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StartseiteKulturfragenDie Schuld der Mitwisser12.05.2019

Dramatikerin Enis MaciDie Schuld der Mitwisser

Welche Schuld laden Mitwisser eines Verbrechens auf sich? Diese Frage steht im Mittelpunkt des Stückes "Mitwisser" von Enis Maci, das auf den Mülheimer Theatertagen aufgeführt wird. Dabei gehe es ihr nicht um eine klare Antwort auf diese Frage, sagt Maci im Dlf, sondern um Konfrontation mit der Wirklichkeit.

Enis Maci im Gespräch mit Karin Fischer

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Die Autorin, Essayistin und Dramatikerin Enis Maci (Fotograf: Max Zerrahn)
Die Dramatikerin Enis Maci ist mit ihrem Stück "Mitwisser" zu den Mülheimer Theatertagen NRW 2019 eingeladen (Fotograf: Max Zerrahn)
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Enis Maci, 1993 in Gelsenkirchen geboren, studierte Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Ihr erstes Stück "Lebendfallen" verfasste sie im Rahmen einer Schreibwerkstatt am Maxim Gorki Theater Berlin. Es wurde ebenso wie "Mitwisser" im Frühjahr 2018 uraufgeführt. Im selben Jahr erschien auch ihr Essayband "Eiscafé Europa". In der Spielzeit 2018/2019 ist sie Hausautorin am Nationaltheater Mannheim.

Kartografie der Mitwisserschaft

Das Stück "Mitwisser", mit dem sie neben Dramatikerinnen wie Sibylle Berg und Elfriede Jelinek zu den Mülheimer Theatertagen NRW eingeladen ist, handelt von Rache, Gewalt und Schuld. "Ich verfolge die Geschichte von drei Verbrechen, die in Florida, in der Türkei und dem durch den sogenannten IS besetzten Syrien stattgefunden haben", sagt sie. Die Täter hätten sie allerdings weniger interessiert, sondern "das System derjenigen, die Mitwisser sind".

Beim Schreiben habe sie sich an der Landkarte als Form orientiert – inspiriert von Gertrude Steins "landscape plays", mit denen die amerikanische Autorin schon vor hundert Jahren, lange vor der Erfindung des Internets, ein Gegenmodell zum linearen Erzählen entworfen hat. Die Zuschauer folgen nicht mehr einem Plot, denn es findet alles gleichzeitig statt. Sie blicken "auf die Inszenierung wie ein Wanderer auf eine Landschaft." Ihr eigener Text, so Enis Maci, versucht, die Dinge zu sein, nicht nur sie zu erzählen, und folgt der Logik des Web 2.0.

Konstruktion der Wirklichkeit

In ihrer Auseinandersetzung mit dem absolut Bösen liefert sie keine Erklärungen. "Ich möchte nicht aufklären. Ich denke, beim Schreiben geht es für mich um eine Konfrontation mit der Wirklichkeit, die eigentlich viele ist, viele Wirklichkeiten." Das bedeute aber keineswegs, mit dem Finger darauf zu zeigen und zu sagen, "so und so ist es, und wir müssen jetzt hinschauen. Was mich als Schriftstellerin viel mehr interessiert, ist die Frage, wie diese Wirklichkeiten hergestellt werden. Die Geschichten, die ihnen zugrunde liegen, Fiktionen, Märchen, Fakten."

Vielschichtigkeit der Identitäten

Enis Maci, als Tochter einer Migrantenfamilie mitten im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen, fühlt sich stark vom Revier geprägt. Bewusst geworden sei ihr das aber erst, als sie weggezogen sei. In Leipzig habe sie einen "kleinen Kulturschock" erlebt. Um Identitäten und Imaginationen geht es auch in ihrem neuen Stück "Autos", das im Januar 2019 in Wien auf die Bühne kam. Zwei Geschwister fahren über die ehemalige Gastarbeiterroute in das Land ihrer Vorfahren.

Auf der Autofahrt fließen Eindrücke und Erinnerungen ineinander. Und über das Radio bricht die Welt in den geschlossenen Innenraum ein, so auch die Geschichte von Olga Hepnarová, die im März 1973 als erste Selbstmordattentäterin mit einem LKW in Prag in eine Menschenmenge raste. "Eine Geschichte, ein Ort, denen man eine ganz genaue Zuschreibung gegeben hat, entpuppen sich als vielschichtig", sagt die Autorin. Auf einmal wird klar, dass Selbstmordattentate mit einem LKW gar nicht untrennbar mit dem islamischen Fundamentalismus und militanten Männern verbunden sind.

Frauen und Jungfrauen

In ihrem Essayband "Eiscafé Europa" beschäftigt sich Enis Maci unter anderem mit Frauenbiografien und ihrer Repräsentation in der Öffentlichkeit. Besonders beeindruckt hat sie die Bedeutung der Jungfräulichkeit. In verschiedenen Kulturen habe das Enthaltsamkeitsgelübde Frauen von den Beschränkungen befreit, denen sie normalerweise unterworfen sind – zum Beispiel bei den albanischen Schwurjungfrauen. "Man muss aus dem Frausein austreten und sich zur Enthaltsamkeit verpflichten, um vollwertiger Bürger einer Gemeinschaft sein zu können. Eine Bürgerin ist gar nicht vorgesehen."

Schreiben für die Bühne

"Café Europa" ist parallel zu Enis Macis jüngsten Theaterstücken entstanden. Was unterscheidet das Schreiben eines Essays vom Schreiben für die Bühne? "Wenn man anfängt zu schreiben, gibt es einen esoterischen Moment, in dem der Text sich äußert, was mit ihm los ist: Ob er ein Text zum Lesen oder besonders zum Sprechen ist", sagt die Autorin. Auf der Bühne werde der Text aus den Körpern der Schauspieler hervorgeholt.

"Der Umstand, dass da so viele Leute involviert sind und jeder etwas hinzufügt und wegnimmt und alles auf einen Moment zuläuft, der live ist - das finde ich richtig gut. In diesem Anfangsmoment teilt der Text mit, ob er abgeschlossen sein will in einem Buch oder Anknüpfungspunkt für vieles Weitere sein will. Ein Stück ist nie richtig fertig. Das ist das Schöne am Theater."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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