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StartseiteTag für TagUS-Politik setzt Religionsgemeinschaften unter Druck31.05.2019

Dialog der Religionen im IranUS-Politik setzt Religionsgemeinschaften unter Druck

Die Kündigung des Atomabkommens und die US-Sanktionen gegen den Iran haben auch Folgen für die Religionsgemeinschaften im Land. Scharfmacher bekommen Rückenwind, Muslime und Christen, die sich für Verständigung einsetzen, stehen als naiv da.

Von Corinna Muehlstedt

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Armenisch-apostolischer Gottesdienst in der St. Sarkis Kirche in Tehran (imago stock&people)
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In der Altstadt von Teheran, unweit des historischen Museums, liegt in einer kleinen Villa die Apostolische Nuntiatur. Der italienische Erzbischof Leo Boccardi vertritt hier seit sechs Jahren als Nuntius gegenüber der iranischen Regierung den Vatikan.

"Dialog ist im Moment dringend notwendig, um mehr Verständnis zwischen den Kulturen zu schaffen. Es ist ein sehr kritischer Moment, besonders für den Iran. Denn das Land wird im Westen kontinuierlich dämonisiert und ausgegrenzt. Als Europäer haben wir eine große Verantwortung, fair zu sein. Der Vatikan hat getan, was er konnte, um den Nuklearvertrag mit dem Iran zu fördern. Dieser Vertrag sollte eine neue Tür für die Beziehungen zum Iran öffnen. Aber offenbar gibt es Leute, die das leider nicht wollen."

Statt Dialog und Diplomatie

Die Aufkündigung des Nuklear-Vertrags seitens der USA, sowie die jüngsten Sanktionen und Drohungen gegen den Iran, seien inakzeptabel, so Leo Boccardi. Das Vorgehen der USA schlüge all jenen ins Gesicht, die bisher auf Dialog und Diplomatie setzten.

"All das ist unverständlich. Es sind einseitige Beschlüsse, die nur auf den politischen Interessen der USA beruht. Sie werfen enorme Probleme auf. Die Gefahr einer militärischen Konfrontation zwischen Amerika und dem Iran wächst seither beständig."

Ein solcher Krieg aber wäre für den gesamten Mittleren Osten eine Katastrophe, betont der Nuntius, und natürlich auch für den Iran. Das Land habe eine Jahrtausende alte, hohe Kultur, die es präge und Respekt verdiene. Auch seitens der persischen Muslime ist die Frustration entsprechend groß, bekennt Professor Mohammed Shomali. Er hat in der Universitätsstadt Qom nahe Teheran ein internationales Hochschulinstitut für "Islamische Studien" aufgebaut:

"Wir (alle, die wir im Iran für den Dialog arbeiten,) haben viel Hoffnung auf das Nuklearabkommen gesetzt. Wir dachten, es würde Hardlinern und Skeptikern beweisen, dass Dialoge und die Diplomatie erfolgreich sein können. Leider haben wir den Kampf verloren. Denn nach dem Ausstieg der USA sagt man uns jetzt: Seht Ihr, das habt Ihr davon, Ihr habt so viel Zeit und Kraft in das Ganze investiert, und was kommt dabei heraus? - Aber wir dürfen nicht aufgeben."

"Müssen uns besser kennenlernen"

Mehr als 90 Prozent der rund 80 Millionen Einwohner des Iran bekennen sich heute zur schiitischen Richtung des Islams. Weniger als 1% sind Christen. Sie gehören ebenso wie Juden und Zoroastriern zu den religiösen Minderheiten, die der iranische Staat laut Verfassung anerkennt und schützt. Nuntius Boccardi zeigt sich überzeugt:

"Freilich gibt es zwischen den diversen Kirchen und den iranischen Behörden manchmal auch Probleme. Vor zwei Jahren haben wir beispielsweise einen sehr schwierigen Moment erlebt: Einige Christen wurden verhaftet, Visa für manche Priester nicht erneuert. (...) So etwas machen Leute, die das Christentum nicht kennen und Angst haben. Aber Angst wovor? Ich denke, dass wir uns noch besser kennen lernen müssen. Dann werden wir die Probleme gemeinsam lösen können."

