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StartseiteKultur heuteDeutschlands düstere Kolonialjahre12.01.2004

Deutschlands düstere Kolonialjahre

100 Jahre Genozid am Volk der Hereros in Südwestafrika

<strong>Koldehoff: </strong> Hundert Jahre ist es her, dass sich im damaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, der Stamm der Herero gegen die Deutschen erhob. Der Grund dafür lag im Verhalten der deutschen Kolonialherren. Das Volk der Herero muss das Land verlassen, hatte der deutsche General Leutnant Lothar von Trotha damals angeordnet: "innerhalb der deutsche Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen". Der Ankündigung folgten schreckliche Taten, die heute als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts gelten können. Die Herero wurden von deutschen Soldaten getötet, kamen in damals schon so bezeichneten Konzentrationslagern ums Leben oder wurden einfach in die Wüste verschleppt, wo sie verhungerten oder verdursteten. Bis heute ist dieser Teil der deutschen Geschichte bestenfalls sporadisch aufgearbeitet worden. nach General von Trotha sind immer noch Straßen benannt. Der Schriftsteller Gerhard Seyfreid allerdings hat im vergangenen Jahr schon einen vielbeachteten Roman über die historischen Ereignisse geschrieben. Ihn habe ich gefragt, wie es kommt, dass nicht die Geschichtsforschung, sondern ein Schriftsteller solch ein Thema nach 100 Jahren wiederentdecken muss.

Der Schriftsteller Gerhard Seyfried im Gespräch

Eine Herero-Frau (rechts) gibt bei der Wahl 1999 in Namibia ihre Stimme ab. (AP)
Eine Herero-Frau (rechts) gibt bei der Wahl 1999 in Namibia ihre Stimme ab. (AP)
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Hottentotten!
Die langen Schatten kolonialer Vergangenheit

Seyfried: Das Buch fing wirklich an als ein Artikel für eine Zeitung und wurde immer mehr und interessanter und ließ mich nicht mehr los und dann habe ich im Lauf der Zeit auch quasi das Recherchieren gelernt, bin an die Militärarchive geraten, an die Kolonialarchive, was davon noch übrig war, habe Literatur aus der Zeit gelesen und so hat sich das entwickelt.

Koldehoff: Es hat im vergangenen Jahr eine Reihe von historischen Themen gegeben, die die Deutschen plötzlich für sich wiederentdeckt haben. Man hat erst über den Luftkrieg gesprochen, wo die Deutschen nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer gewesen sind, man hat dann über die Vertreibungen diskutiert aus Anlass der Debatte über ein Zentrum gegen die Vertreibung. Ist es möglich, halten Sie es für sinnvoll, dass die deutsche Kolonialgeschichte nun neu angegangen oder vielleicht auch überhaupt zum ersten mal sinnvoll aufgearbeitet wird? Ist das nötig, bestehen da Löcher?

Seyfried: Es muss in so einem Fall immer viel Zeit vergehen. Es ist wie mit dem Bombenkrieg: es muss die Generation aussterben, die direkt daran beteiligt war - das ist meine Überzeugung – um so ein Thema sachlich angehen zu können und relativ wertfrei.

Koldehoff: Was haben Sie denn bei Ihren Recherchen festgestellt, wie ist denn bisher mit diesem Thema umgegangen worden, wie sieht die Literatur zum Thema deutsche Kolonien bis heute aus?

Seyfried: Sie ist dreigeteilt, wobei der größte und dickste Haufen stammt direkt aus dem Jahr 1905, als die ganzen Feldzugsteilnehmer zurückkamen und eine ganze Menge von ihnen haben ihre Erlebnisse veröffentlicht. Das ist die eine Geschichte. Dann haben die Nazis das im Dritten Reich noch mal aufgegriffen in ihrer Kolonialbewegung, haben auch teilweise diese Augenzeugenberichte verfälscht, da gibt es ganz interessante Sachen.

