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Die "lebende Tapete"

Grüne Wände und hängende Gärten - die Wohn- und Geschäftsraumbegrünung hat im oberen Preissegment nicht nur eine dekorative Funktion, sondern dient als exklusives Mittel der Raumgestaltung.

Von Susanne Lettenbauer | 01.07.2010

    "Hier unten plätschert es, sehen Sie es. Hier tropft es. Und wenn es ganz still ist, hört man es auch. Ja, das ist so ein Vlies, auch ein bisschen feucht. Das ist extrem unempfindlich und wir haben auch etwas Supersüßes, das blüht. Also wirklich, wirklich schön."

    Uta Lehbach, vom Occhio Store in München-Haidhausen steht vor ihrer grünen Wand. Von oben hängen Farnwedel herunter. Darunter wachsen tropischen Pflanzen auf einem speziellen Pflanzenvlies, alles tropische Pflanzen, die bei der Einrichtung des Ladens für Leuchtmittel vor einem Jahr individuell ausgesucht wurden.

    "Im Untergeschoss haben wir eine Pumpe im Keller, die reichert das Wasser an, säubert das, da ist ein Nährboden hintendran. Da kommt jemand alle sechs Wochen mit so einer kleinen Heckenschere und schneidet das, wirklich toll."

    Für ihren Laden hat sich die Investition von 60.000 Euro auf jeden Fall gelohnt, das Raumklima ist ausgewogen, die Kunden ausgeglichener. Sogar ein eigenes Lampensystem kann zur Beleuchtung der Pflanzen genutzt werden.

    "Das ist Metalldampfbeleuchtung, also es gäbe richtiges Wachstumslicht, aber das war uns zu blau, so wie man das vom Aquarium kennt und das wollten wir nicht haben und es funktioniert trotzdem."

    Bei Reinhild Holthaus sieht die grüne Inneraumgestaltung ganz anders aus. Die Managerin des exklusiven Münchner Cityquartiers Fünf Höfe an der Theatinerstraße sieht von ihrem Büro im dritten Stock auf gut 200 Pflanzen. Deren Ranken reichen bis zu zwölf Meter tief in die überdachte Passage hinunter. Bei den "Hängenden Gärten" von München kommen Wachstumslichtlampen zum Einsatz, weil nicht überall natürliches Licht zur Verfügung steht:

    "Das ist sicher aufwendig, diese Anlage zu pflegen, aber es ist die Attraktion der Fünf Höfe. Die Fünf Höfe wären nicht die Fünf Höfe, wenn sie nicht die hängenden Gärten hätten. Von der Aufwendigkeit ist es schon so, dass wir Pflanzenpflege jeden zweiten Tag hier oben an den Pflanzen direkt haben. Es wird sogar zwei Mal im Jahr jedes Blatt einzeln per Hand gereinigt. Die Pflanzenpfleger haben so ein Reinigungshandschuh und reinigen jedes Blatt per Hand."

    Regelmäßig, alle drei vier Wochen werden die langen Ranken ein wenig gekürzt, damit die Länge weiterhin bleibt. Geht eine Pflanze ein, muss genau dieselbe Art wieder ersetzt werden. Auf dem Plan der Architektin Tita Giese sind die Arten penibel aufgelistet:

    "Also es sind Lilienwein, Kastanienwein, Riesengranadela, Pfeifenwinde, also ganz unterschiedliche, von der Tita Giese vorgesehene Pflanzen, die hier installiert sind."

    Im Prinzip kann man jede tropische Pflanze verwenden, sagt Andreas Schmidt, kreativer Kopf hinter der Münchner Firma indoorlandscaping. Er entwickelte die hängenden Gärten mit. Jetzt sitzt er im Atrium der Münchenzentrale von Eon und blickt auf ein 30 Quadratmeter großes Bild aus Pflanzen.

    "Das ist sehr gelungen. Es ist eine nachträgliche Installation des Systems Grüne Wand und ist eher eine Kunst-am-Bau-Geschichte. Das Thema grüne Wand ist jetzt nicht primär raumklimatisch eingesetzt worden, sondern als gestalterisches Element, als lebendes Bild in diesem großen Atrium."

    Im Gegensatz zu den Kübelpflanzen der 70er- und 80er-Jahre, die je nach Bedarf verschoben werden konnten, versteht Schmid die Grünen Wänden nicht als Dekor sondern als integratives Element. Eine neue Herangehensweise an das Thema Innenraumbegrünung:

    "Als ich angefangen habe, ist mir aufgefallen, dass diese Pflanztöpfe eher so eine Blumentopfstrategie verfolgt habe und letztendlich immer im Weg stehen oder die irgendwo in der Ecke verschwinden. Unsere Aufgabe als Designer ist es aber, die Formensprache, die Qualität des Raumes aufzunehmen, Sichtachsen zu bilden, neue Räume zu schaffen, also nicht als dekoratives, sondern als integratives Element und dann möglichst mit einer Funktion durch die Verdunstungsleistung oder die adiabate Kühlung."