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StartseiteInterview"Dieser Mensch ist verwirrt"07.10.2009

"Dieser Mensch ist verwirrt"

Cohn-Bendit: Sarrazin stößt falsche Debatte an

Der Grüne Daniel Cohn-Bendit wirft Thilo Sarrazin vor, mit seinen umstrittenen Äußerungen über Migrantenes unmöglich gemacht zu haben, sachlich über durchaus vorhandene Probleme einer Einwanderungsgesellschaft diskutieren zu können.

Daniel Cohn-Bendit im Gespräch mit Jasper Barenberg

Daniel Cohn-Bendit, grüner Europaparlamentarier (AP Archiv)
Daniel Cohn-Bendit, grüner Europaparlamentarier (AP Archiv)
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Von Risikoklassen der Provokation

Jasper Barenberg: Rücktrittsforderungen, Parteiausschlussverfahren, staatsanwaltliche Ermittlungen, all das prasselt derzeit auf Thilo Sarrazin ein, den Bundesbankvorstand und früheren SPD-Finanzsenator in Berlin. Für anhaltende Empörung sorgt ein Interview mit der Zeitschrift "Lettre International", genauer einige Sätze aus diesem Interview. Einer lautet: "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben, durch eine höhere Geburtenrate". Ein anderer: "Ich muss niemand anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert". Für blanken Rassismus halten das die einen, andere verteidigen Sarrazin, zum Beispiel der frühere Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Olaf Henkel. Er sagte in diesem Programm:

O-Ton Olaf Henkel: "In diesem Land werden gewisse Wahrheiten nicht ausgesprochen, und wenn sie ausgesprochen werden, dann wird sich nicht mit den Punkten auseinandergesetzt. Mein Eindruck ist, dass Herr Sarrazin hier fertiggemacht wird, und zwar nicht nur von der Staatsanwaltschaft, sondern eben auch von Gutmenschen aus der Grünen- und Linken-Szene, die jetzt wieder meinen, sie müssten die Probleme zudecken, anstatt dass sie endlich mal mithelfen, sie zu lösen."

Barenberg: Hat Thilo Sarrazin also die Verhältnisse mit guten Gründen beim Namen genannt, oder hat er die Grenzen des politischen Anstands verletzt? – Darüber wollen wir jetzt mit dem Grünenpolitiker und Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit sprechen. Einen schönen guten Morgen, Herr Cohn-Bendit.

Daniel Cohn-Bendit: Guten Morgen.

Barenberg: Was lesen Sie denn aus dem Interview und aus den Passagen von Sarrazin, die wir gerade zitiert haben, Provokation oder Brandstiftung?

Cohn-Bendit: Verwirrt! Dieser Mensch ist verwirrt, und deswegen ist auch die Aussage von Herrn Henkel nicht richtig. Wenn man Probleme benennt, muss man sie benennen. Der Vergleich zum Beispiel mit den Kosovaren ist absurd, die Türken überziehen Deutschland mit der Geburtenrate. Jeder weiß, dass zum Beispiel bei der Einwanderung die Anzahl der Kinder, die türkische Familien produzieren, mit den Jahren der Einwanderung zurückgeht. Das heißt, mit einem bestimmten Wohlstand verändern sich bestimmte Dinge. Deswegen ist das Unsinn. Und es ist deswegen ein Problem, weil man dann bestimmte Probleme wirklich nicht benennen kann und dass es eine falsche Debatte gibt. Herr Sarrazin durch seine völlig unüberlegte Art, über Probleme zu reden, die es auch gibt, verunmöglicht, dass man über diese Probleme redet.

Barenberg: Sie würden also nicht sagen, wir sollten so einen Provokateur wie Thilo Sarrazin ertragen, der manchmal nicht mit dem Florett hantiert, sondern mit der Bratpfanne, sondern wir sollten ihn einfach ignorieren?

