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StartseiteAus Religion und Gesellschaft"Der Islam ist die Lösung" 19.06.2019

Die Revolution von 1979 "Der Islam ist die Lösung"

Im Iran tobt die Islamische Revolution, in Mekka besetzen Terroristen die Große Moschee, und der sowjetische Einmarsch in Afghanistan mobilisiert tausende „Gotteskrieger“: 1979 hat sich die islamische Welt grundlegend verändert. Die Folgen spürt man bis heute.

Von Christian Röther

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Iranian students walk past a mural outside former US embassy during a demonstration marking the 31th anniversary of US Embassy takeover in Tehran, Iran, 04 November 2010. The rally marks the 31th anniversary of the occupation of the US embassy in Tehran and the 'day of national confrontation against World Imperialism'. Iranian students occupied the embassy on 04 November 1979 after the US granted permission to the late Iranian Shah to be hospitalised in the US. Fifty-three American diplomats and guards were held hostage by students for 444 days. EPA/ABEDIN TAHERKENAREH | (EPA)
Ein anti-amerikanisches Graffiti in Teheran: Das Jahr 1979 gilt als eine Geburtsstunde des Konflikts zwischen islamistischen Bewegungen und dem Westen (EPA)
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Patrick Franke: "1979 war für die Islamische Welt schon allein deswegen bedeutend, weil es ja ein Jahreswechsel war – nicht nur ein Jahreswechsel, sondern im November 1979 begann das Jahr 1400."

Susanne Schröter: "Diese Entwicklung in Afghanistan, die Entwicklung in Saudi-Arabien und im Iran – alles führte letztendlich dazu, dass es in der islamischen Welt eine neue Hinwendung zu einem fundamentalistischen Islam gegeben hat."

Patrick Franke: "Es gab eine Aufbruchsstimmung in der islamischen Welt – also viele Muslime, die begeistert waren für dieses Projekt der Islamischen Revolution."

Susanne Schröter: "Das galt als Ermutigung für religiöse Aktivisten, mit einer religiösen Agenda einen politischen Kampf zu führen. Weil man gesagt hat: Im Iran hat das doch funktioniert. Und die Parole, die da weltweit dann kursiert ist, war: ‚Der Islam ist die Lösung.‘"

"Chomeini ist groß"

1. Februar 1979. Am Flughafen von Paris ist der schiitische Geistliche Ruhollah Chomeini umringt von Reportern, Sicherheitsleuten und seinen Unterstützern. Der Ajatollah sei dankbar für die Gastfreundschaft Frankreichs, erklärt ein Sprecher Chomeinis, aber er werde nun in den Iran zurückkehren, um seinem Land zu dienen.

"Gott ist groß, Chomeini ist groß", rufen die Menschen im Iran, als der Ajatollah zu ihnen spricht. Ajatollah ist der wichtigste religiöse Titel für einen Geistlichen im schiitischen Islam.

Zwei iranische Frauen vor einem Wandgemälde, das den Gründer der Islamischen Republik Iran, Ayatollah Ruhollah Chomeini, zeigt (imago / Rouzbeh Fouladi)Teheran: Zwei iranische Frauen vor einem Wandgemälde, das den Gründer der Islamischen Republik Iran, Ayatollah Ruhollah Chomeini, zeigt (imago / Rouzbeh Fouladi)

Er werde den Schah und die Regierung vertreiben und das Parlament auflösen, verspricht Chomeini. Anderthalb Jahre dauern die Aufstände im Iran bereits an. Jetzt setzt Chomeini sich an ihre Spitze und etikettiert die Revolution um: Er erklärt sie zu einer islamischen Revolution.

"Die Massen mit dem Koran in der Hand"

"In völliger Verkennung der Tatsachen, dass es ja wirklich eine breite, auch säkulare Bewegung war. Das war die iranische Propaganda von Anfang an, dass eben die islamischen Massen mit dem Koran in der Hand und Gott im Rücken den Schah gestürzt haben", sagt Susanne Schröter.

Die Professorin für Ethnologie und Direktorin des "Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam" verweist auf säkulare Kräfte wie Linke, Liberale und Nationalisten, die während der Aufstände eine wichtige Rolle spielen. Dass Chomeini dennoch zwei Monate nach seiner Rückkehr die Islamische Republik Iran ausruft, am 1. April 1979 – hat Folgen weit über den Iran hinaus, so Schröter:

"Die Islamische Revolution im Iran hatte einen enormen Einfluss auf die islamisch geprägte Welt, und zwar nicht nur auf die schiitische geprägte Welt, sondern auch auf die Sunniten."

Susanne Schröter, Professorin für Ethnologie und Direktorin des "Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam" (dpa/ picture alliance/ Boris Roessler)Susanne Schröter, Professorin für Ethnologie und Direktorin des "Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam" (dpa/ picture alliance/ Boris Roessler)

Sunniten und Schiiten, die beiden großen Strömungen des Islams, sie stehen sich oft ablehnend gegenüber, teils als Todfeinde. Doch der schiitische Erfolg im Iran macht diesen jahrhundertealten Konflikt für den Moment vergessen, erklärt Susanne Schröter:

"Zum ersten Mal war es gelungen, einen autokratischen Herrscher, den Schah, der mit Hilfe und massiver Unterstützung des Westens an der Macht war, zu stürzen."

"Es entsteht eine neue Dynamik ab 1979"

In vielen islamischen Ländern herrschen damals Autokraten, oft mit Unterstützung des Westens. Sie unterdrücken die islamistischen Bewegungen, den radikalen politischen Islam. Der breitet sich seit einigen Jahrzehnten trotzdem immer stärker aus, etwa durch die sunnitischen Muslimbrüder. Und durch die Revolution im Iran schöpfen die Islamisten neue Hoffnung, auch die Regime in ihren eigenen Ländern stürzen zu können.

"Es entsteht eine neue Dynamik ab 1979. Die Tatsache, dass es gelungen ist, einen Despoten, den Schah, von der Macht zu verdrängen und eine Republik zu errichten, das war schon etwas, was die Gemüter sehr bewegte", sagt Patrick Franke, Professor für Islamwissenschaft an der Universität Bamberg:

"Und es entstanden in allerlei islamischen Ländern in der Zeit auch Manifeste. Man hat Manifeste geschrieben für die Durchführung einer islamischen Revolution im jeweils eigenen Land."

Patrick Franke, Professor für Islamwissenschaft an der Universität Bamberg (Privat)Patrick Franke, Professor für Islamwissenschaft an der Universität Bamberg (Privat)

Die Revolution im Iran beeinflusst die ganze islamische Welt, sagt Patrick Franke - von Ostasien bis nach Westafrika:

"Im Grunde genommen gab es viele Gelehrte aus Westafrika, die nach Iran pilgerten gewissermaßen, um sich die Islamische Republik anzuschauen, und die dann versuchten, dieses Modell in ihren eigenen Ländern zu verwirklichen. In Nigeria beispielsweise. Auch in Indonesien. Und interessanterweise waren das zum Teil auch sunnitische Gelehrte, die infolgedessen zum schiitischen Islam übergetreten sind."

Die "Geiselkrise von Teheran"

Nach 1979 entstehen neue radikale sunnitische und schiitische Gruppen, die sich die Revolution im Iran zum Vorbild nehmen, etwas der "Islamische Dschihad in Palästina" oder die Hisbollah im Libanon. Sie erklären die Regierungen im eigenen Land zu ihren Feinden, und zunehmend auch den Westen, vor allem die USA. Auch hier ist das Vorbild die Islamische Republik Iran.

"The American embassy in Teheran is in the hands of Muslim students tonight, spurred on by an anti-american speech by the Ajatollah Chomeini."

Die amerikanische Botschaft in Teheran sei in den Händen muslimischer Studenten, berichtet der US-amerikanische Fernsehsender NBC News. Ajatollah Chomeini habe sie mit einer Rede aufgewiegelt.

Am 4. November 1979 nehmen die Studenten dutzende Botschaftsmitarbeiter als Geiseln. So wollen sie die Auslieferung des gestürzten iranischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi erzwingen. Über ein Jahr wird die "Geiselkrise von Teheran" dauern. Die Islamische Republik nutzt sie als eine Machtprobe, ein Kräftemessen mit den verhassten USA.

