Die Literatur und das "Wir" (1/4)Wie Literatur die Gesellschaft im Streit vereint

Der öffentliche Disput über Literatur gilt als ein entscheidender Hebel der Aufklärung. Doch wie sieht es heute aus, wo sowohl von einem unaufhaltsamen Leserschwund als auch von selbstgefälligen Literatur-Bubbles die Rede ist? Kann Literatur überhaupt noch einen übergreifenden gesellschaftlichen Konsens abbilden?

Von Carolin Amlinger | 10.10.2021

Ein Schild mit Text: Straßenphilosophie in Hamburg.
Texte wurden im 19. Jahrhundert zentrales Medium der öffentlichen, gesellschaftlichen Debatte – bleiben sie das? (picture alliance / Chromorange)
In der Berliner "Funk-Stunde" kam im Februar des Jahres 1932 anlässlich des 100. Todestages von Goethe ein Hörspiel mit dem Titel "Was die Deutschen lasen, während ihre Klassiker schrieben" zur Aufführung, das kaum ein Jahr vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten die bürgerliche Literaturgesellschaft zu einem öffentlichen Disput zusammenkommen ließ. Der Autor dieses Hörspiels war Walter Benjamin, der 1933 ins Pariser Exil flüchten musste. Benjamin ließ in einem Berliner Kaffeehaus um 1800 ganz unterschiedliche historische Gestalten über die gesellschaftliche Reichweite von Literatur streiten:
"Die Stimme des 19. Jahrhunderts: Ich habe eine mittlere Kultur allgemein verbreitet, wie Goethe es prophezeit hat.
Eine mittlere Kultur? Solange ihr 19. Jahrhundert gedauert hat, haben die Deutschen ihr größtes Gedichtbuch nicht aufgeschlagen. Noch ist es nicht lange her, dass Cotta die letzten Exemplare des Westöstlichen Divan vom Lager verkauft hat.
Die Stimme des 19. Jahrhunderts: Sie waren zu teuer. Ich habe Ausgaben auf den Markt gebracht, die unter die Leute kamen.
Unter die Leute, denen die Zeit fehlte, sie zu lesen.
Die Stimme des 19. Jahrhunderts: Zugleich aber hat mein Jahrhundert dem Geist die Mittel gegeben, schneller sich zu verbreiten als durch Lektüre.
Mit andern Worten: Es hat die Tyrannei der Minute begründet, deren Geißel wir auch hier spüren.
(Hörspielausschnitt: "Was die Deutschen lasen, während ihre Klassiker schrieben". Von Walter Benjamin. Produktion SWF 1973, Bearbeitung und Regie: Peter Michel Ladiges)

Ein unlösbares Band: der Literaturbetrieb und die Gesellschaft

Was hier debattiert wird, war in der Literaturgeschichte immer wieder Gegenstand hitziger Kontroversen. Seitdem sich das Feld der Literatur in der Moderne als eine autonome Sphäre mit eigenen Gesetzen und Institutionen ausgebildet hat, wurde auch das Verhältnis von Literatur und Gesellschaft immer wieder problematisiert. Oft schon wurde der Tod der Literatur proklamiert, wenn sie drohte, ihre Autonomie gegenüber staatlichen oder ökonomischen Institutionen zu verlieren. Ebenso oft war die Rede von der Bedeutungslosigkeit der Literatur, wenn die literarische Öffentlichkeit sich in die Sphäre ästhetischer Eigenwerte zurückzog.
Eins können wir vorab festhalten: Diese Requiems haben sich noch nie bewahrheitet. Die Klagerufe geben vielmehr Aufschluss über das prekäre wie unlösbare Band, das die literarische Öffentlichkeit mit der Gesellschaft eingegangen ist.
Begeben wir uns in Zeiten, in denen die literarische Öffentlichkeit in Bewegung geriet. In denen neue Technologien, erweiterte ökonomische Verwertungsmöglichkeiten und neue soziale Bedürfnisse literarische Werke als eine Daseinsform sichtbar machten. Denn dort, wo es knirscht und kracht, werden die Normen sichtbar, die an die Literatur als gesellschaftliche Instanz geknüpft sind.

