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StartseiteInterview"Es gibt ein Vakuum im deutschen Fußball"03.04.2019

DFB nach Grindel-Rücktritt"Es gibt ein Vakuum im deutschen Fußball"

Nach dem Rücktritt von DFB-Präsident Reinhard Grindel erläutert der frühere DFB-Pressechef des Verbands, Harald Stenger, wie schwer sich der Verband mit seinem höchsten Amt tut. Man suche nach der "Notlösung Grindel" nun einen Nachfolger von außen, der völlig neutral ist, sagte Stenger im Dlf.

Harald Stenger im Gespräch mit Sandra Schulz

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Eingangsschild der DFB-Zentrale in Frankfurt am Main (picture alliance / Photoshot / Florian Ulrich)
Auf der Suche nach einem neuen Präsidenten: der Deutsche Fußballbund (picture alliance / Photoshot / Florian Ulrich)
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Sandra Schulz: Transparenz hatte Reinhard Grindel versprochen, als er vor drei Jahren als neuer Präsident des Deutschen Fußballbundes angetreten ist. Unter anderem, dass er dieses Versprechen nicht gehalten hat, das hat ihn jetzt wohl seinen Posten an der Spitze des DFB gekostet. Schon seit dem Herbst hatte es mehr und mehr Kritik gegeben, zum Beispiel an seinem Management des Falles Özil. Nicht glücklich wirkten seine Äußerungen, nachdem die Weltmeister Müller, Hummels und Boateng überraschend ausgemustert worden waren, die er dann auch schnell zurücknehmen musste. Und jetzt kamen noch Vorwürfe dazu, wonach er Vergütungen im größeren fünfstelligen Bereich nicht publik gemacht habe, und Meldungen über die Annahme einer Luxusuhr. Am Nachmittag gestern war es dann offiziell: Reinhard Grindel kündigt seinen Rücktritt an.

Wir können darüber in den kommenden Minuten sprechen mit einem Mann, der den DFB sehr gut kennt, weil er ab 2001 mehr als zehn Jahre für den Verband gearbeitet hat – zuerst als Kommunikationschef, dann verantwortlich für die Pressearbeit der A-Nationalmannschaft. Schönen guten Morgen, Harald Stenger.

Harald Stenger, Sportjournalist und ehemaliger Pressesprecher des DFB (dpa/picture alliance/Fredrik von Erichsen)Harald Stenger, Sportjournalist und ehemaliger Pressesprecher des DFB (dpa/picture alliance/Fredrik von Erichsen)

Harald Stenger: Hallo und guten Morgen.

Eine Reihe von Fehltritten und Peinlichkeiten

Schulz: Musste Reinhard Grindel jetzt wegen einer Uhr gehen?

Stenger: Nein! Es war eine Reihe von Fehltritten und Peinlichkeiten, an deren Ende dieses Aus stand. Es hat sicherlich einen faden Beigeschmack – deshalb, weil offenkundig zuletzt gezielte Informationen aus dem Inner Circle des DFB an die Öffentlichkeit drangen, um damit den Präsident, der schon längst jeden Rückhalt bei den meisten Haupt- und Ehrenamtlichen verloren hatte, zu diskreditieren. Und dann hat er, so muss man es sagen, irgendwie kapiert, dass es nicht weitergeht. Aber die Eckpfeiler seiner Unfähigkeit waren zum Beispiel fehlende Fachkompetenz, Populismus par Excellence, Geltungssucht. Auch sein rigider Führungsstil spielt eine Rolle. Die Liste könnte man jetzt noch ein bisschen fortführen und es wäre noch das eine oder andere Detail zu nennen. Nur das ändert nichts: Es war höchste Zeit, dass Reinhard Grindel seinen Hut nimmt.

Schulz: Was ist mit seinem Rückzug jetzt gewonnen für den DFB?

Stenger: Ja, zunächst einmal gar nichts. Man hat einen ungeliebten und – ich wiederhole mich – unfähigen Präsidenten los. Aber intern ist natürlich die Unruhe sehr, sehr groß und der DFB steht wieder einmal vor wegweisenden und hitzigen Wochen. Das ist allein schon daraus zu entnehmen: Kommissarisch haben Rainer Koch und Reinhard Rauball das Amt übernommen. Am 27. September wird beim DFB-Bundestag in Frankfurt der Grindel-Nachfolger gewählt. So ist zumindest der Plan. Das bedeutet, dass spätestens am 1. August mit der Einladung zum DFB-Bundestag dann auch schon der Kandidat feststehen muss, der die Nachfolge von Grindel antreten soll.