Cohn-Bendit: Ertragen? – Natürlich soll man ihn ertragen. Wenn man jeden Verwirrten in dieser Gesellschaft oder in der Politik nicht ertragen wollte und beiseiteschaffen würde, würden viele Menschen von der politischen Oberfläche verschwinden. Das ist doch unsinnig! Natürlich kann man ihn ertragen. Was heißt ernst nehmen? – Wenn man das diskutieren will, muss man das Richtige vom Falschen trennen. Wenn Sie zum Beispiel Kreuzberg nehmen, dann stimmt es, dass immer mehr Kinder von der Mittelschicht versuchen, nicht in Kreuzberger Schulen zu gehen. Ist ein Problem! Das heißt, anstatt sich zu überlegen, wie muss eine Schule aussehen, wo es so viele Migranten gibt, die zum Beispiel kein Deutsch können, dass es dann ab einer bestimmten Anzahl von Migranten zwei Lehrer in einer Klasse geben würde, damit man sich unterschiedlich mit den Kindern beschäftigen kann, und so weiter, weil es ja nicht Migranten aus einem Land gibt, das sind alles Dinge, die man diskutieren kann. Das sind Probleme, die real sind. Aber in dieser Art, wie Sarrazin es macht, macht es keinen Sinn, weil er Falsches mit dem Richtigen so vermischt, dass es dann unmöglich ist, einen rationalen Diskurs zu führen.

Barenberg: Führen wir denn diesen rationalen Diskurs, oder stimmt der Vorwurf, ist an dem Vorwurf etwas dran, dass hier gleich wieder Tabus errichtet werden, nur weil jemand einmal eine etwas härtere Gangart einschlägt?

Cohn-Bendit: Welches Tabu hat er gebrochen? Ich wäre der Letzte der sagt, er hätte ein Tabu gebrochen. Wenn er sagt, die Türken überziehen das Land wie die Kosovaren, dann ist dieses Beispiel Unsinn. Es ist Unsinn! Wenn Sarrazin sagt, Berlin muss eine Stadt der Eliten sein, ist das Unsinn. Berlin muss eine ausgewogene Stadt sein, eine Stadt, wo die verschiedenen Schichten, die verschiedenen Leistungsgruppen miteinander leben können. Nehmen wir als Beispiel die FDP, die sagt, wir müssen die Leistungsträger besonders fördern. Ist Leistungsträger nur einer, der über 60.000 oder 70.000 Euro im Monat, im Jahr verdient, oder ist eine Krankenschwester eine Leistungsträgerin? Ja! Verstehen Sie, das ist das Problem in der Elite. Für mich sind Krankenpfleger, ist Pflegepersonal, einfach eine Elite. Wenn man die Debatten so führt, wie Herr Sarrazin, das heißt die Sache Elite im Grunde genommen so reduziert, dann kann man auch keine Stadt machen.

Barenberg: Der Publizist Ralph Giordano, Herr Cohn-Bendit, hat sich ja an die Seite oder hinter Thilo Sarrazin gestellt, wie man will.

Cohn-Bendit: Da würde ich sagen, der Giordano ist doch genauso verwirrt.

Barenberg: Ja, gut. Er sieht zumindest einen Vorzug in den Äußerungen von Sarrazin, nämlich den, dass er die Zustände in den sogenannten Parallelgesellschaften genau treffen würde.

Cohn-Bendit: Ich kann es nicht mehr hören! Ich kann das mit den Parallelgesellschaften nicht mehr hören.

Barenberg: Warum nicht?

Cohn-Bendit: Der Integrationsminister Armin Laschet (CDU) hat in seinem Buch – er hat ein neues Buch über Einwanderung geschrieben – was Richtiges gesehen. Wenn sie eine Tee-Gesellschaft von Muslimen, nachmittags von älteren Muslimen sehen, vielleicht mit einem Sozialarbeiter, dann ist das eine Parallelgesellschaft. Wenn es eine Tee-Gesellschaft eines katholischen Altenheimes ist, das ist Bürgeraktivität. Verstehen Sie, das ist doch Unsinn. Giordano hat das doch so weit getrieben, dass er dann wirklich mit den Rechtsradikalen paktiert hat gegen den Bau einer Moschee in Köln. Wissen Sie, das Problem mit den Parallelgesellschaften ist: Jahrzehntelang sind wir alle nach New York gefahren und waren begeistert, toll, little Italy, wie toll ist China Town. Das sind alles Parallelgesellschaften. Deswegen sind wir nach New York gefahren. Es kommt darauf an, wie diese Gesellschaften funktionieren und wie der Übergang oder die Eingliederung in die Allgemeingesellschaft möglich ist. Da gibt es eine Menge Probleme, aber ich glaube, unsere Gesellschaft, die Art und Weise, wie wir leben, produziert Parallelgesellschaft und dann prügeln wir die Parallelgesellschaft, anstatt uns zu fragen, wie wir Parallelgesellschaft produzieren.

Barenberg: Der Grünenpolitiker und Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit heute Morgen im Deutschlandfunk. Danke, Herr Cohn-Bendit, für das Gespräch.

Cohn-Bendit: Bitte sehr.

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