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Der Nachbarstadt wird nichts gegönnt

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Städte im Ruhrgebiet oft gegenseitig in ihrem Wachstum behindert. Nach Ansicht von Bochumer Wissenschaftlern gab es außerdem zu wenig Impulse von der Landespolitik.

Von Bettina Köster | 08.03.2012

    Eigentlich sollte der Phoenix längst aus der Asche gestiegen sein, aber dem Ruhrgebiets-Phoenix erlahmten im fünf Jahrzehnte langen Strukturwandel die Flügel. Zwar gibt es inzwischen gute Universitäten, die klassischerweise im Bergbaugebiet nicht existierten, aber in den Kommunen herrschte bis vor wenigen Jahren ein lähmendes Kirchturmdenken, so der Sozialwissenschaftler Professor Jörg Bogumil an der Universität Bochum.

    "Das Problem ist, dass das Ruhrgebiet aus mehreren großen Städten (besteht), die sich häufig in der Vergangenheit sich gegenseitig Konkurrenz gemacht haben. Da hat man schon bejubelt, wenn als Beispiel die Stadt Essen der Stadt Dortmund 'ne Firma weggeschnappt hat, weil sie dann die Arbeitsplätze gekriegt hat. Das bringt natürlich für die Region gar nichts, solche Verschiebespielhöfe, und der zweite Punkt war, keine Stadt hat der anderen was gegönnt, hat also nicht begriffen, sich als Region gemeinsam aufzustellen und im globalisierten Wettbewerb muss man endlich begreifen, dass die Region gemeinsam gewinnt oder gemeinsam verliert."

    Die Wissenschaftler kritisieren in ihrer Bestandsaufnahme zum Strukturwandel im Ruhrgebiet auch die fehlenden nachhaltigen Impulse von der Landespolitik.

    "Eine ganze Zeit lang ist die Landespolitik mit der Gießkanne durchs Land gegangen und hat überall ein bisschen gefördert, aber nichts richtig, das heißt unsere These ist, man muss Cluster- und Profilbildung fördern und es darf nicht jeder das gleiche machen. Das hat man sich lange Zeit nicht getraut, sondern vor zehn, 15 Jahren sollte hier jeder ein Technologiezentrum aufbauen. Mittlerweile hat sich herausgestellt: Dortmund hat das größte Technologierzentrum bundesweit, das ist ein Profilzentrum und das brauchen wir nicht auch noch in Bochum. Und dieses Umdenken ist aber erst seit wenigen Jahren eingetreten."

    Natürlich gab es im Ruhrgebiet auch erfolgreiche Projekte im kulturellen Bereich, wie die Internationale Bauausstellung im Emscher Park oder die Kulturhauptstadt 2010, aber den Wissenschaftlern fehlt eine langfristige Perspektive für die Region. Sie prangern auch das vorherrschende Schwarz-Weiß-Denken im Ruhrgebiet an. Auf der einen Seite wurde die Gegend oft glorifizierend als ein "starkes Stück Deutschland" in der Öffentlichkeit dargestellt.

    Auf der anderen Seite bekamen die Städte zwischen Dortmund und Duisburg auch wieder sehr negative Schlagzeilen beispielsweise durch die Veröffentlichung des Armutsberichts vor einigen Wochen. Die wachsende Armut ist aber tatsächlich eine große Hürde beim stockenden Strukturwandel. Die Wissenschaftler empfehlen deshalb dringend in die benachteiligten Regionen zu investieren, auch um dem bevorstehenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Jörg Bogumil fordert außerdem:

    "Die besten Lehrer in die Unterstadt und nicht in die privilegierten Gymnasien. Das heißt, die besten Pädagogen dahin und ein zweiter Punkt ist, man muss die Zivilgesellschaft nutzen. Warum können nicht ältere Leute aus anderen Stadtteilen, die sich noch engagieren wollen, in diese Stadtteile gehen und Hausaufgabenbetreuung machen, Kindern aus schwierigen Familien weiterhelfen. Da gibt es auch Beispiele, wo das funktioniert, zum Beispiel in Gelsenkirchen um einen Pfarrer herum."

