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StartseiteBüchermarktPunk ist nicht tot! 12.04.2019

Deutscher Underground in den 80ernPunk ist nicht tot!

40 Jahre nach der Geburt von Punk in Deutschland erinnert der Foto- und Aufsatzband "Geschichte wird gemacht" an die wilde Zeit der Jugendrevolte. Die Fotos, die Richard Gleim in den 80ern auf Partys und Konzerten geschossen hat, ist tatsächlich bester "Augenschnaps", schreibt Peter Glaser.

Xao Seffcheque im Gespräch mit Gisa Funck

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Cover des Buches "Geschichte wird gemacht" und einer der Herausgeber, Xao Seffcheque (Foto: Cover Heyne Verlag / Autorenportrait Jelina Berzkalns (Montage Deutschlandradio))
Nennt Punk die wichtigste Kulturrevolte seit Dada: Xao Seffcheque (Foto: Cover Heyne Verlag / Autorenportrait Jelina Berzkalns (Montage Deutschlandradio))
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Gisa Funck: Hallo Herr Seffcheque! Düsseldorf, insbesondere der "Ratinger Hof", so schreiben Sie es selbst im Vorwort zu "Geschichte wird gemacht" galt Anfang der 80er Jahre als deutsches "Epizentrum" der Punk- und New Wave-Bewegung. Warum eigentlich gerade Düsseldorf? Das war ja eine relativ kleine Stadt, im Vergleich zu Großstädten wie Hamburg oder Westberlin damals?

Xao Seffcheque: Düsseldorf war aus dem Grund interessant, weil sich dort einfach alles abspielte. Weil dort die Kunstakademie war, weil dort die interessantesten Bands waren, die interessantesten Menschen und die interessantesten Medien - und es war eben ein Kristallisationspunkt, wo sich alles traf, im "Ratinger Hof" in der Ratinger Straße.

Funck: Gab es denn gar keine anderen Locations in der Stadt? Warum ausgerechnet der "Ratinger Hof"?

Seffcheque: Es gab noch andere Locations, aber entweder hatten die nicht so lange auf oder man durfte nicht so lange Musik machen oder es gab keine Tanzfläche. Oder es war ein Publikum dort, das man zum Teil nicht so gut fand, zum Beispiel wollten wir nicht mit Schulschwänzern oder so abhängen.

Funck: Sie haben jetzt zusammen mit Edmund Labonté diesen Bildband herausgegeben, da sind auch Aufsätze drin von Zeitzeugen und von Musikexperten. Aber mindestens ebenso beeindruckend wie die Texte, fand ich, sind ja die Fotos von Richard Gleim, Künstlename "ar/gee". Ist das eigentlich so, dass diese Fotos, die teilweise ja auch noch unveröffentlicht waren, dass die der Auslöser dafür waren, dieses Buch zu machen? Dass Sie beide sich gesagt haben, diese Fotos von Gleim müssen endlich mal allen zugänglich gemacht werden?

Seffcheque: Es gab mehrere Auslöser. Denn es gab ja schon mal von ar/gee Gleim den "guten Abzug", wo er Anfang der 80er auf der Documenta reüssiert hat. In diesem Katalog damals waren so an die hundert Fotos. Der ist aber natürlich ganz schnell vergriffen gewesen. Und dieser Katalog kostet heute dreistellige Preise im Netz. Das war ein Aspekt, dass wir gesagt haben: Das gibt es nicht mehr. Wie können wir das wieder zugänglich machen?

Fotos von magischer Präsenz

Der zweite Aspekt war der, dass wir gesagt haben: Die Fotos sind einfach als Zeitdokument eines einzelnen Fotografen wirklich einzigartig. Und das dritte ist natürlich, dass Richard, Ritchie Gleim jetzt knapp achtzig ist. Da haben wir gedacht, wenn man das Buch jetzt nicht macht, was passiert dann vielleicht? Also wurden Edmund und ich aktiv und haben das Buch gemacht.

