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StartseiteInterview"Die Atlantik-Brücke ist eine in Ehren ergraute Institution"29.06.2010

"Die Atlantik-Brücke ist eine in Ehren ergraute Institution"

Walther Stützle zum Stand der transatlantischen Beziehungen

Heute Abend wird in Berlin ein neuer Vereinsvorsitzender der sogenannten "Atlantik-Brücke" gewählt. Walther Stützle, ehemaliger Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, sagt, dass die Institution noch immer keinen Anschluss an das moderne Kommunikationszeitalter gefunden habe.

Walther Stützle im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Ein Kandidat für den neuen Vorsitzenden der "Atlantik Brücke": Friedrich Merz.  (AP)
Ein Kandidat für den neuen Vorsitzenden der "Atlantik Brücke": Friedrich Merz. (AP)
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Tobias Armbrüster: Die Bundesrepublik hat nicht viele exklusive Clubs, erst recht nicht für Außenpolitiker. Eine Ausnahme ist die sogenannte "Atlantik-Brücke", Anfang der 50er-Jahre in Hamburg gegründet. Mitglieder sind vor allem Politiker und Wirtschaftsvertreter. Selbst erklärtes Ziel: das Verständnis zwischen den USA und Deutschland pflegen und verbessern. Wer Mitglied werden will, der muss eingeladen werden. Aber trotzdem gibt es zurzeit Krach in der "Atlantik-Brücke". Heute Abend sollen die Mitglieder in Berlin einen neuen Vereinsvorsitzenden wählen. Dabei stehen sich zwei ehemalige CDU-Politiker gegenüber: Friedrich Merz nämlich und Walter Leisler Kiep. Was genau dahinter steckt, darüber wollen wir mit einem Kenner der deutsch-amerikanischen Beziehungen sprechen: mit Walther Stützle, dem ehemaligen Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium. Er war außerdem einmal Mitglied in der "Atlantik-Brücke". Schönen guten Morgen, Herr Stützle.

Walther Stützle: Guten Morgen, Herr Armbrüster.

Armbrüster: Warum, Herr Stützle, ist die "Atlantik-Brücke" so zerstritten?

Stützle: Darüber gibt es viele Spekulationen, aber es gibt darüber keine autoreaktive Auskunft und schon gar keinen Beleg. Man darf vermuten, dass das zutrifft, was das Menschliche in unserer Existenz ausmacht, nämlich eine Rivalität und eine Meinungsverschiedenheit zwischen Führungspersonen.

Armbrüster: Kann es dabei auch um unterschiedliche Ansichten zu den deutsch-amerikanischen Beziehungen gehen?

Stützle: Das ist sehr wohl möglich. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind in einer völlig neuen Phase, seit dem Amtsantritt von Präsident Obama. Die "Atlantik-Brücke" ist eine in Ehren ergraute Institution. Niemand, der die Arbeit dieser Institution kennt, hat den wirklichen Eindruck, dass sie schon Anschluss gefunden hat an das moderne Zeitalter der Kommunikation, der Wissensvermittlung, der Netzwerkknüpfung, und es mag hinzukommen, worüber ja viel spekuliert wird, wofür es aber keine Beweise gibt, dass es auch der Frau Bundeskanzlerin gegen den Strich gegangen ist, dass einer ihrer schärfsten Rivalen in der CDU, nämlich Friedrich Merz, an die Spitze einer Organisation tritt, die in Amerika immer noch Stimme und Gewicht hat.

Armbrüster: Ist Friedrich Merz da in der "Atlantik-Brücke" so ein bisschen der Modernisierer und Walter Leisler Kiep die graue Eminenz, die ihn zurückhalten will?

Stützle: Das wäre er sicherlich geworden, denn er ist ein Mann der Wirtschaft, er ist ein Mann mit internationalen Kontakten. Das ist Walter Leisler Kiep auch, auch ein Mann der Wirtschaft, auch mit internationalen Kontakten, aber Friedrich Merz ist natürlich mehr als eine ganze Generation jünger als Walter Leisler Kiep und hat zu den heute aufwachsenden und in die Ämter strebenden amerikanischen Nachwuchspolitikern natürlich die besseren Kontakte als Walter Leisler Kiep. Das alles mag zu der Rivalität beigetragen haben. Es ist auf der anderen Seite sehr bedauerlich, dass gerade in dieser Zeit, in der es so viele herausragende und so schwierige Themen gibt, wie zum Beispiel Afghanistan, wie die internationale Kapitalmarktordnung, wie die Weltwirtschaftsrezession, dass ausgerechnet in dieser Zeit eine so erfahrene und verdiente Organisation sich in inneren Kämpfen völlig verkämpft.

