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StartseiteWirtschaftsgesprächArrangieren mit den Unruhen20.08.2019

Deutsche Firmen in HongkongArrangieren mit den Unruhen

Die Unruhen in Hongkong betreffen auch die zahlreichen Vertretungen deutscher Firmen. Sollten Chinas Behörden den Druck erhöhen, würden sich die deutschen Unternehmen nach Einschätzung von Wirtschaftsredakteur Günter Hetzke eher mit der Lage arrangieren als umzuziehen.

Günter Hetzke im Gespräch mit Philipp May

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Aufnahme eines Mannes vor der Kulisse des Container-Terminals im Hafen von Hongkong (Philip FONG / AFP)
Deutsche Firmenvertretungen in Hongkong, hier der Container-Terminal im Hafen, fürchten eine weitere Eskalation der politischen Unruhen (Philip FONG / AFP)
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Philipp May: Seit Wochen schon wird in Hongkong demonstriert, um gegen den wachsenden Einfluss der chinesischen Staatsführung zu demonstrieren. Hongkong ist ja auch für viele deutsche Unternehmen ein wichtiger Standort. Günter Hetzke aus unserer Wirtschaftsredaktion, warum eigentlich?

Günter Hetzke: Nun, genau aus den Gründen, aus denen auch demonstriert wird. Der Standort hat eben seine besonderen Freiheitsrechte, die der ehemaligen britischen Kolonie eingeräumt oder gewährt wurden. Das betrifft nicht zuletzt eine gewisse Rechtssicherheit und deshalb diese Standortwahl.

700 deutsche Unternehmen in Hongkong

May: Können Sie da mal ein paar Namen nennen: Welche deutschen Unternehmen sind vor Ort?

Hetzke: Nach Angaben der AHK, der Außenhandelskammer, sind etwa 700 deutsche Unternehmen in Hongkong vertreten. 400 davon sind Mitglied in der AHK. Was konkrete Namen betrifft, da ist es fast einfacher zu sagen, wer von den Großen nicht mit dabei ist. Der Bundesverband der Deutschen Industrie hatte mir gleich Namen von Banken über Chemieriesen bis zu führenden Elektrokonzernen genannt: Deutsche Bank, BASF oder Siemens, aber auch die Allianz ist dabei oder der Handelskonzern Metro, der ja aktuell gerade sein China-Geschäft mit Hilfe des dort heimischen Alibaba-Konzerns ausbauen will - Metro ist ja bereits seit 1996 in China vertreten. Aber auch Mittelständler, wie die deutsche Alba-Gruppe, tätig im Bereich Recycling, sind mit einem Unternehmen in Hongkong vor Ort.

May: Wird in Hongkong dann auch produziert oder ist dort eher die Verwaltung angesiedelt?

Hetzke: Tatsächlich wird in der Stadt oder der näheren Umgebung kaum produziert - kommt vor, ist aber nur vereinzelt der Fall. Die Produktionsstandorte sind dann eher im Süden Chinas. Hongkong ist zudem ein Standort, von dem aus viele auch ihre Geschäfte in der Region managen, also nicht nur China, sondern beispielsweise auch Thailand, die Philippinen, Indonesien oder Taiwan. Hongkong ist sozusagen für viele: China plus.

Frage nach möglichen Entlassungen 

May: Chinas Staats- und Parteiführung übt ja massiv Druck auf die Firmen in Hongkong aus, fordert, dass sie sich von den Protesten distanzieren. Wie gehen die deutschen Firmen damit um?

Hetzke: Nun, man kann ja fast schon von Symbol sprechen: Die Firma, die zuletzt besonders im Fokus stand, war ja die Hongkonger Fluggesellschaft Cathay Pacific, die erst politisch unter Druck geriet, weil Mitarbeiter an den Demonstrationen teilgenommen hatten. Dann gesellschaftlich, weil sie Mitarbeiter entließ, die an den Protesten teilgenommen hatten. Und ihre Frage, Herr May, war natürlich, verbieten auch deutsche Firmen ihren Mitarbeitern die Teilnahme? Offiziell habe ich dazu keine Stellungnahme erhalten. Etwas verwunderlich: Selbst unter der Hand hieß es, ich kann mir das gut vorstellen - aber auch, ich kann mir das nicht vorstellen, dass die Firmen so vorgehen würden. Kurzum, wir sind in diesem Punkt leider genau so schlau wie vorher.

Mit China nicht verderben 

May: Vor einigen Tagen erst hatte ja der Asien-Pazifik-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft vor einer Eskalation in Hongkong gewarnt. Ansonsten hat man ja eher den Eindruck, es ist relativ ruhig in Wirtschaft und Politik. Täuscht der Eindruck?

Hetzke: Äußerungen gibt es tatsächlich viele, von der Bundeskanzlerin über den Bundesaußen- bis zum Bundeswirtschaftsminister, so ist das nicht. Die Worte aber sind stets wohlgewählt, würde ich sagen. So ruft die Bundesregierung zu einer friedlichen und gewaltfreien Lösung des Konflikts auf und setzt sich für den Dialog ein. Klar, dass es da viel Kritik hagelt - aber verwunderlich ist der Tonfall nicht. China ist der größte Handelspartner Deutschlands und um die Lage der Wirtschaft hierzulande steht es ja gerade nicht zum Besten - ich sage nur, das BIP war gesunken im zweiten Quartal -, da will man es sich mit China nicht verderben. Und ich bin relativ sicher, selbst wenn China in Hongkong hart durchgreifen würde, die deutschen Unternehmen dort würden weitermachen wie bisher. Gehen oder umziehen würden die wenigsten, sie würden sich - wie nennt man das: arrangieren.

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