Mittwoch, 06. Juli 2022

Dopingverdacht gegen russische Eiskunstläuferin
Worum es im Fall Kamila Walijewa geht

Die russische Eiskunstläuferin Kamila Walijewa gilt als Wunderkind. Bei den Olympischen Spielen gewann sie Gold mit der Mannschaft. Danach wurde bekannt, dass sie vor den Spielen positiv auf eine Dopingsubstanz getestet wurde. Walijewas Anwälte sprechen von einer „Verunreinigung“ mit einem Medikament ihres Großvaters. Ein Überblick.

Von Olivia Gerstenberger und Jessica Sturmberg | 17.02.2022

Die russische Eiskunstläuferin Kamila Walijewa mit verzweifeltem Gesichtsausdruck auf dem Eis
Die russische Eiskunstläuferin Kamila Walijewa steht bei den Olympischen Spielen in Peking unter Dopingverdacht (picture alliance/dpa/TASS)
Die 15 Jahre alte russische Eiskunstläuferin Kamila Walijewa gilt als Wunderkind des Eiskunstlaufs, sie beherrscht Vierfach-Sprünge und hatte mit der russischen Mannschaft den Olympiasieg im Teamwettbewerb errungen. Sie war jedoch am 25. Dezember 2021 positiv auf eine verbotene Substanz getestet worden. Das Ergebnis der Probe kam erst am 8. Februar heraus - einen Tag nach der Entscheidung im Teamwettbewerb in Peking. Die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA suspendierte Walijewa und nahm dies einen Tag später zurück. An die Öffentlichkeit kam der Fall erst, als die Siegerehrung ausfiel. Der Internationale Sportgerichtshof CAS musste in einem Eilverfahren entscheiden, ob die 15-Jährige am Einzel-Wettbewerb teilnehmen darf oder nicht.

Was war nach dem Olympiasieg über Kamila Walijewa bekannt geworden?

Kamila Walijewa ist am 25. Dezember 2021 positiv auf eine verbotene Substanz getestet worden - das Herzmittel Trimetazidin. Das hat die vom Internationalen Olympischen Komitee beauftragte Internationale Testagentur ITA am 11. Februar offziell bekannt gegeben.
Laut ITA ist die Probe während der russischen Eiskunstlauf-Meisterschaft genommen worden und dann in einem Labor in Stockholm untersucht worden.
Offenbar ist das Ergebnis aber erst dann bekannt geworden, als der olympische Teamwettbewerb am 7. Februar beendet worden war. Walijewa hatte dort mit dem russischen Team vor den USA und Japan gewonnen. Walijewa stand dabei als erste Frau überhaupt bei Olympischen Spielen Vierfachsprünge.

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Als Grund für die Verzögerung nennt die RUSADA Corona-Fälle im schwedischen Labor. Die WADA behauptet, dass die RUSADA es versäumt habe, die Proben als dringlich zu deklarieren.

Was für eine Substanz ist Trimetazidin?

Trimetazidin ist ein Herzmedikament. Es ist ein Stoffwechsel-Modulator, der die Ausdauer und den Blutfluss steigern kann. Auch bei der russischen Bobfahrerin Nadescha Sergejewa wurde bei den Winterspielen 2018 in Pyeongchang Trimetazidin entdeckt. Zudem war der chinesische Schwimmstar Sun Yang 2014 mit dem Mittel erwischt und für drei Monate gesperrt worden.

Welche Konsequenzen hat es für Walijewa gegeben?

