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StartseiteForschung aktuell"Verlust der Artenvielfalt wie seit Jahrzehnten nicht mehr"08.08.2018

"Die Frankfurter Erklärung""Verlust der Artenvielfalt wie seit Jahrzehnten nicht mehr"

"Artenvielfalt ist unsere Lebensgrundlage", sagte Katrin Böhning-Gaese vom Senckenberg-Forschungszentrum im Dlf. Dennoch habe sich noch nicht viel getan. In einer gemeinsamen Erklärung mit namhaften deutschen Biodiversitätsforschern fordert sie deshalb eine interdisziplinäre Initiative zum Erhalt der Artenvielfalt.

Katrin Böhning-Gaese im Gespräch mit Ralf Krauter

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Feldlerche (Alauda arvensis), sitzt in einem Weizenfeld und wacht am Nest (imago / blickwinkel)
Erst verschwinden die Insekten, dann die Feldlerchen (imago / blickwinkel)
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Ralf Krauter: Die Artenvielfalt in Wald und Flur schrumpft beständig. Wildblumen sind rar geworden, Amphibien, Insekten und Vogelarten sterben aus. Um diese Entwicklung aufzuhalten, plant das Bundesforschungsministerium eine Leitinitiative für Forschung zum Erhalt der Artenvielfalt. Leitplanken dafür wurden jetzt in einer gemeinsamen Stellungnahme führender deutscher Biodiversitätsforscher veröffentlicht. Professorin Katrin Böhning-Gaese, Direktorin des Senckenberg-Forschungszentrums für Biodiversität und Klima, hat uns im Gespräch erklärt, wie es zur "Frankfurter Erklärung" kam.

Katrin Böhning-Gaese: Letztendlich steht dahinter natürlich der dramatische Verlust an Biomasse, an Insekten, der letztes Jahr in der Krefelder Studie von Hobbyforschern und von Statistikern festgestellt wurde. Das hat ja ganz deutschlandweit zu einer erhöhten Aufmerksamkeit geführt, dass wir im großen Maßstab Arten verlieren. Der Begriff Artensterben ist sogar in den Koalitionsvertrag gekommen, sodass da eine ganz neue Aufmerksamkeit für dieses Thema da ist. Und in dem Zuge ist das BMBF, das Bundesministerium für Bildung und Forschung, auf Senckenberg zugegangen und hat gefragt, ob Senckenberg nicht in der Lage sein könnte, so einen Workshop zu koordinieren und den Forschungsbedarf von Seiten der Wissenschaft zu definieren.

"Artenvielfalt ist unsere Lebensgrundlage"

Ralf Krauter: Nun ist es ja aber so, dass das Thema Artensterben zumindest unter Wissenschaftlern schon länger in aller Munde ist. Auf UN-Ebene wurde ja deshalb bereits 2012 der sogenannte Weltbiodiversitätsrat gegründet, der sich den Artenschutz also global auf die Fahnen geschrieben hat. Kommt da eine deutsche Leitinitiative für Forschung zum Erhalt der Biodiversität nicht ein bisschen zu spät?

Böhning-Gaese: Das Thema Artensterben ist tatsächlich ein globales Thema, und es ist auch kein neues Thema. Das ist von wirklich zentraler Bedeutung. Artenvielfalt ist unsere Lebensgrundlage. Nichtsdestotrotz hat sich beim Schutz der Artenvielfalt einfach noch nicht viel getan. Es gibt internationale Vereinbarungen, die sogenannten achieve targets, wie viel man erreichen möchte, dass man den Artenrückgang stoppen möchte, dass man das öffentliche Bewusstsein für die Artenvielfalt stärken möchte. Und bei allen diesen Indikatoren ist aber absehbar, dass wir die Ziele nicht erreichen. Und gerade in Deutschland, in der Agrarlandschaft, haben wir einen Verlust der Artenvielfalt, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Also diese schon genannte Krefelder Studie macht das deutlich. Aber es gibt auch viele weitere Studien, die zum Beispiel zeigen, dass die Zahl der Schmetterlingsarten auf Flächen bei Regensburg, die seit 100 Jahren erfasst werden, stark rückläufig sind. Ich bin selber Ornithologin. Ich habe Bestandsentwicklungen von Vögeln untersucht, und die Vögel der Agrarlandschaft nehmen wirklich drastisch ab. Das heißt, das Problem ist nicht gelöst, sodass es einfach noch mal einen großen Kraftansatz braucht, um das Thema zu adressieren.

