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Die Chancen und Schwierigkeiten in der Ukraine

Wer sich für Sprache, Kultur und Landeskunde der Ukraine interessiert, der muss in Deutschland nach Greifswald fahren. Dort findet einmal im Jahr das Ukrainicum statt, eine internationale Sommerakademie.

Von Martin Haufe | 16.08.2013

    Ein Glöckchen beendet die Kaffeepause zwischen den Seminaren. Erst Sprachkurs, dann Politik. Rund 50 Teilnehmer sind in diesem Jahr dabei, die wissenschaftliche Leitung des Ukrainicums hat der Greifswalder Slawistik-Professor Alexander Wöll inne.

    "Wir haben bereits Anmeldungen aus Kasachstan und aus Afrika und aus Lateinamerika, das ist jetzt wirklich der weltweite Durchbruch. Und es ist nach wie vor die einzige große und bekannte Sommerschule neben Harvard international."

    Nach Greifswald an den nordöstlichen Rand von Deutschland muss kommen, wer sich für die Ukraine interessiert, für Sprache, Kultur, Landeskunde und Politik.

    "Die meisten Universitäten in Europa und der Welt bieten ja gar keine ukrainische Sprache an. Wir hatten also Leute, die sich einen Bauernhof gekauft haben in der Ukraine und die sich einfach verständigen müssen. Oder Leute von der Stadtentwicklung aus Lemberg, die sagen, so ohne Ukrainisch ist das einfach nix. Also ein ganz buntes Publikum, die alle finden, was sie brauchen, also Ukrainischunterricht auf ganz hohem Niveau, und Kultur, Landeskunde, die politische Situation, die wissenschaftlichen Hintergründe und die ganzen Spezialisten."

    Und bei der Sommerschule sind natürlich auch Studenten dabei, die meisten im Studium schon etwas weiter. Veranstaltet wird das Ukrainicum vom Alfried-Krupp-Wissenschaftskolleg in Greifswald und gefördert von der Krupp-Stiftung.

    "Ich bin Karina, ich promoviere in Bonn. Ich habe aber eigentlich evangelische Theologie, Philosophie und Mathematik studiert. Das heißt, ich bin aus rein politischem oder gesellschaftsgeschichtlichem Interesse hier, um mehr über ukrainische Geschichte zu erfahren."

    "Ich bin Katharina, ich bin Kulturwissenschaftlerin aus Deutschland, promoviere aber derzeit in Budapest über alte Habsburgprovinzen. Und beschäftige mich mit den alten Ostprovinzen des Habsburger Reichs. Bei mir hapert es mit der Sprache. Ich war als Student schon ein halbes Jahr in der Ukraine zum Studieren. Und schreibe jetzt meine Doktorarbeit zum Thema aus der ukrainischen Geschichte. Und für mich ist das hier eigentlich die Möglichkeit in Deutschland, mich mit anderen Experten, Interessierten auszutauschen und auch meine Sprachkenntnisse zu vertiefen."

    "Ich bin schon drei Jahre in der Ukraine und bleibe auch noch zwei Jahre da – ich leite dort das Büro des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und von daher bin ich schon sehr motiviert, an meinem Ukrainische zu arbeiten."

    Einer der Experten beim diesjährigen Ukrainicum ist Winfried Schneider-Deters. 30 Jahre lang war er in Diensten der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Welt unterwegs. Er hat erst im vergangenen Jahr ein Buch über die Ukraine geschrieben.

    "Spannend war diese orangene Revolution, völlig unerwartet auch für mich, der ich dort nun fünf Jahre gearbeitet habe. Ich hatte nie geglaubt, dass die Ukrainer zu einem solchen Aufstand fähig wären. Das Spannende ist, dass viele geglaubt haben, die demokratische Entwicklung in der Ukraine sei irreversibel. Und nun stellt sich mit diesem neuen Regime des Präsidenten Janukowytsch heraus, dass das sehr wohl nicht der Fall ist. Er hat eine demokratische Regression in diesem Land eingeleitet. Und jetzt ist spannend, wie kommt die Ukraine da wieder heraus, aus diesem autoritären Trend, den Janukowytsch dort hineingebracht hat."

    Schneider-Deters empfiehlt die Ukraine jenen, die sich für ein junges Land interessieren, dessen Nation gerade erst zusammengewachsen ist. Die Universitäten seien prinzipiell offen für Lehrkräfte aus dem Ausland. Schwieriger ist es für Geschäftsleute.

    "Sobald ihr Geschäft gut läuft, dann kommt irgendein Bandit, der ihnen das Geschäft abnimmt. Und zwar mithilfe korrupter Richter und Staatsanwälte. Da wird irgendetwas konstruiert, Steuerhinterziehung oder so etwas. Das ist ein großes Problem für ausländische Investoren."

    Aus Hamburg ist Anna Thiessen zum Ukrainicum nach Greifswald gekommen. Sie ist studierte Slawistin, sie gehört in die Welt des Geschäfts und nicht der Kultur.

    "Also, ich arbeite für eine deutsche Modedesignerin und bin zuständig für das Gebiet Osteuropa und habe jetzt beschlossen, endlich mal ein bisschen Ukrainisch zu lernen, deswegen bin ich da."

    Eine Karriere in der Ukraine hält sie für schwierig.

    "Ich denke, das ist in den wenigsten Bereichen möglich, wenn man aus dem Westen kommt. Es ist sicher möglich auf wissenschaftlicher Ebene, das ist sicher möglich im Bereich des diplomatischen Dienstes. Wirtschaftlich ist es dann möglich, wenn man in Deutschland zum Beispiel für große Firmen tätig ist, die da Dependancen haben oder die sich da ausweiten möchten. Aber ansonsten wird es schwierig."

    Alexander Wöll, Deutschlands einziger akademisch bestellter Ukrainistiker, glaubt, dass das Land im Osten eine entscheidende Rolle für die Zukunft Europas spielen wird. Alles hänge davon ab, ob sich die Ukraine mehr dem westlichen Teil Europas annähert oder den eurasischen Vorstellungen von Politik und Demokratie unter der Führung von Russland. Detaillierte Informationen auch dazu wird es neben den Sprachkursen im nächsten Jahr wieder geben, beim dann 19. Greifswalder Ukrainicum.