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StartseiteInterview"Null-Toleranz-Politik des IOC muss eingelöst werden"13.05.2016

Doping-Anschuldigungen gegen Russland"Null-Toleranz-Politik des IOC muss eingelöst werden"

Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Michael Vesper, sagte im DLF zu den Doping-Vorwürfen gegen Russland, dass die russischen Kollegen, mit denen er arbeiten würde, Doping zumindest auf der verbalen Ebene ablehnten und sich den Regularien unterwerfen. Bei der Aufklärung sei nun die Welt-Anti-Doping-Agentur gefragt.

Michael Vesper im Gespräch mit Dirk Müller

Der Vorstandsvorsitzende des DOSB Michael Vesper. (picture alliance/dpa - Bernd Thissen)
Der Vorstandsvorsitzende des DOSB, Michael Vesper: "Wenn sich die Vorwürfe als richtig herausstellen, dann werden auch entsprechende Konsequenzen gezogen werden." (picture alliance/dpa - Bernd Thissen)
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Allerdings sei die Schuldfrage für ihn schwierig zu beurteilen, so Vesper, denn man würde es den Schuldigen "nicht an der Nase ansehen". Das IOC habe sich zu einer Null-Toleranz-Politik beim Doping bekannt, genauso der DOSB und alle Nationalen Olympischen Komitees. Das müsse jetzt auch eingelöst werden. Die Dichte von Dopingkontrollen sei in anderen Ländern längst nicht so hoch wie in Deutschland.

In der "New York Times" hatte der frühere Leiter des russischen Doping-Kontrolllabors Grigori Rodschenkow flächendeckendes Doping bei den Olympischen Spielen in Sotschi bestätigt. 

Ursprünglich keine Hinweise auf Doping

Michael Vesper sagte im Deutschlandfunk, dass das Labor in Sotschi auch von internationalen Beobachtern, darunter dem deutschen Mario Thevis, kontrolliert worden sei und die Proben damals keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten gegeben hätten. Daher solle es keine Vorverurteilungen geben. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, müssten aber Konsequenzen gezogen werden.

Es gebe immer einen "Wettlauf zwischen denen, die dopen und Dopingmittel weiter verfeinern und denen, die Dopingsünder bestrafen wollen".


Das Interview in voller Länge:

Dirk Müller: Mindestens 15 gedopte russische Medaillengewinner, darunter auch Olympiasieger von 2014 von Sotschi. Das ist auch unser Thema mit Michael Vesper, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes. Guten Morgen!

Michael Vesper: Guten Morgen, Herr Müller.

Müller: Diese Nachrichten aus Moskau, ein Schlag auch in Ihre Magengrube?

Vesper: Ja sicher! Das sind sehr besorgniserregende Informationen. Man muss sie ernst nehmen und jetzt muss das untersucht werden. Da ist die WADA gefragt, die Welt-Anti-Doping-Agentur. Grigori Rodschenkow war ja der Leiter des Moskauer Dopinglabors auch schon vor Sotschi, vor den Winterspielen. Und gerade weil schon damals von Unregelmäßigkeiten im Moskauer Labor die Rede war, hat man ja die Untersuchungen während der Spiele voll und ganz auf das Labor, auf das eigens eingerichtete Labor in Sotschi selbst verlegt. Und in diesem Labor in Sotschi gab es eine internationale Beobachter- und Betreibergruppe, der auch Mario Thevis, der Chef des deutschen akkreditierten, weltweit anerkannten Dopinglabors in Köln angehörte, sodass ich da noch einige Fragen daran habe, an die Vorwürfe, weil die Proben während der Spiele sind dort in Sotschi untersucht worden und da gibt es eigentlich Berichte, die nicht von Unregelmäßigkeiten ausgehen.

"Vorverurteilungen sollte es nicht geben"

Müller: Jetzt könnte das kurz davor alles passiert sein und dann nicht mehr nachweisbar?

Vesper: Das könnte theoretisch vorher passiert sein und man muss das jetzt sehr genau untersuchen. Wie gesagt, das ist Aufgabe der WADA. Natürlich kann es nicht darum gehen, abzuwiegeln, wie Herr Seppelt eben gesagt hat. Ganz im Gegenteil: Man muss die Vorwürfe untersuchen. Aber auch Herr Seppelt hat immer gesagt, wenn die Vorwürfe stimmen, und das muss jetzt erst mal festgestellt werden. Vorverurteilungen sollte es nicht geben.

