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Ebola-Epidemie"Wir sind relativ hilflos diesem Phänomen gegenüber"

Nach wie vor gebe es eine Million Tote pro Jahr, die durch Malaria verursacht werden, also wesentlich mehr als durch Ebola. Aber Ebola sei eine ansteckende Krankheit mit einem Krankheitsbild, was man einem Horrorfilm entnehmen könnte, und dadurch werde die Krankheit bedrohlich, sagte der CDU-Politiker Charles M. Huber im DLF-Interview.

Charles M. Huber im Gespräch mit Tobias Armbrüster | 04.09.2014

Charles M. Huber, CDU, Mitglied im Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Charles M. Huber, Mitglied der Parlamentariergruppe für die französischsprachigen Staaten Westafrikas. (picture alliance / dpa / Bernd Von Jutrczenka)
Charles M. Huber (CDU), Mitglied der Parlamentariergruppe für die französischsprachigen Staaten West- und Zentralafrikas, sagte im DLF zum Thema Ebola: "Wir werden uns sicher diesem Phänomen widmen. Wir sind Entwicklungspolitiker und im Fokus steht Afrika. Wir werden sicher hier zu einem Lösungsansatz kommen." Die Aufklärung in den betroffenen Gebieten müsse weiter vorangetrieben werden.

Das Interview mit Charles M. Huber in voller Länge:
Tobias Armbrüster: Die Ebola-Epidemie in Westafrika scheint, nicht zu stoppen zu sein. Mehr als 1900 Menschen in der Region sind dem Virus in den vergangenen Wochen schon zum Opfer gefallen. Es ist schon jetzt der größte Ausbruch dieser Krankheit, seitdem sie Mitte der 70er-Jahre erstmals registriert wurde. Was aber passiert, um diese Epidemie tatsächlich zu stoppen? - Leider nicht allzu viel, klagen zahlreiche internationale Hilfsorganisationen. Sie haben in dieser Woche gewarnt, dass Europa Ebola viel zu sehr auf die leichte Schulter nehme. Am Telefon ist jetzt der CDU-Bundestagsabgeordnete Charles M. Huber. Er ist Mitglied der Parlamentariergruppe für die französischsprachigen Staaten Westafrikas. Schönen guten Morgen, Herr Huber.
Charles M. Huber: Guten Morgen, Herr Armbrüster.
Armbrüster: Herr Huber, ist da was dran? Nehmen wir Ebola nicht ernst genug?
Huber: Na ja. Die Frage ist, was können wir tun. Nicht, ob wir die Sache ernst nehmen oder nicht. Ich sehe hier im Ausschuss, wir haben zwar noch nicht zu diesem Thema getagt, eigentlich sind noch Parlamentsferien, aber wir überlegen uns natürlich, was können wir tun. Politik heißt ja Handeln und nicht nur emotional darüber zu resümieren auf einer Ebene des Mitleids. Ich denke, es ist so: Wir sind relativ hilflos diesem Phänomen gegenüber. Es ist jetzt nicht wie zum Beispiel eine Malaria-Kampagne oder wenn man sagt, was ist eine Strategie zur Malaria-Bekämpfung, die es gibt. Nach wie vor gibt es eine Million Tote pro Jahr, die durch Malaria verursacht werden, also wesentlich mehr als durch Ebola. Aber Ebola ist eine ansteckende Krankheit mit einem Krankheitsbild, was man einem Horrorfilm entnehmen könnte, und dadurch wird die Krankheit bedrohlich. Und wie gesagt: Das Ansteckungsrisiko besteht auch für Leute, die Malaria-Erkrankten, oder die, die diese Krankheit bekämpfen wollen.
Armbrüster: Sie sagen jetzt, Herr Huber, Sie wissen nicht genau, was wir eigentlich tun können. Ich nehme mal an, dass Ihnen zahlreiche internationale Organisationen sehr genau Anweisungen geben könnten, was zu tun wäre, unter anderem sicher die medizinische Ausrüstung in vielen dieser Staaten zu verbessern. Wir haben jetzt gelernt, dass die Bundesregierung etwas mehr als zwei Millionen Euro gesteckt hat in die Bekämpfung dieser Epidemie. Ist das nicht eigentlich viel zu wenig?
Huber: Die Frage ist nicht, was ist wenig, sondern was ist effizient, und ich kenne natürlich die Vorwürfe von den NGO's, allen voran auch Ärzte ohne Grenzen. Ärzte ohne Grenzen ist eine Organisation, deren Einsatz man nicht gut genug würdigen kann. Das mal vorab. Die Sache ist tatsächlich, oder das Problem: Auf welche Strukturen greife ich zurück? Das ist eine Sache: Gibt es schon Strukturen dort? Das ist in etwa dasselbe, wenn man erwartet, was kann man präventiv gegen solche Szenarien tun. Das ist dasselbe, wie wenn Sie hier sagen würden, die Rückkehr der Pest. Es ist in den 70er-Jahren Ebola aufgetaucht. In Afrika sagt man dann okay, das ist mal aufgetaucht, wir freuen uns, wenn es wieder weg ist. Aber dass man dann sagt, okay, was würden wir tun, oder welche Strukturen würden wir entwickeln, dass wir kurzfristig eine Strategie fahren können unter Mithilfe von außen, wenn so was wieder geschieht, das ist nicht der Fall.
