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StartseiteInformationen am MittagBauernverband: Lage für viele Betriebe wirklich dramatisch 30.07.2018

DürreschädenBauernverband: Lage für viele Betriebe wirklich dramatisch

Eine Finanzhilfe für Bauern sei essenziell, um Betriebe vor dem Konkurs zu retten, sagte Werner Schwarz, Präsident des schleswig-holsteinischen Bauernverbandes, im Dlf. Viele Landwirte könnten bis zu 60 Prozent ihrer Ernte verlieren.

Werner Schwarz im Gespräch mit Jasper Barenberg

Werner Schwarz, Präsident des schleswig-holsteinischen Bauernverbandes, sitzt am 11.01.2018 in Kiel (Schleswig-Holstein) auf dem Podium der Landespressekonferenz. Der Bauernverband informierte hier über die Afrikanische Schweinepest und die Problematik der nicht auszubringenden Gülle. Foto: Carsten Rehder/dpa | Verwendung weltweit (dpa)
Unterstützung für dürregeschädigte Landwirte: Werner Schwarz, Präsident des schleswig-holsteinischen Bauernverbandes, spricht sich im Dlf für staatliche Hilfen aus. (dpa)
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Anhaltende Trockenheit Wie NRW seinen Bauern hilft

Jasper Barenberg: Früh am Tag schon Temperaturen um 30 Grad und seit Wochen kein richtiger Regen. Die Felder knochentrocken, vielerorts verzweifeln die Landwirte an der Dürre. Schon jetzt ist für viele klar, die Ernte, sie wird richtig schlecht werden in diesem Jahr. Morgen treffen sich erstmals Vertreter von Bund und Ländern, um über die absehbaren Schäden zu sprechen und über mögliche staatliche Hilfen. Mittwoch wird sich auch das Kabinett in Berlin mit dem Thema beschäftigen

Am Telefon begrüße ich Werner Schwarz, den Präsidenten des Bauernverbandes von Schleswig-Holstein. Tag, Herr Schwarz!

Werner Schwarz: Schönen guten Tag, Herr Barenberg!

Barenberg: Wie schlimm ist es?

Schwarz: In einigen Landstrichen im Norden, Nordosten sieht es wirklich desaströs aus. Bei der Ernte vom Getreide und dem Raps kann man es nicht mehr sehen, weil die meisten Flächen schon abgeerntet sind, aber es ist beim Mais und bei den Kartoffeln deutlich zu sehen, dass wir dort erhebliche Einbußen erleiden werden.

Bis zu 60 Prozent Ertragsausfall

Barenberg: Was Sie an Rückmeldungen bekommen aus Schleswig-Holstein jetzt zunächst mal, ist das dann flächendeckend katastrophal, oder gibt es regional doch noch Unterschiede?

Schwarz: Es gibt durchaus regionale Unterschiede. Die Küstenregionen an der Ostsee haben im Mai, im Juni durchaus noch erkleckliche Niederschläge gehabt, das sieht nicht ganz so brennend dramatisch aus. Aber wenn wir auf den Mittelrücken, also auf den Geestrücken sehen, da sieht es wirklich erbärmlich aus.

Barenberg: Jetzt heißt es ja vielfach, wird sozusagen das Katastrophenszenario an die Wand gezeichnet, dass es da für den einen oder den anderen schon um die Existenz geht. Beurteilen Sie das auch so dramatisch tatsächlich?

Schwarz: Ich sehe es tatsächlich so, weil in einigen Regionen wir bis zu 50, 60 Prozent Ertragsausfall haben, und das ist ganz schwierig. Denn es ist ja nicht so, dass, wenn wir 60 Prozent weniger Ertrag haben, dass der Gewinn dann eben auch nur 60 Prozent vom Normalen ist, sondern von diesen 60 Prozent Ertrag müssen wir unsere Kosten wie Saatgut, Düngung und Arbeit bezahlen. Und was übrig bleibt, wäre dann für den Gewinn, für die Unternehmerfamilie da. Und da bleibt eben nichts mehr übrig. Insofern sieht es auf einigen Betrieben wirklich dramatisch aus.

Eine Milliarde für Notfällen

Barenberg: Das heißt, Sie rechnen tatsächlich damit, dass Betriebe aufgeben werden müssen nach diesem Jahr?

Schwarz: Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt. Und deswegen ist ja durchaus der Ruf von Präsident Rukwied, zu sagen, es wäre wünschenswert, eine Milliarde zur Verfügung zu stellen, um wirklich in diesen Notfällen zu helfen.

Barenberg: Da sagt jetzt die Landwirtschaftsministerin jedenfalls im Bund, na, da wollen wir erst mal sozusagen abwarten. Im August gibt es dann den Bericht, den Erntebericht wie jedes Jahr, und dann können wir das eigentlich erst richtig beurteilen. Glauben Sie, dass so viel Zeit noch ist aus Ihrer Sicht?

