grassroots-Bewegung, die natürlich auch sehr stark inspiriert ist von Missionaren, von NGOs und so weiter, die den Menschen zu verstehen geben, und teilweise auch plausibel und nachvollziehbar zu verstehen geben, dass es eine Alternative gibt zu diesem westlich orientierten Leben, das ja von diesen Eliten zu einem großen Teil missbraucht wird."

Werteangebot "extrem patriarchalisch, extrem konservativ"

Wo Werte angeboten und dann gefunden werden, sind sie extrem patriarchalisch, extrem konservativ – das Gegenbild zu einem chaotischen Leben ohne Fixpunkte, weit chaotischer übrigens, als man sich das im liberalen, aber doch auch wohlgeordneten Westen vorstellen kann.

"Heute giltst du als der Weltfremde", tönt da der Prediger durch sein schepperndes Mikro durch das Internet, "wenn du keine Frauen anschaust, mit Frauen nicht redest. Aber wenn du dir im Café einen Kuchen bestellst und dich dabei der Kellnerin zuwendest, giltst du als zivilisiert; wendest du deine Augen aber von ihr ab, so nennen sie dich konservativ".

Der 40-jährige Bosnier Elvedin Pezic wurde zum Star der Szene, indem er die absurdesten Verhaltensregeln als fromme Selbstverständlichkeiten verkaufte.

"Es ist auf den ersten Blick ein ganz unpolitisches Tun, es ist ein ganz unpolitisches Leben. Es ist ein Leben quasi, das aber wieder Ordnung hat, Struktur hat, ein Gefüge hat, das Würde den Menschen gibt. Das albanische Leben ist ja über anderthalb Generationen, kann man sagen, vollkommen aus dem Ruder gelaufen, wo jetzt diese Ordnungsschemata auch im Alltag der Menschen total verloren gegangen sind. Vor allem: Die Hälfte der Menschen sind migriert, in verschiedenste Länder. Das war sehr viel Überleben, sehr viel Überlebensstrategien, die da betrieben wurden."

Breite salafistische Szene auf dem Balkan

Entsprechend vielfältig ist die Bewegung; organisierendes Zentrum gibt es keines, und die Unterstützung aus dem Ausland bewirkt zwar manches, erklärt aber wenig. Die Erweckungsprediger, die in manchen Moscheen, aber vor allem auf Youtube und in sozialen Medien auftreten, reden meistens davon, wie man leben soll und nur sehr selten davon, dass es gelte, in Syrien oder im Irak Ungläubige zu vernichten oder gar mit einem Sprenggürtel um den Bauch in Fußgängerzonen zu gehen. Wie hoch das tatsächliche Gewaltpotenzial der Bewegung ist, wagt Armina Omerika nicht einzuschätzen.

"Was aber in jedem Falle stimmt, ist, dass die salafistische Szene auf dem Balkan intern sehr divers ist und dass dazu eben sowohl die sogenannten quietistischen, nicht gewaltbereiten Gruppierungen gehören wie beispielsweise die Bakledioun oder die Sahwa, also die Strömung des Salafismus, die in Saudi-Arabien sehr populär ist, wie halt eben auf der anderen Seite auch verschiedene Gruppierungen, die Gewalt befürworten. Aber auch da gibt es noch mal interne Unterschiede. Da ist eine Gruppe, die einen solchen Kampf nur im Falle eines direkten Angriffs auf sie befürwortet, und dann eben die am ganz äußersten Rand des Spektrums, die sogenannten Taxiri, das sind Salafisten, die auch Gewalt befürworten, aber auch alle anderen, die ihnen nicht zugehören - zunächst mal Nichtmuslime - als Feinde betrachten, und das schließt auch andere Salafisten ein."

Tatsächlich werden die Konflikte um den Islam auf dem Balkan vorwiegend unter Muslimen ausgetragen. Differenzen zwischen den traditionsverhafteten, aber damit auch in dogmatischen Fragen oft nachlässigen Alten und den strengeren, fordernden Jüngeren habe es zwar schon im Kommunismus gegeben, als der Glaube der Väter als vorzeitlicher Aberglaube und der der Söhne als klar, logisch und modern galt, sagt der Feldforscher Robert Pichler.

"Erst mit dem Ende des Kommunismus, erst mit der Ankunft der neuen Muslime, der neuen Generation, haben sich die Gräben wirklich vertieft. Da erkennt man dann, dass es heftige Auseinandersetzungen gibt innerhalb der muslimischen Communities, wo dann diese neuen Muslime null Toleranz haben, null Verständnis mehr haben und auch mit einer unglaublichen Arroganz auf ihre Vorfahren, auf die ältere Generation blicken und sie auch als Sozialisten verunglimpfen et cetera."  

Glaubensgemeinschaften setzen auf Dialog und Integration

Eine ähnliche Entwicklung fand auch in Bosnien statt. Heute setzt die islamische Glaubensgemeinschaft auf Integration. 

"In der Verwaltung der Glaubensgemeinschaft sind zwei Abteilungen mit dem innerislamischen Dialog befasst – zum einen die für Außenbeziehungen, zum anderen die für Glaubensfragen. Der Dialog findet also statt, und ich finde es auch wichtig, dass die Glaubensgemeinschaft mit allen spricht, außer mit den Befürwortern von Gewalt. Das ist eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf."

Der Weg sei durchaus erfolgreich, sagt der islamische Rechtsgelehrte Fikret Karcic und verweist darauf, dass die Auflösungstendenzen der Glaubensgemeinschaft in der Tat gestoppt werden konnten.

"Es gab die sogenannten Para-Dzemaat, islamische Kongregationen außerhalb der Glaubensgemeinschaft. Vor ein paar Jahren wurden sie dann eingeladen, sich einzugliedern, was die meisten von ihnen auch getan haben. Einige sind außerhalb der Strukturen geblieben. Da hat die Glaubensgemeinschaft dann gesagt: Wenn ihr so weitermacht, dann seid ihr nicht mehr unser Problem, sondern vielmehr ein Sicherheitsproblem."

Salafistische Ideen verbreiten sich nach Studium in arabischen Ländern

An Argumenten für die integrative Strategie mangelt es nicht, wie Fikret Karcic an konkreten Erfahrungen deutlich machen kann:

"Salafistische Ideen verbreiten sich auf verschiedene Art und Weise. Eine davon ist die Ausbildung. Wir haben eine große Zahl Studenten, die zum Studium in arabische Länder gehen, nach ihrem Abschluss wieder zurückkehren und sich dann natürlich fragen, was sie jetzt tun sollen. Wenn man sie einbezieht in die Institutionen, dann erledigt man schon den wichtigsten Grund für das Abgleiten ins Extreme. Wenn man sie außen vor lässt und ihnen somit nichts bleibt, außer Vorträge zu halten, so werden sie eben Vorträge halten." 

Der Weg der Integration war allerdings von Anfang an auch von erheblicher Skepsis begleitet. Was, wenn die Bärtigen in den Schulen einmal die Mehrheit stellen und dann vielleicht nicht so offen und integrativ gegen die Gemäßigten auftreten?

Integration ist ein zweischneidiges Schwert. Aufgeben würde Armina Omerika die Strategie trotzdem nicht – und ihre Begründung unterstreicht den Ernst der Lage:

"Denn die Frage stellt sich hier: Was wäre die Alternative? Wenn man sie eben nicht einbindet und wenn man dadurch auch keine Aufsicht hat über die Inhalte, die über die Gemeinden verbreitet werden, dann entzieht man sich praktisch vollkommen der Verantwortung dafür oder hat überhaupt keinen Einfluss." 

 

 

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