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StartseiteCorso"Auf Kindern von Überlebenden liegt ein Druck"09.10.2019

Dokumentarfilm "Born in Evin""Auf Kindern von Überlebenden liegt ein Druck"

Als Tochter politischer Oppositioneller im Iran der 1970er und 80er Jahre wurde Maryam Zaree im Foltergefängnis Evin geboren. Das Schweigen der Elterngeneration hat sie so beschäftigt, dass sie einen Dokumentarfilm darüber gedreht hat. "Es ist nicht einfach, darüber zu sprechen", sagte sie im Dlf.

Maryam Zaree im Corsogespräch mit Sigrid Fischer

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Die Schauspielerin und Regisseurin Maryam Zaree bei der Berlinale 2019 (dpa / picture alliance / Clemens Niehaus / Geisler-Fotopress)
Die Schauspielerin und Regisseurin Maryam Zaree bei der Berlinale 2019 (dpa / picture alliance / Clemens Niehaus / Geisler-Fotopress)
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Maryam Zaree über ihren Debüt-Film "Born in Evin" Geboren im Foltergefängnis

Als Pathologin im Berliner Tatort sieht man sie nicht mehr, sie ist ausgestiegen, aber als Ehefrau vom Neuköllner Clanchef in der Serie "4 Blocks", dafür gab es einen Grimmepreis. Maryam Zaree dreht Filme, spielt und schreibt für's Theater. Jetzt hat sie selbst eine Dokumentation gedreht, die ihrer eigenen Geschichte nachspürt, und die steht für viele Menschen iranischer Herkunft: ihre Eltern waren politische Oppositionelle – erst gegen die Schah-Monarchie, dann gegen das Khomeini-Regime - und wurden inhaftiert. So kam Maryam Zaree im Gefängnis zur Welt, was sie aber erst spät und eher zufällig erfahren hat, denn ihre Mutter hat nie mit ihr darüber gesprochen.

Teil einer kollektiven Geschichte

Als Kind spüre man schon sehr früh, worüber man besser nicht spricht und wonach man besser nicht fragt, sagte Maryam Zaree im Dlf. Das habe auch damit zu tun, dass man den anderen schützen will. Als Regisseurin ihres Films habe sie Verständnis dafür, dass ihre Mutter diesem Kapitel ihres Lebens keinen Raum geben wollte. Als Protagonistin des Films wolle sie aber natürlich wissen, was damals geschehen sei.

Wir haben noch länger mit Maryam Zaree gesprochen - hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs.

Maryam Zaree sagt, sie fühle sich als Teil einer kollektiven Geschichte. Ziel ihres Films sei es, etwas über ein Kollektiv zu erzählen, das größer ist, als der kulturelle Rahmen. Die Wahrheit zu erfahren sei eine existenzielle Frage. Man wisse zwar um die Abgründe, aber es sei wichtig, einen Unmgang damit in der Gegenwart zu finden und ein Leben zu führen, das die Vergangenheit nicht ausblendet. Denn das Verdrängte finde immer seinen Raum.

Kein Sehnsuchtsort

Als Zweijährige war Zaree mit ihrer Mutter nach Deutschland geflohen, seitdem ist sie nie wieder in den Iran zurückgekehrt. Als Sehnsuchtsort kann sie das Land nicht empfinden. Sie spricht vier Sprachen und fühlt sich an vielen Orten zu Hause. Der Heimatbegriff ist für sie nicht an Herkunft und Nationalität gebunden. Der Iran ist für sie nur ein Aspekt, der kein Alleinstellungsmerkmal hat.

Die Tradierung von Traumata finde ihren Ausdruck auf vielfältige Weise, so Zaree. So gebe es einen Auftrag an die folgende, also ihre Generation, um zu zeigen, was die Eltern eigentlich wollten. Ihre Kinder sollten besonders integer werden. Auf Kindern von Überlebenden liege ein Druck, dem sie sich jetzt künstlerisch und politisch stelle. "Das ist auch eine Zumutung". so Maryam Zaree.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen

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