Schwarz: Ich denke, ja. Wir können jetzt nicht ein Szenario aufbauen, das nicht mit Zahlen unterlegt ist. Insofern ist Frau Klöckner richtig auf dem Weg. Wir müssen vielleicht vorher noch einmal Liquiditätshilfen – aber das ist eine Sache, die der Landwirt mit seiner Bank, vielleicht auch mit der landwirtschaftlichen Rentenbank besprechen muss, damit also die ärgste Not gelöst ist. Aber tatsächlich, einen Ausfall, wenn es dort eine Erstattung, eine Unterstützung geben sollte, die kann erst nach einer Erfassung der Ernte tatsächlich laufen.

Die Luft ist dünn

Barenberg: Aber wenn ich Sie richtig verstehe, heißt das auch, die Landwirte, die Bauern, die haben im Moment noch ein bisschen Spielraum in Zusammenarbeit, sagen wir, mit ihren Banken, oder ist für viele wirklich die Grenze schon erreicht? Wir haben ja gerade in dem Beitrag gehört, dass es heißt, viele Betriebe sind aus den letzten Jahren schon krisengeschüttelt, da ist die Luft recht dünn geworden.

Schwarz: Die Luft ist wirklich dünn, ja, das ist so. Wenn wir jetzt die Futterbaubetriebe sehen, also die Milcherzeuger und die Rindfleischerzeuger, die auf ihren Mais und den Grünlandschnitt hoffen, die haben ja im Moment noch Futter. Das bricht nicht sofort alles zusammen. Aber es kann durchaus sein, dass im Winter das Winterfutter nicht reicht, dass teures Futter zugekauft werden muss. Und dann kann es dazu führen, dass es tatsächlich in den Konkurs gehen könnte.

Barenberg: Ein Vorschlag lautet ja auch, man könnte dafür sorgen, dass Direktzahlungen aus der EU früher ausgezahlt werden. Wäre das auch eine Möglichkeit zur Unterstützung?

Schwarz: Das ist eine kurzfristige Hilfe. Dieses Geld fehlt dann möglicherweise im Dezember. Ich wüsste nicht, woher im Dezember dann eine Überbrückung der Notwendigkeiten denn sind. Denn das Geld ist ja nicht zum Vernaschen da, sondern das ist im Betrieb eingeplant und deckt einen Teil der Kosten.

Ökologische Vorrangflächen

Barenberg: Ein weiterer Vorschlag, der gemacht wird: Es gibt so etwas wie ökologische Vorrangflächen, die könnte man freigeben und damit die Situation etwas entspannen. Ein guter Vorschlag?

Schwarz: Das ist ein guter Vorschlag. Allein, mir fehlt der Glaube, dass dort ein bisschen Futterwert runterkommt. Herr Barenberg, wenn Sie Ihren Rasen spät mähen, dann ist es ein hartes Gras. Und genauso ist es auf diesen ökologischen Vorrangflächen. Die sind jetzt nicht gemäht, da sind harte Stängel von Gras oder von Brennnesseln, das macht auch keine Kuh richtig satt. Insofern, das ist eine Möglichkeit, etwas zu überbrücken, aber es hilft nicht richtig.

Barenberg: Wenn Sie sagen, so im Bund ist das schon die richtige Marschrichtung, zu sagen, wir warten jetzt erst mal den August ab, bis wir alle Zahlen auf dem Tisch haben. Wie beurteilen Sie denn die Herangehensweise der Landesregierung in Kiel? Da war ja auch in dem Beitrag davon die Rede, die müssten jetzt schon helfen. Haben Sie da Signale, dass man in Kiel weiß, um was es geht im Moment?

Schwarz: Es ist richtig, dass diese Hilfen auf Landesebene geleistet werden müssen. Es muss aber durchaus auf Bundesebene dann eine Notsituation ausgerufen werden. Dann können die Landesregierungen tätig werden. Unser Fachminister hier in Schleswig-Holstein hat wiederholt in der letzten Woche von einem Seuchenjahr gesprochen. Das ist für mich völlig inakzeptabel, wenn hier im Zusammenhang mit einer außergewöhnlichen Wettersituation im letzten Herbst mit viel Regen und in diesem Sommer mit extremer Dürre, dann von einer Seuche gesprochen wird. Das halte ich nicht für so ganz passend. Deswegen – ich hoffe auf vernünftige Gespräche mit der Landesregierung hier in Kiel.

