Dienstag, 29. November 2022

Glosse
„Das können Sie halten, wie du willst“

Duzen oder Siezen? Die deutsche Medienlandschaft ist vielfältig, was die Antwort auf diese Frage angeht. Vor Kurzem duzten sich erstmals Aline Abboud und Constantin Schreiber in den "ARD-Tagesthemen". Unser Glossist über die Suche nach der richtigen Anrede.

Von Arno Orzessek | 19.10.2022

Aufgeklebte Fußstapfen mit der Aufschrift "DU" führen im Haus des Gastes in Oberstaufen (Schwaben) zum "Du"-Schalter.
Duzen oder Siezen? Auch für die Medienlandschaft keine einfache Frage (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
Wenn Du so jung bist, dass Du Dich jetzt ganz selbstverständlich angesprochen fühlst, wirst Du Dich kaum erinnern. Diejenigen unter Ihnen aber, die seit anno dazumal gewohnt sind, im Deutschlandfunk gesiezt zu werden, könnten es noch wissen.
Nämlich, dass die "Bild" während der Fußball-WM 2006, alias "Sommermärchen", glücksbesoffen gefragt hat: "Wollen wir uns alle duzen?" Zeitnah titelte der Berliner "Tagesspiegel" die boshafte Gegenfrage: "Wollt ihr das totale DU?"

"Siezt du noch, oder duzt du schon?"

"Ja" lautete seither millionenfach die Antwort. Und millionenfach lautete sie "Nein". Und das ist das Problem – auch der Medien. Frei nach IKEA, dem schwedischen Trendsetter deutscher Duzerei: "Siezt du noch, oder duzt du schon?"
Die Publikums-Anrede und die Anrede von Journalisten untereinander sind natürlich zwei Paar Sprach-Schuhe. Sogar die burschikos-informelle "taz" siezt ihre Leser*innenschaft – zumindest wenn sie finanzielle Unterstützung erbittet: "Machen Sie jetzt mit!"
Ständig geduzt wirst Du dafür von diversen Privatradios. Oder, na klar, wenn Du Kinderfernsehen guckst. Und sowieso in der öffentlichen Privat-Kommunikation in den Sozialen Medien.

Siezen in Sozialen Medien "grob unhöflich"?

Oder siezen Sie etwa beim Twittern? Auweia! Wenn das Rezo erfährt, der mediale Scharfrichter! Unter dem Titel "Seit wann Siezen wir uns?" verunglimpfte Rezo bei "ZEIT ONLINE" das Siezen in Sozialen Medien als "grob unhöflich" und "respektlos".
Was viele – erklärtermaßen ältere – Semester grob unhöflich und respektlos fanden. „zeit online, der Jugendsender. Voll krass, Alter!“, spottete berberlin. Eine Helene Lange meinte cool: „Lieber Rezo, Sie können mich ja gerne duzen. Mein Du müssen Sie sich erst noch verdienen.“
Es ist also nicht sicher, ob das "Sie" das Schicksal der Krawatte teilt, deren klassische Vorzüge wie Korrektheit und Eleganz mittlerweile nicht nur müffelnde Schluffis peinlich finden. Vor zwei Jahren etwa erklärte das Netzwerk-Portal "Xing" "Warum wir Sie jetzt duzen" – der Protest war sehr vernehmlich. Ebenfalls ordentlich um die Ohren bekommen es Initiativen wie #GernePerDu und das englische Pendant #CallMeByMyFirstName.
Andererseits bröckeln alte Bastionen. Neulich duzten sich erstmals Aline Abboud und Constantin Schreiber in den "ARD-Tagesthemen" – wie vorher schon Ingo Zamperoni und Judith Rakers.

"Duzen, herzen und bald umarmen im Studio?"

Der traditionell humorlose Schnitt zwischen Moderation und Nachrichtenblock – er wird jetzt weggemenschelt. Obwohl das im ZDF "heute journal" schon länger und bei "RTL aktuell" schon immer so läuft, fragte der "Tagesspiegel" pseudo-entgeistert: "Duzen, herzen und bald umarmen im Studio?"
Oh ja, könnte so kommen. Hass und Beleidigungen sind ja nur eine Tendenz des Zeitalters – Nähe, Verbindlichkeit und warme Worte eine andere. Caren Mioska und Vorgänger Ulrich Wickert jedenfalls haben sich vor Wochen im Studio umarmt.
Wirklich egalitär und kuschelig wird es ohnehin erst, wenn Judith Rakers in der "Tagesschau" den Kanzler fragt: "Was meinst Du, Olaf, sollen wir Selenskyi unsere Leopards geben?"
Wenn Sie selbst übrigens allzu oft grübeln , ob "Du" oder "Sie" besser passt, beachten Sie bitte, was der SPD-Zuchtmeister Herbert Wehner einst einem verunsicherten Genossen geraten hat: "Das können Sie halten, wie du willst."