Krauter: Das Beispiel Insektensterben haben Sie schon genannt. Und damit hängt dann auch der Rückgang der Vogelpopulation zusammen. Aber wissen wir nicht eigentlich längst, was zu tun wäre, um das einzudämmen? Stichwort: Weniger Monokulturen in der Landwirtschaft, weniger Insektizide versprühen und so weiter. Also welchen Mehrwert könnte eine konzertierte Forschungsaktion da jetzt tatsächlich noch bringen?

Konsumenten wollen billiges Fleisch

Böhning-Gaese: Wir wissen in der Tat, dass Insektizide eine Rolle spielen. Wir wissen, dass die Strukturvielfalt der Landschaft eine Rolle spielt. Bloß ist das Ganze gar nicht so einfach, weil wir viele Veränderungen gleichzeitig haben. Können wir denn sicher sein, dass wir jetzt durch das Verbot bestimmter Insektizide eine Lösung bekommen, wenn wir gleichzeitig die Monokulturen haben? Und was passiert, wenn wir weiter so düngen und wenn wir weiter den Grünlandumbruch haben? Das ist das eine, dass wir die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Faktoren nicht richtig verstehen. Und das andere ist: Was müssen wir jetzt wirklich tun, um was zu verändern? Also wie bekommen wir Maßnahmen geschneidert, die dann auch wirklich umsetzbar sind?

Und der Grund, der dahinterliegt, ist, dass es einfach nicht so einfach geht, jetzt wieder Hecken hinzusetzen oder die Insektizide zu verbieten, weil wir brauchen ja auch die Nahrungsmittel, die da auf den Äckern angebaut werden, und die Landwirte, die müssen ja auch ein Auskommen haben. Das heißt, wir dürfen bei unseren Maßnahmen jetzt nicht nur an den Naturschutz denken. Das ist eben das Besondere an der Frankfurter Erklärung: Wir fordern einen systemischen Ansatz, wo wir die verschiedenen Sektoren zusammenbringen. Die Biologen, die die Artenvielfalt untersuchen, aber auch die Agrarwissenschaftler, die wissen, was die agrarwirtschaftlichen Praktiken sind und wie man da ansetzen kann, und wir brauchen auch die Gesellschafts- und die Sozialwissenschaftler und die Humanwissenschaftler, weil letztlich da noch der ganze gesellschaftliche Hintergrund dahinterliegt. Warum produzieren denn die Landwirte so viel billiges Fleisch? Weil die Konsumenten, wir Konsumenten, billiges Fleisch haben wollen, und weil in Deutschland sehr viel Fleisch gegessen wird.

Das heißt, da steht auch dahinter, dass sich das ganze gesellschaftliche Umfeld ändern muss, wenn wir diese Artenvielfalt in unserer Agrarlandschaft haben möchten. Da brauchen wir auch andere Verhaltensweisen von jeder Bürgerin und jedem Bürger. Und diesen Gesamtzusammenhang müssen wir besser verstehen, um dann Maßnahmen vorzuschlagen, die dann auch umsetzbar sind und die dann auch sozusagen den Praxistest bestehen.

Vögel kommen zurück, wenn es genug Blüten und Insekten gibt

Krauter: Das klingt nach einem vernünftigen Ansinnen, aber auch nach einem sehr zeitaufwändigen. Da sprechen wir ja dann sicher über viele Jahre, bis so ein Forschungsvorhaben dann aufgelegt wäre und Projekte realisiert werden. Hat die Natur denn noch so viel Zeit?

Böhning-Gaese: Wir sprechen tatsächlich von einer lang angelegten Studie, und die Leitinitiative des BMBF ist als langfristige Initiative angesetzt. Da sollen wirklich Strukturen aufgebaut werden und auch Kapazitäten geschaffen werden, um langfristig zu Änderungen zu führen. Wir müssen natürlich auch sofort anfangen zu handeln. Das heißt, wir wollen jetzt nicht nur erst mal zehn Jahre Forschung machen und dann ansetzen oder 20 Jahre monitoren, gucken, ob die Rückgänge der Artenvielfalt wirklich so schlimm sind, sondern wir wollen nach relativ kurzer Zeit mit Großexperimenten in die Praxis gehen und schauen, was dann wirklich funktioniert. Und dann viel mehr vom Tun und vom Handeln kommen als jetzt nur von der reinen wissenschaftlichen Grundlagenforschung. Die Natur ist durchaus resilient – das sage ich auch als Ornithologin: Wenn jetzt die Rahmenbedingungen wieder da sind, und wenn es da dann genug Blüten, genug Früchte und genug Insekten gibt, dann kommen zumindest die Vögel wieder zurück. Und viele flugfähige Insekten kommen auch zurück. Da wird vielleicht die eine oder andere Art ausgestorben bleiben, aber das ist eigentlich auch das Schöne an dem Ganzen: Wenn wir jetzt was verbessern, kann es und wird es auch wieder besser werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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