Sonntag, 05. Dezember 2021

Der Sport auf der Suche nach dem Wir (8)Nationalmannschaften als Symbol des Multikulturalismus

Vordergründig spielen bei der Fußball-Europameisterschaft Nationen gegeneinander, doch auf den zweiten Blick verdeutlichen viele Mannschaften die Migrationsgeschichte ihrer Länder. Was sind die genauen Ursachen?

Von Ronny Blaschke | 20.06.2021

Fußball: EM, Frankreich - Deutschland, Vorrunde, Gruppe F, 1. Spieltag in der EM-Arena München. Ilkay Gündogan (Deutschland) und Toni Kroos (Deutschland, M) in Aktion mit Paul Pogba (Frankreich). I
Die Wurzeln von Frankreichs Nationalspieler Paul Pogba (re.) liegen in Guinea (picture alliance / dpa /Christian Charisius)
Adnan Januzaj hat zwölf Länderspiele für Belgien bestritten, doch er hätte sich auch für fünf andere Nationalteams entscheiden können. Das hat mit seinen Vorfahren zu tun: Januzaj wurde in Brüssel geboren. Seine Mutter stammt aus dem Kosovo, sein Vater aus Albanien. Eine Großmutter von Januzaj ist in Serbien aufgewachsen, ein Großvater in der Türkei. Zudem wechselte Januzaj mit 16 in die Jugendabteilung von Manchester United. Er hätte auch für England auflaufen können, sagt der Sozialwissenschaftler Gijs van Campenhout.
"Es gibt viele Spieler, die beim Thema Nationalität Optionen haben. Sie können theoretisch zwischen Nationalmannschaften wählen. Die Verbände möchten von den besten Spielern repräsentiert werden. Also schauen sie über die eigenen Landesgrenzen hinaus. Es gibt Datenbanken, in denen Spieler mit doppelten Staatsbürgerschaften aufgeführt sind."

Top oder Flop

Gijs van Campenhout und Kollegen betreiben an der Erasmus-Universität Rotterdam das Projekt "Sport and Nation" über Migration im Fußball. Vor allem in den Teams früherer Kolonialmächte haben mehr als ein Drittel der Spieler Bezüge zu Ländern außerhalb Europas.
Es ist eine Entwicklung, die sich seit langem abzeichnet: Für Frankreich und Portugal waren bereits in den 1930er Jahren Spieler aus afrikanischen Kolonien aufgelaufen. Die Niederlande setzte ab den 1960er Jahren auf Verstärkung aus Suriname. Gijs van Campenhout.
"Die Kolonialmächte nutzten ihre Gebiete als erweiterten Talentpool, auch wegen der sprachlichen und kulturellen Nähe. In den vergangenen Jahrzehnten war der Fußball häufig ein Ventil für Migrationsdebatten. Wenn in den Niederlanden Spieler mit surinamischem Hintergrund zum Erfolg beitrugen, dann wurden sie gefeiert. Wenn das Team schlecht spielte, erlebten sie Rassismus. Dann wurde das Nationalteam sogar als Symbol für gescheiterte Integration gedeutet."
Die Spieler der Mannschaften stehen zu einem durchmischten Mannschaftsfoto zusammen.
Spielfeld für Separatismus
In einigen Regionen Spaniens dient der Fußball als emotionale Kulisse für das Streben nach Unabhängigkeit. Im Baskenland ist der Traditionsklub Athletic Bilbao Symbol für Eigenständigkeit.
Nicht alle ehemaligen Imperien verfügen über diverse Nationalteams. In Spanien kreisen Identitätskonflikte eher um regionale Fragen, zwischen Basken, Katalanen oder Andalusier. Auch Italien hatte einst Länder besetzt, zum Beispiel Libyen während des Faschismus.
Aktuell leben in Rom oder Mailand große Einwanderergemeinschaften. Doch im Nationalteam werden sie nicht repräsentiert. Mario Balotelli, einer der ersten schwarzen Nationalspieler Italiens, wurde häufig diskriminiert.
Balotelli in Nahaufnahme mit hängendem Kopf. Er trägt einen auffälligen Irokesen-Haarschnitt.
Der italienische Stürmer Mario Balotelli hatte in der italienischen Nationalmannschaft einen schweren Stand. (AFP/Fabrice COFFRINI)
Führt dieser Rassismus dazu, dass junge Talente mit Migrationsgeschichte früher aufgeben? Bis auf den eingebürgerten brasilianischen Verteidiger Emerson ist Italiens Auswahl komplett weiß.

Die Schweiz profitierte von den Jugoslawienkriegen

Ein weiterer Grund für Migration waren ab den 1960er Jahren Wirtschaftsabkommen. Millionen so genannter "Gastarbeiter", vor allem aus der Türkei, ermöglichen den Aufschwung der Bundesrepublik. Viele ihrer Kinder und Enkelkinder prägen inzwischen den deutschen Fußball. Ab den 1990er Jahren waren es dann Kriege und Konflikte, deren Folgen noch heute im Fußball zu beobachten sind, sagt Gijs van Campenhout.
"Die Diverstät des Schweizer Nationalteams hat mit den Jugoslawienkriegen zu tun. In den Neunziger Jahren sind viele Menschen aus Kroatien, Bosnien oder dem Kosovo nach Westeuropa geflohen. Einige ihrer Kinder sind nun erfolgreiche Schweizer Nationalspieler, zum Beispiel Shaqiri. Auf der anderen Seite geht der Fußballverband des Kosovo auf Talentsuche in der Diaspora. Viele Nationalspieler des Kosovo sind im Ausland aufgewachsen. Sie stammen aus Familien, die im Krieges geflohen sind."
Republic of Ireland v Northern Ireland International Friendly Länderspiel Northern Ireland fans during the International Friendly match at the Aviva Stadium, Dublin PUBLICATIONxNOTxINxUK Copyright: xKristianxKanex FIL-12556-0002
Fußball in Nordirland: Symbol der Spaltung
Bei Ausschreitungen in Belfast sind in den vergangenen Wochen Dutzende Polizisten verletzt worden. Die Bilder von brennenden Autos wecken Erinnerungen an den Nordirland-Konflikt. Auch der Fußball verdeutlicht die Spannungen.
Die Europameisterschaft hat Diskussionen über Migration bei etlichen Gastgebern neu entfacht. Im englischen Nationalteam haben 13 Spieler Eltern oder Großeltern, die außerhalb Großbritanniens geboren wurden. Harry Kane hat Wurzeln in Irland, Raheem Sterling in Jamaika, Jadon Sancho in Trinidad und Tobago. Das Migrationsmuseum in London blickt nun in einer Fußballkampagne auf die Einwanderungsgesellschaft. Und auch die NGO "Best for Britain" thematisiert den Fußball, sagt ihre Mitarbeiterin Lauren Tavriger.
"Seit Jahren werden immer wieder Gesetze erlassen, die eine Einwanderung nach Großbritannien erschweren. Es werden sogar Kinder von Migranten ausgewiesen, die hier aufgewachsen sind. Zuletzt ist nach dem Brexit die Ablehnung gegen EU-Bürger gewachsen. Der Fußball zeigt uns aber, wie sehr eine Gemeinschaft von Migration profitieren kann."
Mehrfach hat die englische Mannschaft zuletzt Zeichen gegen Rassismus gesetzt, mehrfach wurde sie dafür kritisiert und beschimpft. Die Kritik könnte schwinden, das haben andere Beispiele im Fußball gezeigt, aber wohl nur, wenn die Mannschaft erfolgreich ist.