Als die RUSADA von dem positiven Test erfahren hat, hat sie Walijewa laut ITA zunächst vorläufig suspendiert. Die Siegerehrung zum Teamwettbewerb wurde daraufhin erst einmal verschoben. Walijewa legte gegen diese Suspendierung Einspruch ein. Die RUSADA nahm die Suspendierung daraufhin zurück.
Die Öffentlichkeit wurde zunächst nur darüber informiert, dass die Siegerehrung wegen "juristischer Überprüfungen" verschoben worden sei. Die Namen von positiv getesteten Athletinnen und Athleten werden in der Regel schnell durch die Anti-Doping-Behörden veröffentlicht. Da Walijewa erst 15 Jahre alt ist, ist aus Gründen des besonderen Schutzes eine öffentliche Namensnennung nicht vorgesehen.
Zwei Tage nach dem Wettkampf berichteten aber russische Medien von einer positiven Probe. Daraufhin sah sich die ITA gezwungen, eine offizielle Stellungnahme "aufgrund des gestiegenen öffentlichen Interesses" abzugeben.

Was hat der CAS entschieden?

Der Internationale Sportgerichtshof CAS entschied dann nach einem Eilverfahren, dass die russische Eiskunstläuferin Kamila Walijewa erst einmal am Einzel-Wettbewerb teilnehmen durfte. Einer der Gründe für die Entscheidung ist auch hier das Alter der Athletin. CAS-Generaldirektor Matthieu Reeb betonte außerdem, den "irreparablen Schaden", zu dem ein Ausschluss von den Winterspielen geführt hätte.
Zudem begründete der CAS seinen Beschluss damit, dass es aufgrund einer unklaren Beweislage und der Verzögerungen bei der Auswertung des Dopingtests unfair wäre, der Russin eine Teilnahme am Damen-Einzel zu verwehren.

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Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA zeigte sich enttäuscht über die Entscheidung. In einem Statement heißt es: "Das CAS-Panel scheint beschlossen zu haben, die Bestimmungen des Codes nicht anzuwenden, die keine spezifischen Ausnahmen in Bezug auf obligatorische vorläufige Suspendierungen für 'geschützte Personen', einschließlich Minderjähriger, zulassen."

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Die Einzel-Entscheidung wurde dann zu einem Drama. Führte Walijewa nach dem Kurzprogramm noch die Gesamtwertung an, zerbrach sie in der Kür am Druck aufgrund des Dopingverdachts. Die Russin zeigte mehrere Fehler und Stürze und wurde am Ende Vierte. Olympiasiegerin wurde Weltmeisterin Anna Schtscherbakowa (255,95 Punkte) vor ihrer Landsfrau Alexandra Trussowa (beide Russisches Olympisches Komitee) und der Japanerin Kaori Sakamoto.

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Sie alle erhielten nach dem Wettbewerb ihre Medaillen. Für den Fall, dass Walijewa eine Medaille gewonnen hätte, hatte das IOC angekündigt, dass es keine Siegerehrung gegeben hätte.

Wie geht es mit den Doping-Ermittlungen jetzt weiter?

Der Fall Walijewa ist mit dem Urteil des CAS nicht abgeschlossen. Bisher ist nur die A-Probe analysiert, damit handelt es sich noch nicht um einen offiziellen Dopingfall.
Das eigentliche Dopingverfahren der RUSADA werde "zu gegebener Zeit" fortgesetzt, teilte die Internationale Testagentur ITA mit. Die Fortsetzung des Dopingverfahrens beinhaltet auch das Recht der Athletin, eine Öffnung der B-Probe zu verlangen. Die RUSADA hat unterdessen angekündigt, auch das Umfeld der Sportlerin untersuchen zu wollen.
Welche Auswirkungen die Entscheidung auf den Ausgang des Teamwettbewerbs hat, entscheidet der Eiskunstlauf-Weltverband erst nach dem Abschluss des Falls, also wenn alle Dopinginstanzen durchlaufen sind. Scharfe Kritik für die IOC-Entscheidung, die Medaillenzeremonie abzusagen, gab es von US-Athletenvertretern. Das US-Team hatte im Teamwettbewerb die Silbermedaille gewonnen.

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"Alle Wettbewerbe bei den Spielen müssen mit einer Medaillenzeremonie abgeschlossen werden. Wir fordern das IOC auf, dies den Sportlern nicht zu nehmen", kritisierte die Athletenkommission des Olympischen Komitees der USA in einer Stellungnahme am 15. Februar.