Funck: Also diese Fotos, die sind wirklich von einer magischen Präsenz. Oder, wie es ihr Freund Peter Glaser in seinem Text schreibt, es sind "Augenblicksschnäpse", weil sie das Geschehen so genau wiedergeben. Erzählen sie doch mal, was für ein Typ ist dieser Fotograf Richard Gleim?

Seffcheque: Ritchie, so heißt er eigentlich, ar/gee ist eigentlich nur die Abkürzung, der hatte als Fotograf einen großen Vorteil, den man beim Film "Unsichtbarkeit der Produktionsmittel" nennt. Das heißt: Er war weder Hippie noch Punk. Als Punk wäre er zu nah an der Sache dran gewesen und, wenn er ein Hippie gewesen wäre, hätten wir ihn nicht akzeptiert. Er war völlig neutral. Er war der neutrale Beobachter, den man dann auch vergessen hat. Man hat teilweise, vor allem bei den Live-Fotos vergessen, dass da jemand fotografierte. Und bei den gestellten Fotos hat man gewusst, man kann ihm vertrauen. Ritchie brachte einen immer so, wie man sich selbst gerne sah. Das heißt, er hat sich in seiner Fotografen-Eitelkeit total zurückgenommen. Das hat ihn wohltuend von allen anderen dieser Zeit unterschieden.

Neutraler Szenebeobachter

Funck: Nun gibt und gab ja schon so einige Rückblicke auf diese Phase des Punk in den 80er-Jahren. Also 2001 erschien vor allem Jürgen Teipels Interviewbuch "Verschwende Deine Jugend". 2002 gab‘s diese große Ausstellung über Punk in der Düsseldorfer Kunsthalle "Zurück zum Beton". Warum jetzt noch ein weiterer Rückblick auf diese Phase?

Seffcheque: Ich könnte natürlich jetzt sarkastisch sein und mit Karl Valentin antworten: "Dazu ist bereits alles gesagt, aber noch nicht von allen!" Aber es ist ja auch so die Kombination mit den Fotos bei uns, die zum Teil unveröffentlicht sind. Und die 80er erleben jetzt überhaupt gerade ein Revival bei einer ganz jungen Generation, die sich plötzlich darauf bezieht - und zwar sowohl, was die Musik betrifft, als auch, was die Mode betrifft, aber auch, was die Haltung betrifft. Und auch, was die Anti-Haltung betrifft!

Gucken Sie sich die Demos jetzt der Kids am Freitag an! Ich finde, das hat sehr viel mit der Haltung und Demonstration gegen eine politische Ausrichtung zu tun. Bei uns war das damals die sogenannte "geistig-moralische" Erneuerung, die sich aber nur in Richtung 50er-Jahre erneuerte. Und ich glaube, da gibt es durchaus Verbindungen. Vielleicht ist es noch keine Renaissance, aber zumindest eine Inkarnation von Punk. Und das ist, glaube ich, auch ein Aspekt, warum ein Buch wie unseres wieder spannend ist.

Jürgen Teipels Buch ist natürlich außergewöhnlich und ragt heraus. Aber es ist ein reines Textbuch. Und es bietet dir nicht die Möglichkeit, sozusagen zu gucken, wie sah das denn aus? Wie sahen die Jungs, über die Teipel schreibt, denn im Alltag, in ihrer Betätigung, in ihrer Kunst denn aus?

Wesentlichste Kulturrevolution seit Dada?!

Funck: Sie bezeichnen selbst im Vorwort die Punk- und die Neue Deutsche Welle Bewegung im Vorwort als "die wesentlichste Kulturrevolution seit Dada".

Seffcheque: Ja!

Funck: Das klingt natürlich toll und sehr heroisch. Aber erklären Sie doch mal: Was war daran so wesentlich anders? So revolutionär?