Die Stimme des 19. Jahrhunderts ist in Benjamins Hörspiel noch eine Stimme der Zukunft. Sie prophezeit hier eine "mittlere Kultur", die erst durch den modernen Buchhandel ermöglicht werden konnte. Bis ins 18. Jahrhundert hinein zeichnet sich Aufklärung dadurch aus, "dass die ‚Gesellschaft‘ von oben erzogen wird", wie der Soziologe Klaus Eder in seiner Schrift "Geschichte als Lernprozess?" aus dem Jahr 1985 beobachtet. Neue Begriffe, Ideen oder ganz allgemein Kultur diffundiert bis in die Frühmoderne von oben nach unten. Es sind einige wenige Angehörige der Oberschicht, die belehrend auf die übrigen Schichten einwirken. In der modernen Gesellschaft ändert sich dies radikal.
Der Philosoph und Schriftsteller Walter Benjamin auf einer Schwarz-Weiß-Aufnahme.
Walter Benjamin - Der Sprachmagier
Walter Benjamin hatte etwas von einem Zauberer – das befand auch sein Freund Theodor W. Adorno. Ein Sprachmagier war er auf jeden Fall. Benjamin beherrschte die Kunst, seine Leser zu verführen.

Literatur stellt die diskursive Grundlage für Öffentlichkeit in der Moderne

In der freien Diskussion über Literatur traf man sich an öffentlichen Orten, dem literarischen Salon, Lesegesellschaften oder dem bereits erwähnten Kaffeehaus. Hier durfte zumindest dem Prinzip nach jeder mitreden, mitdenken und mitstreiten. Entscheidend im Disput war weder der soziale Status noch das Ansehen, sondern allein das Argument, wie der Soziologie Jürgen Habermas in seiner 1962 erschienenen Schrift "Strukturwandel der Öffentlichkeit" argumentiert. Ideen wurden so nicht mehr von oben vorgegeben, sondern im öffentlichen Räsonnement entfaltet. Benjamin wählte den Schauplatz seines Hörspiels also mit Bedacht. Es war ein zentraler Ort, an dem die moderne Gesellschaft nicht nur zusammenkam, sondern der Bürger über die gemeinsame Lektüre zu sich kam. Habermas beschreibt die sozialisierende Kraft von Literatur folgendermaßen:
"Einerseits wiederholt der sich einfühlende Leser die in der Literatur vorgezeichneten privaten Beziehungen; er erfüllt die fingierte Intimität aus der Erfahrung der realen, und erprobt sich an jener für diese. Andererseits ist die von Anfang an literarisch vermittelte Intimität, ist die literaturfähige Subjektivität tatsächlich zur Literatur eines breiten Lesepublikums geworden; die zum Publikum zusammentretenden Privatleute räsonieren auch öffentlich über das Gelesene und bringen es in den gemeinsam vorangetriebenen Prozeß der Aufklärung ein."

Die "literaturfähige Subjektivität", von der Habermas spricht, war keinesfalls eine apolitische Innerlichkeit, ein Rückzug aus der Sphäre der Gesellschaft durch eine absondernde Lektüre, sondern eine ästhetische Artikulationsform des Bürgertums. Das Bürgertum setzte sich in der Lektüre mit sich selbst auseinander, trat aber gleichfalls im Sprechen und Streiten über die Literatur in die Sphäre der Öffentlichkeit – und versicherte sich so der eigenen Normen.
Jürgen Habermas, deutscher Philosoph, spricht bei der Verleihung des deutsch-französischen Medienpreis an ihn. Er steht an einem Pult und trägt Anzug, Hemd und Krawatte. 
Jürgen Habermas und die Rettung der Moderne
Seit gut 60 Jahren reflektiert der deutsche Philosoph Jürgen Habermas über die Moderne und ihre Gefährdungen. In seinem neuen Werk "Geschichte der Philosophie" untersucht er die Potenziale der Philosophie, um einer strauchelnden, aufgeklärten, modernen Gesellschaft Zuversicht geben zu können.