Müller: Nein. Wir sind im Bereich der Spekulation. Auch wir reden im Konjunktiv. - Sie kennen viele russische Funktionäre, viele russische Verantwortliche auch im gesamten Sportbetrieb. Sind die aus Ihrer Sicht, aus Ihrer langjährigen Erfahrung als hoher deutscher Sportfunktionär alle wenig glaubwürdig?

Vesper: Na ja, das ist immer schwierig zu sagen, Herr Müller. Ich habe es ja selber erlebt, dass ich, als ich Chef der Mission in Peking war bei den Olympischen Spielen 2008, dass dort Stefan Schumacher dem Team angehörte, der dann hinterher auch überführt wurde.

Müller: Der Rennradfahrer.

Vesper: Der Rennradfahrer, ein Dopingmittel genommen zu haben. Dem habe ich es auch nicht an der Nase angesehen. Das ist schwierig einzuschätzen. Ich kann nur sagen, dass die Kollegen und Kolleginnen aus Russland, mit denen ich zusammenarbeite, natürlich auf der verbalen Ebene Doping voll und ganz ablehnen und sich den Regularien unterwerfen.

Man muss auch noch mal deutlich sagen: Das IOC hat sich zu einer Null-Toleranz-Politik gegenüber Doping bekannt. Genauso hat das der DOSB und müssen das alle Nationalen Olympischen Komitees tun, die an den Spielen teilnehmen. Und das muss jetzt auch eingelöst werden. Und ich habe auch gar keinen Zweifel: Wenn sich die Vorwürfe als richtig herausstellen, dann werden auch entsprechende Konsequenzen gezogen werden. Aber wir müssen erst einmal die Chance geben, das in Ruhe und Sorgfalt zu untersuchen.

Wettlauf zwischen Sündern und Ahndern

Müller: Lassen Sie mich da noch mal einhaken, Herr Vesper. Sie sagen, das IOC hat sich dazu bekannt. Lance Armstrong hat sich auch immer dazu bekannt, sauber zu fahren und nicht zu dopen. Bekenntnisse! Reichen die Kontrollmechanismen aus, oder müssen Sie da noch was tun?

Vesper: Die Kontrollmechanismen sind in den letzten Jahren stetig verbessert worden. Auch die Analysemethoden sind weiterentwickelt worden. Die Proben, die bei den Olympischen Spielen genommen werden, und zwar Blut- und Urinproben, werden auf mittlerweile zehn Jahre hin eingefroren, sodass auch später entwickelte Analysemethoden verbotener Stoffe zum Einsatz kommen können. Daraus sind ja auch schon einige nachträgliche Medaillenaberkennungen gefolgt. Von daher ist das schon ein weiterentwickeltes System.

Auf der anderen Seite muss man sich klar machen, dass es immer ein Wettlauf ist zwischen denen, die dopen und Dopingmittel weiter verfeinern, und denen, die kontrollieren und sanktionieren und die Dopingsünder bestrafen wollen. Dieser Wettlauf ist im Gange und ich denke, dass die, die forschen und die analysieren und die kontrollieren, aufgeholt haben.

Müller: Ist das so als Grundregel, um das vielleicht ein bisschen noch stärker zu fokussieren, auf den Punkt zu bringen, weil Sie sagen, das ist ein Wettlauf, ist es so, dass die Konsumenten, also die Sportler und das gesamte System, was dahinter steckt, dann letztendlich immer ein bisschen schneller sind?

Vesper: Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, es ist auch schwer, dies letztlich objektiv zu analysieren, weil natürlich das System selbst auch zur Abschreckung führt. Viele verstehen nur die Sprache der Abschreckung, also die Gefahr, erwischt zu werden, und da ist das System auch in Deutschland mit der NADA und auch weltweit mit der WADA sehr viel besser geworden. Es kommt jetzt darauf an, das in allen Ländern gleich umzusetzen, denn das ist etwas, was unsere Sportlerinnen und Sportler immer wieder beklagen, dass sie kontrolliert werden und dass die Kontrolldichte in anderen Ländern längst nicht so hoch ist, wie das bei uns der Fall ist. Und da muss man natürlich noch weiter dran arbeiten und daran arbeitet die WADA auch.

Müller: Bei uns heute Morgen im Deutschlandfunk Michael Vesper, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes. Herr Vesper, wir haben Sie um 5:30 Uhr heute Morgen aus dem Bett geworfen. Danke dafür, dass Sie eingesprungen sind, dass Sie zur Verfügung stehen und gar nicht sauer geklungen haben. Schönen Tag noch.

Vesper: Ich habe kleine Kinder.

Müller: Auf Wiederhören!

Vesper: Auf Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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