Zum anderen: Es besteht auch, wie ich vorher schon angedeutet habe, egal wie viel Geld Sie geben, es besteht das Risiko der Ansteckung. Es ist natürlich, wenn wir an Ruanda zurückdenken: Da geht ja auch ein Vorwurf von Ärzte ohne Grenzen zum Beispiel hin, dass die WHO zu wenig tut. Da haben wir das Szenario von Ruanda noch vor Augen. Die WHO ist eine Organisation der UNO, wo die UNO in Bezug auf einen anderen Konflikt, nicht auf medizinischer Ebene, sondern das Bürgerkriegsszenario in Ruanda, relativ tatenlos war. Ich glaube, das ist der Grund dafür, dass viele NGO's sagen, man sieht möglicherweise - das ist jetzt ein Blickwinkel von mir - Afrika zu sehr als Fläche als als Fläche, auf der auch Menschen wohnen. Und es ist natürlich klar, dass ein NGO jetzt hier sagt, wir müssen unseren Vorwurf an irgendjemanden adressieren. Aber das ist sehr, sehr schwierig, zudem ja auch die Afrikaner selbst gefragt sind, als Partner gefragt sind und da eben keine Strukturen da sind. Das Ganze ist nicht einfach und man kann sich...
Armbrüster: Aber die können Sie doch schaffen! Die können Sie doch schaffen. Sie können doch Krankenstationen aufbauen, Sie können auch in Aufklärungsprogramme Geld stecken, Sie können medizinisches Personal ausbilden, oder wenn es nicht da ist, können Sie medizinisches Personal aus Europa oder aus den USA herbeibringen. Es gibt ja jede Menge Dinge, die man tun kann!
Huber: Gut. Ich habe in einer Pressemitteilung jüngst auch gesagt, dass eine Aufklärungskampagne ein sehr, sehr relevanter Ansatz wäre. Weil es ist natürlich so: Man unterstellt Völkern, wo viele Leute sind, wo es eine hohe Sterblichkeitsrate gibt, wo die Lebenserwartung nicht über 50 Jahre ist, wo die Säuglingssterblichkeit viel höher liegt als bei uns, dass man sagt, die sind an den Tod gewöhnt. Das ist nicht der Fall. Der Überlebenswillen einzelner afrikanischer Individuen ist mindestens so hoch wie der unsere, und darin besteht auch ein Risiko. Es besteht das Risiko: Hier war in den Medien jüngst ein Bericht über einen jungen Studenten aus Guinea Conakry, der sich nach Senegal durchgeschlagen hat, der gesagt hat, mein Risiko zu sterben, dadurch dass ich infiziert bin, liegt bei 50 Prozent, wenn ich in einem Land bleibe, wo die medizinische Versorgung so ist wie bei mir in Guinea, dann liegt sie bei 100 Prozent. Senegal hat eine bessere medizinische Versorgung, ich schlage mich da durch, natürlich auch das Risiko in Kauf nehmend, andere Menschen damit zu infizieren. Das ist auch ein Szenario.
Ein weiteres: In Liberia - Sie wissen von dem Vorfall möglicherweise - hat eine Ministerin gesagt, ich werde hier aus einer Sperrzone Teile meiner Familie beziehungsweise meine Familie evakuieren. Das ist in Afrika so. Man hat dieses Phänomen, dass man Familie vor der Logik solcher Szenarien in der Behandlung stellt, dass man sagt, man muss hier der Familie die beste Versorgung, egal ob jetzt andere darunter leiden, gönnen.
Armbrüster: Herr Huber, ich würde dann gerne ganz kurz noch mal wissen: Muss die Bundesregierung in den kommenden Tagen oder Wochen mehr tun, um diese Epidemie zu bekämpfen?
Huber: Ich glaube, nachdem wir hier im Rahmen der Sondersitzung, die wir hatten, wo auch dieses Thema aufschlug - ich selbst habe innerhalb der Fraktion eine Mitteilung geschickt. Ich war kürzlich in Westafrika und habe gesagt, Ebola wird ein Thema sein, dem wir uns widmen müssen. Ich habe eine sehr, sehr positive Resonanz vernommen in diesem Zusammenhang. Ich bin mir ganz sicher, dass der Ausschuss für Entwicklungszusammenarbeit zu diesem Thema zusammentreten wird.
Armbrüster: ... und zusätzliche Hilfe beschließen wird?
Huber: Ich kann das nicht vorwegnehmen. Wir werden uns sicher diesem Phänomen widmen. Wir sind Entwicklungspolitiker und im Fokus steht Afrika. Wir werden sicher hier zu einem Lösungsansatz kommen. Bloß wie gesagt: Ich verstehe Ärzte Ohne Grenzen. Bloß diese Risikobereitschaft, die Ärzte ohne Grenzen hat, die ist ganz schwer auf andere, auf alle zu übertragen, die mit diesem Thema konfrontiert sind. Ich sehe, dass die WHO - und das muss ich zugeben - mehr tun müsste, und vor allen Dingen das Thema der Information, auch die Bevölkerung zu informieren, dass man Leute nicht aus Krankenstationen zur Familie heimholen muss, dass man mit dem Wunderheiler nicht Ebola heimkommen kann, das wäre sehr wichtig.
Armbrüster: Live hier bei uns in den "Informationen am Morgen" war das Charles M. Huber, CDU-Bundestagsabgeordneter. Vielen Dank.
Huber: Danke auch.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.