Massenhaft Bücher zu erschwinglichen Preisen

Dass die Gesellschaften der Literatursalons und Lesezirkel, von denen hier die Rede ist, de facto eine kleine, zuvorderst männliche und bürgerliche Minderheit darstellte, steht außer Frage. Aber es waren Gesellschaften, die frei waren von ständischen Schranken, in denen jeder – zumindest dem formalen Prinzip nach – teilnehmen durfte. Literatur, dies können wir an dieser Stelle festhalten, stellte in der Moderne die diskursiven Grundlagen bereit für eine neue, inklusive Öffentlichkeit.
Mit der massenhaften Verbreitung auch preiswerter Bücher kann der demokratische Gedanke der Aufklärung ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nun zumindest ansatzweise über einen kapitalistischen Markt verwirklicht werden. Die neuen Massenpublikationen riefen eine von den Gelehrten kritisch beargwöhnte "Vielleserei" und "Lesesucht" hervor. Es wurde nicht nur mehr gedruckt, immer mehr Menschen lasen das Gedruckte auch. Fand Goethes Gedichtsammlung West-östlicher Divan, die erstmals im Jahr 1819 erschien, nur mäßigen Absatz, verfügte der Buchmarkt bereits gegen Ende desselben Jahrhunderts über die technischen Voraussetzungen, Literatur zu erschwinglichen Preisen für ein größeres Publikum zu produzieren.

Doch erinnern wir uns an den mahnenden Sprecher aus dem Hörspiel von Benjamin. Er wirft dem 19. Jahrhundert vor, es habe eine "Tyrannei der Minute" in Gang gesetzt. Es habe zwar die technischen und ökonomischen Voraussetzungen für eine massenhafte Lektüre bereitgestellt, aber den Lesenden im gleichen Atemzug die Zeit zur Lektüre geraubt. Der kapitalistische Buchmarkt stellte mit seinem expansiven Titelwachstum im industrialisierten Kaiserreich den Lesestoff bereit, aber dem größten Teil der lesehungrigen Bevölkerung fehlte schlicht die Muße, die neue literarische Vielfalt zu genießen. Der Autor Emil Peschkau hielt 1884 für die Zeitschrift "Die Gegenwart" fest:

"Der gesteigerte Wettkampf auf allen Gebieten [...] hat nicht weniger Antheil an der Unruhe, die das Geschlecht ergriffen hat. [...] Daraus resultiert die Hetzjagd der Arbeit wie die Hetzjagd des Genusses. Dem entsprechend mußte auch die Form der Lectüre eine Veränderung erfahren. Das Buch mit seiner behäbigen Breite ist nichts für ein Geschlecht, das sich zwischen Arbeit und Genuß nur da und dort ein halbes Stündchen mit Lesen beschäftigt."

Kurzlebige Texte für Leser mit wenig Zeit

Das, was das Kleinbürgertum und Teile des Proletariats lasen, galt als ebenso flüchtig und kurzlebig wie das moderne Berufsleben seiner Leserinnen und Leser. Denn gelesen wurden Romane nur selten in ihrer heute wohl bekanntesten Publikationsform, dem Buch, sondern in Fortsetzung in Familien- und Unterhaltungszeitschriften.

Auflagenstarke Zeitschriften wie die "Gartenlaube" etablierten Unterhaltung als Eigenwert, die gänzlich frei war von Bildungsansprüchen. Sie bereiteten damit den Boden für die moderne Kulturindustrie. Literatur stellte also keinesfalls nur die Basis für den kritischen Disput bereit, sondern war auch eine ästhetische Kompensation für die Folgekosten moderner Rationalisierung. In der Lektüre entfloh der Berufsmensch den Pathologien einer versachlichten Moderne.

Schon damals wurden neue Medienformate, die mit einer, wenn auch gebrochenen Demokratisierung des Lesens einhergingen, von einer großen Skepsis Derjenigen begleitet, die um ihren privilegierten Status bangten. Was in Massen für die Masse produziert wurde, stand unter dem Verdacht, lediglich einen konformen Geschmack zu bedienen, der die ästhetische Autonomie von Literatur desavouiere. Ein Redakteur der "Westermanns Monatshefte" hielt 1888 fest, dass sein Autor Theodor Storm mit seiner Vielschreiberei für die neuen Unterhaltungszeitschriften nicht gut beraten sei:

"Früher schrieb er jedes Jahr eine Novelle und die war vortrefflich. Seitdem er damit spekuliert, schwanken die Arbeiten sehr im Werte."

