Freitag, 22.01.2021
 
Seit 17:35 Uhr Kultur heute
StartseiteDie neue PlatteDie Zeit steht still01.01.2021

Der lettische Rundfunkchor singt BrucknerDie Zeit steht still

Für Motetten ist Anton Bruckner nicht bekannt - zu Unrecht beweist der lettische Rundfunkchor mit seiner neuen CD. Nicht nur, dass Bruckner sie ein Leben lang schrieb, sondern auch, weil man in ihnen sein Genie auf engem Raum erlebt. Die großartige Interpretation seiner Werke macht dieses Album zu einer echten Empfehlung.

Am Mikrofon: Oliver Cech

In einem modernen Gebäude aus viel Glas und Stahl sitzen und stehen unter dem Dach mehrere Männer und Frauen in verschiedenem Alter. Alle tragen dunkelblaue Konzertkleidung und die Männer weiße Hemden mit dunkelblauen Fliegen. (Daina Geidmane)
Vereint die Stimmkultur westeuropäischer Chöre mit dem körperhaften Klang slawischer Ensembles: der Chor des lettischen Rundfunks. (Daina Geidmane)
Mehr zum Thema

Geistliche Chormusik Raritäten von Tschaikowsky

Solsberg Festival: Der Chor des Lettischen Rundfunks Musizieren unter Freunden

RIAS Kammerchor und die Akademie für Alte Musik Händels Messias als Weltenretter

RIAS Kammerchor Besinnung in der Turbulenz

Kein anderer der großen Komponisten hat zu Lebzeiten so viel Spott über sich ergehen lassen müssen wie Anton Bruckner. "Sinfonische Riesenschlangen" seien die Werke Bruckners, hat sich Johannes Brahms mokiert – und über seinen gar nicht geschätzten Kollegen gemeint: "Das ist ein armer, verrückter Mensch, den haben die Pfaffen von Sankt Florian auf dem Gewissen."

Ein armer, verrückter Mensch – oder ein Musikgenie? Oder gar beides? Aus Sicht des Wiener Musik-Establish­ments gehörte Bruckner einfach nicht dazu. Auf­gewachsen in einem 2000-Seelen Dorf, als jüngstes von zwölf Kindern eines Dorflehrers; musikalische Ausbildung als Sängerknabe im streng katholischen Stift Sankt Florian; bewundert für seine Orgelimprovisa­tionen: Nein, wie die Biographie eines Sinfonikers der Spätromantik klingt das nun wirklich nicht.

Zentrale Werke, um Bruckner zu verstehen

Wer die Wurzeln Bruckners verstehen möchte, der darf nicht erst in seinen Sinfo­nien nach Hinweisen suchen. Sondern vor allem in Bruckners geistlicher Vokalmusik! Das Genre der lateinischen Motette hat ihn über Jahrzehnte beschäftigt. Obwohl sich darunter einige echte Meisterwerke befinden, waren diese Stücke lange fast vergessen, und sie stehen noch heute wenig beachtet im Schatten der Sinfonien. Der Chor des lettischen Rundfunks hat jetzt eine Auswahl von Anton Bruckners Motetten neu aufgenommen.

Musik: Anton Bruckner - Virga jesse

Virga Jesse: eine vierstimmige Motette von Anton Bruckner, komponiert 1885 - also im gleichen Jahr, in dem Bruckner mit seiner Siebten Sinfonie endlich der ersehnte Durchbruch gelingt. Bis dahin hatten das Wiener Publikum und die Kritik alle seine sinfonischen Anstrengungen abgelehnt, ja oft genug mit Spott und Hohn übergossen.

Mit Sturheit und Gottvertrauen

Gegen diese Wand von Missachtung stand­zuhalten und einfach weiter zu komponieren, dazu brauchte es eine gehörige Portion Sturheit und jede Menge Gottvertrauen. Beides besaß Anton Bruckner im Übermaß: Sturheit und Gottvertrauen. Vom Himmel fühlte sich der tief gläubige Mann sich berufen, Sinfonien zu kompo­nieren; seine letzte, die neunte, soll Bruckner sogar "dem lieben Gott" gewidmet haben. Mit Stolz und Demut zugleich. Die Quellen von Bruckners Sinfonik liegen ganz offensichtlich im Geistlichen. Umso erstaunlicher, dass seine eigentliche Sakral-Musik so lange kaum Beachtung gefunden hat.

Zustand der Zeitlosigkeit

Schon während seiner Zeit als Hilfslehrer im Stift Sankt Florian hat Bruckner erste Motetten komponiert. Und das Genre begleitet ihn bis in seine letzten Lebensjahre. Kleinformatige Stücke von drei bis fünf Minuten Dauer; gerade darum kann man Bruckners Genie hier besonders konzentriert erleben. Wie im folgenden Ave Maria. 1861 entstanden, also einige Jahre vor Bruckners erster Sinfonie! Und doch ein echtes, reifes Meisterwerk, mit einer Fülle von kompositorischen Ideen auf kleinstem Raum. Ganz natürlich fließend gehen die Abschnitte in einander über, und am Ende der gerade einmal vier Minuten finden wir uns versetzt in einen Zustand der Zeitlosigkeit.

Musik: Anton Bruckner - Ave Maria

Die Zeit steht still, am Ende des siebenstimmigen Ave Maria von Anton Bruckner, in der neuen Aufnahme des lettischen Rundfunkchores unter der Leitung von Sigvards Kļava.

