Donnerstag, 07. Juli 2022

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Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen
Lebenskünstler mit Vorliebe für Soul-Punk

Die Hamburger Band Die Liga der Gewöhnliche Gentleman singt auf ihrem neuen Album „Fuck Dance, let’s Art!“ über die Kunst des Nichtstuns, den letzten großen Bohemien – und endlich einmal über einen Matratzenladen.

Von Jenni Zylka | 17.08.2019

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Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen (Martin Morris)
Songtext: "Er war immer da doch nun ist er fort / Ma Ma Ma Matratzenconcord / Ich rauchte am Fenster und sah ihn von dort / Ma Ma Ma Matratzenconcord / Und als er dann schloss da fand ich es schlimm / wo sind Verkäufer und Matratzen jetzt nur hin? / Ma Ma Ma Matratzenconcord."
Respekt für Matratzenläden
Ja, auch Matratzenläden haben schließlich Respekt und Hommagen verdient. Die Liga der Gewöhnlichen Gentlemen hat dies zum Glück hiermit übernommen. Die wunderschöne DooWop-Surf-Widmung an die Ladenkette findet sich auf dem neuen Album der Hamburger "Fuck Dance, let’s Art!".
Auch in den restlichen zehn Songs geht es wie immer nicht um das, wovon geschätzte 95 Prozent sämtlicher Lieder auf der ganzen Welt handeln: Liebe. Sondern beispielsweise um die 80er-Jahre, einen glücklichen Spion, Pech und Frustrationen. Denn, so erklärt es Carsten Friedrich - Sänger, Texter und Gitarrist der Band:
"Ich wüsste nicht, was ich dem Thema, dem Sujet 'Liebe' hinzufügen sollte. Es gibt schon so viele gute Stücke darüber, da fällt mir tatsächlich nichts ein. Bei Matratzenmärkten und Spionen, da fällt mir doch gleich viel mehr ein. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von Jonathan Richman und find’s immer ganz ganz toll, was der sich für Themen sucht. Der hat über seine Jeans gesungen, über seine Lieblingsbaseballspieler und solche Sachen, die haben mich immer angesprochen, weil das ist ja das Alltägliche, was eigentlich jeden berührt, aber was einfach nicht gewürdigt wird. Und das machen wir dann halt. Komisch, dass das nicht mehr Leute machen."
"Früher war es einfacher, sich durchzuwurschteln"
Der letzte große Bohemien - auch so ein klassisches Gewöhnliche-Gentlemen-Thema. Nicht nur musikalisch steckt in Songs wie diesen die Sehnsucht nach einem Früher, einer Zeit, in der Songs im Uptempo abgingen, Punk-Energie und Soul, gern auch Northern Soul versprühten, und tatsächlich gemeinsam eingespielt wurden. Und in der so ein brotloser Lebenskünstler bis in die Puppen ausgehen, ebenso lange schlafen und sich - selbstverständlich in Style - durchwursteln konnte.
Songtext: "Er ist bestimmt nicht reich doch seine Drinks bezahlt er gleich, er schreibt niemals an er ist ein schöner Mann er ist der letzte große Bohemien."
"Mir ist irgendwann mal aufgefallen, vermutlich auch durch HartzIV, dass es so diese Künstlertypen immer weniger gibt, es wird halt immer schwieriger; und das fand ich schade, dass die verschwinden. Früher war’s irgendwie einfacher, sich durchzuwurschteln. Das Durchwurschteln, dem wurde ein ganz schöner Riegel vorgeschoben."
Ein Herz für die 1960er-Jahre
"Fuck Dance, let’s Art!" heißt dieses Instrumentalstück, das der Platte ihren Namen gab. Und das mit seinem Ska-Rhythmus erstens die Bedeutung des Titels ad absurdum führt, denn selbstredend ist Musik der Liga absolut tanzbar. Und zweitens wiederum ein Genre aus den 60ern zitiert, denn die Herzen der Liga der Gewöhnlichen Gentleman sind nun einmal genau dort verwurzelt.
"Die beste Musik ist bis 1967 entstanden": Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen an ihren Instrumenten
"Die beste Musik ist bis 1967 entstanden": Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen (Martin Morris)
"Ich glaube das ist 'ne frühkindliche Prägung, denn die erste Band, die ich gehört hab' und geliebt hab', das waren die Beatles. Und ... ähm, da bin ich nicht mehr rausgekommen aus der Nummer. Und da sind wir uns ja einig, dass die beste Musik bis 1967 entstanden ist, und man braucht nichts reparieren, was nicht kaputt ist."
Aus sämtlichen Songs der Platte - vor allem aus Stücken wie "Links Rechts Geradeaus", einer Hommage an den Schauspieler, Lebenskünstler und zeitweiligen Calypsosänger Robert Mitchum - spricht das Fantum, die bandeigene Leidenschaft, die stärker ist als 100-prozentige musikalische Perfektion. Am besten hört man sich das von Timo Blunck produzierte Album auf Vinyl an, auf einem Dual-Plattenspieler mit Lautsprecher im Deckel, der auf dem Boden einer Ein-Zimmer-Wohnung steht, gleich neben dem Gitarrenständer und dem Aschenbecher.
Man könnte "Fuck Dance, let’s Art!" oder die ganze Band nostalgisch nennen. Man könnte aber auch einfach "sehnsüchtig" sagen. Denn bestimmt war früher nicht alles besser. Aber irgendwie schöner.