Wenn literarische Formate nicht länger nur von einer kleinen Minderheit gelesen werden, scheinen sie in der literarischen Öffentlichkeit Legitimationsproblemen ausgesetzt zu sein. Zwar wirkte die literarische Öffentlichkeit im 19. Jahrhundert unmittelbar vergesellschaftend, aber gleichzeitig suchte sie auch die Distanz von dem sozialen Leben. Sie war kurz gesagt als Sphäre ästhetischer Eigenwerte ein randständiger Bestandteil der Gesellschaft geworden.

Repressionen im Kaiserreich für moderne Literatur

Die Skepsis gegen eine vollumfängliche Vergesellschaftung der Literatur hatte meist auch gute Gründe. Denn das Verhältnis von Staat und Literatur war in der Zeit, in der wir uns hier bewegen, alles andere als versöhnlich. Mit der Herrschaftsübernahme Kaiser Wilhelms II. im Jahr 1888 wurde die Trennung von Staat und Gesellschaft, auf deren Grundlage sich eine kritische literarische Öffentlichkeit ausgebildet hatte, nahezu aufgehoben. Der wilhelminische Obrigkeitsstaat ging mit einem autoritär durchgesetzten Konformitätszwang einher. Jegliche von der kaiserlichen Norm abweichenden Ansichten wurden ausgegrenzt und diffamiert.
"Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr, sie ist Fabrikarbeit, ist Gewerbe", ließ der Kaiser in seiner Kunstrede aus dem Jahr 1901 verlauten. Verbanden ein Teil der naturalistischen Autorinnen und Autoren mit der Inthronisierung des jungen Wilhelm II. noch die Hoffnung auf kulturelle Modernisierung, sollten die modernen Literaten wenig später staatliche Repressionen zu spüren bekommen.

Durch abweichende Randpostion zur Gesellschaftskritik

Denn dem kaiserlichen Kunstideal zufolge kommt der Literatur die Funktion zu, innere Widersprüche auszugleichen und die ideelle Einheit der Nation zu untermauern. Dem widersprachen allerdings die poetologischen Konzepte großer Teile der zeitgenössischen Schriftsteller – wollten sie doch, wie die zuvor noch dem Kaiserkult verfallenen jungen Naturalisten, die Widersprüche der modernen Wirklichkeit schonungslos darstellen. Und wurden damit Objekt staatlicher Verfolgung und Zensur.
18. Januar 1871: König Wilhelm I. von Preußen wird im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen. “Die Proklamierung des Deutschen Kaiserreiches”. Gemälde, 1885, von Anton von Werner (1843–1915). Öl auf Leinwand, 167 × 202 cm. (3., sog. Friedrichsruher Fassung). Friedrichsruh, Bismarck-Museum.
Deutsche Reichsgründung - Historiker: Kaiserreich wirkt bis heute nachIm Kaiserreich steckten die Wurzeln der Demokratie von Weimar und auch der Bundesrepublik, aber eben auch die Wurzeln des Nationalsozialismus, so der Historiker Christoph Nonn. Auch 150 Jahre nach der Gründung wirke das Kaiserreich noch nach.
Was sagt uns das alles über den sozialen Ort der Literatur? Die Literaturgesellschaft fristet ihr Dasein in der Moderne in einem prekären Schwellenzustand. Im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde das gemeinsame Lesen zu einem Schauplatz öffentlicher Deliberation. Der Lesezirkel war kein Ort der innerlichen Versenkung, sondern ein sozialer Schauplatz, an dem Gesellschaft stattfand. Statt von oben belehrt zu werden, debattierte das Bürgertum vermittelt über das Gelesene selbst über den sozialen Normenhaushalt.
Im Kaiserreich jedoch wurde das Objekt der freien und gleichen Kommunikation unter Bürgern in den Dienst eines "expressiven Nationalismus" (Hauke Brunkhorst) gestellt, Literatur wurde zu einer Bühne für imperiale Imaginationen. Entsprach sie dem imaginierten nicht, wurde sie verfolgt, zensiert und kriminalisiert. Dadurch wurden große Teile der literarischen Öffentlichkeit in eine Randstellung gedrängt, die nun – ob freiwillig oder unfreiwillig – die staatliche Autorität infrage stellt. Jetzt war es gerade ihre abweichende Position, die die literarische Öffentlichkeit zu einem kritischen Reflexionsmedium von Gesellschaft machte.