    "Man muss ein Bewusstsein dafür schaffen und das ist schwierig, weil in Deutschland 'ne gewissen Tendenz da ist sich abzuschotten und wenn man sich abschottet, dann lernt man natürlich auch nicht von den Konflikten anderer und man weigert sich so ein bisschen auf die Ebene zu gehen. Warum kann es nicht im Ruhrgebiet, wo viele ältere Männer mit 58 oder noch früher in Rente gegangen sind, die haben ja durchaus noch Potentiale, die brauchen ja nicht nur verreisen, die können die Zeit vielleicht auch mal produktiv nutzen und sich darum kümmern, was in ihrem Umfeld ist."

    Professor Rolf Heinze gehört ebenfalls zum Forscherteam. Die Sozialwissenschaftler sehen viele verschiedene Möglichkeiten, den ins Stocken geratenen Strukturwandel weiter voranzutreiben. Die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Unternehmen müsse beispielsweise stärker gefördert werden.

    Nur so könne den Schülern der Weg in die Praxis erleichtert werden. Das Gleiche gilt für Unternehmen und Universitäten. Auch hier könne man gemeinsam daran arbeiten, wie Fachwissen besser nutzbar gemacht wird. Aber es müssen eben auch die alten kommunalen Strukturen aufgebrochen werden.

    "Also zunächst erstmal kommt es generell darauf an, dass wir in der Politik mehr über Sozialräume nachdenken, also dass wir nicht so getrennt, wie wir es bisher hatten, also hier Bildungspolitik, da Sozialpolitik, da Arbeitsmarktpolitik, sondern wir müssen eine Sozialraumorientierung in jede Kommune reinbringen. Und da wird es natürlich wichtig sein, dass nicht nur die Politik auf Landesebene oder kommunaler Ebene das macht, sondern ich brauche auch so was wie zivilgesellschaftliches Potential in diesen Stadtteilen."

    Eine solche Cluster-Bildung, wie die Forscher das nennen, dauert mindestens 20 Jahre. Ein Vorbild könnte dabei die ehemalige Stahlregion Pittsburgh in den USA sein. Dort wurde die Region innerhalb von 20 Jahren so umstrukturiert, dass sowohl die Universitäten als auch die Gesundheitswirtschaft eine ganz zentrale Rolle spielen und die Gegend stabilisiert haben. Ähnliches sei auch für das Ruhrgebiet denkbar. Noch einmal Professor Heinze.

    "Wir sind ein demographisches Laboratorium im Ruhrgebiet, wir altern eher und intensiver, das heißt ja nicht nur, dass das negativ ist, sondern wir könnten ja auch überlegen darauf basierende Technologien zu entwickeln, dass zum Beispiel Menschen länger zu Hause leben können, selbstständig leben können zum Beispiel durch telemedizinische Anwendungen, das was im weitesten Sinne welfare technologies im Ausland nennt. "

    "Wenn uns das gelingt in diesen Bereichen Leuchttürme zu entwickeln, wo wir zeigen, dass das Ruhrgebiet nicht nur altert, sondern dass das Ruhrgebiet neue Technologien in Koppelung mit neuen Dienstleistungen bringt, dann wäre das auch ein internationaler Exportschlager. "

    Auch die Frage der Energieeffizienz könnte für die nächsten hundert Jahre ein großes Thema für das Ruhrgebiet sein, so die Forscher. Hier könnte die Region ein neues Kapitel in der Geschichte der Energiegewinnung schreiben.

    Damit die Kommunen dabei dann auch tatsächlich stärker miteinander kooperieren, müssten beispielsweise Anreize geschaffen werden, die diejenigen belohnt, die gut zusammen arbeiten. Das würde sich gerade auch in der finanziell so angespannten Lage vieler Gemeinden sehr positiv auswirken. Professor Jörg Bogumil.

    "Die Landesregierung kann schon aktiv werden. Es gibt 'ne ganze Menge von Fördergeldern, jetzt zum Beispiel werden im Stärkungspakt der Kommunen, 34 Kommunen in NRW kriegen zusätzliches Geld, weil die Haushalte desolat sind. Warum kann die Geldvergabe nicht damit gekoppelt werden, dass man sagt, ihr kriegt das Geld nur dann, wenn ihr nachhaltig mit anderen Städten kooperiert."