Die Vorurteile mancher Behörden seien schwer nachvollziehbar, so Leo Boccardi. Vielleicht fürchte man, US-amerikanische Organisationen könnten mit Hilfe christlicher Gruppierungen im Land Fuß fassen? In jedem Fall fehle es den iranischen Behörden offensichtlich an Wissen über die unterschiedlichen christlichen Konfessionen. Ein ehrlicher Dialog sei umso wichtiger. Und Mohammad Shomali, der seit fünf Jahren auch das Islamische Zentrum in London leitet, ergänzt:

"Ich denke das eigentliche Problem ist dies: Menschen haben Angst vor dem, was sie nicht kennen und begegnen ihm deshalb feindlich. Wir müssen allen eine Chance geben, sich zu überzeugen, wie nützlich der Dialog ist. Ich denke, das Problem der Muslime sind nicht die Christen und umgekehrt. Als Christen und Muslime sind wir Geschwister. Aber es gibt Leute, die das nicht akzeptieren wollen. Sie wollen, dass wir einander bekämpfen. Wir bemühen uns an unseren Instituten deshalb sehr um eine theologische Verständigung zwischen den Religionen. Letztlich ist das Meiste eine Frage der Aufklärung, der Erziehung."

"Armut erschreckend angestiegen"

In der Nähe der Nuntiatur liegt die römisch-katholische Kirche "Della Consolata". An jedem Freitag, dem iranischen Feiertag, findet hier ein Gottesdienst statt. Pfarrer Jack Youssef ist im Iran geboren und in der Gemeinde der einzige Priester. Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse nehme die Zahl der Katholiken in Teheran derzeit kontinuierlich ab, bedauert er:

"Wir spüren die Folgen des Embargos sehr stark. Die Armut im Volk ist erschreckend angestiegen. Die Leute stehen unter starkem Druck. Eine französische Gemeinschaft hat beispielsweise nach dem in Kraft treten der jüngsten Sanktionen den Iran vollständig verlassen. Das heißt, diese Sanktionen belasten das tägliche Leben und auch konkret die Kirchen im Iran."

Die etwa 2000 Mitglieder der römisch-katholischen Gemeinde kommen aus allen Teilen der 13 Millionen Metropole Teheran und aus den verschiedensten Nationen. Die meisten arbeiten an Botschaften, Schulen oder in der Industrie. Durchschnittlich zähle er im Gottesdienst etwa 50 bis 100 Personen, berichtet Jack Youssef:

"Unsere Kirche ist arm, sie hat wenig Geld und wenig menschliche Ressourcen. Aber wir spüren, dass wir im Iran heute ein Zeugnis vom Wesentliche unserer Religion abgeben. Viele Muslime haben ehrliches Interesse an einem vertieften Dialog mit uns. Ich bin in Teheran öfter an Universitäten eingeladen, das Christentum genauer zu erklären. Das iranische Volk ist sehr gastfreundlich und wir Christen sind hier gut integriert. Ja, wir versuchen zusammen mit unseren muslimischen Freunden den Frieden zu fördern."

"Ein Teil hat die Hoffnung verloren"

Im Norden Teherans befindet sich die evangelisch-lutherische Christuskirche. Sie ist die einzige deutschsprachige Gemeinde im Iran und wird von dem Theologen-Ehepaar Kirsten und Matthias Wolandt betreut. Zu den rund 100 Mitgliedern, die sich in der kleinen Gemeinde engagieren, zählen viele deutsche Frauen. Manche seien im Iran verheiratet und lebten schon lange hier, erzählt Matthias Wolandt. Probleme entstünden in den Familien heute selten durch die Religion, sondern vor allem durch politischen und wirtschaftlichen Druck:

"Die Iraner, zum Teil haben sie die Hoffnung verloren, was ihre wirtschaftlichen Perspektiven angeht. Es gibt Firmeninhaber, die über Monate eine Null schreiben. Es gibt Leute, die kriegen ihr Gehalt über Monate nicht, es wird nicht ausbezahlt. Es gibt Absolventen von Universitäten, die in einfachen Hilfsjobs enden. Und das macht einen ganzen Teil der Stimmung hier aus, die Stimmung ist alles andere als optimistisch. Und uns Ausländer betrifft das natürlich auch."

