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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDen Autoren beim Denken zusehen20.06.2019

Digitalisierung der PhilosophieDen Autoren beim Denken zusehen

Arbeitsbibliotheken beherbergen viel ungehobenes Wissen. Wie Digitalisierung dieses erschließen kann, zeigte die Weimarer Tagung "Philosophen bei der Arbeit mit Büchern". Eine Erkenntnis sei, der Forschungsliteratur zu misstrauen, sagte Stefan Höppner, Leiter Digitalisierung der Arbeitsbibliothek Goethes.

Von Christian Forberg

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Karl Jaspers steht vor Bücherregalen in seinem Haus in Basel.  (dpa / picture-alliance)
Der Philosoph Karl Jaspers in seinem Haus in Basel (dpa / picture-alliance)
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"Auch Bücher haben ihr Erlebtes, das ihnen nicht entzogen werden kann." Der das notierte, besaß zu Hause mehr als 7000 Bände. Zudem wusste er, dass wenige Hundert Meter entfernt rund elf Mal so viele stehen. Der das notierte war Goethe.

Mit der großen Bibliothek ist die Herzogliche, heute nach Herzogin Anna Amalia benannte Bibliothek gemeint. Hier ist das Projekt der Digitalisierung der Arbeitsbibliothek Goethes angesiedelt. Geleitet wird es von Dr. Stefan Höppner.

"Wir haben jetzt in einem ersten Schritt Goethes Bibliothek neu katalogisiert. D.h. aber nicht nur, dass wir sie nach neuesten bibliothekarischen Maßgaben aufbereitet haben, sondern wir haben sie auch Seite für Seite auf Benutzungsspuren untersucht."

Drei Erkenntnisse seien genannt: In den Büchern finden sich vergleichsweise wenige Arbeitsspuren; ein Drittel der Bücher waren Geschenke aus aller Welt; und zum Dritten:

"Man lernt, der Forschungsliteratur zu misstrauen. Ich habe erst kürzlich etwas gelesen über den Überlieferungszustand von Goethes Ausgabe von Fichtes Wissenschaftslehre, und ich habe mir die Bücher angeguckt und ich habe gesehen: Die Aussage stimmt einfach nicht. Da hat jemand nicht genau hingeschaut."

Unbearbeiteter Wissensschatzes

Die Arbeitsbibliotheken - nicht allein der Philosophen - beherbergen noch einiges Wissen, das ungehoben oder unbearbeitet ist. Insofern entspreche die Tagung "Philosophen bei der Arbeit" durchaus dem Geist der Zeit, sagt Dr. Mike Rottmann. An der Uni Freiburg arbeitet er mit am Projekt "Nietzsche Bibliothek. Digitale Edition und philosophischer Kommentar". Er hat auch die Tagung konzipiert.

"Es ist auffällig, dass gegenwärtig eine Vielzahl moderner Autorenbibliotheken von Interesse sind: Thomas Manns Bibliothek in Zürich, Fontanes Bibliothek in Potsdam, Derridas Bibliothek in Princeton. All diese Bibliotheken werden gegenwärtig erforscht, und unser Interesse besteht darin, dies Forschen zusammenzuführen, uns auszutauschen über die Potentiale dieses Gegenstands, sie selbst zu einem interessanten Gegenstand zu machen."

Zudem wächst die Zahl neu aufgenommener Autorenbibliotheken. Am Deutschen Literaturarchiv Marbach habe sie sich vervierfacht, erklärte Dr. Ulrich von Bülow, Abteilungsleiter Archive; von neun in den 1980er Jahren wuchs sie auf 37 in diesem Jahrzehnt.

Aufgelöste Bibliotheken rekonstruieren 

In Weimar besprochen wurden exemplarisch auch ältere Autorenbibliotheken. Jene von Hegel zum Beispiel. Nach seinem Tod 1831 wurde die rund 1600 Werke umfassende Bibliothek aufgelöst und versteigert. Dem Hegel-Archiv der Ruhr-Uni Bochum sei es peu á peu anhand des Versteigerungskataloges gelungen, andere Exemplare der von Hegel benutzten Bücher anzuschaffen, sagt Professor Norbert Waszek. Er selbst arbeitete lange Jahre in Bochum und lehrt heute an der Pariser Universität Saint Denis.

"Das hing auch mit der Arbeit der Editoren zusammen. Wenn Sie Anmerkungen schreiben müssen zu einem bestimmten Text von Hegel – und Hegel hat nur einen Autor-Namen geschrieben und wenn man Glück hat noch eine Seitenangabe – dann ist es natürlich sehr hilfreich, wenn man die Ausgabe hat, die Hegel selber hatte. Mit etwas Glück ist die Seitenangabe richtig; dann finden Sie das Zitat wieder und können leicht überprüfen: Hat Hegel richtig zitiert, hat er modifiziert, hat er irgendwas falsch gemacht?"

Mehrere Bücherstapel auf einem Tisch, davor ein aufgeschlagenes Buch, auf dem eine Brille liegt (imago/Westend61)Manchmal lassen sich aufgelöste Bibliotheken anhand von Versteigerungskatalogen wiederherstellen (imago/Westend61)



Einen – aus heutiger Sicht - weniger prominenten Philosophen präsentierte Dr. Jörn Bohr von der Bergischen Universität Wuppertal: Wilhelm Windelband, ein maßgeblicher Philosophiehistoriker um 1900. Auch seine Bibliothek wurde versteigert, auch hier wissen wir dank des Kataloges, was in ihr stand.

"Das ist allerdings nicht aussagekräftig genug. Wir hätten anhand der durchschossenen Exemplare seiner eigenen Werke seine Auseinandersetzung mit sich selbst kennenlernen können, also wie er sich korrigierte und sich die neue Auflage vorbereitete – er war ein Vielschreiber…" 

Alle relevanten Materialien digital verfügbar

Im Zentrum der Tagung stand jedoch Nietzsche. Noch immer gehört er zu den attraktivsten Denkern der Moderne; mehr als 10 000 Nietzsche-Forscher gibt es weltweit. Und bei der Bearbeitung seines Werkes ist man anderen Projekten um einiges voraus. Das aktuelle heißt "Nietzsche Source" [http://doc.nietzschesource.org/de/]. Von deutscher Seite wird es geleitet von Andreas Urs Sommer, Professor an der Uni Freiburg und Direktor der Friedrich Nietzsche Stiftung Naumburg.

"Der Versuch bei ‚Nietzsche-Source‘ ist es, alle Materialien, die für Nietzsche relevant sind, digital zur Verfügung zu stellen. Bereits jetzt gibt es die maßgebliche digitale Ausgabe der Werke Nietzsches nach der Vorgabe der kritischen Gesamtausgabe von Giorgio Colli und Mazzino Montinari…"

Hauptsächlich diesen beiden italienischen Forschern ist es zu verdanken, dass das Werk Nietzsches seit den 1960er Jahren vom ideologischen Kopf auf wissenschaftliche Füße gestellt wurde. Einem weiteren Italiener, Paolo D’Iorio, ist die technische Basis, die Software des Projektes zu verdanken. In Paris leitet er an der Elite-Universität ENS ein Institut, das sich seit längerem mit der Erforschung und Nutzbarmachung von Autorenbibliotheken beschäftigt. Das, so Andreas Sommer, wird nun auch bei jener von Friedrich Nietzsche erfolgen.

"Viele der Bücher – es sind so an die 1100 Bände - tragen Lesespuren, und diese Lesespuren sind für die Forschung ganz besonders interessant. So dass wir nicht nur die Digitalisierung dieser Bücher Nietzsches haben werden, sondern auch Kommentare zu dem, was Nietzsche mit diesen Büchern gemacht hat." 

Obwohl die Betreiber der "Nietzsche Source" zum Kommentieren einladen, sind die Maßstäbe für die Veröffentlichung hoch, unterstreicht Dr. Helmut Heit, einer der Kommentatoren und neuer Leiter des Kollegs Friedrich Nietzsche in Weimar.

"Insofern ist das ein moderierter Prozess, bei dem man nicht einfach etwas einreicht, sondern sich bewirbt quasi, dann ausgewählt wird und den Zuschlag bekommt für einen bestimmten Titel."

Textgenese darf nicht zum Selbstzweck werden

Trotz der vielfältigen Möglichkeiten der digitalen Verknüpfung von gedruckten Texten, handschriftlichen Originalen und Kommentaren bleibt eine Frage relevant: Wie tief sollte sich ein Forscher in die Textgenese hineinbegeben? Damit beschäftigte sich Dr. Tobias Brücker von der Zürcher Hochschule der Künste.

"Wenn ich die Frage stelle: Wie ist ein bestimmter Aphorismus entstanden, auch in seinen Notizen? Dann kommt da ein Tatzelwurm von Dokumenten, Manuskripten und Briefen hinten ran, die ich alle zu bearbeiten habe. Ich muss nicht zwingend alle Manuskripte dazu lesen, sondern ich kann das Buch lesen und eine These dazu schreiben."

Ob diese "Verhältnismäßigkeit" aber genüge, müssten dann Kritiker und Rezensenten beurteilen.

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