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StartseiteCorsoKaum Platz für queere Stoffe27.04.2020

Deutscher ComicmarktKaum Platz für queere Stoffe

Für queere Comics aus Deutschland ist es schwer bei Verlagen unterzukommen. Auf dem kleinen Comicmarkt setzten die Verlage vor allem auf Lizenzen aus dem Ausland oder gehen mit Klassikern auf Nummer sicher. Darum ist der Comic "Küsse für Jet" eine Überraschung.

Von Moritz Lünenborg

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Ausschnitt aus dem queeren Comic "Küsse für Jet" (Joris Bas Backer)
Junge oder Mädchen? Der queere Comic "Küsse für Jet" thematisiert Geschlechterfragen (Joris Bas Backer)
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Kassetten, Nike Air Max, die ersten Handys und Kurt Cobain - das sind die 90er Jahre im Comic "Küsse für Jet" von Joris Bas Backer. Darin erzählt er aus einer Zeit, in der das Internet gerade erst aufkam. Damals waren die Möglichkeit sehr beschränkt, sich über Identitäten, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, zu informieren, sagt der Autor Joris Bas Backer.

"Manche haben da schon das Internet genutzt, aber überhaupt nicht alle. Da hat man sich ganz anders, so kreativ, Definitionen gesucht. Was aber, wenn man es zu der Zeit schon gewusst hat - in der Realität haben es viele von uns damals nicht rausgefunden."

Die 15-Jährige Protagonistin seines Comics findet auch ohne das Internet heraus, dass sie eher ein Junge als ein Mädchen ist und beginnt eine Geschlechtsangleichung. Bis dahin ist es ein langer Weg - voll von Zankereien, Freundschaften und sich selbst ausprobieren. Der Autor fängt behutsam die Melancholie vergangener Jugendtage ein. "Küsse für Jet" ist eine Coming-of-Gender Geschichte mit autobiografischen Elementen, die aber nicht nur für die queere Szene gedacht ist. 

"Ich hab dabei schon an ein Publikum von jungen Erwachsenen und Erwachsenen gedacht - aber auch an ein Buch, das ich selber lesen würde. Aber gerne auch etwas Leichteres, wo man auch lachen kann - nicht nur Schweres."

Ein Tanz zwischen Wort und Bild

Joris Bas Backer erzählt große Teile der Geschichte ganz ohne Worte, nur mit Gestik und Mimik, Symbolen und Abstraktionen. In der Farbgebung und dem Strich finden sich die Gefühle der Protagonistin. Wenn Jet aufgewühlt ist, sind auch die Striche wilder gesetzt. So bringt der Autor den Tanz zwischen Wort und Bild aufs Papier. Diesen Tanz führt mal die eine, mal die andere Disziplin an: Eine Kunst, die nicht in jedem Comic gelingt. An seinem hat Joris Bas Backer acht Jahre gearbeitet.

"Naja, es ist eben ein unglaublich langer Prozess, einen Comic zu machen. Das war eben auch echt schwer, um das neben allen anderen Sachen hinzukriegen."

Die langwierige Arbeit an einem Comic zu finanzieren ist schwierig und nur selten werden queere Stoffe verlegt. Wenn queere Comics in deutschen Buchläden landen, kommen die meist aus den USA oder Frankreich. Das sei nicht repräsentativ für die queere Szene in Deutschland, meint die Comickritikerin Lara Keilbart:

"Wenn man sich den Indiemarkt anschaut, dann kämen da pro Jahr 50 bis 100 Sachen raus. Aber bei wirklichen Verlagssachen, die dann schon etwas größer sind, da kommt dann null bis eins. Das steht überhaupt nicht im Verhältnis. Es zeigt, dass die Leute da sind, aber sie kriegen keinen Zugang zum Markt und das ist zum großen Teil so vonseiten der Verlage bestimmt."

Verlage mit Fokus auf Klassiker und Biografien

Generell zeigen sich Verlage wie Reprodukt, Cross Cult und Splitter offen gegenüber queeren Stoffen, verspüren aber finanziellem Druck. Andreas Mergenthaler vom Cross Cult Verlag:

"Da braucht man immer ein, zwei Sachen, womit man Geld verdienen kann, wie Harper, Asterix oder Disney, und die finanzieren dann die anderen Sachen. Ist eine traurige Geschichte, aber so ist eben gerade in der Comicszene."

Darum bedienen die meisten Verlage ein spezielles Segment: Klassiker, Genretitel oder Biografien seien kalkulierbar, heißt es vom Splitter-Verlag. Themen, die bisher nicht in diesen Segmente passen, seien meist Herzensprojekte der Verlegerinnen und Verleger. Für queere Herzensprojekte wünscht sich die Comickritikerin Lara Keilbart mehr Mut.

"Ich verstehe, dass es schwierig ist, in Deutschland Comics zu verkaufen und das irgendwie auf Dauer auch rentabel zu machen. Aber man muss auch ein paar Dinge mit einberechnen, um das zu ändern und nicht nur den bestehenden Markt, der sich vielleicht auch verändert, über die Jahre und Jahrzehnte hinweg, irgendwie so zu halten, wie er schon immer ist. Und vielleicht einsehen, dass es gar kein Risiko ist, sich neue Leser und Leserinnen zu erschließen, sondern eine Chance."

Queeren Comics nur selten rentabel

Mit den wenigen queeren Stoffen, die sie bisher verlegt haben, hatten sowohl der Cross Cult als auch der Splitter-Verlag nur mittelmäßigen kommerziellen Erfolg. Eine positive Entwicklung für queere Stoffe gebe es derzeit im Manga-Segment, so Splitter. Aber auch hier verlassen sich die Verlage vor allem auf Lizenzen von Werken, die schon im Ausland erfolgreich sind. Joris Bas Backers Comic ist in einem Independent-Verlag erschienen. Er sagt:

"Also ich hab schon das Gefühl, dass sich da Sachen ändern. Und dass alle Verlage jetzt ein paar Sachen im Programm haben und dass da auch ein Interesse da ist. Aber es ist einfach der Anfang."

"Küsse für Jet" von Joris Bas Backer ist im Jaja Verlag erschienen, hat 188 Seiten und kostet 20 Euro.

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