Faktor Klimawandel

Barenberg: Aber man kann den Ausdruck ja auch so verstehen, dass er signalisieren wollte, Robert Habeck von den Grünen, dass es um viel geht und dass es die Landwirte schwer getroffen hat. Oder wie verstehen Sie diese …

Schwarz: Aber eine Seuche ist eine ansteckende Tierkrankheit, die dazu führt, dass man einen Totalverlust in den Tierbeständen hat, und nicht als Grundlage für eine Wende in der Agrarpolitik herhalten sollte.

Barenberg: Lassen Sie uns noch über die Perspektiven sprechen. Jetzt sagen ja manche, das ist eine außergewöhnliche Situation, gerade in Schleswig-Holstein mit der Nässe letztes Jahr und der großen Trockenheit in diesem. Also doppelt geprüft. Aber wenn wir das Stichwort Klimawandel hinzunehmen – rechnen Sie eigentlich damit, dass trockene Sommer wie diese hier die Ausnahme bleiben, die absolute Ausnahme möglicherweise, oder dass es in Zukunft öfter vorkommen wird, geradezu die Regel werden könnte, dass wir solche Sommer erleben?

Schwarz: Mit Glauben ist uns da, glaube ich, nicht viel geholfen. Wir haben 1976 ein extremes Trockenjahr gehabt, 2003 und jetzt wieder. Ob man daraus schließen kann, dass es häufiger kommt, kann ich Ihnen nicht sagen. Da werden sicherlich Statistiker oder Meteorologen besser in der Auskunft, aber es ist sicherlich festzustellen, dass wir eine Veränderung in der Witterung haben. Ob das tatsächlich jetzt auf den Klimawandel zurückzuführen ist, vermag ich nicht zu sagen. Wenn wir jetzt die Kohlekraftwerke abstellen – ich glaube nicht, dass wir innerhalb von einem Jahr wieder eine Stabilität des Wetters herbeiführen. Insofern, da ist auch ein bisschen Aktionismus von der Politik dabei.

Anpassen der Wirtschaftsweise

Barenberg: Ja, da geht es dann um das gesamte Bild des Klimaschutzes und der Klimaschutzpolitik. Aber lassen Sie sich denn da beraten von Menschen mit Sachverstand, ob man sagen wir in Norddeutschland damit rechnen muss, dass so was häufiger passiert?

Schwarz: Natürlich sind wir da in Gesprächen und versuchen, Möglichkeiten für die Berufskollegen aufzuzeigen, wie sie eine Wirtschaftsweise anpassen können, wenn es denn so kommt.

Barenberg: Also ist das auch eine Eigenverantwortung für die Landwirte, zum einen für extreme Wetterlagen Vorsorge zu treffen, soweit das geht, und zum anderen sich auch im Management ihres eigenen Betriebes darauf einzustellen, dass es möglicherweise öfter passieren könnte und dass man da Vorsorge trifft?

Schwarz: Das ist unser Selbstverständnis als landwirtschaftliche Unternehmer, dass wir uns auch damit befassen, jeder für seinen Betrieb und vielleicht auch der Bauernverband etwas im Vorlauf für die Betriebe.

Zahlungen bei mehr als 30 Prozent Ernteeinbußen

Barenberg: Und am Ende, also wenn das Urteil so katastrophal ausfällt, wie wir es jetzt möglicherweise schon absehen können im August, dann soll es Zahlungen geben, sind Sie auch damit einverstanden, für alle Betriebe, die mindestens 30 Prozent Ernteeinbußen zu verzeichnen haben? Ist das ein gutes Kriterium?

Schwarz: Ich glaube, dass 30 Prozent Verlust an Ernteertrag eine sinnvolle Schwelle ist, darüber nachzudenken, ob eine staatliche Unterstützung gewährt wird. Ob es dann tatsächlich nachher diese Schwelle ist, das wird in der Diskussion herauskommen. Es ist ein Ansatz, zu sagen, hier muss was passieren.

Barenberg: Zum Schluss, Herr Schwarz, wir haben am Anfang über Ihre grundsätzliche Einschätzung gesprochen. Sie klingen jetzt relativ ruhig – richtig verzweifelt sind Sie jedenfalls noch nicht?

Schwarz: Wie drückt sich Verzweiflung aus? Wir auf meinem Betrieb – hier sieht es wirklich nicht rosig aus. Wir haben Ertragseinbußen zwischen 40 und 50 Prozent beim Getreidebau. Das hängt sicherlich mit dem nassen Herbst, aber auch mit dem trockenen Frühjahr zusammen. Wir versuchen, zu sparen, wo es möglich ist, denn den Verlust, den ich habe, den wird auch eine mögliche Unterstützung der Bundesregierung nicht auflösen können.

Barenberg: Werner Schwarz, der Präsident des Bauernverbands von Schleswig-Holstein. Danke für Ihre Zeit heute Mittag!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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