In sich ruhender Atem

Mehrfach preisgekrönt, eines der Spitzenensembles weltweit in dieser Größe: Zwei Dutzend professionelle Sängerinnen und Sänger sind hier beteiligt. Heikle intonatorische Aufgaben löst der Chor ohne erkennbare Mühe, wie hier bei diesen Akkordketten voller chromatischer Modulationen, die manchem braven Choristen schon beim Zuhören die Schweißperlen auf die Stirn treten lassen…

Musik: Anton Bruckner - Virga jesse

Klingt doch fast einfach, wenn der lettische Rundfunkchor es singt! Getragen von der Akustik der Kathedrale von Riga kann dieses Ensemble im Forte mühelos aufblühen, als wären die Kräfte eines groß besetzten Oratorien­chores versammelt. Sie können aber ebenso sich immer weiter stimmlich zurück­nehmen, mit einer phantastischen piano- und pianissmo-Kultur, auf einem einzigen in sich ruhenden Atem.

Musik: Anton Bruckner - Os justi

Fließende Bögen

Wie spielerisch lösen sich die Stimmen voneinander an den Stellen, wo der Satz lebhaft und polyphon wird. Viel der Magie von Bruckners Musik, auch seiner Vokalmusik, beruht auf den weit ausschwingenden Steigerungs­bögen; diese Bögen sind hier geradezu ideal ausge­horcht und natürlich fließend ausgeführt. Der Klang kommt aus der Stille und führt zurück in die Stille. Bruckner wäre sehr glücklich gewesen über dieses Singen!

Musik: Anton Bruckner - Os justi

Die Bässe singen mit Physis und Feinsinn

Nicht alles, aber doch viel hängt bei Vokalensembles ab von der Qualität der Einzelstimmen. Nun gelingt die Homogenität, die Verschmelzung der Stimmen beim Lettischen Rundfunkchor so ideal, dass sich über solche individuellen Qualitäten eigentlich wenig sagen lässt. Bis auf eine Stelle: Die Motette Tota pulchra est Maria hat Bruckner als Antiphon gestaltet, als Wechselgesang zwischen dem Chor und einem Tenorsolisten, der hier aus den Reihen des Ensembles kommt.

Musik: Anton Bruckner - Tota pulchra est Maria

Janis Kursevs heißt der Solist. Ein Tenor von einnehmendem Timbre; er kann seine Stimme ganz verinnerlicht auf dem Ton sammeln, aber auch maskulin strahlen und auftrumpfen, ohne theatralisch zu klingen. Und wer die formidable Rach­ma­ninow-Aufnahme des lettischen Chores kennt, weiß: Auch die Bässe vertreten hier ihr Fach mit eben so viel Physis wie Feinsinn.

Musik: Anton Bruckner - Christus factus est

Diese Aufnahme pulsiert

Die verfeinerte Stimmkultur westeuropäischer Chöre und der körperhafte Klang slawischer Ensembles: Das Beste aus beiden Welten ist vereint im Chor des lettischen Rundfunks. Allerdings - erlesene Stimmkultur würde allein nicht genügen für die Motteten Anton Bruckners. Diese Vokalmusik ist durchdrungen von geistlichem Gehalt - so tief durchdrungen, wie das im Zeitalter der Romantik nur noch ganz wenigen Komponisten gegeben war. Um Bruckners Motteten gerecht zu werden, sind sie darum auch geistig zu entfalten. Wie Sigvards Klava die musikalischen Phrasen aufbaut und wieder löst, das klingt ganz natürlich, ganz selbstverständlich – und dringt zum Kern der Musik vor. Hinwendung des Menschen zu dem, was größer ist als er selbst; gläubige Erregung, Demut und Ergebung; in dieser Aufnahme pulsiert Bruckners geistige Welt.

Musik: Anton Bruckner - Christus factus est

Auch die kleine Messe - eine schöne Entdeckung

Christus factus est, für acht Stimmen, aus dem Jahr 1884 – für viele Anton Bruckners größte Motette. Man soll ja nicht Äpfel mit Birnen vergleichen… Aber auf kleinem Raum (die Aufführung dauert keine sechs Minuten!) gelingt Bruckner hier eine ähnliche eindringliche und erschütternde Wirkung wie im langsamen Satz seiner Siebten Sinfonie. Und die Aufnahme aus Lettland kostet die Wirkmacht dieser Musik aus bis zur Vollendung.

Musik: Anton Bruckner - Christus factus est

Pure Magie! Versteht sich, nicht überall erreichen Bruckners Motteten die Größe der Musik des Christus factus est. Direkt daneben gestellt, wirkt etwa das kurze Libera me für vier Stimmen und Orgel fast banal. Es ist eine von Bruckners frühesten erhalten Kompositionen, Musik des 19-jährigen Hilfslehrers in Sankt Florian. Ein Jahr später nur ist Bruckner schon mehrere Schritte weiter, als er seine sogenannte Kronstorfer Messe komponiert.

Musik: Anton Bruckner - Kyrie

Weiche, geschmeidige Stimmführung, das Harmoniebild dominiert von Zusammen­klängen, die in sich selbst ruhen, ohne nach Auflösung zu verlangen: Hier ist der junge Bruckner hörbar inspiriert von Palestrina. Ein schöner Fund, diese kaum bekannte kleine Messe! Für das Label Ondine haben Sigvards Klava und der Chor des lettischen Rundfunks lateinische Motetten von Anton Bruckner aufgenommen. Wer Bruckners große Sinfonien liebt, wird in diesen vokalen Miniaturen vieles vorgeprägt finden, was später auch die Orchestermusik bestimmt. Und wem Bruckners ausufernde sinfonische Erfindungen einfach zu lange dauern, gewunden wie musikalische Riesenschlangen? Der kann sich mit den kleinen Motteten heran tasten an die Musiksprache und die geistige Welt Anton Bruckners.

Anton Bruckner: Motetten
Latvian Radio Choir
Sigvards Klava, Leitung
Kristine Adamaite, Orgel
Label: Ondine

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk