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StartseiteForschung aktuellDie Rückkehr der Körperscanner05.11.2012

Die Rückkehr der Körperscanner

Bundespolizei plant baldigen Einsatz an deutschen Flughäfen

Körperscanner geben zu oft falschen Alarm. Das hatte 2011 ein Versuch der Bundespolizei am Flughafen Hamburg ergeben. Nach über einem Jahr gab die Bundespolizei jetzt bekannt: Die Scanner-Tests sollen bald an mindestens einem deutschen Flughafen fortgesetzt werden.

Wissenschaftsjournalist Ralf Krauter im Gespräch mit Jochen Steiner

Mit gelben Quadraten zeigt ein Körperscanner an, wo sich verdächtige Gegenstände befinden könnten.  (picture alliance / dpa / Marcus Brandt)
Mit gelben Quadraten zeigt ein Körperscanner an, wo sich verdächtige Gegenstände befinden könnten. (picture alliance / dpa / Marcus Brandt)
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Manuskript: Angst im Gepäck

Jochen Steiner: Eine Zeit lang war es still geworden um die umstrittenen Körperscanner, die Passagieren am Flughafen unters Hemd schauen sollen. Der Grund: Ein groß angelegter Feldversuch der Bundespolizei am Flughafen Hamburg hatte 2011 ergeben: Die aktuell verfügbaren Körperscanner sind noch nicht reif für den flächendeckenden Einsatz. Sie geben zu oft falschen Alarm. Doch mittlerweile ist über ein Jahr vergangen – und offenbar hat sich inzwischen einiges getan. Die Bundespolizei gab jetzt nämlich bekannt: Man wolle die Körperscanner-Tests noch in diesem Jahr an mindestens einem deutschen Flughafen fortsetzen. Frage an den Wissenschaftsjournalisten Ralf Krauter, der die Entwicklung schon länger verfolgt: Was ist denn genau geplant?

Ralf Krauter: Ja, Jochen Steiner, die ganz genauen Details verrät derzeit noch keiner. Das ist noch unter Verschluss. Aber was die Verantwortlichen bei der Bundespolizei schon durchblicken lassen, ist folgendes: Es wird weitere Tests mit Körperscannern geben. Sicher an einem deutschen Flughafen, vielleicht an zweien. Und diese Tests werden wohl in der zweiten Reihe erfolgen. Also nicht beim ersten Sicherheitscheck, den jeder Passagier passieren muss, sondern bei der zweiten Kontrolle, auf dem Weg zu Gate, die ja zum Beispiel Reisende mit Ziel USA oder Israel immer über sich ergehen lassen müssen.

Steiner: Welche Geräte sollen denn zum Einsatz kommen?

Krauter: Erstmal die, die man sowieso schon hat und die auch bis 2011 ja in Hamburg getestet worden sind. Das sind Mikrowellenscanner des US-Rüstungsfirma L3, Kostenpunkt rund 100.000 Euro pro Stück. Die sehen aus wie Telefonkabinen. Man geht rein, muss ein paar Sekunden still stehen, und bekommt dann eine Mikrowellendusche ab. Die Strahlung ist so schwach, dass sie gesundheitlich nicht gefährlich ist, aber sie durchdringt eben die Kleider, ermöglicht also den Blick unters Hemd. Und aus der von der Haut reflektierten Strahlung wird dann ein Bild berechnet, das dann eben verrät, ob da jemand unter den Kleidern etwas Unerlaubtes dabei hat. Das kann dann entweder der Reisepass in der Hemdtasche sein, den man zufällig vergessen hat, oder aber auch das Päckchen Plastiksprengstoff in der Unterhose. Und das ist ja übrigens auch das Szenario, was seinerzeit so diesen Hype um die Körperscanner geführt hat. Wir erinnern uns: Der nigerianische Attentäter von Weihnachten 2009, stieg in Amsterdam in einen Flieger und wollte dann einen in seiner Unterhose versteckten Sprengsatz kurz vor der Land in Detroit zünden.

Steiner: Körperscanner beim Check-in hätten den Unterhosen-Bomber vermutlich aufgehalten. Aber der Testlauf in Hamburg kam doch zu dem Schluss: Die Technik taugt noch nicht für die Praxis. Hat sich das inzwischen geändert?

Krauter: Sieht so aus. Also das Problem beim ersten Testlauf war ja - Sie haben es schon gesagt - die hohe Fehlalarmrate: Knapp 800.000 Passagiere haben damals in Fuhlsbüttel - freiwillig übrigens - diese beiden Körperscanner benutzt. Und bei sieben von zehn, also bei 70 Prozent, schlugen die Geräte Alarm. Bei den meisten, obwohl die gar nichts zu verbergen hatten. Die hatten in der Regel nur Schweißflecken unter der Achsel oder eine etwas unglücklich geschwungene Rockfalte. Das hat dann für Alarm gesorgt. Die Folge ist natürlich die: Die Sicherheitsleute mussten all diese Leute extra untersuchen. Das kostet Zeit und hat letztlich dann bei der Polizeigewerkschaft zu dem Verdikt geführt, dass die Körperscanner in der damaligen Form eben noch nicht für den flächendeckenden Einsatz taugen. Das ist jetzt gut ein Jahr her. Und mittlerweile hat man es offenbar geschafft, die Fehlalarmquote deutlich zu drücken, heißt es aus Kreisen der Bundespolizei. Federführend sind da die Experten von der Erprobungsstelle in Lübeck. Die testen solche Geräte und die haben jetzt in Kooperation mit dem US-Hersteller L3 die Software verfeinert - ganz speziell die Algorithmen zur automatischen Bildauswertung wurden weiter trainiert und sollen jetzt eben viel zuverlässiger erkennen, was gefährlich ist und was nicht. Also zum Beispiel jetzt auch unterscheiden können, was nur ein harmloser Reißverschluss unterm Pullover ist und was vielleicht ein Messer.

Steiner: Wie niedrig müsste diese Fehlalarmquote denn sein, damit das Ganze wirklich interessant für den Routinebetrieb wird?

Krauter: Zielmarke für solche Geräte ist eigentlich immer so unter fünf Prozent. Dass die Körperscanner schon so gut sind, daran darf man zweifeln. Erstens, weil es einfach sehr schwierig ist, aus diesen Rohdaten dann wirklich verlässliche Informationen zu extrahieren, zweitens, weil man die Bilderkennung auch nicht so unempfindlich einstellen darf, dass einem etwas wirklich gefährliches durch die Lappen gehen könnte. Also das ist immer so ein Spagat. Und bis man da mit dem Feintuning bei Körperscannern bei Fehlerraten unter fünf Prozent landet, das wird sicher noch Jahre dauern. Das Interessante ist jetzt aber: Die Bundespolizei sagt: Wir müssen die Fehlalarmrate vielleicht gar nicht so weit runterkriegen. Denn wir erzielen trotz höherer Fehlalarmraten als etwa bei Metalldetektoren heute üblich deutlich höhere Durchsätze, weil die Nachkontrollen nämlich viel schneller gehen. Der Vorteil beim Körperscanner ist ja, wenn er Alarm schlägt, bekommt der Kontrolleur angezeigt, wo das Problem ist. Also man kriegt dann so ein gelbes Quadrat auf diesem Strichmännchen lokalisiert, auf dem Monitor. Und diese Ortsinformation hilft den Inspekteuren, ganz genau zu wissen, wo sie schnell nachschauen müssen. Und sie sagen, die Erfahrungen, die wir jetzt haben, verleiten uns zu dem Schluss, dass wir die Passagiere mindestens genauso schnell kontrollieren könnten wie wir das heute eigentlich können.

Steiner: Früher oder später werden die Körperscanner also wohl doch an jedem deutschen Flughafen stehen - kann man das so sagen?

Krauter: Ich denke schon. Also eins der entscheidenden Kriterien, was der Innenminister ja definiert hatte für den Einsatz von Körperscannern - es waren drei Kriterien: Sie dürfen die Gesundheit nicht gefährden, war das erste Kriterium. Das zweite war: Sie müssen die Privatsphäre schützen. Und das dritte war: Die Kontrollen müssen effizienter werden. Kriterium a und b sind eigentlich schon erfüllt von den gängigen Scannern. Und wenn jetzt die Effizienz auch noch da ist, wenn man also sagt, man kann einen Durchsatz erzielen, der vergleichbar ist mit dem, was heute schon möglich ist, künftig vielleicht noch ein bisschen höher sein kann, wenn man sagt: die Software entwickelt sich weiter. Dann wäre auch dieses Kriterium erfüllt - und dann würde dem flächendeckenden Einsatz eigentlich nicht mehr viel im Wege stehen. Letztlich ist es ja auch so, dass es eigentlich wenig Alternativen gibt. Also wenn man diese Bedrohung durch einen Unterhosenbomber zum Beispiel ernst nimmt - also wenn man denkt, da ist ein Terrorist, der schmuggelt unter den Kleidern etwas ins Flugzeug, dann hat man ja eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man muss wirklich jedem Passagier irgendwann beim Check-in zwischen die Beine greifen, um sicher zu sein, da ist nichts versteckt - oder man setzt auf Körperscanner, die das berührungslos machen. Und ich persönlich würde mich auf jeden Fall lieber für die zweite Variante entscheiden.

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