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StartseiteMusikjournalKopie, Fälschung oder Hommage in der Musik19.04.2021

Digitales Projekt zur BarockmusikKopie, Fälschung oder Hommage in der Musik

Wie funktioniert das Prinzip "Copy & Paste" in der Musik, speziell in der Barockmusik? Dieser Frage geht das erste Projekt der neuen digitalen Plattform ConcertoLAB nach. Concerto Köln, die Formation für Alte Musik, will damit neue Wege der Musikvermittlung erproben – auch für die Zeit nach Corona.

Von Dagmar Penzlin

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Zwei Bilder von Andy Warhol beim Auktionshaus Christie's zum Verkauf, links: "Queen Elizabeth II, from: Reigning Queens screenprint in colours by Andy Warhol" und rechts: "Queen Elizabeth II, from: Reigning Queens (Royal Edition) screenprint in colours by Andy Warhol." (picture alliance / Jonathan Brady)
Kopie oder Fälschung - bereits Andy Warhol bearbeitete diese Prinzipien in seinen Kunstwerken spielerisch. (picture alliance / Jonathan Brady)
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Wer am Computer mit Texten arbeitet, kennt das Verfahren: Copy and paste – kopieren und einfügen. Doch wie funktioniert das in der Kunst im Allgemeinen und in der Barockmusik im Besonderen? Danach fragt das erste Projekt im neuen ConcertoLAB eben mit dem Titel "Copy and paste. Plagiat, Fälschung oder Hommage?"

"Da geht es ja darum zu zeigen, warum das doch sehr künstlerisch ist, wenn Bach Vivaldi kopiert."

Sagt Alexander Scherf, künstlerischer Leiter von Concerto Köln.

"Denn wir haben ja immer das Schimpfwort Plagiat im Kopf, wenn wir hier über Copy and paste sprechen – das ist ja sehr verpönt. Aber damals im Barock war das ja ganz anders. Das war eine Hommage an einen verehrten Meister. Und auch wenn die Noten dann sehr wortwörtlich abgeschrieben sind, hat Bach etwas sehr eigenes dazu getan. Und dieses Prinzip zu zeigen, was ja eigentlich schon richtig alt ist - Warhol - aber auch in der Natur, wie Viren sich vermehren – das ist ja ein Kopierprogramm, was die Natur vorgesehen hat. Aber immer auch mit Abweichungen und die gilt es künstlerisch zu nutzen."

Plagiat? Schon im Barock wurde Musik kopiert und abgeschrieben

Im Zentrum des "Copy and paste"-Projekts im ConcertoLAB steht ein Video. Hier erzählt der Cembalist Justin Taylor, wie er mit Concerto Köln zusammen eine besondere Barock-Hommage entwickelt hat. So hat der Musiker ein Violinkonzert von Antonio Vivaldi für Cembalo und Kammerorchester transkribiert aus dem Geist heraus, wie es Johann Sebastian Bach mit Vivaldis Musik gemacht hat.

Um das Video herum ranken sich verschiedenste Assoziationen zum Thema: Paul McCartney erklärt da das Mellotron, eine analoge Wunder-Sampling-Maschine, oder Hip-Hopperin Kelis sampelt Mozart.

Viel Raum nimmt ein, was der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi getan hat und wie man seinen Fälschungen auf die Spur kommen konnte. Etwa durch die Farbpigmente, die einfach zu jung waren für das vermeintliche höhere Alter des Gemäldes. Alexander Scherf:

"Für uns als Barockorchester – wir stehen ja in dem Nimbus, dass wir nur authentische Sachen spielen, nur Originale spielen. Für uns ist es ein großes Wagnis, eine Kopie anzubieten. Und im Gegensatz zu Herrn Beltracchi hoffen wir, dass wir die richtigen Materialien verwenden. Natürlich spielt Justin Taylor auf einem Originalcembalo, aber natürlich wieder nachgebaut. Da kann man sich schon fragen, ist das das richtige Material? Ich und meine Kollegen haben natürlich historische Instrumente mit Darmsaiten. Die Zutaten sind alle so, wie sie im Barock waren. Und unsere These ist, dass das eben nicht verwerflich ist: Dass auch im Barock – auch in Venedig, in Rom und München, in den musikalischen Zentren. Da wurde natürlich kopiert, da wurde abgeschrieben und da wurden Dinge nach Vorbild weiterentwickelt – das ist auch Historische Aufführungspraxis."