Welche möglichen Erklärung gibt es für den positiven Dopingtest?

Für viele Beobachter ist Walijewa Opfer eines unbelehrbaren Systems und kriminellen Umfelds und keine eiskalte Betrügerin. Dennoch wird sie sich für die verbotene Substanz Trimetazidin verantworten müssen.
Eteri Tutberidze, Trainerin von Kamila Walijewa
Eteri Tutberidze, Trainerin von Kamila Walijewa
Walijewa-Trainerin Tutberidze - Harter Drill und kurze Karrieren
Kamila Walijewas Trainerin Eteri Tutberidze ist für ihre Härte bekannt – und dafür, vor allem Kinder zu trainieren. Diverse Läuferinnen, die Tutberidze nach ganz oben gebracht hat, sind jedoch binnen kürzester Zeit aus dem Sport verschwunden.
Laut dem Vorsitzenden der IOC-Disziplinarkommission, Denis Oswald, hatten Waljewas Anwälte bei der CAS-Anhörung auf die Kontamination mit einem Medikament ihres Großvaters verwiesen. "Es ist wahr, dass dieses Mittel etwas seltsam ist, vor allem für ein Mädchen in ihrem Alter", sagte Oswald bei einer Pressekonferenz des IOC am 15.02.
"Aber solange wir nicht genau wissen, was passiert ist, ist es schwierig, ein Urteil zu fällen." Sein Eindruck sei deshalb, dass der Fall in "keinem Zusammenhang" zum "institutionalisierten Staatsdoping" in Russland stehe.
Laut New York Times wurden in der Dopingprobe Walijewas sogar drei Substanzen zur Behandlung von Herzproblemen entdeckt - eine verbotene und zwei erlaubte. Das gehe aus einem Dokument hervor, das bei der Anhörung um die Starterlaubnis der Russin im Einzelwettbewerb der Winterspiele in Peking vor dem CAS vorgelegt worden war.
Russische Medien berichteten, Walijewa habe angeblich aus demselben Glas wie ihr Opa getrunken. Ihre Mutter sagte, Walijewa nehme die Substanz Hypoxen gegen Herzrhythmusstörungen. Zudem tauchte in der Analyse L-Carnitin auf, das gegen Durchblutungsstörungen helfen kann.

Wie reagierte Russland?

Das Russische Olympische Komitee Russland (ROC) sprach nach dem CAS-Urteil von der "besten Nachricht des Tages". Und: "Das ganze Land wird Kamila Walijewa und auch alle anderen unserer wundervollen Eiskunstläuferinnen unterstützen."
Zuvor hatte das ROC den positiven Test im Dezember infrage gestellt. "Die Verzögerungen bei der Analyse der Probe werfen ernsthafte Fragen auf", sagte ROC-Chef Stanislaw Posdnjakow der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti: "Es scheint, dass jemand die Probe bis zum Ende des Mannschaftswettbewerbs zurückgehalten hat."
Er verweist zudem auf zwei negative Dopingtests der Athletin aus dem Januar bei der EM und während der Spiele in Peking. Der Kreml stellte sich während der Spiele ebenfalls "auf ganzer Linie" hinter die Sportlerin.

Welches Licht wirft der Fall auf die russischen Athleten?