Schulz: Oder die Kandidatin, Herr Stenger?

Stenger: Oder die Kandidatin. – Wenn ich das vielleicht noch sagen darf: Es gibt natürlich in diesem Zusammenhang auch die Überlegungen, die Struktur zu ändern. Dadurch würde diese Überlegungsphase zwischen DFB und DFL noch schwieriger. Aber ich glaube, das interessiert in der Öffentlichkeit in der Tat weniger, als welche Kandidatin oder welcher Kandidat antritt.

Schulz: Das sagen Sie jetzt, darauf können wir vielleicht gleich noch mal kommen. Aber lassen Sie uns mal darauf schauen, was diese Causa Grindel jetzt über den Zustand des DFB sagt. Sie haben gerade gesagt, Reinhard Grindel, das war einfach der falsche Mann, der war vollkommen unfähig. Aber wir müssen ja mal festhalten: 2016 ist er angetreten. Er hat dem Verband eine Erneuerung versprochen. Man hat sich von ihm eine Erneuerung ja auch erhofft. Sonst wäre er auch nicht gewählt worden. Woran ist er gescheitert?

"Man wusste, dass er sich immer zu Höherem berufen fühlte"

Stenger: Es war damals schon eine Notlösung. Und wie das so ist: Dann gibt man ihm eine Chance. Man wusste, dass er sich immer zu Höherem berufen fühlte, ob als Journalist oder als Politiker, und nirgendwo irgendwie richtig ankam, geschätzt wurde, und so hat sich das dann beim Verband lückenlos fortgesetzt.

Schulz: Aber was sagt das denn über einen Verband, der so finanzstark, der so mächtig ist, dass er in so einer wichtigen Frage mit einer Notlösung arbeiten muss?

Stenger: Das heißt im Grunde genommen, dass es ein Vakuum im deutschen Fußball gibt, und man muss vielleicht auch fragen, ob das ein gesellschaftliches Phänomen ist, dass sich viele Leute einfach zurückziehen, weil sie von Intrigen oder hoher Belastung oder was immer die Nase voll haben. Beim Fußball kommt noch mal speziell dazu: Bis man etwas weiter oben in den Landesverbänden oder ganz oben im DFB ist, ist das ja auch eine Tour, wo man ziemlich malochen muss und sich hochziehen muss, und da hat nicht jeder Interesse. Und man kann es auch noch mal ganz anders sehen: Mit etwas Glück geht das im Profifußball schneller als im Amateurfußball, und da kann man zudem weitaus besser das Geld verdienen und steht mehr im Rampenlicht.

Schulz: Sie sehen da auch jetzt gar keine Hoffnung, gar keine Chance, dass der DFB jetzt einen besseren, einen fähigeren Chef oder eine fähigere Chefin bekommen könnte?

Stenger: Das will ich nicht sagen. Es wird jetzt ja wie gesagt diskutiert über die Strukturen. Ich bleibe aber dabei: In der Öffentlichkeit ist es natürlich von Interesse, wer diese neue Chefin oder der neue Chef werden könnte. Da wurden jetzt auch Namen gehandelt. Es gibt sicherlich die eine oder den anderen, der da neuen Wind reinbringt. Ich finde jetzt, unabhängig von der Person muss man sagen, es ist fast schon erleichternd, dass gestern gesagt wurde, aus den Reihen des amtierenden DFB-Präsidiums wird sich niemand zur Wahl stellen. Das gleiche gilt für das Präsidium der DFL, das Pendant aus dem Profibereich, so dass man irgendwie einen Neuanfang machen muss und nach einer Person sucht, die im Grunde genommen ein bisschen außen vor ist, die kommt als Moderator und vielleicht auch die Gräben, zwischen DFB und DFL sind, auch wenn das nach außen immer in Festtagsreden abgestritten wird, zuschüttet und dann wieder so was wie die Gemeinsamkeit des deutschen Fußballs im Vordergrund steht.