Einige der Geiseln werden einen Tag nach der Geiselnahme mit Augenbinden und auf dem Rücken gefesselten Händen auf das Gelände der US-Botschaft in Teheran geführt. (dpa/picture-alliance/UPI)Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft in Teheran 1979 (dpa/picture-alliance/UPI)

Ein Vorgeschmack auf die Auseinandersetzungen der kommenden Jahrzehnte zwischen islamistischen Bewegungen und westlichen Staaten. Auseinandersetzungen, in denen die islamistische Seite oft ein damals noch relativ neues Mittel der Kriegsführung nutzt: Terroranschläge.

Aufstand in Mekka

Als Geburtsstunde des islamistischen Terrorismus gilt ebenfalls das Jahr 1979 – allerdings nicht aufgrund eines Anschlags im Westen, sondern wegen eines Angriffs in Mekka, jener Stadt, die Muslimen besonders heilig ist.

Im November 1979 beginnt nach islamischer Zeitrechnung ein neues Jahrhundert, das Fünfzehnte. Einige Islamisten hoffen damals, am ersten Tag dieses neuen Jahrhunderts werde die aus ihrer Sicht wahre islamische Ordnung wiederhergestellt, so Franke:

"Der Anfang des neuen Jahrhunderts war schon auch mit großen Erwartungen verbunden, und es ist eben auch kein Zufall, dass genau am 1.1. des Jahres 1400, also dem 21. November, dann die Moschee in Mekka besetzt wurde durch eine Gruppe von Aufständischen, die mit diesem Aufstand sehr hohe Erwartungen verbanden, nämlich die Entmachtung des saudischen Königshauses und die Errichtung eines neuen islamischen Staates, der auf die Scharia gegründet ist."

Rund 500 radikale Islamisten aus verschiedenen Ländern besetzen die Große Moschee in Mekka. Auf den Minaretten postieren sie Scharfschützen. Die Aufständischen wähnen den Mahdi in ihren Reihen, den legendären Nachfahren Muhammads.

Die Kaaba in der Mitte der Heiligen Moschee in Mekka, Saudi Arabien, 17.8.2018 (picture alliance / Anadolu Agency / Mustafa Ciftci)Die Kaaba in der Mitte der Großen Moschee in Mekka war 1979 Schauplatz der Kämpfe zwischen Aufständischen und Militär (picture alliance / Anadolu Agency / Mustafa Ciftci)

Dieser Nachfahre des islamischen Propheten, der in der Endzeit erscheinen und das Böse besiegen soll, kämpft jetzt am heiligsten Ort, den der Islam kennt: die Kaaba im Innenhof der Großen Moschee.

Das Königshaus zögert

Jedes Jahr pilgern hunderttausende Muslime hier her. Im November 1979 nehmen die Angreifer rund 1.000 Pilger als Geiseln.

Die "Brüder in der Moschee", also die Angreifer, sollen sich ergeben, fordert die saudische Regierung per Lautsprecher. Die Besetzung der Moschee sei durch Gott und den Koran untersagt.

Tatsächlich gilt Gewalt gegen Moscheen im Islam als verboten, ebenso Kämpfe in der heiligen Stadt Mekka. Das saudische Königshaus zögert deshalb, die Große Moschee militärisch zurückzuerobern. Es holt zunächst Gutachten wahhabitischer Rechtsgelehrter ein.

Beim Wahhabitentum handelt es sich um eine besonders konservative Auslegung des sunnitischen Islams. Seit 1932, als das Königreich Saudi-Arabien gegründet wurde, dominiert dort der wahhabitische Islam.

"... dass sie doch ganz gottesfürchtige Leute sind"

Schließlich stimmen die wahhabitischen Gelehrten doch einem Militäreinsatz zu. Zwei Wochen nach dem Beginn der Moschee-Besetzung sind die Angreifer besiegt und hunderte Menschen tot. Die überlebenden Angreifer werden öffentlich hingerichtet – und das saudische Königshaus verändert seine Politik grundlegend, erklärt die Ethnologin Susanne Schröter:

"Die Regierung hatte daraufhin – in der Hoffnung, dass ihr dann so etwas nicht mehr passiert – versucht, unter Beweis zu stellen, dass sie doch ganz gottesfürchtige Leute sind – versucht, den wahhabitischen Islam, der Staatsislam in Saudi-Arabien zu der Zeit war – und immer noch ist – zu exportieren."