Armbrüster: Jetzt haben ja viele gedacht, dass mit der Präsidentschaft von Barack Obama die Freundschaft zwischen Deutschland und den USA wieder eine Zukunft hat, nach den etwas dunkleren Jahren unter George W. Bush. Jetzt hören wir in den letzten Wochen, dass es große Meinungsunterschiede gibt zwischen der deutschen und der amerikanischen Regierung, gerade was die Wirtschaftspolitik betrifft. Könnte die Finanzkrise zu so etwas wie einem neuen Stolperstein in diesen Beziehungen werden?

Stützle: Das ist bereits ein Stolperstein in den Beziehungen. Die heute in Deutschland Regierenden haben noch nicht ganz verstanden, dass mit Barack Obama nicht nur zum ersten Mal ein Farbiger in das Amt des Präsidenten gelangt ist, sondern eine völlig neue Generation mit einem völlig neuen Blick auf den Globus. Das Hauptaugenmerk gilt nicht Europa, sondern das Hauptaugenmerk gilt Asien, China und Japan. Dort spielt für den amerikanischen Präsidenten buchstäblich die Musik. Und die deutsche Politik, vor allem die deutsche Politik, aber auch die französische Politik, haben es auf geradezu abenteuerliche Art und Weise versäumt, Europa eine Stimme in diesem Konzert zu geben, und das war ja jüngst in Kopenhagen bei dem Umweltschutz-Gipfel sehr zu sehen. Europa war nicht präsent, der amerikanische Präsident saß zum Schluss mit dem chinesischen Staatspräsidenten und mit dem indischen Regierungschef und mit dem Brasilianer, Europa war nicht anwesend, und gerade in den letzten Tagen in Toronto wurde zwar anschließend als Erfolg ausgegeben, dass Sparen angesagt ist, in Wirklichkeit aber ist die ganze Frage der internationalen Kapitalmarktordnung ungeregelt geblieben und unentschieden geblieben. Da entscheidet sich aber die Zukunft unseres Systems und da hätte eine so erfahrene Organisation wie die "Atlantik-Brücke" durchaus eine Aufgabe, hier dafür zu sorgen, dass Verständigung stattfindet, dass Meinungsaustausch stattfindet, dass Differenzen ausgetragen werden können und zu einem Kompromiss geführt werden können im Vor-Regierungsraum.

Armbrüster: Sie haben jetzt vorhin gesagt, dass dieser Verein sozusagen in Ehren ergraut sei. Können diese Mitglieder in diesem Verein, können die Leiter dieses Vereins nicht Netzwerke knüpfen, oder neue Medien nutzen, um sich besser zu verständigen mit ihren Partnern auf der anderen Seite des Atlantiks?

Stützle: Das wäre dringend geboten, hat aber offenbar nicht stattgefunden, hat offenbar auch zu dem Überraschungseffekt bei Friedrich Merz geführt, als er für kurze Zeit im Amt des Vorsitzenden war, so dass es wahrscheinlich nicht nur Meinungsverschiedenheiten und persönliche Rivalitäten sind, die den Ausschlag gegeben haben bei dem Ausbruch des Konflikts, sondern möglicherweise unterschiedliche Meinungen auch über den notwendigen Grat an Modernisierung. Man muss ja auch daran denken: die heute noch Verantwortlichen in der "Atlantik-Brücke" sind verdiente Leute aus der Aufbaugeneration, aber die Aufbauzeit liegt hinter uns, wir sind in einer völlig neuen Ordnung, in einem völlig neuen Kapitel der internationalen Beziehungen und es müssten eigentlich die 40-Jährigen heran, die 35-Jährigen müssten heran und müssten sich um das europäisch-amerikanische Verhältnis kümmern.

Armbrüster: Aber was machen die? Warum sind sie nicht präsent in der "Atlantik-Brücke"?