Wenn sich der Dopingverdacht bestätigt, wäre das ein ziemlich brisanter Fall, da es sich dabei um Kinder-Doping handele, sagte Doping-Experte Hajo Seppelt am 10. Februar im Deutschlandfunk. Zudem könne der Fall zeigen, "dass die Kultur der Manipulation des Sportbetrugs in Russland noch lange nicht vorbei ist", so Seppelt. In einem Land wie Russland, indem eine jahrzehntelange Kultur des Sportbetrugs herrschte, sei dies nicht von heute auf morgen zu ändern.
Doping-Experte Hajo Seppelt zu Fall Walijewa
Die russische Mannschaft tritt auch bei diesen Winterspielen in Peking als Russisches Olympisches Komitee an. Flagge und Nationalhymne sind wie bei den Sommerspielen von Tokio 2021 verboten - als Folge des massiven Dopingskandals bei den Winterspielen 2014 in Sotschi.
Welche Auswirkungen könnte der Fall haben?
Generell halten Dopingexperten die Entscheidung, dass Walijewa starten darf, für richtig. ARD-Experte Seppelt sagte, es laste ein unfassbarer Druck auf der Jugendlichen. Sie sei auch in ihrem jungen Alter nicht in der Lage, die Folgen des Dopings abzuschätzen. Sie wüsste wahrscheinlich gar nicht, was Trimetazidin sei.
Seppelt wertet den Fall zugleich als schallende Ohrfeige für das Anti-Doping-System. Auch Sportrechtsanwalt Michael Lehner sieht die vorläufige Teilnahme von Kamila Walijewa am Einzel-Wettbewerb als richtig an und die Aufklärung solle anschließend erfolgen. Es sei "gerechter so herum". Und wichtig sei - bei entsprechender Beweislage - das Umfeld hart zu bestrafen.
Sportanwalt Michael Lehner: Leistungssport unter 16 Jahren ist Kindesmissbrauch
Minderjährige könnten in solchen Fällen nie zur Verantwortung gezogen werden. Auch deshalb forderte Lehner im Dlf-Interview eine Altersgrenze bei den Olympischen Spiele von 16 Jahren. Ihm täten sie Sportlerinnen und Sportler leid, die ihre Kindheit für den Sport hergäben und als Erwachsene oft schwere Schicksale als Folge erleiden würden. Michael Lehner ist auch Vorsitzender der Doping-Opfer-Hilfevereins DOH.
In den USA werden indes Rufe lauter, mögliche Verantwortliche des Doping-Vergehens nach dem sogenannten „Rodchenkov Act“ zur Verantwortung zu ziehen, erklärt SZ-Journalist Thomas Kistner. Dabei geht es weniger um eine Verfolgung der Sportler, als um die Verfolgung der Hinterleute.
Craig Reedie, Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur, spricht auf einer Pressekonferenz in Lausanne.
Craig Reedie, Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur, spricht auf einer Pressekonferenz in Lausanne.
"Rodchenkov Act": WADA bekämpft Anti-Doping-Gesetz
Die USA wollen Doping international als Straftat verfolgen. Durch ein neues Gesetz könnte es weltweit eine deutlich bessere Strafverfolgung und deutlich härtere Strafen geben. Widerstand gab es ausgerechnet von der WADA.
Das noch recht junge Gesetz, benannt nach dem russischen Whistleblower Grigorij Rodtschenkow, der maßgeblich an der Aufdeckung des russischen Staatsdopings von Sotchi beteiligt war, stellt Doping bei internationalen Großevents unter Strafe. Es zielt dabei auf Events, an denen US-amerikanische Firmen etwa als Sponsoren beteiligt sind und betrifft damit praktisch alle sportlichen Großevents. Eine weltweite Verfolgung ist dann die Folge.
Auf Verstöße gegen den „Rodchenkov Act“ stehen bis zu eine Million Euro Geldstrafe und bis zu zehn Jahren Haft. Verdächtige, die sich den Verfahren entziehen oder auch Personen und Organe, die in Abwesenheit verurteilt werden, müssen Länder meiden, die Auslieferungsabkommen mit den USA haben, erklärt Thomas Kistner weiter.
Dass der „Rodchenkov Act“ im Fall Walijewa greifen sollte, findet unter anderem USADA-Chef Travis Tygart. Sofern ein Arzt, Trainer oder Funktionär dafür verantwortlich sei und Walijewa das starke Herzmittel nicht selbst erworben habe, passe das Gesetz wie angegossen, so Tygart gegenüber dem Nachrichtensender CNN.
Quellen: Hajo Seppelt, IOC, ITA, RUSADA, sid