In der Wohlstandsgesellschaft wird Literatur zur Massenware

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sollte die Literatur wegen ihrer abseitigen Position als politische Aktionsform erprobt werden. In der literarischen Öffentlichkeit machte sich Ende der 1960er Jahre ein Unbehagen über die gesellschaftliche Stellung der Literatur breit. Hans Magnus Enzensberger ging in seinem Artikel "Gemeinplätze, die Neueste Literatur betreffend", im Jahr 1968 in der Zeitschrift "Kursbuch" hart ins Gericht mit der zeitgenössischen Literatur:
"[D]as Vermögen der kapitalistischen Gesellschaft, ‚Kulturgüter‘ von beliebiger Sperrigkeit zu resorbieren, aufzusaugen, zu schlucken [hat sich] enorm gesteigert. Heute liegt die politische Harmlosigkeit aller literarischen, ja aller künstlerischen Erzeugnisse überhaupt offen zutage […]. Ihr aufklärerischer Anspruch, ihr utopischer Überschuß, ihr kritisches Potential ist zum bloßen Schein verkümmert."

Auf dem konzentrierten Markt der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft erlebte die Literatur eine bislang ungekannte Blüte als massentaugliche Unterhaltungsware; die dünnen Taschenbücher eroberten die entlegensten Leserschichten und die schmucken Ausgaben des Bertelsmann Leserings zogen in die kleinbürgerlichen Wohnstuben ein. Ernst Rowohlt diagnostizierte auf dem ersten nachkriegsdeutschen Schriftstellerkongress 1947 in Berlin:

"Früher mußte der Verleger bei der Masse werben für sein Buch, heute schreit die Masse nach dem Buch."

Mit der rororo-Reihe sollte seine Diagnose nur wenige Jahre später Wirklichkeit werden. 1950 erschien in Westdeutschland das erste Taschenbuch im Rowohlt Verlag. Hans Falladas "Kleiner Mann – was nun?" wurde zu einem Preis von 1,50 DM angeboten und war mit einer Startauflage von 55.000 Exemplaren umgehend ausverkauft.

