Flutkatastrophe"Überregional taucht das Ahrtal gar nicht mehr auf"

Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal haben Zeitungen und Rundfunksender versprochen, dauerhaft über die betroffene Region zu berichten. Ein Versprechen, das nur teilweise gehalten wurde, wie Betroffene und Helfende vor Ort kritisieren.

Von Anke Petermann | 16.11.2021

m Bild Flutschäden an einem Fußballplatz in der Ortschaft Bad Neuenahr, in der die Flut viele Häuser zerstörte
Deu Aufräumarbeiten im Ahrtal dauern an, aber die Präsenz der Medien nimmt ab. (picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres)
"Das Netz der Gasversorgung wird immer dichter", schreibt die Rhein-Zeitung aus Koblenz. Über das Ahrtal berichtet sie täglich auf ihren Lokalseiten. "Pop-up-Mall eröffnet in Bad Neuenahr", titelt der Bonner Generalanzeiger in einem der vielen Artikel, die er ebenfalls täglich über das Ahrtal bringt. Es geht um eine Container-Mall auf einem Parkplatz, die Händlern ein Weihnachtsgeschäft ermöglichen sollt.

Ahrtal vor allem in rheinischen Zeitungen präsent

Das Ahrtal ist die Wander-, Weingenuss- und Freizeitregion für viele aus dem Köln-Bonner Raum. Deshalb ist das Katastrophengebiet vor allem auch in rheinischen Zeitungen präsent. Und neben dem rheinland-pfälzischen Landessender SWR berichtet der WDR von der Ahr. Und natürlich der Deutschlandfunk.
"Über uns berichtet der Deutschlandfunk direkt nach Champions League und Bundesliga", witzeln die Lauftreff-Teilnehmer und Teilnehmerinnen beim TuS Ahrweiler. Tatsächlich gehört die Lauftreff-Reportage zu einem Dlf-Beitrag über die Probleme des Breitensports im Katastrophengebiet – für die Sendung "Sport am Sonntag".
Viele, deren Zuhause zerstört ist, haben in den Wochen direkt nach der Flut medienabstinent gelebt. Teils wegen technischer Probleme wie Stromausfall und fehlender Zeitungszustellung, teils selbstgewählt, weil die eigene Lage zu schlimm war, als dass man Nachrichten aus aller Welt hätte verkraften können. Doch aus der Not entstand eine Lösung, erzählt eine der Läuferinnen beim TUS Ahrweiler: "Wir haben ja jetzt einen eigenen Sender, Ahrtalradio – wenn man wirklich gezielt Infos braucht, was unsere Region angeht, ist das natürlich was."
Hoffnung über UKW: Das Ahrtalradio sendet fürs Flutgebiet
"Ahrtalradio – Nachrichten von hier: Die Verbraucherzentrale bietet in Sinzig Energieberatung an." Orte, Uhrzeiten, Telefonnummern, wo man sich anmelden kann - das alles listen die Nachrichten des ehrenamtlichen Ahrtalradios detailliert und zum Mitschreiben auf – praktische Lebenshilfe über den Äther. Doch die Sendelizenz läuft Anfang Januar 2022 aus.
Lange bevor das Ahrtalradio Ende August an den Start ging, bespielte Thomas Pütz die Sozialen Netzwerke - ebenfalls mit Servicethemen. Der Hochwasser-betroffene Unternehmer und Mitgründer des Helfershuttles, das Zehntausende von Freiwilligen an ihre Einsatzorte brachte, agiert selbst als Medienmacher.
Nach dem Unwetter in Rheinland-Pfalz, 24.07.2021, Rheinland-Pfalz, Bad Neuenahr-Ahrweiler: Zerstörte Fahrzeuge liegen am Straßenrand auf aufgetürmten Sperrmüllbergen. Die Aufräumarbeiten in dem Hochwassergebiet sind in vollem Gange. Zahlreiche Autos wurden in dem Gebiet weggeschwemmt und zerstört.
Lokaljournalismus im Dauereinsatz
In der Corona-Pandemie hat die „Rhein-Zeitung“ die Räume ihrer Lokalredaktion Ahrweiler aufgegeben. Nun sucht Redaktionsleiter Uli Adams wieder ein Quartier für sein Team, das seit Tagen direkt aus dem Katastrophengebiet berichtet.
Als einer der Organisatoren des Helfershuttles, das Zehntausende von Freiwilligen an ihre Einsatzorte brachte, bringt Pütz die Botschaften via Facebook-gestreamter, sogenannter "Pressekonferenzen", direkt an die Helfergemeinschaft. Die Termine verbreiten sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda, dabei fehlen oft die klassischen Medien. Die Fragen kommen aus dem Helfer-Publikum, nicht von Journalisten und Journalistinnen.

SWR sehr präsent in Flutregion

Das bekümmert Pütz kaum, denn bei Hilfesuchenden und Helfenden im Ahrtal kommt an, was er zu verkünden hat. Misstraut er den klassischen Medien? Der Enddreißiger schüttelt den Kopf. So allgemein will er das nicht stehen lassen.
"Kritisch den Medien gegenüber sind wir gar nicht. Ich mache auch keinem einen Vorwurf. Das einzige: Circa 3 Wochen nach dem Hochwasser waren alle im Bundestagswahlmodus, Afghanistan-Rückholung von Flüchtlingen, und da sind wir komplett hinten rüber gefallen, das muss ich kritisieren. Und da haben wir hier angefangen zu trommeln. Es ging um reine Präsenz, nicht um Misstrauen."
Ausdrücklich lobt Pütz den SWR für seine Präsenz. Der Intendant persönlich habe sie in einer Runde mit Betroffenen und Teams der Krisenintervention zugesichert und das Versprechen eingehalten, dem Ahrtal Sendeplätze einzuräumen. "Aber wenn wir andere Sendeplätze nehmen, überregional, da taucht das Ahrtal gar nicht mehr auf."

Helferin: "Es wird zu wenig berichtet"

Diesen Eindruck teilt Jutta Ebersberger. Die Helferin reist regelmäßig aus dem bayrischen Fürth an. "Es war vor ein paar Wochen mal mehr, und jetzt schläft es wieder ein. Es wird zu wenig berichtet. Im SWR noch mehr, im Deutschlandfunk ja auch, aber so bei uns in Bayern, Mittelfranken, Bayerischer Rundfunk – ganz wenig".

Es war vor ein paar Wochen mal mehr, und jetzt schläft es wieder ein. Es wird zu wenig berichtet.

Was Berichterstattung leisten sollte, da ist die Helferin im staubigen Anorak ganz entschieden: "Es bräuchte die Berichterstattung, damit Fachkräfte merken, dass sie kommen sollten. Es wäre Berichterstattung nötig, um kurze Wege für Gelder zu ermöglichen, damit Leute nicht ewig warten müssen, bis sie zu Geldern kommen."
Tatsächlich ist Kritik an überbordender Bürokratie derzeit eines der Leitthemen in Beiträgen übers Ahrtal. Die Kehrseite allerdings ist, dass Medien natürlich aufs Korn nehmen würden, wenn aufgrund unzureichender Prüfung Hilfsgelder an die Falschen flössen.