Koldehoff: Inwieweit verfälscht?

Seyfried: Zum Beispiel beim Peter Mohr, das Buch von Fränzen. Da sind in der Naziausgabe, wenn ich es mal so ausrücken darf, plötzlich englische Juden drin, die den Eingeborenen Waffen verkaufen. Das war in der Originalausgabe nicht drin. Solche Geschichten sind da passiert. Und dann jetzt neueren Datums gibt es eigentlich nur Uwe Timm, den ich erwähnen kann, mit seinem Buch über den Nama-Aufstand, Morenga heißt das, sehr gutes Buch. In neuere Zeit kommen natürlich, gerade in den letzten Jahren, eine Menge Sachen heraus. Worum es mir ging, ich habe die ganze alte Kolonialliteratur gelesen und fand das alles zu schwarz-weiß. Der Weiße war der Held, der Schwarze der Schurke. Wenn es hochkam, war es mal ein gutmütiger Krauskopf. In der linksgerichteten Geschichtsforschung gibt es ja Neigungen, das umgekehrt zu machen. Das fand ich auch nicht so schön, das sind die Weißen grundsätzlich Schufte und die Schwarzen sind grundsätzlich Helden. Das war mir alles zu unobjektiv. Ich wollte mal sehen, wie ich da rein kann und zwar bewusst aus einem deutschen Standpunkt.

Koldehoff: Wie bewerten Sie vor dem Hintergrund, dass es bis heute in Deutschland Trotha-Straßen und Lettow-Vorbeck-Plätze und Waterberg-Straßen gibt?

Seyfried: Das ist die Macht der Gewohnheit, niemand hat darüber nachgedacht. Ich bin nicht dagegen, dass man zum Beispiel eine Windhoek-Straße hat; das erinnert an die Geschichte und das ist auch richtig so. Aber jemand wie Trotha hat die Ehrung eines Straßennamens eigentlich nicht verdient.

Koldehoff: Sie haben gerade gesagt, es braucht immer eine gewisse Zeit, bis man so etwas aufarbeiten kann. Bei den andere Themen, die ich vorhin genannt habe, Bombenkrieg und Vertreibung, sind 50 Jahre vergangen, beim Aufstand der Herero nun schon 100 Jahre. Warum hat es dort so lange gedauert?

Seyfried: Ich glaube, die Kolonialgeschichte ist in Vergessenheit geraten, die ist buchstäblich durch den Zweiten Weltkrieg, Holocaust und das Dritte Reich erdrückt worden. Das ist meine persönliche Einschätzung, warum das so ist.

Koldehoff: Halten Sie es denn für angemessen im Zusammenhang mit den Ereignissen vor 100 Jahren von einem ersten durch Deutsche verübten Völkermord zu sprechen?

Seyfried: Das Wort ist ein bisschen gefährlich, mir fehlt eine richtige Definition. Was ich bezweifle ist, dass es ein geplanter und absichtlich so durchgeführter Völkermord war. Nicht, dass der Trotha nicht die Hereros ausrotten wollte, wenn man ihn gelassen hätte, aber es war jetzt kein deutsches Phänomen in dem Sinne.

Koldehoff: Halten Sie es für denkbar, dass dieser Jahrestag, diese 100 Jahre nun dazu führen, dass man anders an das Thema herangeht? Sie haben es in Romanform verarbeitet. Haben Sie die Hoffnung oder Kenntnis darüber, dass es nun auch historische Forschungen gibt, die die Geschichte anders darstellen, als es bisher geschehen ist?

Seyfried: Meine Hoffnung ist, dass endlich mal ein Abschluss gefunden wird und dass eine Entschuldigung ausgedrückt wird den Hereros gegenüber und den anderen betroffenen Völkern.

Koldehoff: Gerhard Seyfried über ein Kapitel deutscher Kolonialgeschichte, das nach wie vor der Aufarbeitung harrt.

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