Soziale Reichweite seit den 1960er Jahren größer als je zuvor

Die günstige Produktion mittels Rotationsmaschinen, seine massenhafte Verbreitung, die Möglichkeit zum Fortsetzungsbezug und nicht zuletzt die Werbung, die mitten im Buch platziert wurde, machte das Taschenbuch zu einem ökonomischen Erfolgsgeschäft. Und zog kulturpessimistische Befürchtungen nach sich. Von einem profanen "Markenartikel" war die Rede, von einem Verlust der "Aura" oder von "Einwegliteratur". Gerade aber weil das Taschenbuch zu einer Konsumware wurde, zeitigte es demokratische Folgen. Bücher wurden ab den 1960er Jahren zum ersten Mal in der Geschichte des Buches von einem Großteil der Bevölkerung gelesen. Die soziale Reichweite von Literatur war also größer als je zuvor. Was waren also die Gründe für die um sich greifende Sorge um den gesellschaftlichen Bedeutungsverlust von Literatur?
Teils bangte hier wohl, ähnlich wie im 19. Jahrhundert, eine bildungsbürgerliche Kulturelite um den Distinktionsverlust des Buchbesitzes. Weit verbreitet in der literarischen Öffentlichkeit war auch die Befürchtung, dass die kapitalistischen Kommerzialisierungstendenzen das literarische Werk vollständig der Warenform unterordnen würden. Für die Massen hergestellte literarische Werke galten als Teil einer manipulativen "Bewusstseinsindustrie", die von Staat und Kapital kontrolliert werde.
"Geistige Gebilde kulturindustriellen Stils sind nicht länger auch Waren, sondern sind es durch und durch",
schrieb der Soziologe Theodor W. Adorno 1963 in seinem Aufsatz "Résumé über die Kulturindustrie". Damit traf er den Kern eines kollektiven Unbehagens. In dem folgenden Jahrzehnt sollte das literarische Feld zum Experimentierfeld alternativer sozialer Praktiken werden, die sich als literarische Gegenöffentlichkeit formierte.
"Gegenöffentlichkeit ist Aktionsöffentlichkeit, der demokratische Teil der Öffentlichkeit, der sich nicht manipulativ verhält, der nach den Inhalten fragt, nach der Vermittlung literarischer Ergebnisse zur politischen Praxis. Gegenöffentlichkeit richtet sich gegen die Konsumentenherde, die einfach meint, ach, da ist dieses Buch erschienen, das muß man halt jetzt kaufen."
Dies erklärte der Soziologe Frank Benseler dem Spiegel kurz vor der Frankfurter Buchmesse 1969. Er sprach in dem Interview gemeinsam mit dem Lektor Walter Boehlich stellvertretend für eine Bewegung, die sich Literaturproduzenten nannte. Während die Öffentlichkeit der passiven "Konsumentenherde", also die Leserinnen und Leser der Buchclub-Bücher und Heftromane, mehr als Hindernis denn als Mittel zur ästhetischen Praxis verstanden wurden, sah man in der Ausrufung einer von ihr konstitutiv getrennten Gegenöffentlichkeit einen wahrhaft öffentlichen Diskussionszusammenhang, der Literatur in die politische Aktion überführen sollte.

Gegenliteratur soll alternativ, solidarisch, künstlerisch sein

In ihrem 1972 veröffentlichen Buch "Öffentlichkeit und Erfahrung" reflektieren die Autoren Oskar Negt und Alexander Kluge auf dieses neue Verständnis. Man wand sich gegen die von Habermas ins Feld geführte Diskursivität und betonte stärker das Moment ästhetischer Erfahrung für die Herstellung einer Öffentlichkeit. Literatur wurde als eine künstlerische Ausdrucksform interpretiert, die kollektive und solidarische Potenziale freisetzen sollte, die in der verwalteten Wohlstandsgesellschaft verarmt seien. Diskursive Eingriffe haben laut Negt und Kluge in der manipulativen Kulturindustrie keinen Effekt mehr:
"Gegen Produktion der Scheinöffentlichkeit helfen nur Gegenprodukte einer proletarischen Öffentlichkeit."
Die Literaturproduzenten nahmen diese Losung ernst und sahen die literarische Öffentlichkeit als Produktionsstätte für eine alternative Politik.
Ein Ort zur Erprobung der ausgerufenen Gegenöffentlichkeit war das Messegeschehen der Frankfurter Buchmesse, das seit 1967 von politischen Protesten der Studentenbewegung und Außerparlamentarischen Opposition erschüttert wurde. Die Messe war kein zufällig ausgewähltes Ziel, sie war als repräsentative Institution des Buchhandels die Agora, der gesellige Marktplatz des literarischen Lebens, also
"per Definition so etwas wie der Schauplatz einer wenn auch veralteten und nachtrauernswerten kritischen Öffentlichkeit",
so der Sprecher des Frankfurter SDS, Hans-Jürgen Krahl, während einer Podiumsdiskussion im Anschluss an die von Polizeigewalt überschatteten Proteste auf der Buchmesse 1968. Gleichzeitig verkörperte die Messe als internationaler Umschlagplatz für Buchwaren wie kaum eine andere Einrichtung den Warencharakter geistiger Produkte.