Seffcheque: Ja, den Begriff "Kulturrevolution" muss ich da auch ein bisschen relativieren. Die Bildende Kunst hat das natürlich mehrfach gehabt. Die hat Dada gehabt, die hat den Fluxus gehabt, und die Happenings in den 60ern und die Performances in den 70er-Jahren. Die Musik hat diese Metamorphose aber nie wirklich durchgemacht. Vor allem die Popmusik hat diesen Zug immer völlig verpasst. Und Punk war dann die erste Phase, wo die Musik das richtig durchexerziert hat - und zwar sowohl in ihrem reinen musikalischen Ausdruck, als auch über das Musikalische hinausgehend in ihrer Semiotik.

Funck: Und die 68er, die ja auch noch dazwischen waren? Warum sind die für Sie nicht so entscheidend kulturell?

Seffcheque: Die waren sicher politisch nicht uninteressant, aber kulturell haben sie, vielleicht mit Ausnahme der Neuen Frankfurter Schule - Gernhardt, Wächter, Knorr und Konsorten - nicht sehr viel beigetragen. Musikalisch war das eigentlich auch die Mode von vorgestern, die man aufgetragen hat. Oder es war im besten Fall eine mittelmäßige Kopie dessen, was man aus Amerika und England schon nicht mehr hören wollte. Insofern war das eigentlich lauwarmer Löwenzahntee. Da war natürlich der Punk ganz anders. Der hat einfach das Rock'n Roll-Prinzip genommen, aber einfach auf den Kopf gestellt und gesagt: Einleitung, Mitte, Schluss und drei Akkorde, okay. Aber die Reihenfolge, wie wir sie bringen und welchen Sound und in welcher Vekleidung, das ist kack-pippi-schnurz!   

Auffallend viele Frauen mischten damals mit

Funck: Was mir an den diversen Fotos in dem Band noch aufgefallen ist, da sieht man überraschend viele Frauen auf den Fotos. Und eigentlich denkt man ja bei Punk und der Neuen Deutsche Welle an relativ harte Musik, auch an dieses harte Outfit, an diesen martialischen Gestus: Springerstiefel, Kurzhaarschnitt, Lederjacke. Da würde man jetzt eigentlich nicht unbedingt darauf kommen, dass diese Szene besonders frauenfreundlich war. War sie aber anscheinend, stimmt das? 

Seffcheque: Naja, im Punk wurde ja das androgyne Element sehr stark betont. Es gab hier genügend Männerbands, die nannten sich "Mary Lou" oder "Charleys Girls". Es wurde mit diesen Geschlechterrollen neu gespielt. Die Frauen gaben sich männlich-martialisch, und die Männer schminkten sich oder zogen sich Strapse an. Das hatte mit diesem Spiel mit den Geschlechterrollen zu tun, das ja schon mit Bowie und anderen begonnen. Das war auch mit ein Grund, warum Bowie in der Szene immer akzeptiert war. Und aus diesem Grund sah man dann auch nicht nur Sängerinnen, sondern im Punk gab es auch viele Musikerinnen: Gitarre, Bass, Schlagzeug, Saxophon. Natürlich sangen sie auch. Und sie wurden, wenn sie gut waren, auch akzeptiert. Ich sage jetzt mal, ein Stück hin zur Frauenbefreiung, zur Frauenbewegung war auch im Punk begründet.

Funck: Was dann auch in mehreren Aufsätzen anklingt, das ist diese Traurigkeit darüber, dass Punk inzwischen tot sei, dass er inzwischen kommerzialisiert sei, musealisiert. Katja Kullmann schreibt in dem Buch zum Beispiel, bei CDU-Parteitagen wird inzwischen auf die Hits der Toten Hosen getanzt?              

Seffcheque: Ja, das kann dir immer passieren. Du musst Künstler und Kunstwerk trennen, so etwas musst du immer einkalkulieren. Da muss ein Werk letztlich auch drüberstehen. Punk ist ja nicht tot, er muss nur nachts zweimal Pipi.

ar/gee, Xao Seffcheque (Hrsg.), Edmund Labonté:
"Geschichte wird gemacht. Deutscher Underground in den Achtzigern"
Heyne Verlag, München. 244 Seiten, 30 Euro

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