Die iranische Währung fällt rapide. Die Preise im Land sind für Touristen relativ günstig, aber für Einheimische kaum noch erschwinglich. In öffentlichen Gebäuden und Hotels staut sich der Renovierungsbedarf. Baustellen liegen in ganz Teheran brach. Nicht das Regime leide unter der Sanktionen, betont Matthias Wolandt, sondern das Volk:

"Interesse an Kontakten"

"Die Botschaft nach Deutschland oder Europa sollte sein, wahrzunehmen, wie stark die normalen Iraner auf der Straße, aber auch in der Wirtschaft, Interesse haben an Kontakten. Sie möchten diese Kontakte… Als Kirchengemeinde würden wir uns auch freuen, wenn die europäische Wirtschaft wieder stärker hier vertreten wäre. Wenn mehr deutsche Familien hier leben würden, das würde uns sehr freuen."

Die iranische Gastfreundschaft sei für Europäer geradezu beschämend, berichtet Matthias Wolandt. Als Gemeinde fühle man sich hier rundum willkommen. Nur die Mission unter Muslimen sei Christen staatlicherseits verboten. Hier gelte es, im Alltag Missverständnisse zu vermeiden. Doch ansonsten könnten sich Christen ebenso frei bewegen wie alle Iraner:

"Die Armenier als eine ethnische, christliche Minderheit dürfen ihre Religion genauso leben wie es die Juden dürfen, die es hier interessanter Weise auch gibt. Es ist die zweitgrößte jüdische Gemeinde im Nahen Osten. Also die Möglichkeit, innerhalb der verfassungsrechtlich gezogenen Grenzen die Religion zu leben, ist da. Das betrifft auch Leute, die sich privat in Hausgemeinden treffen, allerdings dürfen die das nicht öffentlich machen. Wer öffentlich missioniert und Hausgemeinden öffentlich propagiert, der muss mit sehr harten Gefängnisstrafen rechnen. Solange die Leute etwas in ihren eignen vier Wänden machen, werden sie nicht eingeschränkt, wobei man schon auch mit Beobachtung rechnen muss."

"Fühlen uns anerkannt und frei"

Es gibt in Teheran mehr als ein Dutzend christliche Konfessionen. Die Armenier, die mit Rom unierten Chaldäer und die Assyrer bilden die größten und ältesten christlichen Gemeinschaften des Iran. Alle drei haben eine besondere Stellung und sind durch Abgeordnete im iranischen Parlament vertreten. Bischof Benjamin von der "Assyrischen Kirche des Ostens" versichert:

"Wir sind dankbar, dass unsere Kirche eine enge und freundschaftliche Beziehung zur iranischen Regierung hat. An Festtagen kommen immer Vertreter der Regierung oder wichtiger Institutionen in unsere Gemeinde. Wir fühlen uns anerkannt und frei, unseren Glauben zu leben. Noch vorhandene Probleme versuchen wir mit Hilfe unserer Mitglieder im Parlament schrittweise zu klären."

Die Assyrer sind schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus auf der Seidenstraße aus Syrien ins Zweistromland eingewandert und seither hier zu Hause. Doch auch ihre Zahl geht im Iran zurück. Heute gehörten zu den Gemeinden nur noch etwa 10.000 Mitglieder, schätzt Bischof Benjamin. Die wesentlichsten Gründe, die die iranischen Christen derzeit veranlassten, ihre Heimat aufzugeben, seien eindeutig die wirtschaftliche Unsicherheit und die drohende Kriegsgefahr, meint der Bischof. Und er appelliert an die Europäer:

"Wir Christen wünsche uns, dass mehr Menschen aus Europa in den Iran reisen, die Verhältnisse hier selber kennen lernen und sich ein objektives, realistisches Urteil bilden. Und wir wünschen uns vor allem eines: dass man uns hilft, Frieden zu bewahren!"

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