Alternative Literaturproduzenten organisieren sich

Infolge der Proteste während der Buchmesse von 1968 gründete die sich bereits erwähnte Vereinigung der Literaturproduzenten als Initiativausschuss von Verlegerinnen und Verlagsmitarbeitern.
Die Literaturproduzenten traten auf der Buchmesse 1969 erstmals politisch in Erscheinung, indem sie einen "Messerat" installierten, der gegen den die Messe organisierenden Börsenverein des Deutschen Buchhandels die tatsächlichen Interessen der Messe-Öffentlichkeit artikulieren wollte. Über die ästhetische Erfahrung vermittelt wollte man eigene Formen der Kollektivität jenseits kulturindustrieller Institutionen erproben.
"Aktionsöffentlichkeit bedeutet, daß aus Konsumenten Produzenten, aus Lesern Mitwirkende gemacht worden sind. Aktionsöffentlichkeit ist die Form, in der Öffentlichkeit heute, unter sozialistischen Vorzeichen rekonstruiert werden kann", fasst Benseler zusammen.
Was er hier vor Augen hatte, war wohl die bunte alternative Literaturszene, die über Kleinverlage, Lesezirkel und eine schillernde Alternativpresse den Produktionsapparat selbst in die Hand nahm. Der "Ulcus Molle Info-Dienst" von Josef Wintjes bot Anfang der 1970er Jahre die unübersichtliche Vielfalt der Underground-Literatur an. Bei ihm in Bottrop stapelte sich die deutschsprachige Gegenkultur bis zur Decke. Das fiktive Alter Ego Jörg Fausers stattete Wintjes, in seinem Roman Rohstoff Aldo Moll genannt, einen Besuch ab:
"Hier in seinem Abstellraum, in dem es nach abgestandenem Bier, kaltem Schweiß und Druckerschwärze roch, befand sich die Relaisstation für all die ungezählten Wirrköpfe, Geschäftemacher, politischen und religiösen Fanatiker, angehenden und abgehenden Schriftsteller, ernsthaften Büchermacher und tanzenden Derwische sämtlicher Spielarten des Irrationalismus, die offenbar das ausmachten, was Moll die ‚Szene‘ nannte."

Alternative Literaturszene führt auch zu Absonderung

Allerdings führte die Selbstorganisierung des literarischen Lebens in der alternativen Literaturszene nicht zu einer inklusiven Öffentlichkeit, sondern eher zu einer Absonderung und Abschließung nach außen. Die literarische Kommunikation richtete sich nach innen, diente der Selbstverständigung, der Suche nach Authentizität. Die "Scenen-Reader" mit ihrer oft provokanten Gestaltung, waren meistens Insiderpublikationen, die für Außenstehende kaum zu dechiffrieren waren. Man verweigerte die Partizipation am kapitalistischen Markt durch die Schaffung eines eigenen, wenn auch sehr kleinen Marktes, wo Leserinnen und Leser nicht selten auch gleichzeitig Autorinnen und Autoren waren.
Auf dem Bild ist der Soziologe Richard Sennett zu sehen. Er sitzt in einem bequemen Stuhl und trägt ein blaues Jeanshemd
Richard Sennett - Vom Nutzen der Öffentlichkeit
Richard Sennett ist Öffentlichkeitsforscher. Schon 1978 fragte er: "Was geschieht, wenn die Öffentlichkeit als Forum gesellschaftlicher Erfahrung und kulturellen Austauschs zerfällt?"
Darin lag das Paradox der literarischen Gegenöffentlichkeit der 1970er Jahre begründet: indem man sich jenseits einer warenförmigen Kulturindustrie verortete, schuf man zwar ein einzigartiges Reservoir für sogenannte Underground-Literatur, für expressive ästhetische Formen und Kommunikationswege. Eine neue Allgemeinheit konnte man so jedoch nicht etablieren – und wollte dies meist auch gar nicht.
Was ehemals ein Ort des Experimentierens, des Erprobens neuer Lebens- und Ausdrucksformen war, stellt heute mancherorts eine hermetisch geschlossene Gemeinschaft dar. Auch die Querdenken-Bewegung, die sich aus Protest gegen die Corona-Maßnahmen gegründet hat, versteht sich als Gegenöffentlichkeit. Sie rebelliert ebenfalls gegen eine aus ihrer Sicht manipulativ hergestellte öffentliche Meinung – und wird damit zum Sammelbecken von verschwörungstheoretischen oder okkulten Welterklärungsmodellen. Eine alternative Öffentlichkeit ist also aus heutiger Sicht nicht per se progressiv.
Zurück zur Literatur: Die Frage nach der Vergesellschaftung von Literatur war zweifelsohne die Streitfrage des westdeutschen Literaturbetriebs in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die literarische Gegenöffentlichkeit der BRD förderte zwar nicht den gesellschaftlichen Zusammenhalt, indem sie einen übergreifenden Kommunikationsraum bereitstellte, sondern entfaltete ganz im Gegenteil ihre soziale Kraft über eine ästhetische Segregation. Statt zu einen, war sie Schauplatz der gelebten Widersprüche – und damit ein fruchtbarer Nährboden für eine pluralistische Idee von Literatur, mit all ihren Potenzialen und Fangstricken.