Nach der Moschee-Besetzung kommt die saudische Regierung den wahhabitischen Geistlichen entgegen – als Gegenleistung dafür, dass diese der Rückeroberung zugestimmt hatten. Das Königshaus verschärft seine Religionspolitik und fördert die wahhabitische Mission im Ausland – angeblich mit Milliardengewinnen aus dem Öl-Geschäft. Jahrzehntelang kann das wahhabitische Netzwerk so konservative und radikale Islamauslegungen fördern – bis hin zu Salafisten und Dschihadisten in der islamischen Welt, aber auch in Europa.

Der erste große islamistische Terrorakt – die Besetzung der Großen Moschee in Mekka – hat sein Ziel erreicht: Er stärkte radikale Auslegungen des Islams. Ein fatales Signal ging somit aus von 1979: Terrorismus kann etwas bewirken.

"Wer beeinflusst die Muslime am meisten?"

Während in Mekka die Moschee geräumt wird, verschärft sich in Teheran die Geiselkrise. Die Entwicklungen im Iran und in Saudi-Arabien müssen im Zusammenhang betrachtet werden, meinen Susanne Schröter und Patrick Franke.

Franke: "Was ist 1979 geschehen? Im Grunde genommen hat Saudi-Arabien, was bis dahin der wichtigste Akteur war im islamischen Feld international, einen neuen Widersacher, einen neuen Gegenspieler bekommen, nämlich die Islamische Republik Iran."

Schröder: "In der Konkurrenz zwischen Iran und Saudi-Arabien haben die beiden so ein Wettrennen im Prinzip gemacht: Wer beeinflusst die Muslime am meisten?"

Mit ihren Islamauslegungen treffen Iran und Saudi-Arabien auf offene Ohren, denn islamistische Ideen und Strömungen sind Ende der 1970er Jahre in der islamischen Welt weit verbreitet. Unter dem Schlagwort "Islamisches Erwachen" stellen sich sunnitische und schiitische Bewegungen gegen westliche Einflüsse und Modernisierungstendenzen.

"Den muslimischen Boden von Ungläubigen reinigen"

In den meisten islamischen Ländern können sich diese Bewegungen jedoch kaum entfalten, weil sie politisch unterdrückt werden. Eine neue Möglichkeit bietet sich den Eiferern allerdings Ende des Jahres 1979 – in Afghanistan.

Afghanistan wird damals von Kommunisten regiert – doch seit über einem Jahr schwelt ein Aufstand. Vor allem islamistische Gruppen widersetzen sich der kommunistischen Regierung. Am 25. Dezember 1979 marschiert schließlich die Sowjetunion in ihr südliches Nachbarland ein, um – wie es heißt – "die Ordnung wiederherzustellen".

Doch das Gegenteil tritt ein: Es beginnt ein Krieg, der bis heute nie komplett beendet werden konnte – denn der sowjetische Einmarsch provoziert nicht nur massiven Widerstand der afghanischen Bevölkerung, sondern mobilisiert auch Muslime aus dem Ausland, sagt Susanne Schröter:

"Das hat dazu geführt, dass es aus vielen islamischen Ländern Freiwillige gab, die sich aufgemacht haben nach Afghanistan, auch nach Pakistan in die Grenzregion, um dort die Russen wieder zu vertreiben. Also den muslimischen Boden von den Ungläubigen zu reinigen."

Der Auftritt Osama bin Ladens

Die Freiwilligenverbände nennen sich Mudschahedin. Diese "Kämpfer auf dem Wege Gottes" werden unter anderem unterstützt durch Pakistan, Saudi-Arabien und die USA. Unter ihnen ist auch ein junger saudischer Millionärssohn, der später zum einflussreichsten islamistischen Terroristen der Geschichte werden sollte, so Schröter:

"Osama bin Laden, er hat dort zum ersten Mal Leute zusammengetrommelt, die nicht nur in Afghanistan kämpfen wollten, sondern die auch den Krieg im Namen des Islam in alle Welt getragen haben."

Bereits Ende 1979, wenige Tage nach der sowjetischen Invasion, soll bin Laden ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet gereist sein. Später verbreitete er von dort aus seine Propaganda des "Heiligen Krieges". Es sei besser, 60 Minuten für Gott zu kämpfen, als 60 Jahre zu Gott zu beten, erklärte bin Laden in einer Video-Botschaft.