Assoziative Musik für das Kopfkino

Alexander Scherf, bei Concerto Köln spielt er Cello, er spricht von einem "digitalen Magazin", wenn er vom neuen LAB, also Labor seines Ensembles Concerto Köln erzählt: Videos und Musik mischen sich mit Texten und Bildern. Inspiriert ist das multimediale Format von digitalen Angeboten aus der Museumspädagogik, wie sie etwa das Frankfurter Städel-Museum kreiert hat. Die Kernfrage aller sechs Projekte lautet: Was hat die Musik früherer Jahrhunderte mit uns zu tun? Angekündigt als Storytelling-Projekt, muten die ersten beiden Angebote wie Mind Maps an. Alexander Scherf:

"Wir wollen den Zuhörer nicht an die Hand nehmen und zu einem bestimmten Ziel oder Ergebnis führen. Musik ist ja eine sehr freie Kunst, eine assoziative Musik. Was wir erreichen wollen, ist tatsächlich eine Art Mind Map, um verschiedene Anregungen zu geben. Und vor allem wollen wir das innere Kopfkino in Gang setzen."

So dürfen auch zwei streitende Italiener nicht fehlen, im assoziativ geklöppelten Reigen unter der Überschrift "Dialogo" – "Dialog". Auf kurzweilige Weise dreht sich hier alles um Kommunikation, um Debatten und antike Rhetorik - und natürlich um barocke Musiksprache. Dreh- und Angelpunkt ist wiederum ein längeres Video. Hier erzählen Mitglieder von Concerto Köln sehr anschaulich, wie sie die Rhetorik barocker Musik in konkreten Kompositionen erleben. So kommt etwa die Oboistin Clara Blessing zu Wort.

Für ein Konzertleben nach der Coronapandemie

Das ConcertoLAB hat das Ensemble auch mit Geld aus dem Förderprogramm "Neustart Kultur" bezahlt. Eine dringend notwendige Finanzspritze in fordernden Pandemie-Zeiten. Alexander Scherf:

"Natürlich kämpft Concerto Köln gerade sehr. Wir sind ja immer noch basisdemokratisch verfasst und selbst verwaltet. Und das sind sehr brenzlige Zeiten. Wir hätten nie gedacht, dass wir so spitz rechnen müssen und uns mit Kurzarbeit beschäftigen müssen, dass wir politisch aktiv sind wie jetzt. Um so erfreulicher war es, sich einfach mal einem künstlerischen Projekt widmen zu können."

Ein Projekt, das nach Ansicht des künstlerischen Leiters Alexander Scherf Concerto Köln auch Wege in das Konzertleben nach der Corona-Pandemie weisen kann. Denn dass es einen tiefgreifenden Wandel geben wird, ist für ihn klar.

"Wir können uns nicht der Hoffnung hingeben, dass wir da anknüpfen können und einfach so weitermachen, wo wir vor einem Jahr aufgehört haben. Und das ist etwas, was ich mir erhoffe durch diesen interaktiven und assoziativen Ansatz, dass sich die Konzertpräsentation, die Konzertformate auch verändern. Ich würde da auch gern ausbrechen - dieser Frontalunterricht: Musiker auf der Bühne, Publikum im Saal – wir brauchen andere Konzertformate, die auch viel zielgerichteter sind - welches Publikum wollen wir ansprechen. Wir können nicht mehr damit rechnen, dass wir in der Philharmonie Konzerte anbieten und da werden alle Leute kommen. Das wird nicht mehr so sein. Wir müssen in die Gesellschaft wirken, wir müssen vor Ort sein. Wir müssen Leute gezielt ansprechen."

Interaktiv sind die Angebote des ConcertoLAB jedenfalls bisher nicht. Sie muten eher wie multimediale Programmhefte an, durch die man auch vor einem normalen Konzertbesuch scrollen könnte. Schließlich stehen hinter den sechs Projekten jeweils ganze Konzertprogramme. In Kürze erscheint das dritte ConcertoLAB-Projekt zu Opernarien von Georg Friedrich Händel. Fortsetzung folgt.

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