Schulz: Jetzt haben Sie den Spannungsbogen ordentlich gespannt. Sagen Sie uns: Wen fänden Sie gut?

Stenger: Ich persönlich sage – und da bin ich befangen, weil ich viele Jahre mit ihm in der Nationalmannschaft sehr gut und freundschaftlich zusammengearbeitet habe -, dass von den Namen, die bisher bekannt sind, oder die ins Gespräch gebracht worden sind, Christoph Metzelder ein geeigneter Kandidat ist, weil er eigentlich alle Qualitäten mitbringt. Er hat im Profibereich Karriere gemacht. Er ist derzeit in seinem Heimatverein TuS Haltern im Münsterland Vorsitzender, trainiert die U19. Das ist ein Mann mit sozialem Engagement, mit politischen Kontakten. Er ist in der Kommunikation stark, ist selbst im Marketingbereich geschäftlich engagiert. Aber ich sage gleich: Nach all dem, was ich höre, ist das nicht der Wunschkandidat der DFB-Oberen. Man sucht irgendeinen Menschen von außen, der völlig neutral ist, und da fällt mir momentan auch niemand ein, der da jetzt auf Anhieb wirklich geeignet wäre. Es wird viel spekuliert und es werden viele Namen genannt, aber das ist momentan dann auch so ein bisschen eine Mischung zwischen Kaffeesatzleserei und Verzweiflung.

"Rudi Völler? Kann ich mir überhaupt nicht vorstellen"

Schulz: Weil Sie da Drähte haben, die wir, die viele unserer Hörerinnen und Hörer nicht haben, sagen Sie uns doch ein paar der Namen, die gehandelt werden, um einfach dieses Geheimnis jetzt zu lüften.

Stenger: Ich habe zum Beispiel schon Anfang des Jahres den Namen von Rudi Völler gehört. Da kann ich sagen, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, denn Rudi Völler ist ein Sitzungshasser und als DFB-Präsident Sitzungshasser zu sein, ist sicherlich nicht möglich. Es wird aus dem Bereich von den Frauen Steffi Jones genannt. Es wird auch Sylvia Schenk genannt. Kann ich mir beides nicht vorstellen. Steffi Jones war zwar als DFB-Repräsentantin für die Frauen-WM 2011 ein hervorragendes Gesicht, aber in ihrer Zeit als Bundestrainerin hat es dann richtig geknallt und das Verhältnis mit dem DFB ist zerrüttet. – Es werden jetzt Namen genannt, die von außen kommen könnten: Herbert Hainer. Da bin ich mir sicher, dass er überhaupt kein Interesse signalisiert, weil er bei Bayern München stark eingebunden ist.

Christoph Metzelder bei der Weltpremiere der Sky Serie 'Das Boot' in den Bavaria Studios. München (dpa/ Geisler-Fotopress)Stengers Wunschkandidat: Christoph Metzelder (dpa/ Geisler-Fotopress)

Dann wird de Maizière zum Beispiel genannt. Der ist beim DOSB momentan neu engagiert in der Ethikkommission. Und dann wird allmählich die Luft dünn und es gibt auch viele Vorschläge, die einfach nicht durchdacht sind. Wenn ich dann zum Beispiel heute lese, den guten Herrn Zetsche von Mercedes. Der DFB hat sich gerade von Mercedes als Hauptsponsor getrennt und ist zu VW gegangen. Das ist jetzt alles eine Phase, wo man mal mit Ruhe zuschauen muss, so wie man mit Ruhe zuschauen musste, dass spätestens seit dem Fall Özil und der WM in Russland, wo sich der DFB katastrophal dargestellt hat und Grindel seine Fettnäpfchen-Auftritte eindrucksvoll in die entscheidende Phase geleitet hat, einfach sagen musste, es dauert einen Moment, bis Herr Grindel zurücktritt, und es wird jetzt auch einen Moment dauern, bis es seriöse Prognosen geben kann, wer im DFB dann wirklich eine Chance hat und wer zum engeren Kreis der Kandidaten gehört.

Schulz: Da haben Sie sich jetzt einen Ruck gegeben. Vielen Dank dafür an Harald Stenger, DFB-Kenner und Sportjournalist, heute Morgen hier bei uns im Deutschlandfunk. Danke schön!

//Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht

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