Undatiertes Foto von Osama bin Laden (picture alliance / dpa)Auch für ihn war das Jahr 1979 entscheidend: Osama bin Laden (picture alliance / dpa)

Osama bin Laden bleibt zehn Jahre in Afghanistan, bis die sowjetische Armee sich aus dem Land wieder zurückzieht, 1989. In dieser Zeit gründet bin Laden auch al-Qaida. Die bis heute agierende islamistische Terrororganisation wird unter anderem für die Anschläge vom 11. September 2001 verantwortlich gemacht.

Die Strahlkraft des Irans

Für viele islamistische Bewegungen war das Jahr 1979 entscheidend - ein Jahr, das mit der Islamischen Revolution im Iran begonnen hatte. Doch keine islamistische Bewegung ist letztlich bis heute so erfolgreich wie das schiitische Regime im Iran.

Die Taliban herrschten nur wenige Jahre in Afghanistan. Die Muslimbrüder kamen in Ägypten demokratisch an die Macht, wurden vom Militär aber wieder weggeputscht. Der selbsternannte Islamische Staat hat den Zenit seiner Macht in Irak und Syrien offenbar überschritten. Die Hisbollah hat im Libanon einen gewissen Einfluss, teilt sich die Macht aber mit anderen politischen Gruppen. Und im Gaza-Streifen herrscht zwar die Hamas, doch in ihrem Handeln ist sie stark eingeschränkt.

Nur im Iran ist die Macht des islamistischen Regimes ungebrochen – auch 40 Jahre nach der Islamischen Revolution. Daher geht vom Iran für viele noch immer eine gewisse Strahlkraft aus, sagt Susanne Schröter:

"Selbst heute sieht man in vielen islamischen Ländern politische Funktionäre, die immer wieder auch sagen: Ja, im Iran, obwohl das Schiiten sind, da hat etwas geklappt, was wir auch wollen."

"Ganz besonders im Vordergrund war die Schia"

Das Jahr 1979 und seine Folgen haben nicht nur innerislamisch viel verändert. Auch Nicht-Muslime, vor allem im Westen, blicken seitdem verstärkt auf den Islam und seine politischen Varianten – oft mit Besorgnis. Islamismus, Dschihadismus, Terrorismus – sie kommen 1979 mit Wucht ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit.

"Es ist tatsächlich so, dass in dieser Zeit zum ersten Mal der Islam in seiner politischen Dimension im Westen größere Aufmerksamkeit erhalten hat", so Patrick Franke, Professor für Islamwissenschaft in Bamberg:

"Ganz besonders im Vordergrund war die Schia. Also in der Zeit haben auch sehr viele Wissenschaftler Bücher zur Schia verfasst für ein größeres Publikum, weil man den schiitischen Islam als den revolutionären Islam betrachtete, der im Grunde genommen der politische Islam war."

Demonstranten feiern in Teheran am 17. Januar 1979 die Flucht des Schahs nach Ägypten  (imago stock&people)Demonstranten feiern in Teheran am 17. Januar 1979 die Flucht des Schahs nach Ägypten (imago stock&people)

Die Aufständischen in der islamischen Welt, egal ob sie sich auf den schiitischen oder den sunnitischen Islam berufen, genossen eine Zeitlang gewisse Sympathien im Westen, weil man in ihnen Verbündete erkannte - wahlweise gegen den Kommunismus oder gegen Imperialismus und Kapitalismus.

"Aha, Religion hat ja etwas Politisches"

Schröter: "Der Iran hatte eine ganz große Auswirkung auf die Linken. Die globale Linke, würde ich mal sagen, war eigentlich dafür, den Schah zu stürzen. Und es gab überall Unterstützergruppen – auch in Europa, auch in Deutschland – für die Revolution."

Doch aus Unterstützung wird Ernüchterung, als im Iran auf ein autoritäres Regime das nächste folgt – diesmal ein islamisches.

"Und über die Linke hinaus glaube ich, dass diese Islamische Revolution für viele Politiker auch ein Schock war, weil sie niemals damit gerechnet haben, dass so etwas passieren kann. Der Islam, das war kein Thema", sagt Susanne Schröter, Direktorin des "Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam":

"Plötzlich haben sie gemerkt: Aha, Religion hat ja etwas Politisches. Und zwar etwas, das uns auch tangiert. Und das ist bis auf den heutigen Tag ja so, dass man weiß, der Islam kann auch in einer bestimmten Fassung, in einer bestimmten Version durchaus etwas Politisches haben – oder Politik sein sogar."

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