Stützle: ... , weil sie nicht angelockt werden, sondern weil sie sich eher abgestoßen fühlen von den Formalitäten und sozusagen von der erfahrungsgesättigten Routine dieser an sich aus der Gründungszeit sehr verdienten Organisation.

Armbrüster: Wie wird diese Organisation denn eigentlich auf der anderen Seite des Atlantiks wahrgenommen?

Stützle: Bei der älteren Generation in den Vereinigten Staaten als ganz, ganz wichtige Ansprechpartner, aber da muss ich wiederholen: da gilt natürlich für die Vereinigten Staaten auch, was für Deutschland auch gilt. Auch in den Vereinigten Staaten haben die Generationen gewechselt und haben die Blickwinkel gewechselt und auch dort ist mittlerweile eine neue Generation in den Ämtern, die nicht mehr, wenn ich es mal im Bilde ausdrücken darf, gegenseitige Besuche mit der Bemerkung beginnen, "Weißt du noch?". Die jetzige Generation weiß nichts von 1952, sie kennt das nur aus den Geschichtsbüchern. Das ist das Gründungsjahr der "Atlantik-Brücke". Das war ein Jahr, in dem in Deutschland zu den meistgehörten Sendungen noch die Suche nach vermissten Kindern gehörte, wo noch viele Tausend Kriegsgefangene in Russland waren, wo wir noch nicht einmal volle Souveränität hatten, geschweige denn diplomatische Beziehungen weltweit. Das heißt, in der Situation war es ein hohes Verdienst, dass Eric Warburg, ein Hamburger Bankier jüdischen Glaubens, zurückgekehrt nach Deutschland, nachdem er vor Hitler fließen musste, gesagt hat, wir brauchen eine private Initiative, um das Verhältnis zu Amerika aufzubauen, neues Vertrauen zu begründen. Das war '52, jetzt haben wir 2010, neue Menschen, neue Generationen, neue Themen. Das hat die "Atlantik-Brücke" ganz offenkundig versäumt.

Armbrüster: Was könnte denn an die Stelle dieser Erfahrungen der Generation treten, die diesen Club 1952 gegründet hat? Wie könnte man diese Erfahrung heute ersetzen?

Stützle: Die Erfahrung beginnt mit Wissen und Wissen bedeutet, man muss sich klar darüber sein, dass auch in Zukunft in der neuen, sich herausbildenden internationalen Ordnung das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten für uns, für Deutschland, für Europa von existenzieller Bedeutung bleiben wird. Das fängt mit den Investitionen an. Nach wie vor sind Europa und Amerika füreinander die wichtigsten Investitionspartner. Nach wie vor hängen Millionen von Arbeitsplätzen davon ab, dass beide wirtschaftlich vernünftig miteinander umgehen, als Konkurrenten, aber nicht als Rivalen, und es wäre geradezu wichtig, dass dieses Wissen, dieses Grundwissen auch Einzug hält in eine ja überwiegend außenpolitisch desinteressierte politische Nachwuchsgeneration (übrigens auch im Deutschen Bundestag), und da fängt die eigentliche Feldarbeit an. Wer sich die Daten vergegenwärtigt, auf denen unsere Existenz beruht, kann gar nicht daran vorbei, dass die Pflege des Verhältnisses zu Amerika wie übrigens auf der anderen Seite natürlich auch zu Russland und in verstärktem Maße zu China von ausschlaggebender Bedeutung ist. Und wer das begriffen hat, der wird auch den nächsten Schritt tun und wird sich engagieren – sei es in privaten Vereinigungen wie der "Atlantik-Brücke", sei es in parlamentarischen Freundeskreisen, in der parlamentarischen Versammlung. Das ist notwendig, das ist unterentwickelt bei uns und bedarf gründlich der Erneuerung und auch der Ermunterung übrigens auch von den Parteispitzen, die dazu ja relativ wenig beitragen.

Armbrüster: Die "Atlantik-Brücke", ein exklusiver Verein zur Pflege der deutsch-amerikanischen Beziehungen, wählt heute Abend in Berlin einen neuen Vorsitzenden. Darüber habe ich mit Walther Stützle gesprochen, dem Politikwissenschaftler und ehemaligen Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium. Vielen Dank, Herr Stützle, für das Gespräch.

Stützle: Ich danke Ihnen, Herr Armbrüster.

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