Lesen – keine kulturelle Beschäftigung der Mehrheit mehr

Wer heute von der Vergesellschaftung der Literatur spricht, handelt sich meist schnell den Vorwurf einer verstaubten Klassenkampfrhetorik ein. Doch nehmen wir den Begriff beim Wort, ist er aktueller, oder genauer gesagt: brisanter, denn je. Denn die Gesellschaft der Lesenden wird nicht gerade größer. Im Jahr 2018 ging eine Erhebung des Börsenvereins zum Buchkaufverhalten als "Leserschwund-Studie" in die jüngste Geschichte des Literaturbetriebs ein. Nicht nur die Zahl der Buchkäufer verringerte sich binnen weniger Jahre stark, mit ihr sank auch die Lesehäufigkeit: Während im Jahr 2014 noch 38 Prozent der Bevölkerung täglich oder mehrmals wöchentlich zum Buch griffen, waren es drei Jahre später nur noch 32 Prozent. Lesen ist keine kulturelle Ausdrucksform der gesellschaftlichen Mehrheit mehr. In einem Ranking zu Freizeitbeschäftigungen des Börsenvereins aus dem vergangenen Jahr belegte das Lesen hinter Fernsehen, Internet und vielen, vielen anderen Dingen lediglich den zwölften Platz.
In der öffentlichen Debatte um den sozialen Status der Gegenwartsliteratur werden diese ernüchternden Zahlen in konträre Deutungsmuster eingebettet. Der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler interpretierte jüngst in seinem Essay "Der Neue Midcult" in der Zeitschrift EPop. Kultur und Kritik", (Heft 18), die Lektüreaffinitäten und ‑praktiken in Zeiten von Social Media als Ausdruck neuer Stilgemeinschaften, die nach "selbstverstärkender Schließung" drängen.

Literatur muss heute vor allem eigene Besonderheiten bedienen

Man liest kurz gesagt das, was das eigene Erleben, das eigene Urteil bestätigt. Baßler attestiert den neuen populären Leserschaften "Ambiguitätsprobleme", da diese, statt nach Verständigung, nach Authentizität und Singularität strebten. Gewissermaßen die entpolitisierten, kapitalisierten Nachfahren der alternativen Literaturszene im Web 2.0.
Vom Verschwinden der Öffentlichkeit
Die gesellschaftliche Öffentlichkeit hat sich aufgelöst – mit all ihren Fehlern und Schwächen. Heute zersplittert sie sich in Einzelmeinungen, beklagt die Journalistin und Schriftstellerin Eva Menasse. Sie vermisst die Öffentlichkeit der Massenmedien vor der Digitalisierung.
Ist die "mittlere Kultur", die die Stimme des 19. Jahrhunderts in Walter Benjamins Hörspiel noch als einigende Instanz beschwor, im 21. Jahrhundert ein abgeschotteter Ort der Valorisierung von Besonderheiten und Individualitäten? Dagegen sprechen die literarischen Versuche einer jungen, diversen Autorinnengeneration, die Literatur als Artikulationsmedium einer übergreifenden – und nicht separierenden – Erfahrung rehabilitieren möchten.
Was die Romane von so unterschiedlichen Autoren wie Christian Baron, Shida Bazyar, Bov Bjerg, Dilek Güngör, Dimitrij Kapitelman oder Deniz Ohde eint, sind literarisch vermittelte Identitäten, die auf Verständigung hinzielen. Das erzählende Ich steht für ein verdrängtes Wir, das in den allgemein verbindlichen Kollektiverzählungen nicht repräsentiert wird.